ver:gessen

Bei der Fahrt mit dem Fahrrad zum Drauradweg fuhr ich lange Zeit an einem desolaten Haus vorbei. Die Fassadenfarbe war längst verblasst, an unzähligen Stellen löste sich der Verputz von der Mauer, die eingeschlagenen Fensterscheiben wurden durch Holzbretter ersetzt. Aus der kaputten Dachrinne floss das Regenwasser über die Hauswand, die Grünflächen rund um das Gebäude verwilderten. Das kleine Vordach über der Eingangstür befand sich in Schieflage, an einem Ende hing es noch an einem Eisenwinkel.

Die Bewohnerin des Hauses, eine Dame von über neunzig Jahren befand sich nach einem angeblichen medizinischen Kunstfehler, seit über einem Jahrzehnt in der Geriatrie des Landeskrankenhauses. Das Haus dümpelte, weil sanierungsbedürftig, von niemandem begehrt, vor sich hin. Bei den Verlautbarungen in der Völkendorfer Kirche habe ich erfahren, dass die Besitzerin verstorben sei. Es verging kein Monat, ein Bagger rückte an und machte das Haus dem Erdboden gleich. Nach einem Jahr breitet sich über das ganze Grundstück eine grüne Wiese aus. Nichts erinnert daran, dass hier einmal eine Stadtvilla gestanden ist. Wer aufmerksam durch die Millesistraße flaniert sieht an der Betonsäule beim Gartenzaun, wo vormals das Gartentor befestigt war, die Hausklingel mit dem Namen der Besitzerin.

Übersehen.

meer:emotion

Von welchen Empfindungen werde ich erfasst, spaziere ich von der St. Georgskirche, die über den Dächern von Piran thront, den Wanderweg hinunter in die Bucht von Fiesa? Dabei lohnt es sich an verschiedenen Stellen inne zuhalten, zu verweilen. Einen Moment oder eine gefühlte Ewigkeit auf das Ufer mit seinen Felsblöcken zu schauen, auf die Vor- und Rückwärtsbewegungen der Wellen. In Fiesa kommt man dem Meer ganz nahe, es lässt den Wanderer an jeder seiner Regungen teilhaben. Wie viel Entspannung tut einem gut, als Vorbereitung auf das Ewige Leben im Schlagloch der Erinnerungen.

Das Meer drängt nicht zur Eile. Es läuft nicht davon, es rinnt nicht aus, obwohl es dazu die Möglichkeit hätte. Es ist mit der Erde nicht fest verbunden. Anders als die Gräser, die Sträucher und die Bäume, die mit den Wurzeln tief in der Erde verwachsen sind. Das Wasser könnte überall hinfließen und erst recht von einer Kugel müsste das Wasser abtropfen. In einem Strom in den Weltraum abfließen. Schüttet man eine Kanne Wasser auf einem Schotterweg aus, dann bahnt es sich eine Rinne, auf der es abfließt. Wird ein Wasserkübel auf einem Holzboden ausgeleert, dann verschwindet es urplötzlich in einem Spalt, der vormals nicht hier war.

Für das Anhaften des Wassers auf der Erdoberfläche gibt es eine physikalische Erklärung, wir wissen um die Erdanziehungskraft. Wir haben eine physikalische Antwort aber keine Emotionale. Ähnliches erleben wir bei anderen physikalischen oder technischen Fragen. Wir brauchen mehr emotionale Antworten statt nüchterne Physik und Technik. Die Biologie ist dem Emotionalen schon näher. Manchen natürlichen Dingen fühlen wir uns gefühlsmäßig verbunden, ich denke an Feuer und Wasser, den Mond und den Sternen.

Vernunft

literatur:archiv II

Kommt das Nachlassmaterial in die Hände von Archivaren, so sind diese zumeist von der Fülle der Hinterlassenschaft überfordert. Sie sind gezwungen nach besten Wissen und Gewissen, zum Teil auch aus eigenem Gutdünken, sich von verschiedenen Archivalien zu trennen, Kassation. Auch die ausgeschiedenen Papiere werden im Register vermerkt. Während des Nachmittages stellt mein Verstand die Frage, wie schaffe ich die Brücke? Hier diskutieren wir darüber, wie verändert neues Archivmaterial den Blick auf die Vergangenheit, gleichzeitig tobt in anderen Städten der Terror und es passiert ein Mord. Anderswo sind Menschen von Hunger und Jobverlust bedroht, wir diskutieren über die Farbe der Archivschachtel. In Linz befindet sich Österreichs größte Kirche, der Mariendom. Im Ausland, aber auch unter Österreichern sind der Stephansdom und der Salzburgerdom bekannter.

