Archiv für die Kategorie ‘TAGE.BUCH’

GAL:tür

Montag, 17. März 2008
Am Vormittag habe ich die Souvenirmesse in Salzburg besucht, jetzt bin ich im Zug auf der Fahrt nach Vorarlberg. Auch wenn ich eine oder zwei Stunden länger auf der Messe geblieben wäre, ich hätte nichts mehr Neues entdeckt. Es ist eine menschliche Schwäche, dass man nicht Schluss machen will, dass man das Gefühl hat, wenn man zu früh geht, könnte man etwas versäumen. Auch für manchen Event wird mit verschiedenen Ankündigungen geworben, mit dem Versprechen von nützlichen Informationen, sodass man sich gezwungen fühlt diese Veranstaltung zu besuchen. Oft sind es nur Wiederholungen. Ich mache einen privaten Besuch, hinaus aus dem Geschäftsalltag, die Gemütslage hoffnungsfroh. Der Zug fährt durch das Stanzer Tal, Richtung Arlberg. Auf der anderen Bergseite, im Paznaun Tal hat vor drei Wochen in Galltür ein Lawinenunglück über dreißig Menschen in den Tod gerissen und den Ortskern zerstört. Viele fragen sich warum. In der Zeitung hat man gelesen, dass unter den Lawinenopfern über Siebzigjährige, aber auch Fünfundzwanzigjährige und Fünfjährige sind. Fünfjährige Kinder unter den Toten, die Frage bleibt warum und wo bleibt Gott. Mein Sitznachbar im Zug beschäftigt sich, seine Lektüre nach zu schließen, mit Theologie. Er liest ein  Buch mit dem Titel „Existenzfragen in der Theologie”. Ich spreche ihn auf das „Warum” an, warum stirbt ein Jugendlicher, ein Kind unter einer Lawine. Auf das „Warum” kann er keine Antwort finden. Wir sollen versuchen aus einem sinnvollen, einem erfülltem Leben, den Tod zu akzeptieren. So wie wir die Geburt akzeptieren und die Geburtstage feiern, müssten wir auch den Tod akzeptieren und feiern. Mehr Hoffnung gibt es für diejenigen, welche eine jenseitige Welt annehmen.  Es ist einfach für die, welche glauben. Wir schieben den Zeitpunkt des Todes immer weiter hinaus, bald jenseits von Hundert. Es wird uns ein immer längeres Leben versprochen, von der Politik, von den Sozialversicherungen, von der Medizin. Werden wir in ein Krankenhaus eingeliefert verlangen wir von der Medizin, dass alles Mögliche getan wird um die Krankheit zu stoppen, zu heilen, um das Leben zu verlängern. Mit Geld kann man vieles kaufen, auch ein längeres Leben. Gesellschaftsstudien zeigen, dass wer gut verdient, lebt länger. Die Frage nach dem Lebenssinn wird dann noch brennender. Die Einen finden ihren Sinn im Beruf, in der Partnerschaft, im Fortkommen der Kinder oder im Hobby. Für mich erschließt sich der Sinn im Leben im Verfassen von Texten, von Gedichten. Die Zeit für meine literarische Tätigkeit muss ich von meiner Umgebung massiv einfordern. Es ist nicht wichtig ob meine Texte Anerkennung finden, ob ich Erfolg habe, wichtig ist, dass sie geschrieben werden.
 21. 3. 19.. Der Zug fährt durch das untere Inntal in Richtung Kufstein. Ein sonniger Tag, der den Frühling ankündigt. Aufbauend nach den kalten trüben Wintertagen. Vielleicht sind die Jugendtage die Aufbautage für das Alter. Heute fühlt sich niemand alt.14.3.19..Aus dem Tagebuch 
17.3.08 07:48
 
 

 3 Kommentar(e)    

Gerhard

 Hallo Schlagloch,
ich vermute, daß Dir die Frage nach dem Warum des Schreibens “verkehrt” erscheint.
Trotzdem stelle ich sie, wenn es nicht zu privat ist.
Für mein Schreiben habe ich da bestimmte Antworten, wie sehen Sie für Dich aus?Gruß
Gerhard

