baby:boomer II

Bei uns hieß es seinerzeit, wir hatten die letzten Tage sehr viel zu tun oder in den nächsten Wochen müssen wir die Wasserleitung im Abschnitt Seltschach erneuern. Dies war es. Über die vielen Aufträge in der Firma hat man sich gefreut und dabei seine Arbeitskraft unter Beweis gestellt. Teenager verkünden heute mehrmals täglich, sie haben Stress. Vielleicht meinen sie damit, sie haben in den nächsten Tagen zwei Schularbeiten oder in der Firma stehen drei Lkw zur Reparatur an. Bei der Babyboomer Generation hat das Wort Stress und Burnout einen schimmligen Beigeschmack. Gleich entsteht ein Krankheitsbild, welches mit Psychiatrie verbunden wird. Hier stößt man auf einen Vorgang des Verbergen. Alle Andeutungen die ein Verwandtschaftsverhältnis zu einer psychischen Krankheit herstellen werden hinter den Vorhang geschoben. Oftmals kann man die psychische Beeinträchtigung, vor anderen und dem Partner, gut verstecken. Dies kostet mehr an Kraft, als die Bewältigung der Krankheit selbst. Eine Ursache für dieses Verhalten ist, weil kaum jemand über die Bandbreite von seelischen Krankheiten Bescheid weis. Schlussendlich wird alles in einen Topf geworfen. Im nächsten Jahrzehnt könnten wir die Ausfahrt aus dem Kreisverkehr schaffen. Jeder, der sich entschließt das verurteilende Denken zu verlassen, kann mit einem Handzeichen den Kreisverkehr verlassen.

Man pflegte verschiedenen Umgang mit der Verrücktheit. In den Landgemeinden wurde es toleriert, wenn jemand ein wenig verrückt war, aber niemanden etwas zu leide getan hat. Bei einem Bauern gute Hilfsdienste leistete. Dafür gab es eine ausreichende Verpflegung und eine Schlafstelle die vor Regen und Kälte schützte. Manchmal war es nur eine Koje im Viehstall und eine Decke. Zumindest war es auch an kalten Wintertagen warm. Gab es bei den Bauern keine Arbeit, sind sie durch das Dorf gezogen, von Haus zu Haus und haben um Kleider und ein wenig Essen gebettelt.

Notunterkunft

baby:boomer

Bei den Verwandten bewegen sich die körperlichen Beschwerden im üblichen Rahmen. Die ersten Krankenbesuche werden fällig, wenn sich eine operierte Person in der Rehabilitation befindet. In den Rehas wimmelt es von Patienten. Die Aufenthalte erfolgen nach Herzoperationen, Hüft- und Knieoperationen. Zumeist wollen die Patienten ihre neue Fitness unter Beweis stellen. Bei der Demonstration von der Beweglichkeit des implantierten Hüftgelenks komme ich mir krank und unbeweglich vor. Der Bekannte erzählt, welches weitreichende Bewegungsprogramm er vorhat. Zu den erlernten Gymnastikübungen kommen Schwimmen, Gehen und Radfahren am Heimtrainer, dazu. Bei mir verschafft dies ein schlechtes Gewissen, weil ich korpulent  und nicht täglich sportlich aktiv bin. Zwickt es in der Hüfte oder im Kniegelenk, dann kommt es zu einer Selbstbeschuldigung, da ich mir seit langem vorgenommen habe, den wöchentlichen Kalorienbedarf zu reduzieren. Es ist ein ewiges auf und ab. Gerade habe ich es geschafft die zusätzlichen zwei Kilo, vom letzten Aufenthalt am Meer zu verlieren, nähert sich die nächste Kalorienfalle, die Osterjause. In Kärnten ist man den verschiedenen Genussfallen,  diese sind gleichmäßig über das Jahr verteilt, ausgeliefert. Ich schwanke zwischen Zunahme und Abnahme hin und her.

Vor einem Fest versucht man alle körperlichen Beschwerden, welche nicht gravierend  sind, auf die Seite zu schieben. Just zu dem Zeitpunkt, wenn man topfit sein soll, plagen einen Magen- und Gelenkschmerzen. An der Verkaufsfront wird ein Teil der Arbeitsenergie dafür verwendet, sich von seiner lächelnden Seite zu zeigen. Als Generation Babyboomer kannten wir Stress und Burnout nicht. Einer der Gründe dafür ist, die vielen Ablenkungen der Social Media erreichten uns erst im letzten Lebensdrittel.

