Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

corona:J.H.

Der Höhepunkt seiner politischen Laufbahn war die Position des Kärntner Landeshauptmannes. J. H., ein bekannter österreichischer Politiker, verdankte seine Karriere seiner Bereitschaft Jeder und Jedem die Hand zu geben. Es gab kein Zelt Fest, Vereinsjubiläum oder Wahlveranstaltung wo er nicht Händeschüttelt von einem Biertisch zum anderem gegangen ist. Von den Leuten wurde geschätzt, dass er auf jede Person, egal in welcher Position oder welcher Herkunft, zugegangen ist um Ihr/Ihm die Hand zu schütteln und ein paar freundliche Worte zu wechseln. Mit dieser Offenheit hat er viele politische Kontrahenten in das Abseits gedrängt, welche sich zumeist nur unter ihresgleichen, unter Parteifreunden, auf den Festen aufgehalten haben. Von der Bevölkerung wurde dies oft als arrogant beurteilt, waren sie sich zu schade dem Arbeiter oder dem Bauern die Hand zu geben? Ein Hotspot für das Händeschütteln war der Villacher Kirchtag und -Fasching, wo an den Höhepunkten bis zu dreißigtausend Menschen in der Stadt waren. Dies war das Ambiente wo sich J. H. wohlgefühlt hat, im Gewusel der Leute. Nicht nur, dass er auf die Menschen zugegangen ist, er wurde von ihnen teilweise bedrängt, jeder versuchte ihn mit einem Handschlag zu begrüßen. Beim Kirchtag habe ich am Villacher Hauptplatz beobachtet, wie eine kleine Gruppe von Italienern J. H. umringt haben. Jeder wollte von ihm ein Autogramm auf sein T-Shirt. Politiker anderer Couleurs haben bevorzugt durch das Restaurantfenster, aus der Distanz, dem Treiben des gewöhnlichen Volkes auf dem Hauptplatz zugeschaut.

Von J. H. sagt man, dass er mindestens jedem der sechshunderttausend Kärntner einmal die Hand gegeben hat. Schon zweimal wurde der Villacher Kirchtag und -Fasching wegen der Corona Pandemie abgesagt. Eine Politikerkarriere wie von J. H. wäre während der Corona Pandemie und der Nach Corona Ära nicht mehr möglich, wo das Motto doppelter Baby Elefantenabstand lautet.

corona:freiheit

Ohne Fahrradhelm unterwegs zu sein ist für manche im fortgeschrittenen Alter eine Herausforderung oder ist es Leichtsinn?  Inzwischen ist allgemein bekannt, dass die folgenschweren Verletzungen bei einem Sturz mit dem Fahrrad Kopfverletzungen sind. Es fühlt sich wie ein letzter Rest von Freiheit an, keinen Fahrradhelm zu verwenden. Der Vergleich, auf einem Marktgelände sich zu weigern einen Mundnasenschutz zu tragen, drängt sich in Corona Zeiten auf. 

Mir gibt zu denken, dass die Hautschäden auf dem inzwischen kahlen Kopf, welche zeitraubend behandelt werden müssen, mit dem regelmäßigen Tragen einer Kopfbedeckung hätten verhindert werden können. Dieses unbedacht sein hat bei älteren Männern Tradition. Das Vorsorge– und Gesunddenken hat sich in den 80er Jahren entwickelt. Die guten Vorsätze kommen bei der derzeitigen älteren Generation oft zu spät. Die Veränderung der Trink- und Essgewohnheiten, dass Rauchen abgewöhnen und sportliche Aktivitäten. Zum Teil herrscht Fatalismus, warum sollte man im fortgeschrittenen Alter auf eine kalorien- und fettreiche Ernährung verzichten? Vielleicht sind es nur mehr ein paar Jahre die man richtig genießen kann oder wird man dafür mit einem frühen Herzinfarkt oder Gehirnschlag bestraft? Hinzugekommen ist im letzten Jahr das Risiko schwer an dem Coronavirus zu erkranken. Macht es Sinn nach fünfzig Jahren auf die Zigarette und drei Achterl Wein zu verzichten, das letzte Vergnügen im Alter?

