schnecken:tempo I

Beim Schmökern in meinem ersten Buch „Alles Schlagloch“ habe ich den Eindruck, dass vieles nicht aus der Mode gekommen ist. Die Veröffentlichung des Buches liegt über zehn Jahre zurück. Manche Einträge erscheinen mir heute erst aktuell, wenn man mit aktuell einen Gedanken bezeichnet, über den es sich lohnt nachzudenken. In der aktuellen Literaturszene  wird man zuallerst danach beurteilt, was man zuletzt veröffentlicht hat. Hierbei unterscheidet sich das Buchgeschäft, aber auch die Literaturvermittlung, nicht von einer Modeboutique im Einkaufszentrum Atrio. Es zählt nur die aktuellste Mode. In einem Handy- oder Fotoshop sind nur das neueste Handy und die neueste Kamera interessant. In Kürze ist es soweit, dann nähert sich die Literaturvermittlung der Kurzlebigkeit einer Tageszeitung. Die Aktualität eines Buches wird dieselbe Verfallszeit haben wie eine Zeitung, gerade einmal vierundzwanzig Stunden. Die Sinnhaftigkeit des aktuellen Literaturbetriebes stelle ich in Frage, er gleicht einem Eventbetrieb.

Die Tageszeitungen graben sich ihr eigenes Grab oder wie man in Kärnten umgangssprachlich sagt, schaufeln sich ihr eigenes Grob. Sie werben massiv dafür, dass die aktuellsten Meldungen im Internet zu finden sind. Mir ergeht es so, finde ich in meinem Zeitungsarchiv einen Artikel der zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahre auf den Buckel hat, finde ich diese Seiten interessanter als die Abendausgabe der Tagespresse. Darin lese ich mit Aufmerksamkeit, weil ich feststellen kann, trifft der Inhalt heute noch zu?  Was ist von den versprochenen Ankündigungen eingetroffen und wie habe ich damals diese Situation beurteilt? Artikel aus der Vergangenheit schätze ich sehr. Einem aktuellen Zeitungsartikel kann man innerlich widersprechen oder eine andere Sichtweise einnehmen. Bei Ansagen zur Zukunft lässt sich kaum widersprechen, auf keinen Fall das Gegenteil beweisen, dies wäre vom menschlichen Verstand aus nicht möglich.

Archivar

meer:busen

Bei einer Schiffsreise las ich in der Bordzeitung, in den Navigationsangaben vom Kapitän, erstmals das Wort Meerbusen. Im konkreten Fall war es der Finnische Meerbusen. Dabei bildeten sich verschiedene Vorstellungen in meinem Kopf. Meerbusen kann ich am ehesten mit einer Meeresgöttin in Verbindung  bringen. In der Antike waren dies Schönheiten und bekannt für ihre Verführungskünste. Dazu kam der Nimbus der Meerjungfrauen, in der Männerwelt der Seefahrer eine besondere Vorstellung, die Begierden weckten. Von alldem dürfte etwas in die Bezeichnung Finnischer Meerbusen eingeflossen sein. Die Form der Küste dürfte einem weiblichen Busen ähnlich sein. Es liegt nahe den Gedanken weiterzuspinnen, diesmal an der Küste der oberen Adria in Portoroz. Auch ein sinnlicher Name, der Name der Rose, welcher vielerorts mit dem Duft der Weiblichkeit und der Anmut einer Frauengestalt in Zusammenhang gebracht wird.

