vor:weihnachten II

Zu den viel strapazierten Erwartungen der Weihnachtszeit gehört das Gefühl der Freude.  Man hofft auf den Straßen nur strahlenden Gesichtern zu begegnen. Im Spätherbst fragt man bereits die Kleinsten, freust du dich auf das Christkind?  Wirst du der Mama zur Weihnachtszeit eine Freude machen und brav sein?  Vollgepackt mit dem Wort Freude ist die christliche Liturgie in der Advenstzeit, die als Ganzes eine Vorfreude auf das Weihnachtsfest, auf die Geburt Christi sein soll. O Jubel, o Freud! Glückselige Zeit! Ein Kindlein geboren aus tausend auserkoren! Wenn ich mir die Auswüchse der  kirchlichen Institution wegdenke, dann vermittelt mir Gott Freude. Wie wenig ist von dieser Fröhlichkeit in unseren Breiten bei den Menschen angekommen? Statt Frohsinn, Zufriedenheit und Dankbarkeit über unsere Lage herrscht bei uns Angst, Unzufriedenheit, Hass und Neid. Es ist nicht verwunderlich, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf unseren Körper richten, auf seine Mängel und Beschwerden, welche in Fülle auftreten. Das beste Genussmittel ist der Mut, die Begeisterung etwas Neues zu beginnen, ohne ängstlich darüber nachzudenken, ob dies gelingt. Wie sinnvoll ist es im Alter Neues zu beginnen, mit der Ungewissheit ob die Zeit dafür reichen wird? Gemeint ist nicht die sprichwörtliche Zeit der immer zu kurzen Pensionstage, sondern die Lebenszeit.

Lebensfreude

vor:weihnachten I

Wir Alten, alt wie es früher bei betagten Menschen gebraucht wurde, spüren gerade vor den Weihnachtsfeiertagen, dass die Zeit immer schneller vergeht. Im Grunde ist es nicht die Zeit welche altert, sondern es ist unser Körper welcher verfällt. An den Feiertagen glaubt man zum Nichtstun verpflichtet zu sein. Plötzlich vergehen die Tage nicht mehr schnell genug. Dazu kommt, dass die Jahresfeste zumeist nicht nach den Regeln und Gebräuchen der Jugendzeit ablaufen. Manche Utensilien, welche zum weihnachtlichen Brauchtum dazugehörten, gibt es nicht mehr. Niemand von der jüngeren Generation würde sich für die Feiertage das Nichts vornehmen. Das Gegenteil ist der Fall, man setzt auf tolle Aktionen.

So entkommt uns Alten um die Weihnachtszeit der Stoßseufzer über die Hektik und den Stress, welche heute damit verbunden sind. Das Erbrechen über dem Konsumrausch und dem Kaufzwang. Wer sich in den Konsumtempeln der Draustadt umschaut, die Gesichter der vorbeieilenden Menschen beobachtet wird dem Hektischen, dem wo könnte ich das finden Blick, begegnen. Zu den Mythen der Alpenbewohner gehört die Vorstellung, dass es kurz vor Weihnachten schneit. Dazu der Wunsch, für die Meisten eine konkrete Hoffnung, dass das Fest der Feste friedlich ablaufen soll. Ein Fest, einfach das Fest. Seit der Jahrtausendwende hat sich durch den Klimawandel der Schnee und mit dem Schnee die Friedfertigkeit verflüchtigt. Durch die Erderwärmung  ist beides dahin geschmolzen.

Alle Jahre wieder.

nach:kommen II

Man versucht die in Europa verstreuten Verwandten, ob noch lebend oder auch verstorben, zu besuchen. Oftmals findet man das Haus des Onkel oder der Tante nicht mehr, es wurde umgebaut, es gibt neue Eigentümer. Bei den Nachbarn begibt man sich auf Spurensuche, sind es länger Anwesende, erfährt man die eine oder andere Anekdote. Der anschließende Friedhofsbesuch endet das Eine- und Andermal mit einer Enttäuschung. Oft weiß man nicht mehr genau wo das Grab war und beginnt zu suchen, einige Zeit lang. Man schließt die Möglichkeit nicht aus, es könnte aufgelöst worden sein. Die Urenkel waren nicht bereit den Friedhofserhaltungsbeitrag zu bezahlen und das Grab wurde bei Platzbedarf aufgelöst. Nach diesen Erfahrungen, betroffen vom geschichtlichen Vakuum, macht man sich daran die Kartons mit den alten Fotos hervorzuholen. Es gilt die Fotos auszusortieren, chronologisch zu ordnen und in ein Bilderalbum einzukleben. Soweit noch bekannt, die wichtigsten Fakten dazu zufügen.