schlagloch

Hallo Gerhard!Für mich ist heute das Schreiben so selbstverständlich, dass ich nicht nach den Gründen frage. Von den Wurzeln bzw. Anfängen vom Schreiben, kann ich etwas erzählen. Begonnen hat es damit, dass ich gerne gelesen habe, von der ersten Klasse weg. Vielleicht war ich deshalb besonders wissbegierig ,weil ich die ersten drei Monate wegen einer Krankheit nicht in die Schule gehen konnte. Ich hatte zu Ostern sämtliche Bücher der Klassenbibliothek ausgelesen . Ich habe immer gelesen, beim Weg in die Schule, beim Kühe hüten, beim “Hüten” meiner jüngeren Brüder usw.Später wurden meine Aufsätze vorgelesen, ich habe wohl eine Begabung für das Schreiben. Die Jugendzeit am Land bietet nicht viele Wahlmöglichkeiten, man wird ein Gasthausbesucher, ein Fussballer, ein Rennfahrer, ich habe weitergeschrieben. Auch immer wieder veröffentlicht.Ich bin ein guter Beobachter und Zuhörer. Ich höre viel lieber zu, als das ich selbst rede, dafür schreibe ich.Schreiben ist nicht alles, aber ohne schreiben ist alles nichts.

Gruss schlagloch.


Gerhard


Hallo Schlagloch,
mir gefällt:”Die Jugendzeit am Land bietet nicht viele Wahlmöglichkeiten, man wird ein Gasthausbesucher, ein Fussballer, ein Rennfahrer, ich habe weitergeschrieben.”Ich selbst schreibe Tagebuch. Schon seit 10 Jahren am Stück.
So etwas darf man kaum erwähnen, schon wird man belächelt.
Doch es gibt gute Gründe dafür:
- Man kann Schreiben wie eine Kunst anschauen oder wie das Spielen und Meistern eines Instruments.
- Auch verhilft das Schreiben manchmal zum “Durcharbeiten” . Erst geschrieben wird manches klar.
- Ein Tagebuch zeigt gewöhnlich auf: So reich ist das Leben, es ist voller als Du gemeinhin zu denken pflegst.
- Die Chance zu sehen, was einen vor 5 Jahren bewegte, ist eine unwiederholbare Gelegenheit, die ich nicht missen möchte.Gruß
Gerhard

FASCHING:treiben

Samstag, 02. Februar 2008
Villach bezeichnet sich als Narrenhochburg. Zu Beginn des Jahres dreht sich alles um den Fasching und endet am Faschingsamstag mit einem großem Faschingsumzug. Dass dies in ganz Österreich bekannt ist, dass glauben alle Villacher. Die Fernsehübertragung der Villacher Faschingsitzung erreicht hohe Zuschauerzahlen, nur übertroffen von Sendungen zur Nationalratswahl oder Natascha Kampusch wird  interviewt. Nationalratswahlen finden in Zukunft nur alle fünf Jahre statt und die Interviews mit Natascha Kampusch werden weniger.
Diesem närrischem Treiben kann sich die Kirche in Völkendorf nicht verschließen und so gibt es am Faschingsonntag für alle, die am Faschingsumzug nicht teilgenommen haben oder vom Faschingstreiben noch nicht genug haben, eine Faschingmesse. Die Einladung verspricht Stars wie zum Wiener Opernball, erwartet werden Santana, Bob Marley, Emerson, u.a.  Zum Tanz, gemeint ist zur Messe, spielt eine tolle Faschingsband. Verkleidung ist erwünscht aber nicht vorgeschrieben. Für alle, die das ganze Jahr eine Maske tragen auch nicht notwendig. Es sind alle Narren willkommen, ob mit oder ohne Verkleidung. Mein Inneres kann ich schlecht verbergen, deshalb mochte ich mich verkleiden. Die erste Idee ist, ich gehe als Mafiosi, dazu könnte ich meine Sonnenbrille tragen. Da ich keinen üppigen Haarwuchs, aber auch keine Glatze habe und ein schlechter Schütze war, verwerfe ich diese Idee. Im Keller suche ich nach dem Karton mit der Aufschrift „Fasching”, darin sind die Utensilien für einen Seeräuber. Ob in der Kirche ein Goldschatz versteckt ist?, die Kirchenmäuse wüssten wo. Beim Suchen fällt meine weiße Kappe aus dem Schrank. Mit der weißen Kappe und der Sonnenbrille verwandeln ich mich in den DJ Ötzi.
 
