Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

wahr:heit II

Weitere Minuten verstreichen, auf die zentrale  Bibelstelle wird nicht eingegangen. Persönlich gewinne ich den Eindruck, es wird ein großer Bogen um die Kernaussage gemacht. Der Priester will um jeden Preis bei der der Fernzeugung durch den Heiligen Geist nicht anstreifen. So spricht der Herr Pfarrer lieber darüber, dass das  Matthäusevangelium mit der Genealogie Jesu beginnt undsoweiter. Patriotisch wirkt für mich der Hinweis: „In wenigen Tagen wird in der ganzen Welt das wohl berühmteste österreichische Lied gesungen, Stille Nacht, heilige Nacht. Dessen erste Strophe endet mit den Worten, Christus der Retter ist da. Der Prediger sieht im heutigen Evangelium eine persönliche Hilfe: „Wir sollen Jesus in unserem Leben einen Platz geben, so wie es Maria tat, die seine Mutter wurde und wie es Josef erlebte, der nicht sein Erzeuger war und doch sein Vater wurde. Auf einen aufschlussreichen Satz zur Empfängnis durch den Heiligen Geist wartete ich vergebens. Auch bei den Ausführungen von Kardinal Schönborn zum obigen Matthäus Evangelium in einer österreichischen Tageszeitung suchte ich vergebens nach einer Erklärung.

Ludwig Wittgenstein sagte: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“. An anderer Stelle: „Das Christentum gründet sich nicht auf eine historische Wahrheit, sondern es gibt uns eine Nachricht und sagt, jetzt glaube“! Und weiter: „So sonderbar es klingt: Die historischen Berichte der Evangelien könnten, im historischen Sinn, erweislich falsch sein, und der Glaube verlöre doch nichts dadurch. Aber nicht, weil er sich etwa auf allgemeine Vernunftwahrheiten bezöge sondern, weil der historische Beweis den Glauben gar nichts angeht.“

Aus dem Tagebuch…

wahr:heit

Aufmerksam horchte ich am  Adventsonntag der Verkündigung des Evangeliums in der Dreifaltigkeitskirche zu. Dieses Kirchenjahr begleitete uns der Evangelist Matthäus. Eine spannende und umstrittene Bibelstelle wird vorgetragen. Das Evangelium erzählt die Umstände wie Maria ein Kind erwartet, ohne mit ihrem Verlobten Josef intim gewesen zu sein. Josef empfindet dies als eine Schande und  will sich von ihr trennen. Im Traum erscheint ihm ein Engel, der ihn aufklärt: „Denn das Kind, das sie (Maria) erwartet, ist vom Heiligen Geist“.  Weiteres heißt es im Evangelium: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären…“ Bekannt ist diese Bibelstelle bei den Kirchengängern unter dem umgangssprachlichen Ausdruck Jungfraugeburt.

Gespannt warte ich auf die Auslegung des Evangeliums, auf die Predigt des Herrn Pfarrer. Für mich gehört die Menschwerdung Gottes zu den zentralen Eckpunkten des christlichen Glaubens. Zum Anderem widerspricht es unserem menschlichen Verständnis, dass der Heilige Geist, ein Spezifikum der katholischen Religion, mit einer irdischen Frau ein Kind zeugt. In den Mythen älterer Religionen gibt es dafür Parallelen, Götter haben immer wieder mit irdischen Frauen ein Kind gezeugt.

Die katholische Religion erhebt für sich einen geschichtlichen Wahrheitsanspruch. Wessen Art wird die Auslegung dieser Bibelstelle sein, frage ich mich still. Am Beginn der Predigt weist der Herrn Pfarrer auf folgendes hin: „Vom Anfang bis zum Schluss hat das Evangelium eine große Botschaft, Gott ist mit uns. Und diese Botschaft hat einen Namen, ein Gesicht. Sie ist nicht zuerst etwas, sondern jemand, Jesus“.

Aus dem Tagebuch…

sehn:sucht

Schaue ich aus meinem Schreibzimmer, so erfassen die Augen die Obstgärten der Nachbarn, schweifen über die Dächer einzelner Einfamilienhäuser hinweg auf einen bewaldeten Berghügel und werden dann von der mächtigen Front der Karawanken angezogen. Über ein Jahrzehnt genieße ich diesen Ausblick, der sich je nach Jahres- und Tageszeit anders darstellt. Der  markanteste  Berg in meinem Sichtfeld ist der Mittagskogel. Dessen Pyramide ragt breit und hoch in den Himmel. Sichtbar ist der Teil ober der Waldgrenze, der pyramidenförmige Felsen, der je nach Sonneneinstrahlung eine andere Farbe annimmt. Die mir zugewandte Seite wird ab dem frühen Nachmittag  bis zu ihrem Untergang von der Sonne angestrahlt. Dabei ergeben sich je nach Witterung spektakuläre Stimmungen. Nach dem ersten Schneefall färbt sich bei Sonnenuntergang der Schnee rötlich. An solchen Stimmungen kann ich mich nicht satt sehen. Bei den Berggipfeln der Karawanken endet mein Blick. Das Villacherbecken erlaubt seinen Bewohnern einen Rundumblick.

In Kärnten gibt es Täler, wo die andere Talseite gefühlsmäßig mit der Hand greifbar ist. Blickt man Tal auswärts, plant eine Flucht, wird man vom Bergmassiv des Dobratsch daran gehindert. Was ist im Sehnsuchtsort, Obere Adria, anders? Die große Ebene, die unverständliche Sprache, das fremde Gehabe. Eine Sorglosigkeit in den Gesten und bei der Arbeit. Die Leichtigkeit der Bauweise, sobald man die wehrhaften Trutzburgen im Kanaltal hinter sich gelassen hat. Vor dem Fremden breitet sich die Küste der Oberen Adria aus. Nach einer Begrenzung werden die Augen vergeblich suchen. Der Blick verliert sich im Horizont, wo sich die Adria mit dem Himmel vermählt.

Sandstrand

hermann:nitsch III

Die Albertina zeigte in der Ausstellung primär nicht das Orgien Mysterien Theater, sondern Hermann Nitsch als Maler. Es waren Leinwände von etwa zwei mal drei Metern auf denen die Farbe in verschiedenen Tönen geschüttet wurde und dann die Farben wohl mit den Händen, mit einem Bartwisch oder mit einem Besen verteilt wurden. Jede Leinwand hängte auf einer Vorhangstange, wobei in der Mitte ein Ausschnitt für den Hals freigelassen wurde. So entsteht die Illusion, als hänge jemand samt seinem Malhemd auf dem Querbalken. Die Leinwände ähneln den Messgewändern eines Priesters bei der Verwandlung von Hostie und Wein, in Fleisch und Blut Jesu. Diese Vorstellung ist meiner Zeit als Ministrant geschuldet. Wie schafft es Nitsch, dass sein sogenanntes Malhemd immer die Farbkleckse trägt, die aktuell auf den Leinwänden zu sehen sind?  Kleckst er mit den Farben wie Kleinkinder, wenn sie großflächig mit Fingermalfarben auf dem Packpapier arbeiten? Mit dem Goldgelb erzielt er die stärksten Effekte.

Eine Verbindung mit meinem Kosmos, einer Vision,  schaffte das Triptychon „Auferstehung“.  Einstmals war ich völlig aufgelöst, als am Ende der Aufführung vom Leiden und Sterben Jesus Christus, bei den Passionsspielen in Kirchschlag, die Grotte auf der Bühne in einem strahlend gelben Licht erstrahlte.

Blendung