ruhe:stand II

Nach ein paar Monaten trüben für manche die Tage in der Pension ein. Nach dem ersten Nachholbedarf an häuslichen Tätigkeiten kommt die Frage, was kommt jetzt? Es kann ein fataler Fehler sein, dass man zu sehr im Beruf aufgegangen ist und keinerlei Hobby zugelassen hat. So stellt sich eine große Sehnsucht nach dem Arbeitsalltag ein, am liebsten würde man morgen an die Arbeitsstelle zurückkehren oder den eigenen Betrieb wieder aufsperren. Dann bleibt nur noch das Raunzen oder der Weg zum Pensionisten Stammtisch im MC-Café. Bei einem Cappuccino über die Unfähigkeit der Politiker zu schimpfen.

Nach Jahren kann der Pensionisten Alltag unerwartet einen Plan bekommen. Es braucht einen Terminkalender, an welchem Tag, um welche Uhrzeit, eine Tablette einzunehmen ist. Im Hubertuskalender werden die täglichen Blutdruckwerte eingetragen. Der Terminkalender ist plötzlich ganz aktuell. Er zeigt den nächsten Termin für die Rückengymnastik, den Besuch beim Augen- und Hautarzt an. Im nahen Therapiezentrum hat man zehn Inhalationen und Massagen gebucht. Bei späteren Generationen wird das Smartphone diese Erinnerungsfunktionen übernehmen.

Alle vierzehn Tage wird der Hausarzt aufgesucht, um sich die notwendigen Medikamente verschreiben zu lassen. Zwei Drittel der Apothekenkunden sind ältere Personen. Dazwischen erledigt man die Besuche beim Bandagisten und bei der Fußpflege. Wer im Ruhestand noch mobil ist, schafft diese Notwendigkeiten in einem angemessenen Zeitraum. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, für den wird der Arztbesuch zu einem Tagespensum. Man hat gehofft, in der Bezirksstadt braucht es kein eigenes Auto, dann fehlt es an idealen Busverbindungen. Samstag und Sonntags muss man Einbußen bei den Fahrmöglichkeiten hinnehmen.

Morgengymnastik

ruhe:stand

Mitte der 70er Jahre hat der Trend mit den Fertighäusern begonnen, an denen die gestandenen Handwerker keine gute Silbe fanden. Diese würden den ersten größeren Schneefall in den Alpen nicht standhalten. Denke ich an die ergiebigen Schneefälle im Alpenraum in diesem Jahr würden sie recht behalten. Bei den Fertighäusern gibt es verschiedene Versionen, von fertig bis halbfertig und der Keller muss zumeist selbst erstellt werden. Spricht man mit den Fertigteilhausbesitzer der ersten Generation, dann brauchte es handwerkliches Geschick um Bausünden oder Baufehler zu beheben.

Nach meinem Gefühl betreffen meine Eindrücke mehr die Seite der männlichen Pensionisten. Von den Ehefrauen erfährt man, dass sich die Ruheständler gerne, soweit sie darin Kenntnisse haben, sich hinter dem Bildschirm verstecken. In den vielen Fotos stöbern, die Kamera, in den meisten Fällen das Smartphon ist in der Freizeit immer dabei.  Der zeitgemäße Pensionist versteckt sich beim Frühstück nicht hinter der Zeitung, sondern hinter dem Bildschirm oder blickt gebannt auf sein Smartphon.

Die Erwartungen der in Pension befindlichen Ehefrau oder Lebensgefährtin sind andere. Sie hat erwartet, dass beim gemeinsamen Frühstück der große Plausch beginnt, sich genüsslich in den Vormittag verlängert. Mit der Frage endet, was kochen wir heute oder was gibt es zum Mittagessen. Die Stunden bis zum Mittagessen verbringt man turtelnd in der Küche, wie vor dreißig Jahren. Damals konnte der Raum nicht eng genug sein, je kleiner umso lieber. Man war bestrebt auf Tuchfühlung zu sein, der Kussmund war nur eine Handbreite entfernt. Die Jahre, wo eine neue Zeit der Zweisamkeit anbrechen soll, geht man sich aus dem Weg.

