warte:zimmer I

Alles kann schön geredet werden, solange man nicht unmittelbar mit dem Ende des irdischen Lebens konfrontiert wird. Obwohl man sich nach den Statistiken der Lebensversicherer oder der Pensionsarithmetiker der magischen Zahl, in ihrem Vokabular heißt es, der durchschnittlichen Lebenserwartung, nähert. Die menschliche Vernunft sagt, dass es kein ewiges Leben gibt, wenn wir über das Leben reden. Poetisch umschrieben sitzt man ab einem bestimmten Alter im Wartezimmer des Todes, kann dieses auch noch so luxuriös ausgestattet sein. Eine Vielzahl an Annehmlichkeiten bietet, vergleichbar einem Wellnesshotel, wo man rund um die Uhr bewirtet und sich die feinsten Ganzkörperbehandlungen angedeihen lassen kann. Wer sich fit fühlt, kann im Thermalbad selbst seine Schwimmrunden hinlegen. Durch irgendeine Spalte dringt der Geruch des Todes in den Wellnesstempel und vermengt sich mit dem Duft des Körperöls Jasmin. Da wir wissen, welche Fülle an Grabbeigaben chinesische Herrscher und ägyptische Pharaonen erhalten haben, gehen wir heute vergleichsweise nackt in das Jenseits.

Menschlich betrachtet oder braucht es menschlichen Mut, sitze ich seit der Pensionierung im Wartezimmer eines honorigen Herrn. Andere würden sagen im Vorraum des Knochenmannes. Angemeldet bin ich, ich weiß nur nicht wann ich aufgerufen werde. Jedes Mal wenn die Tür aufgeht, könnte ich gerufen werden. Im Wartezimmer möchte ich mich nicht mit den verschiedenen Krankheiten beschäftigen, welche zum Tod führen. Aus dem Alltag weiß man um das Gerede in den Vorzimmern, die sich nach Facharzt verschieden um eine spezielle Körperstelle oder Organ drehen. Beim Kardiologen um das Herz, beim Orthopäden um das Hüftgelenk, beim Internisten um die Leber. Zumeist wird von den Beschwerden gesprochen, selten fällt das Wort, das Organ ist genesen.

Bad Vigaun

Ein Gedanke zu “warte:zimmer I

  1. Hallo Gerhard!

    …annehmen wie es ist, obwohl man gerne in diesen Prozess eingreifen würde. Auch junge Menschen sterben, wie wahr.

    Gruss schlagloch

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