Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

bitt:gebet

Die Sichtweise über eine Sachlage kann sich ändern, auch im fortgeschrittenen Alter, erfährt man etwas Neues. Es gibt keine Altersgrenze um nicht seine Meinung und seine Ansichten zu ändern. Es wird daraufhin hinauslaufen, dass man sich im Alter beschränkt für sein Lieblingsgebiet neue Informationen einzuholen. Eventuell dort andockt, wo man in der Jugend verschiedene Erfolge hatte. Oft kommt etwas während der Berufsausbildung und dem Berufsleben zu kurz. Im Beruf wird man geradezu gezwungen sich mit berufsspezifischen Themen auseinanderzusetzen. So bleibt für die Lieblingsfächer keine Zeit. Dies deckt sich mit meiner Erfahrung.

Im Tageheft Nr. 256 finde ich eine Notiz, wo ich von meinem Radausflug zum Faakersee berichte. Dazu habe ich notiert, dass ich in der St. Georgskirche ein Bittgebet für R. und ein Dankgebet für mich, zum Verlauf der Coronaerkrankung vor Gott gebracht habe. Diese Gebete interpretiere ich heute unter einer neuen Sichtweise. In einer Lehrveranstaltung über das Gebet, Bitten und Danken, auf der Philosophischen Fakultät in Salzburg habe ich dazu hintergründiges erfahren.

Fiktiv unterhalten sich in einem Gespräch Markus und Lukas über die Wirkung von Gebeten. Beide stimmen darüber überein, dass Gott zumeist unsere Gebete nicht so erhört wie wir uns dies im Moment erhoffen. Daraus sei aber nicht zu schließen, dass Gott nur Gebete erhört die Teile des Schöpfungsplanes sind. Wir sollten uns fragen warum Gott in vielen Situationen Gebete nicht erhört, nicht erhören will. Für den Theologen Markus gibt es gute Gründe warum Gott selten in den Schöpfungsverlauf eingreift und verweist auf das Johannesevangelium: Gott hat zu uns Geschöpfen eine liebende Beziehung. Diese Beziehung bedeutet Freiheit für die Geschöpfe und Respekt vor unseren Entscheidungen. Damit überträgt Gott aber auch uns die Verantwortung für unser Handeln.

maria:gail

Tag der offenen Tür. Mit diesem Slogan werden von verschiedenen Bildungseinrichtungen und Firmen Interessierte und Kunden umworben. Spontan fällt mir ein, dass dies bei Firmenneugründungen oder Inbetriebnahmen der Fall ist. Von der Kärntner Restmüllverbrennung in Arnoldstein wurde die Bevölkerung eingeladen die Prozesse von der Müllanlieferung, Aufbereitung bis zum Verbrennungsofen kennenzulernen. Einschließlich der elektronischen Abgasüberwachung. Zufällig war ich in Wien als die Ottakringer Brauerei ihre Pforten für Besucher öffnete. Die Besichtigung bezog sich auf die historische Bierbrauerei. Die Gerste wurde in riesigen Sudpfannen geröstet, die Befeuerung mit Kocks nach dem Gespür des Heizers geschürt. Am autofreien Sonntag rund um den Wörthersee lädt das Kraftwerk Forstsee bei Velden, im historischen Gebäude in den Maschinenraum mit den alten Messinstrumenten ein.

Die Bildungseinrichtungen wenden sich mit tollen Spots an die Jugend um ihren Schultyp schmackhaft zu machen. Um die Gunst der Kinder buhlen Waldorf Kindergärten ebenso wie Höhere technische Lehranstalten oder Universitäten. Vor meinem Eintritt in das Marianum Tanzenberg gab es dorthin einen Ausflug, um das zuhause für die kommenden Jahre kennenzulernen. Inzwischen hat sich mein Interesse verschoben, ich könnte den Tag der offenen Tür dafür nützen, um verschiedene Seniorenwohnheime anzusehen.

Unerwartet präsentierte sich bei einem Radausflug rund um Villach die Pfarrkirche in Maria Gail. Zumeist herrscht modrige Luft im Kirchenschiff und das Tageslicht kommt nur spärlich in das Kircheninnere. Die Altäre sind kaum wahrnehmbar und der Hauptaltar ist durch eine elektronische Lichtschranke gesichert. Ganz im Sinne eines Tages der offenen Türen waren diesmal alle Türen geöffnet. Spürbar herrschte frische Luft und die Absperrung zum Hauptaltar war aufgehoben. Es wehte ein frischer Wind in der Kirche. Diesen frischen Wind und offenen Geist würde ich mir auch in der Lehre und im Umgang mit den Menschen von den christlichen Kirchen wünschen. Es gab einmal das Schlagwort von der offenen Kirche und das Motto von der Nikolaikirche in Dresden: Offen für alle. Dort war es durch friedliche Demonstrationen möglich, das DDR-Regime zum Abdanken zu bewegen. In den Wallfahrtskirchen befindet sich zumeist in einer Ecke ein kleiner Altar. Hier kann man eine Opferkerze anzünden und dabei eine Bitte an Gott auszusprechen. Dafür stehen zumeist vorformulierte Texte zur Verfügung. Vernachlässigt wird das Gebet um Gott für ein geglücktes Unterfangen zu danken. Bei einer Lehrveranstaltung zum Gebet wurde erhoben, dass der überwiegende Teil der Gebete Bittgebete sind. Es muss uns bewusst sein, dass Gott die Schöpfung in Gang gesetzt hat und durch Bittgebete seine Entscheidung nicht ändert. Eine andere Sicht ist, dass uns Gott manches nur zuteilt, wenn wir ihn darum bitten…