Dem Besuch der Faschingmesse steht nichts mehr im Wege, außer der Fußmarsch. Vor der Kirche sagt ein Jugendlicher:  „Schauts do kummt da Ötzi .” Andere Kirchenbesucher konnten sich wohl nicht zwischen verschiedenen Verkleidungen entscheiden und haben das Sonntagsgewand gewählt. Die Faschingsband in ihren Kostümen hat schon Aufstellung genommen. Die flotte Musik und der Pfarrer als Rocksänger sorgen für Stimmung während der  Messe. Manche folgen mit irritiertem Gesichtsausdruck der Musik und dem Gesang. So kommen sie zur ihrer Gesichtsmaske. Andere Masken sind spärlich zu sehen, ein paar Prinzessinnen und Cowboys hätten der Stimmung gut getan.  
Während der Messfeier sah man den einen Fuß und die andere Hüfte bei der Musik mitwippen und mitschwingen. Im Evangelium ist von der Liebe die Rede, das passt gut in die Faschingszeit, da fällt das Wort „ich liebe dich” öfter und leichter als sonst. Nach der Messe wird es richtig fröhlich in der Kirche. Gott muss den Menschen aus Fröhlichkeit erschaffen haben, ob er dabei schon an den Villacher Fasching gedacht hat?
18.02.2007  Aus dem Tagebuch
   

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Gerhard Der Refrain “Komm lasst uns fröhlich sein” drückt wohl ein Grundbedürfnis des Menschen aus.O segensreiche Fröhlichkeit!Gruß
Gerhard

06.01.19..

Sonntag, 06. Januar 2008
Die letzten Tage waren bei blauem Himmel sonnig und kalt, der Schnee abweisend und unberührbar. Eine Winterlandschaft wie ein Bühnenbild. Heute ist es anders, keine Sonne, graue Wolken, gedämpftes Licht und die Luft ist mild. Der Schnee ist stumpf, die Vögel singen. Am Flussufer tauchen zwischen den Bäumen und den Sträuchern Hasen und Fasane auf. Von den Bergen weht der Föhn und von den Bäumen rieselt der Schnee. Es ist eine friedvolle Stimmung wie am Weihnachtsabend, wenn man über den verschneiten Hof zur Fütterung der Tiere in den dunstigen Stall geht. Die Blicke der Kühe wenden sich der Stalltür zu, der Geruch vom Heu erfüllt den Stall. Behaglich kauen die Kühe am Heu. Die satte Zufriedenheit der Tiere überträgt sich auf den Menschen. Man ist zufrieden wie es ist und mit dem was kommen wird. Die Umstände sind unverrückbar, kein Ereignis kann das Leben auf diesem Fleck Erde verändern.
6.1.08 15:13
 
 

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petros / Website
“…kein Ereignis kann das Leben auf diesem Fleck Erde verändern.”Habe selten eine so unverrückbare Feststellung gelesen.LG
Petros
Rosenherz
Die satte Zufriedenheit der Tiere überträgt sich auf den Menschen. Vielleicht sollten wir Menschen viel öfter Kontakt pflegen mit satten und zufriedenen Tieren in unserer Umgebung, wenn sich das so angenehm auf das Gemüt auswirkt.
Vögel singen? Singen sie schon? bei uns ist mir noch kein Vogelgesang zu Ohr gekommen. Aber es ist Jänner und das kecke Singen der Kohlmeisen wird nimme rlang warten lassen.Grüße vom Rosenherz
Gerhard
unverrückbar, man läuft von a bis z
Gruß
Gerhard
schlagloch
Hallo Rosenherz!
Satte Tiere, zufriedene Menschen. Ein Beitrag zum Glücklichsein.
Gruss schlagloch.

schlagloch
Hallo Gerhard!
Wir laufen täglich von a bis z. Aber für wen sind wir gelaufen? Für uns, für andere oder für einen unsichtbaren Mitspieler.
Gruss schlagloch.

02.01. 19..

Mittwoch, 02. Januar 2008
Den heutigen Tag spüre ich in meinen Füssen, den langen Spaziergang in der kalten Winterlandschaft. Der kleine Ort im Montafon hat im Winter durch die Mischung von Schnee, kleinen Häusern und bunt gekleideten Gästen einen besonderen Reiz. Die Weihnachtsbeleuchtung an den Häusern brennt den ganzen Winter über, hier endet Weihnachten erst zu Ostern, wenn die letzten Gäste abgereist sind. Der spannendste Ort ist eine Musikkneipe, eine renovierte Mühle, wohl deshalb, weil ich nicht dort gewesen bin. Hier stimmt die Mischung aus großen Leitbetrieben und vielen kleinen Pensionen. Der private Vermieter vergibt seine Aufträge an lokale Handwerker, ein Hotel würde wählerischer sein. So wird der Wohlstand auf viele verteilt und ist nicht in der Hand weniger. In der Türkei oder in Tunesien gibt es die großen Hoteldörfer, welche einer internationalen Hotel- oder Bankenkette gehören und die Gewinne den Aktionären zufließen. Die Grossbetriebe müssen aufgegliedert werden und die Aktien stärker besteuert. Die Gewinne sollen nicht außer Landes gebracht werden, sondern denen zukommen, welche die Arbeit leisten.
 