Wer zu den leidenschaftlichen Sammlern, seien es Bücher, Gemälde, Briefmarken, Münzen oder Ansichtskarten gehört, denkt darüber nach, wem er einmal seine Sammlung anvertrauen soll. Wen was vererben? Ob man selbst bereit ist darüber zu sprechen und  etwas Schriftliches zu fixieren. Es bereitet einiges an Kopfzerbrechen bis in der engsten Familie und in der Verwandtschaft jemand Passender gefunden ist. Zumeist hängt man an seiner Sammlung, die über Jahrzehnte aufgebaut wurde mit mehr Herzblut, als an den Wohnzimmermöbeln. Eine Sammlung, welcher Art immer, Briefmarken, Uhren oder Porzellanfiguren ist etwas höchst Persönliches. Vom Gefühl her spürt man, dass selbst bei ähnlichem Interesse beim Beschenkten, er die Sammlung mit anderen Augen betrachten wird. In seinem Alltag wird er der Sammlung einen anderen Stellenwert einräumen, als es bei einem selbst der Fall war. Sammler verschwenden kaum einen Gedanken darüber wie ihre materiellen Dinge, wie Sparbuch, Eigentumswohnung  oder ein unbebautes Grundstück vererbt und verwertet werden. Ihr Herz hängt am ideellen Wert ihrer Sammlung.

Großdatum.

nach:kommen I

Oftmals fragt man sich, was wird dereinst von einer Person, von meiner Person, noch länger in Erinnerung bleiben. Während der ersten fünf Jahrzehnte ist dies keine vordringliche Angelegenheit. Zu sehr ist alles auf Erwerb, auf Anerkennung, auf die Erziehung der Nachkommenschaft, auf das Flügge werden der Brut ausgerichtet. Man steht Mitten im Leben und die Tage sind zu kurz, um den Schaffensdrang voll auszuleben. Plötzlich ändern sich die Tage, am Ende des Sommers bemerkt man, dass sich die ersten Blätter verfärben. Beim Spaziergang an der Drau stellt man verwundert fest, wie viele bunte Blätter am Boden liegen. Kommt eine Brise Wind hat man den Eindruck, als regnet es Blätter in allen Farben vom Himmel. Die Ursache für die Aufmerksamkeit, welche man den Veränderungen in der Natur entgegenbringt, sieht man in der Natur selbst, nicht in sich. Dabei sind es die eigenen Empfindungen und der Umstand, dass man sich im letzten Drittel des Lebens befindet. Dies verfärbt die Blätter früher und lässt sie vom Himmel wirbeln. Nicht die Kalendertage  werden kürzer, die voraussichtlichen Lebenstage werden weniger. Hier liegt die wahre Ursache für den frühen Herbstbeginn.

Das Interesse an den alten  Familienfotos erwacht plötzlich, genauso wie das Interesse an den weit verstreuten Verwandten. Man begibt sich auf die Suche nach Überlebenden, den Nachkommen von verzogenen Blutsverwandten. Lässt es die eigene Gesundheit zu, besucht man die ausgewanderten Familienmitglieder in Asien, Australien oder Amerika. Es wird der Versuch unternommen, an die jüngere Generation anzudocken. Zumeist können diese mit der Verwandtschaft aus Europa, deren Muttersprache sie nicht sprechen, nichts anfangen. Für sie ist Canada oder Indien ihre Heimat. Europa kennen sie aus den Erzählungen von den Großeltern. Vielleicht die Musik von Mozart oder von Strauß, den Namen von Freud und Musil, die Städte Wien und Salzburg. Diese Namen strahlen über Österreich hinaus. Vom restlichen Österreich, den übrigen Bundesländern und Landeshauptstädte geht kein Licht aus, diese führen eine Existenz wie die schwarzen Löcher im All. Man vermutet das es sie gibt, hat aber keine eindeutigen Beweise.

Spurensuche

zweite:wahl

Für einen Laien ist ein belangloser Fabrikationsfehler bei einem Damenschuh kaum zu erkennen, er befindet sich im Blind Date. Lesen wir in heimischen Zeitungen und Zeitschriften Berichte über Staaten, welche sich außerhalb Europas befinden, sind wir in einem ähnlichen Blindflug. Zur Erklärung nenne ich zwei Staaten, die Türkei und Afghanistan. Die meisten Meldungen in den heimischen Zeitungen stammen dazu zumeist von internationalen Nachrichtenagenturen. Sie  werden nach dem Gutdünken des hiesigen Redakteurs zusammengestoppelt. Dies sind Nachrichten und Informationen aus zweiter Hand, im ungünstigen Fall von Journalisten zweiter Wahl. Selten befinden sich Korrespondenten direkt vor Ort und wenn, dann begibt man sich zumeist in das staatliche Pressezentrum. Dort empfängt man die Communiqués. Innerhalb von ein paar Tagen können keine Kontakte zu Informanten aufgebaut werden. Zusätzlich handelt es sich um andere Kulturen, wir blicken mit unseren europäischen Augen auf diese Welt. Mit einem anderen Geschichtsverständnis und einem lückenhaften Geschichtswissen.

In den Weltmetropolen einen der zahlreichen Wochenmärkte zu besuchen ist ebenso ein journalistisches Mittel zweiter Wahl. Dort wird dem nächsten vorbeihastenden Marktbesucher das Mikrofon unter die Nase gehalten und er um seine Meinung gefragt. Gibt es keinen Markt in der Nähe, so genügt auch eine Straßenbahnhaltestelle. Ein Mittel Erster Wahl, um in die Mentalität eines fremden Volkes einzutauchen ist, seine Schriftsteller zu lesen. Beim Lesen öffnet sich zweierlei, zum Ersten die Herzen der Bewohner, zum Zweiten das Verständnis beim Lesenden.

Galsan Tschinag

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