sinn:krise

Neben praktischen und medizinischen Aspekten gibt es einen Diskurs, ist es sinnvoll, dass sich ältere Menschen geistig fit halten? Ihnen einen Universitätslehrgang gegen einen Kostenbeitrag zu ermöglichen oder führt dies zu einer Blockade für den Unibetrieb? Ein Platz im Hörsaal, der einem anderen Studenten fehlt. Dieser würde einen Beruf ergreifen und zum Staatshaushalt finanziell etwas einbringen. Beim Seniorstudium Liberale an der Universität Klagenfurt ging es um eine humanistische Allgemeinbildung auf Universitätsniveau. Bei mir und bei vielen anderen um eine persönliche Bereicherung, weil oft fehlte uns in den frühen Jahren die Möglichkeit einen höheren Bildungsweg einzuschlagen. In den nächsten Lebensphasen wurde man beruflich gefordert und konnte sich kein Bildungsstandbein erlauben. Wohltuend habe ich empfunden, dass bei den Lehrveranstaltungen nicht der wirtschaftliche Erfolg das Ziel war, sondern die geistige Erbauung im Focus stand.

Die Sinnkrise erleben auch gläubige Menschen, welchen man den Sinn des Lebens immer wieder nahelegt. Der Sinn des Lebens bedeutet für gläubige Menschen an Gott zu glauben, an die Auferstehung und ein Weiterleben nach dem Tod. Kann es für Menschen, welche beruflich als Theologe oder Religionslehrer tätig waren und Glaubenswahrheiten weitergereicht haben, im Alter eine Sinnkrise geben? Selbst Bischöfe und Priester können von einer Sinnkrise erfasst werden, die Glaubenszweifel können für sie dramatische Auswirkungen haben. Im Freundeskreis versuchen sie Halt zu finden. Sie weisen darauf hin, dass die Menschen über Jahrhunderte an einen Gott, an Jesus geglaubt haben und plötzlich wird dieser in Frage gestellt. Über Jahrzehnte haben sie mit Eifer den Glauben verbreitet und zu Gott gebetet. Jetzt kommt ein Hilferuf aus tiefster gläubiger Seele: Es kann ja nicht nichts sein, irgendwas, wenigstens ein bisschen, muss an den Überlieferungen wahr sein.

Nachforschen

sinn:voll II

Manche sehen in der Verlängerung der Arbeitszeit eine Ähnlichkeit zur Verlängerung der Spielzeit bei einem Fußballspiel. Die eine Mannschaft sieht in der Verlängerung eine Chance an Toren aufzuholen und das Ergebniss zu verbessern, die andere Mannschaft kann die Verlängerung als Bedrohung sehen. Dabei könnten die errungenen Punkte wieder verloren gehen. Egal welche Position man einnimmt, man geht mit gemischten Gefühlen in eine Verlängerung. Wem die Verlängerung der Spielzeit genützt und wem sie geschadet hat, weiß man erst nach dem Spielende. Oft wissen es auch Patienten erst nach einer Operation, ob diese für sie sinnvoll war oder nicht. Abhängig davon, wie lange die Wiederherstellung der gewohnten Beweglichkeit dauert, wie belastbar das Gelenk ist und wird das Knie in Zukunft beschwerdefrei bleiben. Schon diese Operation ist mit vielen Überlegungen und Risiken verbunden. Bei Spitzen- und bei Hobbysportlern sieht man die Kniebeschwerden als hausgemacht. Dafür gibt es von den Bekannten wenig Mitgefühl.

Heikler wird die Situation, geht es um eine lebenserhaltende Operation, einen Herzschrittmacher bei Herzrhythmusstörungen. Dabei gibt es auch die Frage, zahlt sich bei einem über achtzigjährigen Menschen eine solche aufwendige Operation noch aus? Genauso wenn es darum geht, Herzklappen zu erneuern. Unter den Altersgenossen kann man dabei auf unterschiedliche Auffassungen treffen. Eine Meinung, eine solche Operation rentiert sich wirtschaftlich nicht mehr, derjenige erbringt keine Leistung, mit welcher die Kosten der Operation wieder wettgemacht werden können. Bei einem Berufstätigen ist zu erwarten, dass die Kosten durch sein Steueraufkommen bezahlt werden. Bei einem über Achtzigjährigen könnte es sein, dass er mit der neuen Herzklappe gerade noch einmal ein oder zwei Jahre lebt. Hat sich diese Operation ausgezahlt und hatte er sein Leben nicht schon gelebt? Es gibt Initiativen gewisse medizinische Eingriffe ab einem bestimmten Lebensalter aus Kostengründen abzulehnen? In den Köpfen einiger ist es noch nicht angekommen, dass wir in den nächsten Jahrzehnten mit einer älteren Gesellschaft zu tun haben werden. Sollte eine willkürliche Entscheidung gemacht werden, ein Lebensschnitt?

Entscheidungshilfe