sicht:weise I

Ich habe mich schon lange davon verabschiedet, dass es zwischen mehreren Personen zur selben Sache eine einhellige Auffassung geben muss. In bestimmten Lebensbereichen ist es unumgänglich, dass man zu einer Meinung kommt. Nicht umsonst werden Gesetze erlassen, sodass wir im Alltagsleben in wesentlichen Sachen, egal ob es um Sicherheit, Steuern, Verkehr und vieles mehr handelt, eine Orientierung haben. Dabei sollte man nicht vergessen, dass sich einzelne Gesetzestexte an Unübersichtlichkeit und Kompliziertheit gegenseitig überbieten. Dadurch will man jede Unsicherheit ausschließen, dabei sind die Gesetzestexte der kürzere Teil der Vorschrift. Viel umfangreicher sind zumeist die Auslegungen in der Praxis, vor allem die Kommentare zu den Gerichtsurteilen.

Die eigene Sichtweise hängt davon ab, auf welcher Seite man steht, welche persönlichen Interessen man hat. An einem alltäglichen Vorkommen illustriert. Im Ortskern reihen sich an einer Bundesstraße Privathäuser, Geschäftshäuser und Gasthäuser, teilweise unterbrochen durch kleine Vorgärten, aneinander. Die Fleischerei will zur Straßenseite eine neue Leuchtreklame montieren. Auf einer Seite wird die Sichtbarkeit der Werbeschrift durch einen immer größer werdenden Eschenbaum beeinträchtigt. Der Metzger ist der Meinung, ein so großer Baum hat im Ortskern nichts zu suchen. Die Äste werden mit den Jahren Schäden an seinem Hausdach verursachen. Es wäre an der Zeit den Baum zu fällen, gleichzeitig könnte sein neues Reklameschild die volle Wirkung entfalten. Dem hält der Bundesbahnbeamte, der Besitzer des kleinen Vorgarten in dem der Baum steht entgegen, entlang der Bundesstraße werden soundso immer mehr Bäume gefällt. Es könnte hilfreich sein, wenn man die störenden Äste entfernt. So stehen sich zwei Interessen und zwei Sichtweisen gegenüber.

Es gibt einfache Vorfälle wie beim Frühstück, ob das Brot hart oder weich ist, ob zu viel Marmelade auf dem Butterbrot ist oder zu wenig, ob der Kaffee zu süß ist oder angenehm, jeder sieht es nach seinem Geschmack anders.

Geschmacksnerven.

IM:AM

Es gibt Fragen, welche sich auf den ersten Blick beantworten lassen. Es gibt Experimente, welche sich auf den ersten Blick als harmlos herausstellen. Es gibt Gedanken, welche auf den ersten Blick als unwichtig erscheinen. Welche Unterschiede ergeben sich in der Bedeutung, wenn man in einem Satz das Wort IM statt AM oder umgekehrt, wenn man in einem Satz AM statt IM verwendet? Eine kleine Kostprobe.

IM See spazieren gehen oder AM See spazieren gehen. IM Wald wohnen oder AM Wald wohnen. IM Bahnhof warten oder AM Bahnhof warten. IM Anfang war das Wort oder AM Anfang war das Wort.

Bei diesem kleinen Sprachexperiment verändert sich durch den Austausch von nur einem Buchstaben der ganze Inhalt. Im Kloster zu Wiblingen steht  über dem Bibliothekseingang der Satz, Alle Schätze der Weisheit und der Wissenschaft. Dort gibt es Bücher, ein Regal voll, wo darüber ein Disput geführt wird, welcher Art die ursprünglich Version beim Johannesevangelium gewesen ist: IM Anfang war das Wort oder AM Anfang war das Wort. Wobei jeweils die Gegenpartei die andere Partei beschuldigt, dass in den ersten Jahrhunderten des Christentums, die jeweils andere Version falsch übersetzt oder überliefert wurde.

Nicht nur in Wiblingen, auch in anderen Bibliotheken wundert man sich über die Fülle von theologischen Werken, welche sich oftmals mit Fragen beschäftigen wie: Wie viele und welche Tiere waren in der Arche Noah und waren sie dort nach Geschlechtern getrennt untergebracht? Gutgemeint spekulierte man auch darüber, ob unter den Tieren so etwas wie eine Rangordnung  eingehalten wurde? Wie konnte es Noah vermeiden, dass zum Beispiel die Maus nicht von der Katze oder der Frosch nicht von der Schlange gefressen wurde? Mit solchen konkreten Fragen beschäftigten sich Weise und füllten damit die Buchbestände der Bibliotheken.

