glück:spiel II

Eltern, die abends mit Klein- oder Schulkindern in der Fußgängerzone von Bibione unterwegs sind, müssen vor allem standhaft sein und Nein sagen können. Jeder dritte oder fünfte Laden ist ein Spielsalon für Jugendliche. Die  Sala Gioca sind mit ihren blinkenden, glitzernden und akustischen Reizen ein Magnet für Kinder. Die Auswahl an Automaten ist groß, mit viel Elektronik, aber  mit wenigen Gewinnchancen. Bären, Puppen oder tolle Uhren, alles sehr verlockend. Zumeist glaubt man einen tollen Sachpreis mit dem Greifarm erfasst zu haben, dann entwischt das Glück  im letzten Moment. Der nächste Versuch gelingt bestimmt, alles was es dafür braucht ist ein neuer Jeton von Mama. Bei einem Blick in die Spielsalons kann ich beobachten mit welchem Ehrgeiz und Verbissenheit die Kids dem Glück nachjagen. Dabei werde ich etwas nachdenklich. Lebt diese Spielleidenschaft in späteren Jahren wieder auf, wenn sie selbst einmal über Geld verfügen? Oder ist dies ein kindlicher Hype, der in Vergessenheit gerät? Wer im allabendlichen Flanieren, besser gesagt im Gewühl noch das Gefühl hat, zu kurz gekommen zu sein, der findet am Strand in eigenen Spaßzelten Unterhaltung bis in die frühen Morgenstunden.

In den Badeorten von Oberitalien sind viele Kleiderläden, um nicht zu sagen Fetzenläden, Schuhläden und die Habenallesläden, fest in chinesischer Hand. Die neue Händlergeneration in den italienischen Tourismusorten kommt aus dem Fernen Osten. Dieser Trend setzt sich auch bei den Kebab und den Schnellimbissstandln fort.  Der Trend macht auch nicht vor Touristen Hochburgen wie Venedig halt. Auch dort haben sich die bei uns üblichen Ein Euro Shop etabliert. Nippes, Figuren aus Muranoglas, Made in China, gibt es hier für zwei bis drei Euro. Die Orginalfiguren aus Murano  erhält man für dreißig bis fünfzig Euro. Die Realitäten verschieben sich bisweilen radikal.

Zero

glück:spiel I

In den Badeorten an der oberen Adria spielt sich das Leben in den Abendstunden im Zentrum  ab. In Bibione, um einen beliebten Badeort stellvertretend für andere zu nennen, verwandelt sich die Hauptstraße abends in eine Flaniermeile. Die Spoiler in der Fahrbahn werden aktiviert und ab zwanzig Uhr wird dadurch eine tagsüber befahrbare Straße in eine Fußgängerzone verwandelt. In dieser gibt es eine nicht enden wollende  Kette von Pizzeria, Cafés, Bars, Textilläden, Schmuckgeschäften, Taschen- und Schuhboutiquen,  Kebab und Schnellimbissbuden, Spielhallen und Strandutensilien Kioske. Nach Aussage der Partnerin bewegen sich in der Fußgängerzone mehr Menschen als auf der Fifth Avenue in New York. Beim Spazierengehen befinde ich mich in meinem Element, ich kann dabei viel beobachten. Wie ein Fotograf suche ich nach dem Außergewöhnlichen. Gibt es auch soundso viele  Fotos von einer Fliege, so schätzt der Fotograf, dass seine Aufnahme von der Fliege einmalig sein wird. Ähnlich geht es mir, dass ich mir zugestehe, dass ich mit einmaligen Beobachtungen und Beschreibungen aufwarten kann. Für mich wesentlich ist, diese Beobachtung zu erweitern. Dies bedeutet im Kopf die Eindrücke kurz zuschließen, im Gedächtnis nach Verbindungen zu suchen, welche schon lange zurückliegen. Das Flanieren gerät zu einem Spagat zwischen Wachsam sein und Loslassen.

Wie in italienischen Touristenorten üblich finden sich zwischen zwanzig und vierundzwanzig Uhr sehr viele Kinder, vom  Kleinkind bis zum Jugendlichen, alles auf der Straße. Sie spielen auf den Plätzen mit einem Ball oder Fangen, und benützen den Kinderwagen ihrer Geschwister als Hindernis. Müdigkeit ist Kindern fremd, müde sind die Bustouristen, zumeist Senioren. Fühlen sie sich unbeobachtet sinken sie, auf einer Bank sitzend, in sich zusammen oder stützen sich auf einen Stock. Seit das Nordic Walking zu den Trendsportarten zählt, sieht man bei den Rentner weniger Krücken, dafür stützen sie sich auf die trendigen Nordic Walkingstöcke. Inmitten des Besucherstromes posieren fahrende Verkäufer, die zumeist nur einen Artikel anbieten, am Abend etwas mit einem Leuchteffekt. Einen Fallschirmspringer oder ein UFO die blickend zur Erde schweben oder die leuchtenden Finger Spinner. Gefragt ist auch der Spaziergang mit Hund, dieser verschafft bei entsprechender Größe, eine sogenannte Rettungsgasse. Je nach Gewühl einen Ansprechpartner.

Gassi gehen.

vorder:berg

„Hier ist die Welt noch in Ordnung“, denkt man sich als Besucher, Wanderer oder Radfahrer, wenn  man in einen Ort ankommt der überschaubar ist. So empfinde ich, sitze ich auf der Bank vor der Totenhalle in Vorderberg. Eine Rastpause, auf der Fahrt mit dem Fahrrad von Hermagor nach Villach. Die Felder sind abgeerntet, die Konturen der gegenüberliegenden Berge sind auch im Licht der Sonne nicht mehr so scharf. Der Ortsfriedhof eignet sich für einen Spaziergang, Mama mit ihrem Sohn. Der Dreijährige, mit Sturzhelm, tritt mit dem Roller nebenher. Für alle Fälle führt die Oma den Kinderwagen mit. Gemeinsam besuchen sie das Grab des Opas. Ein Arbeitsteam errichtet gerade einen Grabstein. Es ist so warm, dass einer von ihnen mit nacktem Oberkörper arbeitet.

In der Nähe vom Friedhof befindet sich das Paradies, ein Kunstprojekt von Cornelius Kolig. Paradies und Friedhof liegen hier und im Alltag nahe beinander. Vom Wald kommt das Kreischen einer Motorsäge, von der Straße das Tuckern eines Motorrades. Fahr nicht fort, kauf im Ort. Mit diesem Spruch auf der Fensterscheibe wirbt der Tante Emma Laden am Dorfplatzl um Kunden. Im Dorfladen ist auch eine Gaststube integriert. Beim Zahlen ist Zeit für den Dorftratsch, für lebenswichtige Fragen: „Was wirst du heute Kochen“?,  „Spaghetti mit Fleischsoße“. Vor dem Geschäft die Dorflinde, von Sitzbänken umzäunt. Beim Kirchtag der Platz für den Lindentanz. Bei der Lindenwirtin ist kein Zimmer mehr frei.

Dem Obahuba an Tusch…