Am Nachmittag besuchen wir eine Siebzigjährige Frau, ihr Haus steht oberhalb des Dorfes. Der Besuch ist schon jahrelang versprochen. Sie vermietet Zimmer an Gäste, dies bringt Geld und etwas Abwechslung in ihren Alltag. Ihr Mann ist vor fünfzehn Jahren gestorben und die Kinder sind aus dem Haus ausgezogen. Sie hat sich jetzt einen jahrzehntelangen Wunsch erfüllt und im Haus eine Montafonerstube eingerichtet. Der Boden in der Stube ist ein Parkettboden mit zwei verschiedenen Holzarten. In der Montafonerstube steht ein Tisch mit Einlegearbeiten, geschnitzten Holzstühlen und ein Wohnzimmerschrank. Auf der Kommode stehen die Fotos vom Mann, den Kindern, Enkel und Urenkel. So ist die Vergangenheit und die Zukunft in Bildern festgehalten. Die verkachelte Sitzbank und der Kachelofen wird vom Vorraum aus beheizt. Sie sagt selbst, dass sie am liebsten in der Küche sitzt, dort steht auch der Fernseher. Beim Abschied gibt sie uns eine Dose Weihnachtskekse mit, mit der Bitte die Dose einmal zurückzubringen. So ist der nächste  Besuch versprochen.
2.1.08 12:52
 
 

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Gerhard
Ist man schon mit 70 alt?
Gruß
Gerhard

CHRIST . METTE

Montag, 24. Dezember 2007

Ob heute die Ministranten in der Kirche den Jugendschutzbestimmungen unterliegen weiß ich nicht. Tatsache ist, dass der katholische Priester in Völkendorf einem Stadtteil von Villach die Christmette um zweiundzwanzig Uhr ohne die Unterstützung der Ministranten gefeiert hat. Wir haben als Ministranten bei der Christmette, welche um vierundzwanzig Uhr begann, ministriert. Einige Jugendliche machten sich in der Kirche dadurch bemerkbar, dass sie halblaut darüber diskutierten, welches Szenelokal oder Cafe in Villach heute, am Heiligen Abend, geöffnet hat und wo sie hingehen könnten. Der Besuch der Mette war für sie nur der Treffpunkt  für den weiteren Abend. Es dauerte bis zur ersten Lesung und das Problem war ausdiskutiert. Sie nützten die allgemeine Unruhe, als sich die Leute zum Evangelium von den Sitzbänken erhoben, um die Kirche zu verlassen. Gerade als der Pfarrer „ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt „ vorlas, fing bei einer Kirchenbesucherin ihr Baby zu schreien an. Sie trug das Baby in einem Beutel vor dem Körper unter dem Anorak. Es war gerade so, als wollte sich das Jesuskind zu Wort melden. Die Mutter versuchte das Baby durch Schaukelbewegungen zu beruhigen, dann in dem es ihm die Brust reichte. Es hörte nicht auf zu schreien. Eine Möglichkeit wäre gewesen, das Baby in die neben dem Altar aufgestellte Krippe oder in den Kinderwagen der daneben stand, zu legen. Die Kirchenöffnung wird es mit sich bringen, dass beim Verlesen des  Weihnachtsevangelium eine Geburt im Kirchenraum stattfindet. Im virtuellen Zeitalter könnte auf einer Leinwand eine Geburt aus dem Kreissaal des Krankenhauses Villach live übertragen werden.
 
