schnecken:tempo II

Tagebuchnotizen verlieren kaum an Aktualität, da sie meistens keine Ansage an die Zukunft sind, sondern etwas Erlebtes oder Erdachtes festhalten. Verfeinert um eigene gesponnene Gedanken. Dies wirft die existenzielle Frage auf, ob wir uns vorwärts bewegen?  Vorwärts im Sinne wie wir es oft zu hören bekommen: Die Zeit vergeht so schnell, noch aktueller, alles verändert sich so rasch. Man kann mit den Neuerungen, die uns täglich via dem Medienstrom zugespielt werden, nicht Schritt halten. Nebenbei spotten wir über jene, welche sich darüber beklagen, dass sie nicht mehr mit allen Trends klar kommen. Sich bei den digitalen Neuerungen wie Onlinebanking, Fahrkartenautomaten oder dem Einscannen von Lebensmittel, nicht zurechfienden. In Österreich werden wir in naher Zukunft von den Behörden keinen Brief mehr per Post erhalten. Nicht mehr der Briefträger kommt, sondern alles wird per elektronischen Brief mitgeteilt. Der e-Brief ist das neue Zauberwort, geht es um Neuheiten aus der Digitalen Welt.

Ich erinnere mich an die Löschung meiner Gewerbeberechtigung, dabei wurde ich vom Amtsfräulein darauf aufmerksam gemacht, dass die Löschung der Gewerbe per Email bestätigt wird. Meine antiken Gewerbescheine, Urkunden wie wir sie in den Museen sehen, habe ich wieder mit nach Hause genommen. Nicht vom Papierwolf der Behörde zerreisen lassen. Zuhause habe ich sie in einem Ordner mit vielen anderen Dokumenten, Werbezettel und Fotos, abgelegt. Meine vierzigjährige Kaufmannschaft analog dokumentiert. Trotz meiner digitalen Präsenz bin ich ein nostalgischer Mensch, zwischen Bewahren und Erneuern. Das Technische entwickelt sich über Lichtfaserkabel mit Lichtgeschwindigkeit vorwärts, das Menschliche bewegt sich im Schneckentempo hinterher. Ansonsten hätten wir es schon geschafft, Kriege, Hungersnöte und Ungerechtigkeiten auszumerzen.

Sahelzone

schnecken:tempo I

Beim Schmökern in meinem ersten Buch „Alles Schlagloch“ habe ich den Eindruck, dass vieles nicht aus der Mode gekommen ist. Die Veröffentlichung des Buches liegt über zehn Jahre zurück. Manche Einträge erscheinen mir heute erst aktuell, wenn man mit aktuell einen Gedanken bezeichnet, über den es sich lohnt nachzudenken. In der aktuellen Literaturszene  wird man zuallerst danach beurteilt, was man zuletzt veröffentlicht hat. Hierbei unterscheidet sich das Buchgeschäft, aber auch die Literaturvermittlung, nicht von einer Modeboutique im Einkaufszentrum Atrio. Es zählt nur die aktuellste Mode. In einem Handy- oder Fotoshop sind nur das neueste Handy und die neueste Kamera interessant. In Kürze ist es soweit, dann nähert sich die Literaturvermittlung der Kurzlebigkeit einer Tageszeitung. Die Aktualität eines Buches wird dieselbe Verfallszeit haben wie eine Zeitung, gerade einmal vierundzwanzig Stunden. Die Sinnhaftigkeit des aktuellen Literaturbetriebes stelle ich in Frage, er gleicht einem Eventbetrieb.

Die Tageszeitungen graben sich ihr eigenes Grab oder wie man in Kärnten umgangssprachlich sagt, schaufeln sich ihr eigenes Grob. Sie werben massiv dafür, dass die aktuellsten Meldungen im Internet zu finden sind. Mir ergeht es so, finde ich in meinem Zeitungsarchiv einen Artikel der zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahre auf den Buckel hat, finde ich diese Seiten interessanter als die Abendausgabe der Tagespresse. Darin lese ich mit Aufmerksamkeit, weil ich feststellen kann, trifft der Inhalt heute noch zu?  Was ist von den versprochenen Ankündigungen eingetroffen und wie habe ich damals diese Situation beurteilt? Artikel aus der Vergangenheit schätze ich sehr. Einem aktuellen Zeitungsartikel kann man innerlich widersprechen oder eine andere Sichtweise einnehmen. Bei Ansagen zur Zukunft lässt sich kaum widersprechen, auf keinen Fall das Gegenteil beweisen, dies wäre vom menschlichen Verstand aus nicht möglich.

