Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

corona:literatur

Seit Ausbruch der Coronaepedemie erleben die Kulturschaffenden ein auf und ab. In den ersten Monaten der Pandemie ist wenig zur Kultur gesagt und für die Kulturschaffenden getan worden. Bis sie sich vehement zu Wort gemeldet haben. Offen ist für mich, ob ich als Blogliterat zu den Kulturschaffenden gehöre? Darf ich mich als Literat oder Schriftsteller bezeichnen, was macht einen Literaten aus? Genügt es hin und wieder einen literarischen Text zu verfassen und diesen in einer Literaturzeitschrift zu veröffentlichen, um als Schriftsteller anerkannt zu werden? Wer erstellt die Regeln was ein literarischer Text ist? In den sechziger Jahren gab es die legendäre Wiener Gruppe. Dort sind einzelne Mitglieder so weit gegangen, dass sie von sich behauptet haben ein Poet zu sein, obwohl sie noch keine Zeile veröffentlicht hatten. Im extremen Fall nichts geschrieben haben, sondern nur ein poetisches Leben führten.

In der vor digitalen Ära bestand die Möglichkeit Texte in den Wochenendausgaben der Tageszeitungen und in Zeitschriften mit Literaturteil zu publizieren. Erinnern kann ich mich an die Volkszeitung und an das Neue Forum. Dazu gab es eine größere Zahl von Literaturzeitschriften. Regionale Zeitschriften in Kärnten, wie das Blaue Band, Unke oder Schreibarbeiten und überregionale Zeitschriften, wie die Manuskripte, Sterz,  Wespennest und das Pult. Es wurde viel publiziert, aber wie viele Käufer hatten die Literaturzeitschriften? Bei den regionalen Zeitschriften wurden damals die Texte auf Wachsmatrizen geschrieben und händisch vervielfältigt, mit einer Auflage von hundert Stück. Der überwiegende Teil der Journale wurde von Personen gekauft welche selbst getextet, sich schulisch und wissenschaftlich mit Literatur beschäftigt haben.

Studienbibliothek

corona:hiob

Für Veranstalter von Adventkonzerten, Weihnachtsmärkten, Ausstellungen und Vorträgen herrschen unsichere und verlustreiche Zeiten. Veranstaltungen welche  im Programmheft angekündigt wurden müssen von einen Tag auf den Anderen wieder abgesagt werden. Anfang November habe ich ein Konzert des Slowenischen Ensemble Dissonance im Kongresshaus Villach besucht. Jede Sitzreihe war Corona bedingt statt mit zwanzig Leuten, mit drei bis vier Zuhörer besetzt. Ein ausgedünntes Konzertpublikum, trotzdem haben die Musiker ihr Bestes gegeben. Wie zu Schulzeiten mussten wir am Ende des Konzertes den Saal, das Klassenzimmer, verlassen. Zuerst die Schüler der ersten Klasse, das Parkett, die Schüler der zweiten Klasse, Hochparkett Rechts, die Schüler der dritten Klasse, Hochparkett Links und zuletzt die Schüler der vierten Klasse, Hochparkett Mitte. So sind wir Corona konform in das Freie gelangt.

In der Stadtpfarrkirche Villach wurde vor Allerheiligen das Konzert „Hiob“ für Orgel und Sprecher von Peter Eben aufgeführt. Vom Komponisten wurden zu Textstellen Hiobs, aus dem Alten Testament, Orgelmusik transformiert. Im Mittelschiff wurde auf dem Kirchenboden durch die Kerzen ein Kreuz gebildet und der Kerzenschein hat die Kirche etwas erhellt. Die Prüfungen, vom Verlust von Kamelherden bis zu einem unheilbaren Ausschlag, mit welchen Gott den Glauben Hiobs auf die Probe stellte waren dramatisch. Wie würde Hiob heute, in Zeiten der Corona Pandemie handeln? Würde er weiter zu Gott beten, nicht mit Gott hadern oder auf Gott fluchen? Wo selbst der Dompfarrer zu St. Stephan an Gott verzweifelt, mit Gott hadert, dass er eine solche Pandemie auf Erden zulässt, die Menschen mit dem Coronavirus prüft. Das Ende der Prüfung ist nicht absehbar. Wie viele Gläubige dafür Verständnis haben, dass Gott dies zulässt, ist fraglich. Wie könnte die Belohnung Gottes aussehen, wenn man ihn während der Pandemie nicht abschwört, weiß kein Pfarrer oder Bischof zu beantworten.

