DER . FÜRST

Viele gehen noch bekleidet mit einem Kurzarmhemd über den Villacher Hauptplatz und im Freien sitzen die Leute bei einer Tasse Kaffe. Die Diskussionen über die kommende Nationalratswahl lassen das Blut der Pensionisten in Wallung geraten und aus den Augen blitzt es. Am späten Vormittag schlendern die Schülerinnen bauchfrei in Richtung Bahnhof. In einer Ecke des Hauptplatzes steht heute zum erstenmal der Maronibrater. Im Schaukasten der Stadtgemeinde wirbt ein Plakat für die Altstadtoffensive. Hier gehen die Menschen vorbei um einen Blick auf die Samonig Schaufenster zu werfen oder in das Kaufhaus einkaufen zu gehen. Es sind dies die letzten Monate bevor das Kaufhaus, wie es viele seit Generationen kennen, schließt.
 
„Schöner Schreiben und Schenken mit Pelikan, für Muttertag, Vatertag, Hochzeit und Erstkommunion“ steht auf einem Plakat im Schaufenster der Papierhandlung am Hauptplatz. Vor dem Geschäft reiht sich ein Billettständer nach dem Anderem, dazwischen ein Ansichtskartenständer. Hier bleiben die Leute stehen und reden über die Meldung in der Zeitung, dass auch dieses Geschäft in ein paar Monaten zusperren wird. Von der anderen Platzseite strömt der Duft der Globalisierung aus der Douglas Parfümerie und verzaubert die Besucher der Innenstadt. Es reichen sich die Hände:
&H&M&Cecil&Fielmann&Gazelle&Hartlauer&Intissimo&
Niedermayer&Piba&Bonita&
 
Der Fürst ist schon gegangen.
 

28.9.06 10:19 verlinken / kommentieren

 

WIR . SIND . WIR

Wer sind wir? Oft weiß man selbst nicht, wer man ist. Einmal ist man in der Rolle eines Autofahrers, welcher zur Arbeit fährt oder Waren ausliefert, ein anderes mal besorgt man Einkäufe und bringt sie mit dem Auto nach Hause. Am freiem Samstag ist man mit dem Rad auf dem Drauradweg von Villach nach Rossegg unterwegs und sieht dabei den Leuten auf den Äckern beim Kartoffelgraben und Aufklauben zu. Die steilen Felswände des Mittagskogels, die aschgrau sind, werden studiert. Sie sind nicht so rötlich wie die  Abbruchstellen des Dobratsches. Über der Drauschleife erhebt sich das Kloster Wernberg und der Blick geht, über den Kirchturm hinaus, in das Jenseitige. Manches mal streift einem das Lächeln eines Vorbeiradelnden. Wer bin ich ?
 
Auf dem Freizeitpark in Stadtnähe spielen Kinder und Jugendliche mit verschiedener Hautfarbe und unterschiedlichem Aussehen miteinander. Die einen laufen dem Fußball nach, andere zeigen auf dem Skateboard ihr Können oder spielen Volleyball. Mehrere Kinder sitzen im Gras und spielen auf ihrem Computer oder versenden auf ihrem Handy SMS.  Ältere Männer genießen auf einer Bank den schönen Tag  und schauen den jungen Müttern, die mit ihren Kleinkindern in der Sonne spazieren gehen, nach. Wo sind wir.
 
Am Montag ist man wieder an der Arbeitsstelle und hilft einer gutgelaunten Frau eine passende Strickweste mit dazupassendem Hemd für ihren Mann zu finden. In einer gefälligen Farbe für den Winter. Neben der Herbstware ist schon Platz für die erste Winterkollektion. Warum sind wir hier.
 
Grüßen und lächeln.

25.9.06 08:48 verlinken / 3 Kommentare / kommentieren

 