Archivar

frühjahr:putz II

Ein Highlight beim Frühjahrsputz ist das Bücherregal und die darin deponierten Bücher abzustauben. Es ist erstaunlich, wie viel Staub sich auf dem oberen Buchrand sammelt. Mit einer Bürste werden die Bücher vom Staub befreit. Gerade so, wie ich es in meiner Buchhandelslehre in Spittal/ Drau gelernt habe. Dort war das Aufnehmen der Bücher in die Inventurlisten und das Abstauben der Bücher zum Jahreswechsel angesagt. Vor kurzem bin ich auf einen Blogartikel gestoßen, wo jemand über das Ausmisten von unnötigen Haushaltswaren, Kleidern und Büchern berichtet hat. Sie hat das Loslassen von Gebrauchsgegenständen des Alltags, das Entsorgen von unnötigem Hausrat als eine Erleichterung empfunden. Als Ballast abwerfen, welcher sich auch in der Befreiung von sonstiger seelischer oder beruflicher Alltagslast niederschlägt. Ein Akt der Befreiung. In diesem Blogartikel wurde auch darüber diskutiert, ob zum Ballast abwerfen auch das Entsorgen von Büchern gehört? Oder fallen diese in eine höhere Kategorie, will heißen in einen geistigen Status? Es war die Rede davon, dass man alle gelesenen Bücher entsorgen kann, es bleiben dann immer noch genug Bücher übrig. Bücher, die ungelesen im Regal stehen. Dazu gesellen sich noch ein- bis zweidutzend Lieblingsbücher, oder Bücher aus Kindheitstagen.  Eventuell Bücher, welche man vom ersten, selbstverdienten Geld gekauft hat.

Lieblingsbuch

frühjahr:putz I

Beim Frühjahrsputz  mitzuhelfen fühle ich mich verpflichtet. Zudem ist es körperlich angenehm zwischendurch die Bewegungsabläufe zu ändern. Gemeint ist die sitzende Haltung beim Schreiben von Blogtexten. Vor einem Jahr habe ich mir ein mobiles Stehboard angeschafft, wo gleichzeitig Platz für den Drucker und für Ordner ist. Es hat auch die ideale Höhe um stehend am Laptop zu schreiben, bis heute habe ich dies kaum genützt. Am liebsten schreibe ich sitzend, bequem, wobei alle Parameter passen müssen. Die Höhe des Bürostuhles, aber auch eine Abschottung von den übrigen Aktivitäten in der Wohnung. Im Frühjahr freut sich mein Auge über den Blick auf die Obstbäume in Nachbars Garten. Etwas entfernter, aber gut positioniert, der Mittagskogel, immer auf demselben Fleck. Diese Idylle steht im Gegensatz dazu, dass in nächster Nähe, zu Fuß etwa zwanzig Minuten, Villachs größtes Shoppingcenter steht. Das Einkaufszentrum Atrio, Mediamarkt, Bauhaus, Leiner und Andere. Von den Einkaufstouristen, egal ob zu Fuß oder per Auto bleibt unsere Wohnanlage völlig unberührt, nimmt an dem Trubel keinen Schaden. Es ist für mich eine fremde Welt, wenn ich ab und zu im Atrio bin. Dort sehe ich künstliches Grün und Frühlingsdekorationen aus Plastik, begegne trotz des großen Warenangebots eher mürrischen und unzufriedenen Gesichtern. Wahrscheinlich ist es der Überfluss, dass sich nicht entscheiden können, was man ob der großen Auswahl kaufen soll. Im Alltag schätzt man das Kleid oder die Weste kaum, weil so günstig. Beim Kauf  denkt man schon darüber nach, was wird diese Weste in kurzer Zeit ersetzen. Heute kauft man Bekleidung nicht mehr im Bewusstsein auf Dauer, sodass man das Stück persönliche schätzt, sondern im Bewusstsein, es wird bald entsorgt. Spätestens in der nächsten aktuellen Jahreszeit. Die Vorstellung ein Kleidungsstück nur kurz in Gebrauch zu haben, senkt auch die Freude am Kauf. Durch die Kurzlebigkeit der Konsumgüter haben wir uns selbst die Freude am Besitz abgegraben.

Frühlingserwachen.

Seite: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 ...20 21 22 weiter