corona:2.lockdown

Beim Einstieg in den zweiten Lockdown, ob leicht oder hart, regiert der Spätherbst. Im November herrschen in Mittelkärnten durch die vielen Seen die gefürchteten Nebeltage. Im Reimmichlkalender wird der November als Nebelmonat bezeichnet und im Villacher Becken kann sich der Nebel über Wochen nicht lichten. Der Blick am Morgen aus dem Fenster in den Nebel lassen die Covid-Einschränkungen in einem anderen Licht erscheinen. Verunsichert hat mich nicht nur der Smog, auch die Zahlen bei den Corona Neuinfizierten bekamen eine neue Dynamik. Plötzlich waren wir Weltmeister, beim Verhältnis der Infektionen zu der Einwohnerzahl. Ein Weltmeistertitel, diesmal nicht im Skisport. Das Corona Quartett, Kanzler, Vizekanzler, Gesundheitsminister und Innenminister hatte auf der Fernsehbühne wieder ihren Auftritt. Diesmal wurden die Einschränkungen verschärft und ein harter Lockdown ausgerufen. Plötzlich bestand die Gefahr, dass es in einzelnen Bundesländern zu einer Überlastung der Intensivstationen kommen könnte. Wieder wurden die Bilder von übervollen Spitälern aus Norditalien beschworen. Ich spürte an mir, dass sie nicht mehr die einschüchternde Wirkung wie im Frühjahr hatten. Ein Satz vom Bundeskanzler wird sich auch diesmal in das kollektive Gedächtnis einprägen: „Jeder Kontakt den sie zu einem anderen Menschen haben, ist ein Kontakt zu viel“. Diesmal gab es keine Sager, dass es ein Licht am Ende des Tunnels geben könnte oder dass wir einen ganz normalen Winter erleben werden. Eine vage Zusage, wenn die Maßnahmen erfolgreich sind, dann könnte es möglich sein, Weihnachten und Silvester in kleinem Rahmen zu feiern. Dies war das Zuckerl beim Verkünden der Beschränkungen.

Diese Verheißung erinnerte mich an eine Aussage von Leopold Figl in seiner Weihnachtsansprache im Jahre 1945: „Ich kann euch zu Weihnachten nichts geben, kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!“ Immer wenn ich diesen Zuruf an die Österreicher höre, bekomme ich eine Gänsehaut. Wohl auch deshalb, weil er von Figl so authentisch, so aus vollem Herzen kommt. Anders erlebe ich die Aussagen des jetzigen Bundeskanzlers, sie kommen mir für mein Herz zu bürokratisch daher.

corona:1. Lockdown

Bestimmt bin ich nicht der Einzige welcher sich die Frage stellt, worin unterscheidet sich der erste Lockdown im Frühjahr, von Mitte März bis Mitte April und den dann erfolgten langsamen Lockerungen, vom zweiten Lockdown? Dieser startete Anfang November in leichter Form und wird ab Mitte November in strenger Form fortgesetzt. Was mir sofort einfällt, ist die Verschiedenartigkeit der Jahreszeit. Der März und der April waren von der Stimmung geprägt, dass wir dem Frühling entgegengehen, dies löst bei den meisten Menschen positive Signale aus. Beim ersten Lockdown sind der Bundeskanzler und der Gesundheitsminister sehr großzügig mit Versprechungen umgegangen. Der Bevölkerung hat man in Aussicht gestellt, der Sommer wird nicht ganz wie früher, aber jedenfalls lebenswert und genießenswert sein. Eingeschüchtert wurde ich durch die Aussage: „Jeder von uns wird bald jemanden kennen, der an Covid gestorben ist“. Dieser Satz hat schon Geschichte geschrieben. Dazu kamen die Fernsehbilder aus Oberitalien, wo es die reguläre Bestattung nicht mehr schaffte die Toten zu bestatten. Vom Militär wurden die Särge in andere Regionen zur Beerdigung gebracht. Dies waren dramatische Bilder, die sich bei einem Risikopatienten tief in das Herz und Gehirn eingegraben haben. Diese Drohungen und Livebilder waren die Einstiegsdroge in die Pandemie und man war bereit den Großteil der verordneten Maßnahmen mitzutragen. Bei einem Gang über den Hauptplatz in Villach habe ich hautnah die gespenstische Leere gespürt.

