ver:kehrt I

Leben wir in einer verkehrten Welt?  In einer Fachzeitschrift für Psychologie lese ich, dass die guten Menschen, Menschen mit guten Absichten, im Alltag in den meisten Fällen bei einem Konflikt den bösen Menschen unterliegen. Das bedeutet, dass sich zumeist diejenigen, welche im Garten ohne Rücksicht auf die Nachbarn lauthals am Wochenende ein Spanferkel grillen, behaupten können. Zumeist breiten sich diese Gerüche über ein ganzes Viertel aus und setzen sich in den Zimmern und Wohnungen der Anrainer fest. Die Verursacher triumphieren über alle anderen Nachbarn. Dazu eingeladen ist das breite Spektrum der Verwandtschaft, die bei fortgeschrittener Zeit sich in  lautstarke Auseinandersetzungen verbeißt, teilweise bei einem Handgemenge in den Haaren liegen.

Was nützen behördliche Anweisungen und Anrainerwünsche, dass sie sich an ortsübliche  Regeln halten soll, wenn die Feier weit nach Mitternacht dauert. Zumeist stoßen verschiedene Wohn- und Lebensvorstellungen aufeinander. Bedürfnisse der neu Hinzugezogenen können sich diametral von den Ansässigen unterscheiden. So nützt es wenig, wenn man in freundlicher Weise mit den neuen Nachbarn redet. Sie verwechseln ihre Mietwohnung mit Gartenanteil mit einem Haus am Waldes- oder Ortsrand. Die Reaktion der Angesprochenen besteht darin, dass sie darauf pochen in ihrem Garten tun und lassen zu können, was sie wollen. Sie anerkennen keine Hausordnung. Dazu kommt der Einwand, man könne nicht so gut deutsch und habe manches im Mietvertrag nicht verstanden.

Nix vasteahn.

tage:gesund II

Beim Messestand der Kärntnermilch wurden Kostproben der Biowiesenmilch und Biojoghurt angeboten. Der Name Biowiesenmilch machte mich stutzig, weil in meinem bäuerlichen Kopf Wiese, Kühe und Milch eine Einheit bilden. Worin sollte die Steigerung Bio bestehen? Ich fragte die aufgestylte  Dame, man könnte sagen Marketingfrau danach, was ein Bauer für ein Liter Milch von der Kärntenmilch  bekommt? Die Dame war im ersten Moment etwas überrascht, konnte sie aber beantworten. Nach ihrem Wissen bekommt ein Landwirt für ein Liter Biomilch  siebenunddreißig Cent und für ein Liter Normalmilch zweiunddreißig Cent. Dabei betonte sie, diese Preise gelten bei der Lieferung von Spitzenqualität. Heute werde jeder angelieferte Liter Milch auf seine Qualität überprüft. Meine Recherche, was ein Liter Milch bei einem österreichweit tätigen Lebensmittelhändler kostet, ergab folgendes: Ein Liter Bergbauern Heumilch wurde um € 1.09  und ein Liter Vollmilch um 85 Cent angeboten. Dies zum Vergleich.

Bei der Aussage, dass heute jeder Liter Milch im Molkereilabor analysiert wird, hackte ich ein. Ich erwähnte, dass ich in meiner Jugend unsere Kuhmilch in einer Kanne, auf dem Rücken, früh morgens von Politzen zur Sammelstelle Beinten, in das Tal gebracht habe. Hier versah die Walderkathl ihren Dienst. Dort wurden die Liter gemessen und die Qualität der Milch von ihr händisch  kontrolliert. Dies geschah, indem die Walderkathl ihren Zeigefinger in die angelieferte Milch steckte und im Mund abschleckte. Damit erhielt sie ein zweifaches Analyseergebnis, zum einem ob die Milch frisch und zum anderem ob die Milch nicht verwässert war. Die Kathl war das lebende Milchlabor in den sechziger Jahren. Meine Anekdote hat die Businessfrau mit einer Handbewegung zur Seite geschoben. Dies ist eine Ewigkeit her. Dies würde bedeuten, dass die heutigen Sechzigjährigen schon eine Ewigkeit auf der Welt sind und je nach Blickwinkel reif für die Ewigkeit sind. Ist dies der Fortschritt in der Zeitwahrnehmung, dass alles was dreißig oder fünfzig Jahre zurückliegt schon zur Ewigkeit zählt? Beginnt die neue Ewigkeit schon nach dreißig oder fünfzig Jahren?