Symptomatisch wie unwirtlich die Zustände in Archiven sein können, war auch das Wetter während der Symposiumstage. Es gab einen Wintereinbruch. Die Berge um Linz, für Kärntner sind es Hügel, waren mit frischem Schnee bedeckt, zwischendurch gab es in der Stadt wildes Schneetreiben. Bei der abendlichen Stadtführung herrschte an der Donau und am Hauptplatz ein eisiger Wind. So sitze ich danach dankbar in der Kaiser Königlichen Hofbäckerei zum Aufwärmen. Meinem Gefühl nach der einzige warme Ort in der Stadt und zudem ein Cafe der alten Wiener Tradition mit einem historischem Ambiente. Zum Cappuccino gönne ich mir ein Stück Linzertorte. Innerhalb weniger Minuten wird die Bedienung, in diesem Altwienerambiente kann man das Fräulein sagen, nach einer kleinformatigen Tageszeitung gefragt. Zu ihrem Bedauern wurde dieses Massenblatt heute nicht zugestellt. Ein Stammkunde  greift nach einer Ersatzzeitung und trennt dort die Sportseite mit dem Bericht über eine Motorradveranstaltung heraus, trotz des Protestes des Fräuleins. Seine Begründung war einfach und genial, er sammelt Fotos von Motorrädern. Seine Motorik war etwas eingeschränkt und dies verschaffte ihm eine gewisse Freiheit, die wir nie in Anspruch nehmen würden. So ungeniert verhalten sich nur Kinder, wenn sie nicht vorher gebändigt wurden, oder sogenannte eingeschränkte Personen, um keine Diskriminierung aufkommen zu lassen.

Provenienz.

literatur:archiv I

Denke ich an das Symposium  „Archive für Literatur. Der Nachlass und seine Ordnungen“ im April  in Linz  zurück, so sind es zuallererst die interessanten, aber teilweise auch aberwitzigen Vorträge und Aussagen. Vor allem die undurchsichtigen, nicht steuerbaren Vorgänge, welche sich in den Archiven abspielen. Dabei war hauptsächlich von den Nachlässen der Schriftsteller­_innen die Rede, teilweise auch vom Staatsarchiv. Wer annimmt, man könnte an Hand der Archivmaterialien die Arbeitsweise eines Schriftsteller nachvollziehen, der übersieht dabei die Struktur der inneren Macht, die inneren Prozesse, die in einem Archiv ablaufen. Es beginnt damit, dass von den Nachlass Verwaltern, den Erben, die vorhandenen Briefe, Urkunden, und Manuskripte  sortiert werden. Dabei werden eventuelle Unterlagen die ein schräges Bild auf den Verstorbenen werfen könnten, schon einmal vorsorglich aussortiert. Zumeist werden diese Unterlagen nicht vernichtet, sondern nur zurückgehalten. Dies erklärt auch das Phänomen, dass Jahrzehnte später plötzlich neue Fakten über Politiker, Schauspieler, Künstler und Literaten auftauchen. Von Anna Freud ist bekannt, dass sie viele Briefe ihres Vaters lange Zeit unterdrückt hat. Dies ist ein Akt des Verbiegens.

Die Schriftsteller befinden sich in guter Gesellschaft, da wir von Johann Wolfgang von Goethe wissen, dass er selbst mit der Archivierung seiner umfangreichen Schriften begonnen hat. Die klassische Archivbox war noch nicht erfunden. Goethe verwahrte Manuskriptseiten, Notizen, Entwürfe und vieles mehr in Papiersäcken auf.

Goethe schreibt am 10. Januar 1798 an Schiller: „Indessen habe ich in diesen farb- und freudlosen Stunden die „Farben“ wieder vorgenommen und um das, was ich bisher getan recht zu übersehen, in meinen Papieren Ordnung gemacht. Ich hatte nämlich von Anfang Acten geführt und dadurch sowohl meine richtigen Schritte, besonders aber alle Versuche, Erfahrung und Einfälle conservirt; nun habe ich diese Volumina auseinandergetrennt, Papiersäcke machen lassen, diese nach einem gewissen Schema rubricirt und alles hineingesteckt.“

Kassation