In der Lagune vom Histronhotel gibt es einige Cafés, in einem arbeitet eine junge Kellnerin mit einem fröhlichen Gesicht und stets zu einem Scherz aufgelegt. Bei ihr kostet der Cappuccino € 1.20, im in Sichtweite gelegenen Grand Café, € 2.40. Man muss festhalten, dass sich das Grand Café in einem fünf Sterne Hotel befindet und man von der Terrasse einen atemberaubenden Blick auf die Bucht von Portoroz und Piran hat. Durch die an den Felsen angelehnte Bauweise des Bernardinhotel entsteht in einem das Gefühl, egal in welchem Stockwerk man sich gerade befindet, dass einem das Meer zu Füßen liegt. An schönen Frühlingstagen kann man hier beobachten, wie sich die Nussschalen, Miniboote mit einem  weißen dreieckigen Segel, zu Dutzenden auf der Wasseroberfläche mit den Winden aus verschiedenen Richtungen auseinandersetzen. Wenn dazu die Sonnenstrahlen sich auf dem Meer spiegeln und von der Uferpromenade ferne Stimmen kommen, da lohnt es sich den doppelten Preis für einen Cappuccino zu bezahlen.

Anderseits stelle ich fest, dass im Café, in der Lagune vom Histronhotel, sich der Ausblick auch lohnt. Hier bekommt der Begriff Finnischer Meerbusen eine andere Bedeutung. Diesmal ist es der Blick auf einen prallen, straffen Busen einer jungen Kellnerin, der sich aus dem schwarzen Shirt wölbt. Dazu kommt das spontane und unverbrauchte Lachen. Ich kann es nicht objektiv beurteilen, aber mir scheint, der Cremoro Cafe, welcher hier serviert wird, ist schmackhafter als der Illy Cafe des Grandcafes. Diese körperliche Ansicht und jugendliche Frische findet man auf der Terrasse des Grands Café nicht. So gilt es beim Cappuccino trinken abzuwägen, zwischen der Terrasse im zehnten Stock des Grandhotels mit dem Meer zu Füßen und dem Blick auf den Finnischen Meerbusen.

Land in Sicht.

milch:bauer

Meine Reaktion auf den Bericht Das Vieh und der liebe Bauer : 

„Mit einem gewissen Schmunzeln habe ich von den Forschungsergebnissen der Verhaltensbiologin Stephanie Lürzel gelesen. Seit fünf Jahren widmet sie sich der Wohlergehensforschung, in ihrem Fall der Mensch-Kuh-Beziehung. Ihr bisherigen Ergebnisse sind in Kürze zusammengefasst: Kühe, die gestreichelt werden, wachsen schneller, geben mehr Milch und sind weniger aggressiv.

Dazu meine persönliche Erfahrung. Ich bin auf einem Bauernhof in Politzen, im mittleren Drautal, in den sechziger und siebziger Jahren großgeworden. Die ersten fünfundzwanzig Jahre habe ich in der elterlichen Landwirtschaft, Milchwirtschaft und Viehzucht, mitgearbeitet. Dies, was Frau Lürzel in fünfjähriger Forschungstätigkeit erforscht hat, wurde dort von einer Generation zur Nächsten weitergegeben. Sowohl bei uns, als auch bei den Nachbarn. Es war selbstverständlich, dass man die Kühe, und damals trugen sie noch Hörner, liebevoll behandelt hat. Wann immer man mit den Kühen Kontakt hatte, im Stall beim Füttern und beim Melken, auf der Weide um Nachschau zu halten, sie wurden gestreichelt. Es war Usus, dass wir die Kühe beim Melken vorher mit ihrem Namen angesprochen haben und mehrmals über den Rücken gestreichelt und am Hals gekrault haben. Schon damals im Bewusstsein, dass durch diese Zuwendungen die Kühe lieber und mehr Milch geben. Diese Zuwendung wurde auch beibehalten, als eine elektrische Melkanlage installiert wurde. Die Kälber hatten während der Aufzucht den Status wie der Hofhund.

Ich glaube nicht, dass sich bei den heutigen Bauern die Umgangsweise mit den Kühen geändert hat. Ich würde dem Team der Ved-Med-Uni Wien nahelegen, auch Feldforschung bei Landwirten zu betreiben. Sie könnten dort Ergänzendes, weil Anderes erheben.

Weibelen, gosch, gosch.

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