Der Pfarrer beginnt mit der Predigt, mit der Auslegung des Weihnachtsevangeliums. Er spricht von der Menschwerdung Gottes, vom Durchbrechen der Naturgesetze, wie wir sie kennen. Heute wäre der Ort der Geburt ein Abbruchhaus in einer Wohnsiedlung in einem Vorort der Stadt. Die Menschen, welche der Geburt Christi beiwohnen würden wären heute keine Schafhirten sondern Hilfsarbeiter, Fabrikarbeiter, Teilzeitbeschäftigte und Arbeitslose. Der Satz war gerade zu Ende gesprochen als zwei Arbeitslose aus der Stadt mit offener, zerschlissener Jacke und schmutzigem Hemd  in die Kirche kamen, und auf die erste Bank zugingen. Man sah ihnen das unterstandslose Leben und das sie dem Alkohol nicht abgeneigt sind an. Am Kopf trugen sie Tirolerhüte, voll besetzt mit verschiedenen Anstecknadeln. Einer von ihnen hielt krampfhaft eine Billatragtasche umklammert, in der sich eine Schnapsflasche befand. Nachdem sie sich auf der Bank niedergesetzt hatten, nahmen sie daraus  einen Schluck, um dann an der Messfeier teilzunehmen. Sie nahmen die Hüte vom Kopf, standen von der Bank auf, wenn die anderen Kirchenbesucher aufstanden und spendeten etwas für den Klingelbeutel. Sie opferten nach einer kurzen Diskussion, weil für sie war dies ein Opfer das schmerzte. Sie werden am Christtag eine Flasche Bier weniger kaufen können.
 
Während der Messfeier hatte sich einiges getan. Einige Jugendliche hatten die Kirche verlassen, um dort hinzugehen wo sie wirklich feiern wollten. Das Christkind hatte sich durch das Schreien des Baby zu Wort gemeldet und war nicht nur ein Figur im Weihnachtsevangelium. Die festlich gekleideten, in warme Mäntel und Pelzstiefel gehüllten Kirchenbesucher hatten mit dem Auftauchen der Unterstandslosen eine Vorstellung bekommen, welchen Ort und welche Menschen sich der Heiland heute ausgesucht hätte, wenn er wiedergeboren würde. Es wäre nicht die mit Designermöbel ausgestatte Eigentumswohnung mit Fußbodenheizung und mit schöner Fernsicht gewesen. Durch diese Ereignisse ist in  der Christmette das Evangelium sichtbar geworden.
 
Der Pfarrer sprach in der Predigt von der Verwaltung der Bürger, der Kontrolle durch den Staat und von der Erweiterung des Leben durch Christi Geburt. Am Ende der Messfeier, nach dem Absingen von drei Strophen des Liedes „Stille Nacht, Heilige Nacht“ hat der Pfarrer darauf hingewiesen, dass mit dem Opfergeld eine Pfarre im Sudan unterstützt wird. Die Arbeitslosen wünschten dem Herrn Pfarrer noch „Frohe Weihnachten“ und waren sichtbar froh eine Stunde in einem geheiztem Raum verbracht zu haben, bevor sie mangelhaft bekleidet in die sogenannte „Heilige Nacht“, bei minus acht Grad gegangen sind. Vorher haben sie noch einen Schluck aus der Schnapsflasche genommen um sich innerlich und geistig aufzuwärmen.
 
Vielleicht hätte man vom Opfergeld den zwei Mittellosen spontan einen Betrag geben sollen, auch auf die Möglichkeit hin, dass sie es in flüssige Nahrung umsetzen. Ich war am Ende der Messfeier nicht so spontan um ihnen zehn Euro zu geben. Dies ist meiner verzögerten Denkweise zuzuschreiben, ein Geburtsfehler.
Vom Leben in der Kirche.
Aus dem Tagebuch, 24.12.2006
 

ALLEN MEINEN LESERN EIN FRIEDVOLLES WEIHNACHTSFEST.


 Vielen Dank für eure Besuche UND Kommentare in meinem Blog.

