irak:krieg III

Im Zeitraffer will ich etwas von den Ereignissen der letzten Monate, am Persischen Golf, aufschreiben. Der Krieg dauert länger, als es zu Beginn prophezeit wurde. Die massiven Alliierten Luftangriffe haben unter der Bevölkerung viele Opfer verursacht, zu großen Verwüstungen an Gebäuden und öffentlichen Einrichtungen geführt. Die Militärs und die Medien wollten uns einen klinischen Krieg verkaufen, den Computerkrieg, ohne menschliche Opfer. Ich habe nie daran geglaubt, weil auch in und neben militärischen Einrichtungen sich Menschen befinden und bei deren Zerstörung getötet werden. Saddam Hussein hat politisch überlebt, er ist weiter an der Macht. Jetzt wird mit ihm verhandelt, für mich ist dies moralisch nicht nachvollziehbar. Die Kurden haben sich im Nordirak gegen Hussein erhoben und niemand unterstützt sie jetzt dabei. Sie werden von den intakten Elitetruppen Saddams abgeschlachtet. Sehe ich im Fernsehen wie Erwachsene und Kinder, welche vor Saddams Soldaten fliehen, um ein Stück Brot raufen, dann schäme ich mich. Wir sind wählerisch und wollen vieles nicht essen, bei uns wird täglich Brot weggeworfen .

Ein Kurde kommt täglich in das Geschäft und blättert in den Tageszeitungen um sich über das Schicksal der Kurden zu informieren. Beim Reden ist zu Tage gekommen, dass er zu Hause einen kaputten Fernseher hat. Er hat kein Geld um sich einen neuen Fernseher zu kaufen. Daraufhin habe ich ihm meinen gebrauchten Schwarz-weiß Fernseher geschenkt. Als ich ihm das Fernsehgerät in die Wohnung gebracht habe, hat er gesagt: „ Jetzt haben wir die Welt im Haus“….1. Mai 1991

irak:krieg II

Faschingssamstag,ein ungewöhnlicher Tag um an meinem Tagebuch weiterzuschreiben. Es war ein schöner Tag, vormittags reger Geschäftsbetrieb, nachmittags Langlaufen in Fürnitz und anschließend zum Baden nach Warmbad. Jetzt, abends kann ich in Ruhe die Tageszeitung lesen. In den vergangenen Tagen hat es geschneit und beim Langlaufen war es wunderschön. Der Schnee ist  weich und ich gleite lautlos durch die Winterlandschaft. Dabei sind mir Erlebnisse aus Politzen, das morgendliche und abendliche Tränken der Kühe im Winter, eingefallen. Aus dem Stall  wurden sie  zum Brunnen in das Freie getrieben. Das Aufspalten der Holzstämme zu Scheitern und das weitere Zerkleinern mit der Kreissäge bei Schnee und Kälte im Hof. Im Winter haben wir beim Mostholen, beim Holen von Kartoffeln und Äpfel aus dem Erdkeller die Tür sofort geschlossen, damit die Kälte nicht in das Innere eindringen konnte.

Vielleicht kann ich morgen Vormittag, noch einmal Langlaufen. Dabei möchte ich ein paar Fotos von der stillen Winterlandschaft machen. Beim Fotografieren spezialisiere ich mich momentan auf das Motiv „Zäune“, ein weitreichendes Thema. Wir sind in unserem Alltag immer von Zäunen umgeben, überall stehen Zäune. Um uns errichten wir emotionale Zäune und reale Zäune um unser Eigentum. Der  Maskenumzug am Faschingsdienstag wurde in Arnoldstein wegen des Golfkrieges und der Jugoslawienkrise abgesagt. Ich bin der Meinung, ein gutes Wort zum Nachbarn und zum nächsten Mitmenschen trägt mehr zum Weltfrieden bei, als ein abgesagter Faschingumzug. In Arnoldstein darf offiziell und öffentlich nicht gelacht werden, nur heimlich unter der Bettdecke. Der Golfkrieg tritt in die nächste Phase, es folgt der  Bodenkrieg. Auftretende Befürchtungen können in unseren Breiten ausdiskutiert werden. Abends besuche ich einen EDV-Kurs in der Volkshochschule in Villach. Meine erworbenen PC-Kenntnisse kann ich in Zukunft bei der Bestellung von Büchern  einsetzen…….  9. Februar 1991

irak:krieg l

Dieses Jahr möchte ich versuchen die Tagebucheintragungen wöchentlich zu schreiben. Zeitweise denke ich daran, wie miserabel es mir gesundheitlich vor einem Jahr gegangen ist. Dankbar bin ich dafür, um wie vieles besser es mir heute geht. Glücklich diese Beschwerden überwunden zu haben, mit Willensstärke und sportlichen Aktivitäten. Im Mai bei einem Kuraufenthalt in Baden bei Wien, das Radfahren über den Sommer und die Wanderwoche  in Brixen. In den Herbstmonaten die Möglichkeiten zum Schwimmen in der Therme in Villach genützt. Jetzt hoffe ich auf die Zeit zum Langlaufen. Das Weihnachts- und Silvestergeschäft war zufriedenstellend. Beim Raketenverkauf gab es diesmal im Ort Mitbewerber. Ich habe ihnen gegenüber einen Vorsprung, durch meine Direktwerbung in Friaul. Für dieses Jahr habe ich bereits geschäftliche Pläne und private Vorhaben. Für das Arnoldsteiner Porträt möchte ich Personen zum Thema Widerstand, Behinderte und Künstler interviewen. Es verspricht ein interessantes Jahr zu werden……  2. Jänner 1991 