zeit:rechnung

Bei der Lehrlingsausbildung braucht es Geduld, um einem Lehrling grundlegende Kenntnisse aus der Branche beizubringen. Im Papierhandel beginnt es mit den verschiedenen Papierformaten. Vom Notizheft in A6 Format zum umgangssprachlichen Kleinformatheft in A5, dem kleinen Zeichenblock in A4 und seinem großen Bruder mit dem Format A3. Etwas verwirrender wird es bei den Größen der Briefumschläge die ein C vorgesetzt bekommen. Ein C4 Kuvert bedeutet, dass darin ein A4 Blatt, die übliche Größe eins Kopierpapiers, hineinpasst. Diese Formate werden immer wieder an praktischen Objekten wiederholt, so kommt es zu einem gewissen Automatismus. Dies trifft auch bei der Erkennung von verschiedenen Kartonstärken zu. Aus der Praxis: Ein Zeichenblatt hat 120 Gramm, ein Sternblatt 200 Gramm. Bei meiner Ausbildung wurde solange gegriffen, im wörtlichen Sinn, bis ich mit meinen Fingern begreifen konnte, um welche Kartonstärke es sich bei einem Bristolkarton handelte. Ein anderes Beispiel: Beim Anfassen konnte ich feststellen welche Blattstärke ein Schulheft hat. Ist es ein Heft mit 16 Blatt, 32 Blatt oder 40 Blatt, die 60 Blatt Hefte waren leicht zu erkennen, richtigerweise zu begreifen.

Erzählen wir etwas aus unserem Alltag so benützen wir immer öfter als Beifügung, vor der Corona Pandemie, während der Pandemie und wohl einmal, die Zeit nach der Corona Pandemie.

Daran erkennt man, wie stark sich die Pandemie in unser Zeitgedächtnis eingeprägt hat. Fast so wie die Zeit Metapher vor der Jahrtausendwende oder nach der Jahrtausendwende. Es gibt auch Orientierung an politischen Ereignissen wie, vor dem Beitritt Österreich zur EU und nach dem EU-Beitritt. Bei Fahrten nach und von Slowenien denke ich an das Prozedere beim Grenzübertritt am Wurzenpass, als es noch den Staat Jugoslawien gegeben hat. An die Frage des Grenzsoldaten: „Haben sie etwas zu verzollen“?

buch:lehre II

Nach der Absage in der Buchhandlung Pfanzelt bemühte ich mich um einen anderen Lehrplatz. In Spittal an der Drau gab es in der Bahnhofstraße einen Landmaschinenhändler, dieser verkaufte auch Elektro- und Haushaltsgeräte. Der Vater war als Bergbauer dort Kunde. Mein neuer Berufswunsch war Elektriker für Elektromotoren und -Geräte. Damals wurden Elektromotoren bei Verschleiß neu gewickelt. Am Bauernhof hatten wir einen Elektromotor für Starkstrom, der für die unterschiedlichsten landwirtschaftlichen Geräte zum Antrieb diente. Für die Kreissäge, Dresch- und Futterschneidmaschine bis zur Getreidemühle. Diese Maschinen wurden bei Bedarf mit demselben Elektromotor angetrieben. Bis der Elektromotor gut fixiert war und der Antriebsriemen die richtige Spannung aufwies dauerte es. Auf den Antriebs Riemen wurden ein paar Tropfen Pech geträufelt.

Zur Vorstellung beim Maschinenhändler sind wir mit dem Zug von Ferndorf nach Spittal an der Drau gefahren. Auf halber Wegstrecke befand sich in der Bahnhofsstraße die Papier- und Buchhandlung Petz, sowie die Buchdruckerei Petz. Das Papierfachgeschäft am Bahnhof.  Hinter der Schaufensterscheibe von der Papier- und Buchhandlung klebte ein weißes Blatt Papier: Lehrmädchen wird aufgenommen. Bis zum Vorstellungsgespräch beim Maschinenhändler waren es noch fünf Minuten. Rasch entschlossen betraten wir die Papierhandlung und der Vater fragte den Chef: „Könnte es auch ein Lehrbursche sein“? Der Chef schmunzelte und meinte: „Bis jetzt gab es nur Mädchen als Lehrlinge, aber es könnte auch einmal ein Bursche sein“. Nicht Vorhersehbar, über einen kleinen Umweg, hat sich damit doch eine Lehrstelle als Papier- und Buchhändler gefunden. Vereinbart wurde, dass ich zuerst die dreijährige kaufmännische Lehre als Papierhändler abschließe und in einem weiteren Jahr eine spezielle Ausbildung zum Buchhändler erfahre. Das Vorstellungsgespräch beim Elektro- und Maschinenhändler erübrigte sich.