BALKAN . GRILL

Dienstag, 02. Oktober 2007
 „Balkan Grill” seit 1950, steht auf einer Werbetafel. Der Balkan hat Tradition in der Salzburger Getreidegasse. Überall viele Menschen, Nonnen, Japanerinnen, Neger, Amerikaner. In der Mitte der Getreidegasse steht ein Mann mit einer Reklametafel für eine Pizzeria in der Sonne, wie am Pranger. Tausend Blicke richten sich beim Vorübergehen auf ihn, einen Aussätzigen. Während des Sitzen vor dem Mozartladen, gegenüber von Mozarts Geburtshaus, kann man die korpulenten Senioren beim BicMäc essen beobachten. In der einen Hand eine Tüte von McDonald, in der Anderen eine Tüte mit Ansichtskarten. In den Schaufenstern liegen Schnapsflaschen, Schirme, TShirt, Bleistifte, Blocks, alles verziert mit einem lächelnden Mozart und Mozartkugeln. Es gibt CDs mit Musik von Mozart, wer hört ihm zu. Der Platz vor dem Mozarthaus wird nie leer, immer wieder strömen Leute nach, der Mozartmenschenfluß, ein Drittel sind Japaner. Die Herbstsonne scheint, die Luft ist mild, es ist Touristenluft keine Altstadtluft. In Salzburg trägt Libro Mozartkugeln. Vor mir hängt ein Plakat von der Olympiabewerbung, ganz Österreich ist im Olympiafieber. Ein künstlich erzeugtes Fieber, wer wird es wieder löschen. In einem Buchladen kaufe ich Tractus Logicus von Ludwig Wittgenstein. Der Verkäufer entschuldigt sich, dass nur ein Buch lagernd ist, ohne Schaudern kassiert er. Die Nonnen lassen in Gottvertrauen ihre Rucksäcke offen, der letzte Schrei ist die Reisetasche für den Stadtbummel. Ein Taschenstand zwischen Pralinenshop, Nordsee, McDonalds und einem alten Gasthof. Alle Videokameras sind auf Mozarts Geburtshaus und die Frau mit dem Kinderwagen gerichtet. Fotoapparate sieht man selten. Mit der Landesfahne in der Hand scharrt eine Reiseleiterin ihre Schäfchen um sich. 
Vor dem Cafe Tomaselli und dem Cafe Fürst findet der Rupertimarkt statt. Im Cafe blättern die Damen in einer Illustrierten und verwöhnen ihren Hund. Mit Nostalgieberufen wie Hutmacher, Töpfer, Buchbinder und Schauhandwerker wie Schneider, Fleischer und Bierbrauer versucht man die Menschen anzuziehen. Inmitten der Menge viele Rollstuhlfahrer, ein Fest für die Augen, wenn die Füße nicht mehr tragen. Vor dem Salzburger Dom dreht sich das Karussell des Vergnügungsparks Gottes, daneben der Kinderspielplatz. Drei japanische Reisegruppen und noch mehr Leute. Der Vergnügungspark und die Bierzelte reichen bis zum Festungsfelsen. Hier steht ein Drehorgelspieler mit einem Affen auf der Schulter und daneben ein Marionettentheater, zwanzig Schilling Eintritt. Im Dom sind Geldsammler mit Büchsen unterwegs, alles wird zur Unterhaltung. Wo sind die Asketen und Mönche, die mit dem Rummel aufräumen. Alles steht unter der Schirmherrschaft vom heiligen Rupertus, vom Brezel  bis zum Bier. Auf einem Tisch steht ein Mann mit gegrätschten Beinen und zeigt allen die vorbeikommen den Vogel. 
Aus dem Tagebuch, 3.10.1997 
 

Kommentar(e)     

Gerhard (2.10.07 18:52)
Man fragt sich bei manchen Altstädten, ob sie noch eine weitere Funktion haben als Touristenhochburgen zu sein.
Wohnen in einer solchen Altstadt wirklich noch Menschen oder wohnen sie nur dort, weil sie am nächsten Morgen aufmachen müssen?
Das ist manchmal die Frage.
weichensteller / Website (4.10.07 00:31)
Bei Balkan stell ich mir wirklich was anderes vor als die Salzburger Altstadt: wenns wenigstens Graz wär, Italien jederzeit, und überhaupt alles nach dem Neusiedlersee.
Balkan ist übrigens eine Lebensweise. Die gibts natürlich auch in Österreich….
Windrider (5.10.07 11:08)
Aber natürlich gibt’s den Balkan auch in Salzburg. Das durfte ich unlängst selbst wieder feststellen, schließlich waren wir in Fuschl am Fuschlsee in Urlaub und von da ist es ja nur ein Katzensprung bis Salzburg. Aufgefallen ist mir allerdings auch die schiere Masse an Japanern und von fast jedem dritten Japaner wurden wir nach dem Mozarthaus gefragt. Daraus ließe sich folgendes schließen: a) die Japaner waren trotz Stadtplan überaus verwirrt und wegen der vielen anderen Japaner nicht in der Lage das Mozarthaus zu finden !?? b) wir sahen aus wie “Einheimische”??! Vielleicht weil wir keinen Fotoapparat dabei hatten ;-) )…?
lieben Gruß Windrider

schlagloch /
Hallo Windrider!
Deine Eindrücke von Salzburg sind taufrisch. Wahrscheinlich stehen vor dem Mozarthaus solche Massen von Japanern, dass die hinteren Reihen das Mozarthaus nicht mehr sehen können. Da erkundigt man sich bei “Einheimischen”, sprich Bayern,
nach dem Weg.
Gruss schlagloch.
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