Im Hinterkopf war die Hoffnung der Frühling, spätestens der Sommer, wird es schon richten. Das Wetter im März hat dazu eingeladen sich nicht in der Wohnung in die düsteren Verbote zu vertiefen. Das Gegenteil war der Fall, es war nicht nur der offizielle Frühlingsbeginn, das Wetter war frühlingshaft. Früher als sonst konnte ich mein Fahrrad nehmen und die ersten Touren unternehmen, dies lockerte das Eingesperrt sein wesentlich auf.

corona: advent

Am besten lese ich die Tageszeitung in der Betriebsamkeit eins Cafés, wie heute, am Tag vor dem zweiten Lockdown im Park Café. Zu den Schlagzeilen in den Zeitungen gibt es hier im Café ein Lokalfernsehen, ich sehe die unterschiedlichsten Leute kommen und gehen. Die meisten Frauen im Herbstdress, vereinzelt lassen junge Frauen noch einmal ihre nackte Haut aufblitzen. In der Postgasse und am Hans Gasserplatz wurde schon die Weihnachtsdekoration angebracht. Im Oktober wurde verkündet, dass dieses Jahr der Adventmarkt in Villach am 13. November eröffnet wird, früher als sonst. Vielleicht wollte die Stadt mit dem frühen Termin das Coronavirus beeindrucken, dem Coronavirus Paroli bieten. Am Tag vor dem zweiten Lockdown lässt sich nichts darüber sagen, wer stärker sein wird, der Adventmarkt oder das Virus? Von  Städten, wie Linz, Salzburg und Wien habe ich gehört, dass die Christkindlmärkte abgesagt wurden. Wenn noch möglich, in verkleinerter Form. Für die Illumination des Parks hat die Stadt Thomas Brezina engagiert, welcher mit seinen Kinderbüchern Tom Turbo und die Knickerbockerbande die Kinderherzen in Hochspannung versetzt hat.

Zur Zeit des Knickerbockerbandefiebers, auch in Arnoldstein, haben die Fans schon sehnsüchtig darauf gewartet, dass ein neues Buch erscheint. Ungewiss ist, ob der Weinbauer aus Kaltern am Kalterersee zum Villacher Adventmarkt kommen wird, in Südtirol herrscht die höchste Coronawarnstufe. Sein Glühwein war so schmackhaft wie keiner, direkt vom Weinbauern.

Dem Kellner gebe ich ein üppigeres Trinkgeld verbunden mit der Hoffnung, dass im Dezember das Park Café  wieder öffnet. Statt Cappuccino eine Schale Glühwein mit Blick auf die Weihnachtsdeckoration im Park. Vielleicht sind ein paar Adventstandln erlaubt. Den Hotels und der Gastronomie wurde vom Finanzminister eine rasche, unbürokratische Unterstützung versprochen. Nach der Aussage des Chefs vom Grandhotel in Zell am See in den SN sind von den im Frühjahr versprochenen Unterstützungsgeldern bis heute kaum etwas bei den Hoteliers und Gastronomen eingetroffen. Im Grandhotel hat die Schwester einst als Privatstubenmädchen gearbeitet. Die Angestellten im Servicebereich sollen diesmal hundert Euro als Trinkgeldersatz bekommen. Aus dem Tagebuch…