GLAS . HAUS

Wer Erfahrungen als kleiner Handelsbetrieb hat weiß, wie schnell jede Veränderung in der Umgebung des Geschäftes, sei es die Verlegung einer Bushaltestelle oder die Schließung einer Fabrik, sich auf den Umsatz auswirkt. Eine vielgelobte Form der Verkehrsberuhigung in den Städten, die Schaffung von Fußgängerzonen, hat schon manches kleine Handelsgeschäft mit seiner Schließung bezahlt. Der heutige Kunde/in ist mobil, das heißt, er geht beim Einkaufen nicht gerne zu Fuß und will bis vor die Geschäftstür mit dem Auto fahren. Dieser Faktor, der Mobilität, hat die Großmärkte auf der grünen Wiese vor den Städten groß und größer gemacht. Wer gehofft hat, dass die hohen Benzinpreise eine Änderung bringen werden, wurde eines Besseren belehrt. Manches mal sind verschiedene Trends und Entwicklungen unumkehrbar.
Zu den schlimmsten Situationen gehören Baumassnahmen in der Umgebung von einem Handelsbetrieb, wie die Sanierung einer Strasse oder die Errichtung von einem Neubau der eine Straßensperre nötig macht, sodass es den Kunden nur unter Schwierigkeiten möglich ist das Geschäft zu erreichen. In diesen Fällen sinken die Umsätze in kurzer Zeit und bedrohen die Existenz. So ist es verständlich, wenn die betroffenen Unternehmer versuchen von den öffentlichen Stellen einen Zuschuss zur Miete, oder vom Vermieter der Lokale einen Senkung des Mietzinses zu erreichen. Unchristlich finde ich es, wenn sich die Kirche als Vermieter weigert den Mietzins zu senken.  Nebenan in der Kirche wird  von der Hilfsbereitschaft für den Nächsten gepredigt.
 
Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.    

21.9.06 18:19 verlinken / 6 Kommentare / kommentieren

 

KOPF . BAUCH

Ich steige in Villach in einen Intercity Zug ein. Nachdem ich Platz genommen habe und der Zug abfährt, blicke im mich im Zugabteil ein wenig um. Mich interessiert, wer noch in diesem Zugabteil sitzt. Zwei Drittel der Plätze werden von einer Jugendgruppe eingenommen. Die Jugendlichen gehören, den verschiedenen Hautfarben nach zu schließen, zu verschiedenen Nationen. Darunter befinden sich auch Mädchen mit einem Kopftuch, wie sie der Islam vorschreibt. Die Jugendlichen werden nie laut, noch laufen oder raufen sie im Zugabteil. Der Umgang untereinander ist sehr höflich. Alle Flaschen und Verpackungsmaterialien werden ordentlich in den Müllbehältern entsorgt. In meinem Blickwinkel sitzt eine Leiterin der Gruppe. Sie ist mit einem weißem Kopftuch, weißer Bluse, weißer Hose und einer blauen Jacke bekleidet. Zwischen der Muslimin und einigen Jugendlichen kommt es zu einem Gespräch über das Kopftuchtragen. Sie verweist darauf, dass in der christlichen Kirche viele Ordensschwestern ein Kopftuch tragen, ein Leben ohne Familie, Mann und Sex führen und niemand nimmt daran Anstoß. Eine muslimische Frau entscheidet sich freiwillig für das Kopftuch und führt ein erfülltes Ehe- und Familienleben. Trotzdem nehmen manche Leute Anstoß am Kopftuch.

 
Im nächstem Bahnhof steigt ein junges Pärchen zu. Das Mädchen trägt ein Top. Die Schultern und der Bauch sind frei. Sie umarmen und küssen sich.

 
Kopftuch oder Bauchfrei.

  

19.9.06 09:30 verlinken / 1 Kommentar / kommentieren
HERBST . ZEIT

In den vergangenen Tagen wurden noch Temperaturen von über 30 Grad gemessen. In Villach gab es mit 31,7 Grad ein Höchstwert für den September. Trotzdem sieht man die ersten Anzeichen für den Herbst. Auf den Feldern liegt das gemähte Gras, es ist viel weniger als im Sommer, zum Trocknen. Das Grün der Blätter an den Bäumen wird dunkler und die Ebereschen mit ihren roten Beeren heben sich von allen anderen Bäumen und Sträuchern ab. Nach der großen Hitze in diesem Jahr sieht man viele dürre Nadelbäume in der Schütt, entlang der Gail. Zwischen den grünen Blättern leuchten die blauen Zwetschken und roten Äpfel hervor. Die Schmetterlinge werden weniger und auf den abgemähten Wiesen weiden die Kühe um das letzte Gras zu fressen. Auf einer Weide, nahe der Ortschaft Oberschütt, grasen sechs junge Kälber mit ihren Mutterkühen. Wer selbst erlebt hat, wie viel Freude die Geburt eines gesunden Kalbes auf einem Bauernhof auslöst, weiß um das Glück, wenn man sechs Kälber großziehen kann. Das ist ein gutes Jahr.
 
Jetzt ist Erntezeit auf den Feldern, Äckern und im Obstgarten. Es ist auch die Erntezeit für das Leben, dabei die Sonne noch einmal zu genießen.  An die schönen, aber auch traurigen Erlebnisse des Frühling und des Sommers zurückzudenken. Etwas von der Wärme des Sommers und die Freude über die schönen Erlebnisse in den Herbst und in den Winter mitnehmen. 
 
