ver:kehrt II

Zumeist resignieren die Mitbewohner vor dem lautstarken Auftreten der Zugezogenen und räumen ihnen kleine Vergünstigungen ein. Sei es ein kleiner Abstellraum oder ein mehr an Kellerabteil. Nach einem Monat kommt der Anspruch, der ganze Keller gehört nur einer Familie. Bei aller Nachsicht, ist man gut beraten, wenn man darauf besteht, dass sich auch Menschen aus anderen Volksgruppen die Regeln der Mehrheit einhalten. Ein Miteinander wird wahrscheinlich nur dann funktionieren wenn es gemeinsame Vereinbarungen gibt und nicht einfach der Aggressivere das Sagen hat. Bemüht sich ein einfühlsamer Mensch um einen Ausgleich, hat es zudem für ihn den Nachteil, dass er zumeist einige Tage darüber grübelt, wie Konflikte auf friedliche Art, nachbarschaftlich, gelöst werden können. Ungelöste Konflikte auch in die Träume einfließen und die Nachtruhe beeinträchtigen. Wahrscheinlich leidet er mehr darunter, als derjenige welcher die Übertretungen begangen hat.

Eine verkehrte Situation ist, wenn im Regionalexpress von Wiener Neustadt nach Vorau bei sommerlichen Temperaturen die Klimaanlage ausfällt. Zuerst vertröstet man sich, wenn der Zug in Fahrt kommt, dann wird sich die Klimaanlage schon aktivieren. Umgekehrt, nach einer Viertelstunde wird es im Abteil immer heißer. Bis jetzt, versichert mir eine Zugnachbarin, sie fahre regelmäßig mit diesem Zug, hat es noch keinen Ausfall der Klimaanlage gegeben. Auch in den Nahverkehrszügen ist laut ÖBB freies W-LAN verfügbar, die Klima funktioniert nicht. Während der Fahrt öffnet die Nachbarin eine Tragtasche und entnimmt dieser einen Karton mit einem Elektrogerät. Insgeheim habe ich gehofft, es könnte sich um einen Ventilator handeln, Steckdosen wären vorhanden. Stattdessen packt die Nachbarin einen mehrstufigen Föhn aus.

ver:kehrt I

Leben wir in einer verkehrten Welt?  In einer Fachzeitschrift für Psychologie lese ich, dass die guten Menschen, Menschen mit guten Absichten, im Alltag in den meisten Fällen bei einem Konflikt den bösen Menschen unterliegen. Das bedeutet, dass sich zumeist diejenigen, welche im Garten ohne Rücksicht auf die Nachbarn lauthals am Wochenende ein Spanferkel grillen, behaupten können. Zumeist breiten sich diese Gerüche über ein ganzes Viertel aus und setzen sich in den Zimmern und Wohnungen der Anrainer fest. Die Verursacher triumphieren über alle anderen Nachbarn. Dazu eingeladen ist das breite Spektrum der Verwandtschaft, die bei fortgeschrittener Zeit sich in  lautstarke Auseinandersetzungen verbeißt, teilweise bei einem Handgemenge in den Haaren liegen.

Was nützen behördliche Anweisungen und Anrainerwünsche, dass sie sich an ortsübliche  Regeln halten soll, wenn die Feier weit nach Mitternacht dauert. Zumeist stoßen verschiedene Wohn- und Lebensvorstellungen aufeinander. Bedürfnisse der neu Hinzugezogenen können sich diametral von den Ansässigen unterscheiden. So nützt es wenig, wenn man in freundlicher Weise mit den neuen Nachbarn redet. Sie verwechseln ihre Mietwohnung mit Gartenanteil mit einem Haus am Waldes- oder Ortsrand. Die Reaktion der Angesprochenen besteht darin, dass sie darauf pochen in ihrem Garten tun und lassen zu können, was sie wollen. Sie anerkennen keine Hausordnung. Dazu kommt der Einwand, man könne nicht so gut deutsch und habe manches im Mietvertrag nicht verstanden.

Nix vasteahn.

ra(n)d:notiz

Am Rastplatz beim Villacher Wasserkraftwerk ist ein Hermagorer Bildhauer mit einer Brunnenskulptur präsent. Seit Jahren muss ich feststellen, dass der Skulptur das Wasser abgedreht wurde. Es gibt keinen traurigeren Anblick, als wenn eine Wasserskulptur ohne Wasser dahinvegetieren muss. Dabei ist Wasser im riesengroßen Stausee zum Greifen nahe. Der Rastplatz, als Erholungsstätte an der Drau geplant, ist durch Vandalismus  zum größten Teil zerstört worden. Von der Plexiüberdachung der Sitzbänke ist nicht viel übrig, bei den Bänken fehlen einzelne Bretter, der Papierkorb ist abmontiert. Rund um die Marmorskulptur ist ein Baugitter aufgestellt. Die wasserlose Skulptur und der zerstörte Ruheplatz ergänzen einander.

Wasserreich.

fleisch:weihe

Es sind gerade zehn Tage vergangen, da drehte sich zwischen den arrangierten Frühlingsblumen vor dem Villacher Rathaus, die Kindereisenbahn. Rund um die Stadtpfarrkirche reihten sich Standln mit Kunsthandwerk und Dekoartikeln, Eine an das Andere. Dazwischen gab es welche mit dem Versprechen, alles für die Kärntner Osterjause. Damit gemeint sind gekochter Speck und Schinken, Rippalan und Hauswürste, Eier und zum Würzen die Krenwurzen. Dies alles bekommt den richtigen Geschmack durch den Segen von Oben. An allen Ecken findet am Karsamstag die Speisenweihe, in Kärnten kurz Fleischweihe genannt, statt. Massenhaft strömen Junge und Alte zu den Weihepunkten, seien dies Kapellen, Marterln, Wegkreuze oder ganz profan der Gastgarten eines Wirtshauses. Die Osterspeisen werden mit bestickten Deckerln zugedeckt, obligatorisch zeigt man kein nacktes Fleisch. Die Weiheträgerinnen kommen mit tief ausgeschnittenen Dirndlkleidern und zeigen den üppigen Busen, einmal wohlgeformt, ein andermal weniger straff, Shirts bauchnabelfrei. Hierher strömen Burschen mit Tätowierungen am Hals und Unterarm, in der Hand den Weihekorb mit einer traditionell gestickten Decke „IHS“. Ehepaare schieben einen Kinderwagen vor sich her, die Sportlichen kommen mit dem Fahrrad und am Gepäckträger die Osterjause.

Bevor der Pfarrprovisor zur Fleischweihe schreitet bittet er die ganz Durstigen, die Bierflaschen während der Heiligen Handlung am Tresen abzustellen. Die große Zahl an Teilnehmern macht es notwendig, dass er sich durch Menge zwängt, um auch die entfernten Speisekörbe mit einem Spritzer Weihwasser zu versehen. Am Ende stichelt der Provisor: Er möchte einmal so viele Besucher bei einem Sonntagsgottesdienst in der Kirche sehen.

Aus dem Tagebuch…

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