Der Verkaufsraum der Papier- und Buchhandlung in Spittal hatte nicht das Atmosphärische der Buchhandlung am Unteren Kirchenplatz in Villach. Zu zwei Drittel dominierten das Angebot die Papierwaren und den Regalen der Buchabteilung sah man ihre Jahre an. Dies änderte sich nach zwei Jahren, als wir eine Betreuungsstelle für die Mitglieder der Buchgemeinschaft Alpenland wurden. Von der Buchgemeinschaft wurde die Buchabteilung neu eingerichtet, sie präsentierte sich offen und einladend. Eine Aufforderung an die Kunden bei den Büchern zu gustieren und sich selbst zu bedienen. Das Fachwissen für den Buchhandel habe ich mir im Selbststudium angeeignet. Zur Verfügung sind mir, die mit Wachsmatrizen vervielfältigten Skripten der Berufsschule für Buchhändler in St. Pölten gestanden. Die Fachprüfung für den Buchhandel habe ich in Klagenfurt, als einziger Anwärter, abgelegt. Aus dem Tagebuch… 

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buch:lehre

Ist es Eingebung oder meiner Laune geschuldet, als ich in der ersten Augustwoche 2021, wegen Corona wurde der Villacher Kirchtag abgesagt, mich unter der Stadthauptpfarrkirche auf einer der sehr einladenden Holzbänke niederlasse. Es ist eine Gruppierung von Sitzgelegenheiten mit Blumentrögen. Neu sind die Hinweistafeln, Mit Abstand sitzt man am Besten. Anfang August verbreitet sich das wohlige Gefühl, dass wir trotz vorhandener Corona Pandemie wieder am realen Leben teilhaben können. Dieses Empfinden wird dadurch getragen, dass viele Menschen zum Flanieren in der Innenstadt sind. Seit längerer Zeit höre ich wieder, dass sich Gäste in Italienisch unterhalten. Dies zeigt sich auch in den Gastgärten, wo sich größere Tischgesellschaften niedergelassen haben und Wienerschnitzel, die über den Tellerrand ragen, mit Pommes Fritte serviert bekommen. Das österreichische Nationalgericht steht bei den italienischen Gästen hoch im Kurs und dazu ein großes Villacher Bier. Das Villacher Bier hat sich bei den hunderttausenden italienischen Kirchtagsbesuchern der letzten Jahre einen Namen gemacht.

Die Sitzbank befindet sich gegenüber der Lederwerkstatt, wo bis vor einem halben Jahrzehnt die Buchhandlung Pfanzelt beheimatet war. Dieser Anblick weckt Erinnerungen, da ich vor fünfundfünfzig Jahren, eine unglaubliche Zahl, mit dem Vater in der Buchhandlung Pfanzelt bei einem Vorstellungsgespräch war. Ich bewarb mich um eine Lehrstelle als Buchhändler. Staunend blickte ich auf die vollen Bücherregale welche bis zur Decke reichten. Jeder Zentimeter war mit Büchern ausgefüllt. Dieses Ambiente erweckte in mir Respekt, dachte ich an meine künftige Aufgabe Kunden beim Kauf eines Buches zu beraten. Unentschlossene oder Suchende für das Lesevergnügen am Abend eines der Bücher vorzuschlagen. Um die obersten Regale zu erreichen gab es eine verschiebbare Leiter, die Kunden äußerten vor der Verkaufstheke ihre Wünsche. Vor den Regalen war ein schmaler Gang, reserviert für den Buchhändler, den Herrn über das Bücherwissen. Zur damaligen Zeit wurden Kunden etwas skeptisch beäugt, wenn sie die vorgelegten Bücher in die Hand nahmen und sich erdreisten darin zu schmökern. Der Vater und ich wurden in einen schmalen Lagerraum gebeten. Nach Meinung des Chefs stellte meine Sehschwäche, ich trug eine Brille, ein Hindernis für eine Buchhandelslehre dar. Nach seiner Auffassung könnte sich meine Sehleistung beim vielen Lesen stark verschlechtern. Daran scheiterte vorerst mein Wunsch Buchhändler zu werden. Die Buchhandlung hatte bereits Mitte der sechziger Jahre die dunkelblaue Einrichtung…Aus dem Tagebuch…