Sonnseite

tage:gesund I

Bei den Villacher Gesundheitstagen 2017 gab es eine Fülle von Vorträgen wie: Volksleiden Gelenkschmerzen; Wasser ist Gesundheit; Zahnschmerz muss nicht sein; um nur einige zu nennen. Dazu zahlreiche Austeller aus der Gesundheitswelt. Diese waren so raffiniert platziert, dass, wollte man einen der kostenlosen Vorträge besuchen, man sich an allen Ausstellern vorbei wurschteln musste. Im Ausstellerschlauch konnte man den Augen der Verkäufer nicht entgehen. Bei den meisten Infoständen, sei es das Rotes Kreuz, bei dem Stand für Hör- und Sehtest, beim Stand von der Hauskrankenhilfe und den Seniorenheimen, dem Kneippverein und den Gesundheitsliegen, überall fanden sich gut platzierte Lockartikel zum Zugreifen: Traubenzucker, Bonbons, Kugelschreiber und Torten.

Auffallend war, dass die Torten am Rotkreuzstand kaum Abnehmer gefunden haben. Meines Erachtens hatte der aktuelle ORF Schwerpunkt „Süße Verführung“ einiges bewirkt. Mit diesem Infoschwerpunkt wollte der ORF auf die Gefahren von zu viel Zucker bei der Nahrungsaufnahme hinweisen. Vor allem darüber informieren, wo in den Lebensmitteln überall Zucker enthalten ist. Bei Zucker denken die meisten an den Zucker pur, eventuell an den Zucker in Limonaden, Eis oder Süßspeisen. Wer weiß schon, dass in vielen Wurstwaren, Gewürzen und Teigwaren Zusätze von Zucker enthalten sind? Kaum jemand traute sich öffentlich eine Mehlspeise zu nehmen. Selbst eingefleischte Tortenfans lehnten in dieser Woche das Angebot einer Mehlspeise entrüstet ab. Sie sahen dies als eine Konfrontation mit dem Bösen, ähnlich einem Gleichnis in der Bibel.  Dabei versuchte der Teufel Jesus nach vierzig Fastentagen mit Leibspeisen, Gold und Ländereien zu verführen. Jesus lehnte alles kategorisch ab und verjagt den Teufel mit dem Ausruf: Weiche von mir Satan.

Nach Auskunft eines Konditors ist der Tortenabsatz in der Zeit des ORF Schwerpunktes, Süße Verführung, seiner Beobachtung nach um dreißig Prozent zurückgegangen. Vor allem Pensionisten lehnten nach Bestellung eines Cappuccinos die Frage nach einer Mehlspeise strikt ab. Bei den Senioren stehen Fernsehdokumentationen zur Gesundheit und zur gesunden Ernährung hoch im Kurs. Darüber wird dann bei einem Kaffeekränzchen oder beim Gedächtnistraining viel diskutiert. Selbst im Kreis der Gesundheitsapostelinnen fragt man sich, was darf und was soll man essen, ohne gesundheitliche Schäden zu riskieren? So wird unser reichliches Nahrungsangebot, um das uns zwei Drittel der Menschheit beneiden, zum Problem.

Sachertorte

warte:zimmer II

Ich will die Wartezeit nicht vergeuden, sondern sinnvoll gestalten, etwas Nützliches für andere oder für mich tun. Mich nicht dem Gerede über die Krankheiten anschließen, in diesem Fall über die Todesarten. Wie bei einem die Krankheit verläuft, wenn sie auch denselben Sammelbegriff hat, wie Husten, Gallensteine oder Gastritis, ist unterschiedlich. Es gibt viele Grautöne und bei jedem können sich die Beschwerden anders auswirken. Wir sprechen alle von dem einem Sterben, so wird das Sterben, denke ich, ganz verschieden sein. Jede Krankheit ist etwas individuelles, so ist auch der Tod etwas Individuelles. Martin Luther wird der Satz zugeordnet: Wenn er morgen sterben müsste, würde er noch heute einen Apfelbaum pflanzen. Heuer, im Lutherjahr wurde definitiv erklärt, dieser Ausspruch stamme keinesfalls von Luther.

In diesem Zusammenhang darf man sich nicht wundern, dass Menschen die sich im Wartezimmer des Sensenmannes befinden, manches Mal die Geduld verlieren. Sei es bei einem Projekt welches sie beginnen möchten oder wenn sie wegen ihrer Erfahrung zu einem Projekt eingeladen werden. Aus ihrer Erfahrung und ihrem Wissen heraus, nicht aus ihrer Kraft heraus, sehen sie, dass für manche Details keine Zeit vorhanden ist. Die nebensächlichen Details möchten sie gerne überspringen. Einerlei ob man Zeit seines Lebens oft oder eher selten in einem Wartezimmer eines Allgemeinmediziners gesessen ist, dem letzten Wartezimmer entgeht niemand. Es gibt keinen Umweg. Die Dankbarkeit gehört dafür, dass man in das Sprechzimmer des Todes nicht gestoßen wird, sondern langsam darauf zugeht.

Tag der offenen Tür

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