Bei den Seniorenreisen kann ich beobachten, dass der altbewährte Schweinsbraten und das panierte Wienerschnitzel am öftesten gewählt werden. Bei den Beilagen wählen die Senioren eine zeitgemäße Variante, Pommes Frites mit Ketchup. Diese Vorliebe haben sie von den Enkeln übernommen. Keine Süßspeisen ohne eine Portion Schlagsahne, dabei wird kräftig zugelangt. Steckt hinter den eingefahrenen Essgewohnheiten der Wille dem Reiseveranstalter nichts zu schenken oder werden alle Unkenrufe ausgeblendet?

corona:gastgarten

Im Gastgarten vom Café Stadler, am Bahnhofsplatz in Wiener Neustadt, haben sich am Nebentisch Radfahrer niedergelassen. Diese ersuche ich ein Auge auf meinen Koffer zu werfen, derweil ich die Toilette aufsuche. Danach meinte einer von Ihnen, nach meiner Aussprache bin ich ein Kärntner. Er ist in Lind ob Velden aufgewachsen, später nach Wien gezogen und lebt jetzt in Wiener Neudorf. Vor kurzem hat er seinen Sohn in Kärnten besucht. Rund um den Wörthersee war ihm zu viel Wirbel und hat die Absage des Villacher Kirchtag bedauert. Da ich in Villach wohne hat er seinen Freunden geschildert, dass die Lederergasse ein Hotspot in Kärnten ist. Dort kann man sich alles beschaffen, illegale Schusswaffen, Patronen, Drogen, gefälschte Pässe und auch Kontakte zur russischen Mafia bekommen. Im Stadtpark von Wiener Neustadt gäbe es ein ähnliches Angebot.  

Seit einiger Zeit sitzt ein junger Mann in der Nähe von meinem Tisch, vor sich ein großes Bier, am Boden steht sein Seesack. Nach jedem Schluck Bier hat er in den Seesack gegriffen, daraus eine große Flasche Jägermeister geholt und davon einen kräftigen Schluck gemacht. Er fragte die Dame neben ihn, mit übergroßen Brüsten, ob sie sich schon einmal irgendwo getroffen haben? Nach Abschluss seines Psychologie Studium würde er drei Tage die Woche in der Psychiatrie am Steinhof arbeiten. In seiner Freizeit sei er als Finanzberater tätig.

Ein Typ aus der Vorstadt hat sich kurz darauf im Gastgarten niedergelassen und sich ein großes Bier bestellt. Nachdem er dieses zeitverzögert, mit Bedacht, als Kulthandlung geleert hat fragte er die Serviererin, ob er noch ein zweites Bier haben könnte? Er würde das Bier am Abend bezahlen. Die Bedienung hat dies kategorisch abgelehnt, worauf der Mann mit bedrückter Miene dagesessen ist. Aus Mitgefühl habe ich ihm zu einem Bier eingeladen. Mein Angebot, er soll sich dazu einen Imbiss aussuchen hat er abgelehnt, er habe gerade zu Hause bei Mama zu Mittag gegessen.

corona:e-bike

Viele täglichen Abläufe haben durch die leidigen, aber notwendigen Corona Regeln geradezu einen grotesken Charakter bekommen. Aus allen Richtungen tönt es jetzt, wir müssen wieder zu unserer verlorenen Normalität zurückkehren. Dies würde bedeuten, einer unmenschlichen Gesellschaft das Wort zu reden. Vehement waren in der Vorcoronazeit die Beschwerden darüber, wie egoistisch, wie gefühlslos und zu sehr auf Gewinnmaximierung bedacht die westliche Gesellschaft geworden ist. Wie rücksichtslos und mit dem Hang andere in den Straßengraben zu verdrängen, um der eigenen freien Fahrt. Ein Experimentierfeld für die gegenseitige Achtung ist bei einem neuen Boom festzustellen. Mehrmals wurde berichtet, dass es seit der Pandemie immer mehr Radfahrer gibt und dies erlebe ich selbst auf meinen Fahrradtouren. Dieses Jahr gibt es bereits einen Engpass bei Elektrofahrräder. Für mich ist es nicht nachvollziehbar warum Elektrofahrräder massiv auf die Fahrradwege drängen. Was sich dadurch auf den Fahrradwegen abspielt kenne ich aus eigener Erfahrung. Bei unübersichtlichen oder engen Wegstellen kommen oft E-Biker mit der Geschwindigkeit und den PS des E-Bikes nicht zu Rande und drängen die Pedal Strampler zur Seite. Oft schützt an einer Engstelle den Pedalritter nur ein spontaner Ausritt in die Wiese, um nicht mit einem außer Kontrolle geratenen E – Bike Fahrer zusammenzustoßen.