Wir sollten uns Gott, neben allen ehrwürdigen und weisen Eigenschaften, auch als einen Gott mit Humor vorstellen, der sich für seinen Alltag  etwas Abwechslung wünschte. Was lag dabei näher als ein Ebenbild zu schaffen, versehen mit kleinen Fehlern, den Menschen. Wie sollte man sonst die Ewigkeit ertragen?

FASCHING

bruder:sonne

Zum Jahresanfang wird für das kommende Jahr viel geplant und man hofft, dass ein bestimmtes Vorhaben so und so verlaufen wird. Je nachdem wie religiös der Einzelne ist, welche Beziehung er zum Schöpfer hat, wünscht er sich dessen Unterstützung. Für verschiedene Anliegen und Vorhaben gibt es in allen Religionen Schutzgöttinnen und Schutzheilige. Einerlei ob jemand eine Reise unternimmt, auf eine reiche Ernte hofft oder um einen Nachwuchs bittet. Genauso haben die verschiedenen Berufe, wie Schneider, die Zimmerleute, die Bergleute, die Matrosen ihre  bestimmten Schutzheilige. Der Hl. Franz von Assisi ist der Schutzheilige der Tiere.

Mir wurde vor einem Jahr eine mehrwöchige Kur bewilligt. Ich hoffte meine Therapie im Frühjahr oder im Sommer antreten zu können. Vom Kurhaus erhielt ich die Mitteilung, dass ein Therapieplatz erst ab Mitte Oktober frei sein wird. Der Oktobertermin war fix. Es gab die Möglichkeit mich auf die Warteliste zu setzen, um dann kurzfristig einen Kurtermin zu bekommen. Die Monate verstrichen und es gab keinen Rückruf. Als der Frühling vorbei war hoffte ich auf den Sommer. Ich haderte innerlich, doch das Kurheim meldete sich nicht. Im Juli erkrankte unsere Hauskatze Undine und nach einer schweren Operation bedurfte sie meiner Pflege. Zu den Nachbehandlungen musste ich mit ihr in die Tierarztpraxis fahren. Während dieser Wochen hoffte ich, dass vom Therapiezentrum kein Telefonanruf kommt. Ich betete zum hl. Franziskus, dass Undine zunimmt und gesund wird. Gleich nach der Operation verweigerte sie das Fressen und magerte zusätzlich ab, es war  eine dramatische Situation. Eines Tages kam die Kehrtwende, sie begann mit immer größeren Appetit zum Fressen, .

Ärgerte ich mich danach darüber, dass ich erst Ende Oktober zur Kur fahren kann, bei voraussichtlichem tieferen Temperaturen, so dachte ich an  Undine. Was wäre aus ihr geworden, wäre ich in den Wochen ihrer Rekonvaleszenz auf Kur gewesen? Heute bin ich dem hl. Franziskus dafür dankbar, dass sie durch die Wohnung düst. Kommen wir nach Hause verlangt sie ungeduldig nach dem Fressen. Manches, was wir zuerst bemängeln, hat oftmals im nachhinein betrachtet seinen Sinn. Während der Kur, Ende Oktober bis Mitte November im vergangenen Jahr war durchgehend warmes und schönes Wetter.

Sonnengebet

energie:ferien

Die Kärntner setzen ihre Hoffnungen auf Schnee, nach den grünen Weihnachten und dem frühlingshaften Jänner, in den Februar. Bald beginnen die Energieferien und viele Kinder möchten gerne Schi fahren oder Eis laufen. Der heutige Tourismus ist nicht energiesparend, die Bezeichnung Energieferien wurde vor dreißig Jahren eingeführt und ist irreführend. In Mittelkärnten gibt es für eine durchgehende Schneedecke oft zu wenig Schnee, dies schmälert auch die Umsätze bei den Skiliften. Nur die höher gelegenen Wintersportzentren sind ausgelastet. Man kann sagen, dass es auf Grund der Witterungsverhältnisse in diesem Schuljahr dreimal Osterferien geben wird oder werden es weiße Ostern? Überall sieht man die Kinder beim Radfahren und Ballspielen.