„Heute ist kein schöner Morgen, am Golf wird gekämpft, der Krieg am Persischen Golf hat begonnen“. Mit dieser Radiomeldung begann um sechs Uhr morgens mein Tag. Die westlichen Streitkräfte haben den Irak mit einem Luftangriff erfolgreich überrascht. Der Beginn des Golfkrieges ist für mich eine Entlastung. Die Ungewissheit, wann und wie dies passieren wird, hat mich belastet. Viele Auswirkungen, seit Monaten von den Medien hochgespielt, sind nicht zu erwarten. In dieser Situation wäre ein Satellitenfernsehen von Vorteil, ich könnte dem Einheitsbrei der ORF Nachrichten entkommen. Diese Woche wurde mir ein Zahn entfernt, es werden immer weniger. Bald wird im Unterkiefer ein Zahnersatz notwendig sein. Mein Tai Chi Kurs ist zu Ende, ich halte Ausschau nach einer aktiven Sportart. Montagabend habe ich geholfen den Flugzettel, zur Unterstützung der Wiederwahl des amtierenden  Bürgermeisters S., fertig zu stellen. Viele Menschen haben Angst ihre politische Meinung frei zu äußern. Die politischen Parteien haben uns fest im Griff. Bei der Bürgermeisterwahl kandidiert eine neue Liste: „FLA“. Beschließe den Tag nicht mit den Nachrichten, schreibe in meinem Tagebuch weiter…..17. Jänner 1991

er:zählung

4.Teil
In den hektischen Tagen der Vorweihnachtszeit vergisst er den Vorfall, bis er in einer Nacht durch Rückenschmerzen geweckt wird und ihm das seltsame Verhalten des Vogels in den Sinn kommt. Vielleicht wollte ihn der Vogel vor einer Gefahr warnen, auf die anstehenden Aufgaben und Veränderungen die im neuen Jahr auf ihn zukommen aufmerksam machen. Beim Wachliegen fällt ihn dazu der Zwischenfall im Sommer mit den Jungvögeln ein, den es im Hof gegeben hat. Seit Jahren brüteten Vögel in den Sträuchern und im Gestrüpp des wilden Weines, sie wurden dabei kaum von Menschen gestört. Der Innenhof, bedeckt mit weißem Marmorkiesel und in der Mitte zwei Statuen, gehörte zu seinem Rückzugsort für eine geruhsame Stunde. In den Sommermonaten konnte er dabei das Treiben der Vögel beobachten. An einem Sommertag, als er sich zum Zeitunglesen auf die Hofbank hinsetzen wollte, sah er am Boden, bei den Wurzeln des wilden Weines, ein Vogelnest mit drei jungen Vögeln liegen. Sie kreischten und wippten mit den Flügeln und versuchten dem Nest zu entkommen. Vielleicht hatten sie mit ihrer ungestümen Art das Nest ins Schwanken gebracht und sind mitsamt dem Nest am Boden gelandet. Beim Näherkommen piepsten und öffneten sie immer wieder ihre Mäuler, sie waren wohl hungrig und durstig. Er entfernte sich und beobachtete durch das Magazinfenster den Hof, aber das Elternpaar ließ sich nicht blicken. Bei Einbruch der Dämmerung kauerten sich die Jungvögel erschöpft aneinander. Mit einer Pipette versorgte Edmund die Vögel mit Wasser und hoffte, dass, das Vogelpaar in der Nacht wiederkommen würde. In der Nacht wären die Jungvögel eine leichte Beute für eine streunende Katze. Am nächsten Morgen war seine Erwartung, dass er die Vögel im Nest lebend vorfinden würde, klein. Es waren alle da und wieder öffneten sie beim Näherkommen ihre Mäuler. Er versorgte jeden mit ein paar Tropfen Wasser und telefonierte mit dem Tierheim in der nahen Stadt, ob es für die Vögel eine Überlebenschance gibt, wenn er sie in ihre Pflege gibt? „Sie könnten es versuchen“, war die Antwort. Nach Abgabe der „Sturzvögel“ im Tierheim hinterlegte er noch eine Geldspende für ihre Aufzucht.
Im Dämmerzustand, zwischen Wachsein und Einschlafen, wird es ihm zur Gewissheit, dass einer der Vögel ihm mit dem Klopfen am Fenster mitgeteilt hat, wir haben überlebt.

Autor: Franz Supersberger