Bin ich mit dem Auto in der Stadt unterwegs erlebe ich, wie sehr die Radfahrer auf die Gutmütigkeit und die Achtsamkeit der Autolenker setzen. Kritisch wird es, wenn sie blindlings links abbiegen oder bei Rot noch schnell die Kreuzung überqueren. Täuscht mein Empfinden, dass Fahrer von prestigeträchtigen Autos der Meinung sind, dass sie durch die Größe des Autos gewisse Vorrechte im Straßenverkehr erworben haben? So scheint mir, dass dieselben Fahrer mit ihren ultraleichten Carbon Fahrräder, auch als E-Bick, die Verkehrsregeln überschreiten.

corona:cholesterin II

Für eine Osterüberraschung sorgte bei mir die Ankündigung im Schaukasten der Pfarre Bad Vöslau: Karsamstag, Auferstehungsfeierlichkeiten mit Speisensegnung um 18.00 Uhr. Bis jetzt war in meinem Kärntner Kopf einzementiert, nur in Kärnten gibt es am Karsamstag die Fleischweihe. Diese Speisen Segnung unterscheidet uns von den restlichen Bundesländern. Die Fleischweihe spielt, zum Missfallen einiger Pfarrer, eine zentrale Rolle im Osterbrauchtum der Kärntner. Am Karsamstag werden in einem Weidenkorb Schinken, Eier, Haus- und Selchwürstel, gekochter Speck, Kren und Kärntner Reindling in der Kirche oder bei einem Wegkreuz vom Pfarrer geweiht. An den Osterfeiertagen wird zu Hause aus den geweihten Lebensmittel die Osterjause zubereitet. Beim Verzehr der Osterjause denken die Kärntner geringschätzig an die übrigen Österreicher, bei denen diese Köstlichkeiten unbekannt sind. Unter vorgehaltener Hand wurde darüber getuschelt, dass es drüber der Pack, in der Steiermark, eine Art Osterjause gibt, keinesfalls so schmackhaft wie in Kärnten.

Zu Ostern in Bad Vöslau erfuhr ich eine Ostererweckung, dass während der Karsamstags Liturgie vom Pfarrer die in Weidenkörben mitgebrachten Speisen gesegnet werden. Den Osterbrunch, Schinken, Würste, Eier und Pienzen, in Bad Vöslau bereichert um zwei Flaschen Wein, ein Roter und ein Weißer. Beim Besuch der Messe am Ostersonntag habe ich diesbezüglich noch einmal nachgefragt. In der Kirche galten die strengen COVID Regeln, je Kirchenbank durften zwei Personen mit Abstand Platz nehmen. Jede zweite Bank war gesperrt. Mit der Lebensgefährtin haben wir eine Bank in Anspruch genommen.  Kurz vor Beginn der Messe ist an uns ein Herr herangetreten, als Ehepaar könnten wir ohne Abstand zusammensitzen, so könnte er den zweiten Platz in der Bank einnehmen. Ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass wir nicht verheiratet sind. Nach katholischen Dogmen kein Ehepaar sind, sondern in wilder Ehe, in Sünde zusammenleben. Über dieses Bekenntnis war der fromme Mann sichtlich erschrocken. Er hat meine Aussage abgeschwächt, dass es sich um eine Pandemiemaßnahme handelt und der Ehestatus der Kirchenbesucher vom Pfarrer nicht kontrolliert wird. Obwohl die wilde Ehe ein Fall für sich ist, ist sie doch mit der Sünde, der Unkeuschheit, behaftet. Zu Ostern, im Licht der Auferstehung betrachtet, ein besonderer Makel. Die wilde Ehe sei wohl eine Angelegenheit zwischen Gott und uns. Hier gelte es die COVID Verordnung der Bundesregierung umzusetzen, dabei gehe es vordergründig um die Frage, stammen die Personen aus dem gleichen Haushalt, dann muss zwischen ihnen kein zwei Meter Abstand eingehalten werden. Aus dem Tagebuch…