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manner:schnitten II

Bei der Weiterfahrt zeigt die Betreuerin auf die Hungerburg am Berg. Diese ist seit kurzem mit einer Zahnradbahn erreichbar. Im Zillertal erwartet sie neben viel Musik auch das Kecksfest. Ich zähle die vielen Feste in Kärnten auf: Honig-, Speck-, und Gulaschfest. Käse-, Salami-, und Hendlfest. Der Villacher Kirchtag und der Villacher Fasching ist den Sitznachbarn aus dem Fernsehen bekannt. Die Jüngste wippt und zuckt mit der Musik aus den Kopfhörern mit. Die korpulente Frau bekommt von der Sitznachbarin die Freizeitrevue zum Anschauen und erkennt das Prinzenpaar auf dem Titelblatt sofort. In der Zeitschrift sucht sie nach ihrem Horoskop und liest es der Begleitperson laut vor: „Kommende Woche gibt es Probleme in der Liebe und dies könnte bei ihr schlaflose Nächte verursachen“. Allgemeine Zustimmung, dies sei bedenklich, der Herr grinst. Sie bittet die Betreuerin, sie möge sie auf das WC begleiten.

Der Herr hat alle Mannerschnitten verspeist und er nimmt noch einen Schluck vom Eistee. Ich biete ihm eine bunte Zeitungsbeilage zum Durchblättern an, daraufhin entnimmt er seiner Einkaufstüte eine zerflederte Ausgabe der Tiroler Tageszeitung. Nur diese Zeitung sei das Wahre, ihn interessiert besonders der Sport. Er deutet auf das Foto auf der Titelseite, er kenne die Personen, Merkel und Putin. Inzwischen ist die korpulente Frau mit der Betreuerin vom WC zurückgekommen. Sogleich erklärt sie ihrer Sitznachbarin, dies war jetzt aber knapp. Was raus muss, muss raus, ansonsten bekommt man nur Bauchweh.

Die Schützlinge fragen die Betreuerin immer wieder, bei welcher Station sie aussteigen müssen. Den Fahrschein haben sie griffbereit und warten gespannt auf den Schaffner. Nach der Durchsage, in wenigen Minuten erreichen wir Jenbach in Tirol, nehmen sie ihr Gebäck und streben dem Ausgang zu. In diesem Moment erscheint der Schaffner zur Fahrscheinkontrolle und mit einem Lächeln strecken sie ihm ihre Fahrscheine entgegen.

Nach welchen Kriterien richtet sich bei Seneca ein glückliches Leben? Was bedeuten diese für in ihrer Entwicklung eingeschränkte Menschen? Sind sie in ihrer Art glücklich, wie könnten wir ihr Glück beurteilen? Andersherum, warum sollten wir ihr Dasein bedauern?

 

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Auf dem Fensterbrett vom Zugabteil des EC, von Bludenz nach Schwarzach St. Veit, liegt das Reclam Heft: Seneca, Vom glückseligen Leben. Im Bahnhof Ötztal füllt sich das Abteil. Die besten Plätze, die Vierer Plätze, sind mit einer oder auch mit zwei Personen belegt. Die Fensterplätze sind am meisten begehrt. Oft werden durch Taschen oder Rucksäcke der Platz neben sich oder gegenüber vorsorglich reserviert, um mehr Platz zu verschaffen. Bei den Zugestiegenen fällt mir eine schlanke Frau mit einer hochgesteckten Frisur und herben Gesicht auf. In den Händen zwei verschiedene Reisetaschen, am Rücken einen Rucksack, so steuert sie auf den Mittelteil des Waggons zu.

Vor ihr ein etwas unbeholfener Herr, mit einer blauen Jeanshose, einem grauen Pullover und auf den Kopf eine Mütze. Auf der Nase eine nach vorne gerutschte Brille mit schwarzer Fassung, in der Hand eine abgenützte Tragtasche aus Stoff. Wird er angestarrt, verzieht er seinen Mund, sein ganzes Kiefer, das ungleichmäßig rasiert ist, zu einem Grinsen. Dabei entblößen sich seine schiefen Zähne. Hintendrein folgt eine korpulente Frau mit Rucksack. Danach der Teenager der Gruppe, im modischen Outfit und die Kopfhörer vom Smartphone im Ohr. Das kindliche Gehabe lässt vermuten, es handelt sich um beeinträchtigte Menschen. Die Betreuerin fragt höflich nach vier freien Plätzen, das Gebäck verstaut sie in der Ablage. Der Herr mit dem schamhaften Grinsen setzt sich vis a vis von mir. Seiner Einkaufstasche entnimmt er eine Flasche Eistee und eine Jausenbox, beides stellt er auf das Tischchen. Aus der Box entnimmt er eine Packung Mannerschnitten und fragt die Betreuerin, ob er sie jetzt essen darf? Jetzt, im Zug, darf er sie essen. Seine liebste Süßigkeit sind Mannerschnitten, meine auch. Allen Sitznachbarn bietet er eine Schnitte an. Wir erreichen den Hauptbahnhof von Innsbruck. Auf die Frage der Betreuerin, ob er schon in Innsbruck gewesen sei, nickt er mit dem Kopf. Die korpulente Frau und das junge Fräulein erzählen, dass sie in das Zillertal auf Urlaub fahren. Dort gibt es keinen Stress, die Arbeit in der Lebenshilfe verursacht manchen Stress.

Manner mag man.