Herbstzeit des Leben.  

14.9.06 08:51 verlinken / 7 Kommentare / kommentieren

 

KAMPUSCH . OE 1

Durch das ORF- Live Interview mit Natascha Kampusch ist unsere Neugier gestillt worden. Wir wissen jetzt  mehr über sie und ihre Leben seit ihrer Entführung bis zu ihrer Flucht. Überrascht hat viele, wie sprachgewandt sich N. K. ausgedrückt hat, und woher ihre Bildung kommt. In einer Zeitung habe ich die kurze Notiz gelesen, dass sie viel Radio und im speziellem OE1 gehört hat, den Kultursender vom ORF. OE1 verschont seine HörerInnen  mit billigen Inhalten und belanglosem Moderatoren Gequatsche. Bevor dieses Interview gesendet wurde, habe ich die Meinung vertreten, dass uns nicht eine hilflose Jugendliche gegenübertreten wird, sondern eine erwachsene Frau.
 
Die Abstinenz von der Welt, zumindest was die Gesellschaft für die Welt hält, schadet niemanden. Isolation ist eine gute Schule für den Geist, der die Sinne schärft, natürlich auf freiwilliger Basis. Umso mehr besteht jetzt die Gefahr, dass Natascha Kampusch von den Medien in die Weltöffentlichkeit gezerrt wird.
 
OE1 bildet.
 
 
 
 
     
 
 

11.9.06 12:16 verlinken / 2 Kommentare / kommentieren

 

VOLL . MOND

Die untergehende Sonne färbt den Mittagskogel karminrot. Dann wird er zu einem dunklen Quader, welcher in den dunkelblauen Abendhimmel ragt. Der Mond kommt links vom Mittagskogel als gelbe Sichel hinter einer Wolke hervor, von Minute zu Minute wird er größer, bis er als runde Scheibe am Himmel steht. Er ist so kräftig gelb, dass man nach der Sonnenbrille greift. Der Verkehr auf der Tangente wird ruhiger, die Fenster der angrenzenden Häuser bleiben dunkel. In der Nähe hört man ein Kind weinen und die Geräusche vom Öffnen einer Balkontür. Leises Gemurmel in der Nachbarschaft, niemand wagt seine Stimme zu erheben. Der Mond steht jetzt über dem Mittagskogel und leuchtet den Balkon aus. Die Schatten der Gräser und Rosensträucher sind auf der Mauer zu sehen. Im Ort Heulen die Hunde. Ein Mopedfahrer dreht seine Runde. Es wird immer stiller, die Katzen kriechen unter die Liegestühle, um im nächsten Augenblick hervorzuschießen und einem Nachtfalter hinterher zujagen.
 
Das Jaulen der Hunde hört auf, das Kind ist eingeschlafen. Der Mond ist weitergewandert und verschwindet langsam hinter einer Wolke. Da heult die Sirene und zwei Feuerwehrauto fahren mit Blaulicht und Folgetonhorn durch die Nacht. Im Haus hört man Schritte.
 
Vollmond ist.

7.9.06 16:56 verlinken / kommentieren

 

BESUCH . SONNTAG

Über die geometrische Marmorskulptur am Vorplatz des Seniorenheim rinnt das Wasser. Die Blumenbeete sind kreisförmig angelegt und neben dem Weg zum Eingang blühen gelbe, rosarote, weiße und karminrote  Rosen. In der  Eingangshalle bewundert man die schönen Glastüren die in den Aufenthaltsraum und in das Cafe führen. An vielen Stellen stehen Blumentöpfe und die stilvollen Sesseln laden zum Niedersitzen und Entspannen ein. Diese geschmackvolle Einrichtung hätte man gerne in der eigenen Wohnung.
 
Wenn man im Rollstuhl sitzt und das Seniorenheim nur mit einem Besuch oder mit einer Betreuerin verlassen kann, dann wird die Schönheit der Anlage zu einem Alptraum. Den Besucher fragt man, welcher Tag heute ist, weil das Gestern, Heute und Morgen immer das Selbe ist. Bei der Auskunft, dass heute Sonntag ist, erschrickt man. Sie hat dies gar nicht gewusst und hätte für diesen Tag etwas Schöneres angezogen. Jeder Tag verläuft im Seniorenheim gleich, außer es kommt der Pfarrer.
 
Beim Sonntagstisch.

4.9.06 14:09 verlinken / kommentieren

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