Die Sportartikelhändler, die Kleider- und Schuhhändler, versuchen mit reduzierten Preisen die Winterware zu verkaufen. Im Lager stapelt sich die Frühjahrsware, nicht die Jahreszeiten oder das Wetter bestimmen unseren Jahresablauf, sondern die neue Kollektion der Schuh- und Kleiderindustrie. Von der Ware in den Schaufenstern der Schuh- und Textilgeschäften wird  unser Lebensrhythmus beeinflusst.

Zwei Paar Schuhe

vogel:flieg II

In der heutigen Berufswelt liegt die Aufmerksamkeit und Konzentration nicht bei der Arbeit selbst, sondern bei den Meldungen die über das Handy hereinkommen. Bei einem Drittel der Verkehrsunfälle ist heute die Benützung des Handy oder des Navigationsgerätes während der Fahrt mitschuldig. Es ist nicht verwunderlich, dass die Zukunftsstrategen dafür plädieren, die Steuerung des Autos gleich einem Computerprogramm zu überlassen. Der Mensch wäre nur mehr Beifahrer und könnte sich auch hier seiner liebsten Beschäftigung, dem Amüsement hingeben. Im jetzigen Alltag stellt die Führerscheinprüfung eine Auslese dar. Damit wird auch das Verkehrsaufkommen ein wenig gedrosselt. Wie wird es mit dem Straßenverkehr weitergehen wenn jeder, ohne einen Führerschein zu besitzen, mit einem selbstfahrenden Auto unterwegs sein kann?

Ob das computergesteuerte Gefährt weiter die Bezeichnung Auto tragen wird, ist noch offen. Eventuell schreitet die Optimierung des Menschen weiter fort und er selbst wird zu einem selbstfahrendem Gefährt. Der Ruf nach menschlicher Optimierung wird bestimmt zunehmen. Wir wissen, schon Leonardo da Vinci hat Fluggeräte konstruiert, um dem Menschen das Fliegen mit eigener Muskelkraft zu ermöglichen.

Die Vorstellung mit eigener Muskelkraft zu fliegen, hat seit Leonardo da Vinci nichts an Faszination verloren. So versuchte der Schneider von Ulm noch Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, den in Ulm zu Besuch weilendem Kaiser, davon zu überzeugen. Seine Vorführung mit einem Gleitschirm  ist wegen des ungünstigen Absprungortes kläglich gescheitert. Der Schneider fiel in die vorbeifließende Donau.

Eisschollen

vogel:flieg I

Vor drei Jahrzehnten hat Neil Postman seinen Bestseller „Wir amüsieren uns zu Tode“ veröffentlicht. Er befasste sich mit den möglichen Folgen, welche der stundenlange Fernsehkonsum für die geistige Entwicklung des Menschen haben könnte. In dem Buch setzte er sich mit der Gefahr auseinander, dass alles zur Show wird, ohne Inhalte: „Unsere Priester und Präsidenten, unsere Chirurgen und Anwälte, unsere Pädagogen und Nachrichtensprecher brauchen sich nicht sonderlich zu mühen, um den Anforderungen ihrer Fachgebiete zu genügen, sie müssen vor allem den Anforderungen gewachsen sein, die an eine gute Show gestellt wird.“ (N. Postmann)

Heute haben seine Aussagen noch mehr Gültigkeit, da es für die Amüsiertheit durch die permanente Verfügbarkeit von Filmen und Videos im Internet keine zeitliche Beschränkung gibt. Von 0 bis 24 Uhr. Zu Neils Postmann Zeiten war es üblich, dass Kinder und Jugendliche im häufigsten Fall, täglich ein bis zwei Stunden vor dem Fernseher saßen. In den meisten Familien beschränkte sich die Erlaubnis für die Kinder zum Fernsehschauen auf den Samstag- und Sonntagnachmittag. In Österreich gab es in den 70er Jahren noch viele Haushalte, welche keinen Fernseher hatten. Die Erwachsenen gönnten sich ein- bis zweimal die Woche einen Fernsehabend und dabei vor allem zum Wochenende. Es dauerte nicht lange und das Fernsehkastl wurde als Familienmitglied adoptiert.

Heiteres Beruferaten

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