selbst:bestimmt ll

Zu den Vorsorgeuntersuchungen zähle ich die Brustmammografie, eine Magen- und Darmspiegelung oder eine Prostatauntersuchung, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Der Impfkalender bietet auch für Ältere einiges, so wird ab einem gewissen Alter eine Impfung gegen Grippe und gegen Lungenentzündung empfohlen. Meist steht hinter diesen Maßnahmen ein Anreiz, dass Krankenkassen oder Versicherungsbeiträge reduziert werden. Wer aus guten Gründen dagegen ist kann dies ablehnen oder anderwärtig vorsorgen.

Eine weitere Schwierigkeit beim  Älterwerden ist, ob man sämtliche medizinischen Behandlungen zulässt, die manches Mal nur das Leiden und die Schmerzen verlängern und nicht heilen. Oder im Vorhinein bei einem  Organversagen lebenserhaltende und lebensverlängernde Maßnahmen ablehnt? Dies rechtzeitig durch eine Patientenverfügung festlegt. Darin befindet sich der Passus, dass man diese Anordnung bei guter geistiger Gesundheit freiwillig verfügt. Eine leichte, weil häufig auftretende Altersdepression wäre schon ein Ausschließungsgrund. Anhand von einigen Beispielen aus der Vorlesungsliteratur lässt sich darüber leicht diskutieren. Der größte Anteil der Studierenden ist Mitte zwanzig sind und für sie sind solche Lebenssituationen etwas abstraktes, in die sie nie kommen werden. Betroffener sehen dies die Seniorstudenten und dies merkt man auch an den Zwischenfragen. Noch konkreter wird dies, wenn über die Zulassung der Sterbehilfe in Österreich spekuliert wird.  Der freiwillige Wunsch bei Unheilbarkeit sterben zu dürfen. Darf der Betroffene selbst bestimmen, wann er davon Gebrauch machen will und anderseits, vielleicht wird ihm dies auch freundlichst nahegelegt.  Von den Erben des Sparbuches, der Wohnung, von der Solidargemeinschaft oder von Staatswegen wegen der hohen Pflegekosten.  

Zukunftshoffnung.

selbst:bestimmt

In einer Lehrveranstaltung der AAU  beschäftigten wir uns damit, inwieweit sind wir als Menschen noch natürlich,  was ist in der heutigen Zivilisation noch natürlich. Wieweit hat der Mensch die Natur verändert und ist der Mensch Teil der Natur, dann ist letztendlich alles was der Mensch herstellt natürlich. Egal ob es sich dabei um Autos, Megacitystädte oder chemische Waffen handelt. Es gibt dabei den Aspekt, ob wir alles was uns möglich ist auch tun sollen oder uns beschränken sollten. Im Sinne von Giorgio Agamben der meint, dass die größte Freiheit des Menschen darin besteht, etwas nicht zu tun. Vertritt man die Position des Nichtstuns, dann sei dies nicht eine Form der Schwäche, sondern die größte Potenz die dem Menschen zur Verfügung steht. Beim  Aspekt des Nichtstuns kommt man schnell zum persönlichen Bereich, zum eigenen Körper. Muss ich mich dem medizinischen Zwang, den Empfehlungen für die Impfprogramme anschließen? Bei den Volksschulkindern stehen eine Reihe von Impfungen auf den Stundenplan, wozu die Zustimmung der Eltern einholt wird. Wer kann sich dem Kollektiv entziehen und eine Masern- oder Kinderlähmungsimpfung ablehnen. Dabei ist zu bedenken, dass man für ein drittes Wesen entscheidet, dass bei einer Erkrankung die Frage stellen könnte: Warum man der Impfung  nicht zugestimmt hat.

Anders ist die Situation als Erwachsener, dem verschiedene gesundheitliche Vorsorgemaßnahmen empfohlen werden. Ich meine Behandlungen, welche nicht durch einen akuten Krankheitsausbruch notwendig sind.

Eigennutzen.

affen:grün

Die Haut meiner Finger, welche diese Notizen um zwölf Uhr Mittag auf der Aussichtsplattform des Kunsthauses Graz zu Papier bringen, lässt die Plexiglasfassade leichengrün erscheinen. Keine rötliche Hautfarbe auf den Armen, dafür schalgrün und dazwischen braune Hautflecken. Zum Glück kann ich mein Gesicht nicht sehen, über die Gesichtsfarbe könnte ich mich zu Tode erschrecken. Die schwarzen Schuhe schimmern grünlich und das Hemd ist grünblau. Das Wasser der Mur erscheint beim Blick durch die Fassade schwarz. Von der Glasfassade perlen die Regentropfen ab. Meine hellrote Jacke ist dunkelrot. Die Finger sind abgemagert, in die Länge gezerrt, um Jahrzehnte gealtert. Die Handballen zeichnen sich als schwarze Totenflecken ab, die Lebenslinien als tiefe Schluchten.

Die Fassade ist für die Gorillaausstellung in grünes Licht getaucht. Im Video bewegt sich der Gorilla auf einem Ast in Echtzeit. Es sieht so aus, als sitze ich auf einem Ast und gebe mich einen Tag lang dem Nichtstun hin. Dem Beobachten und beobachtet werden.

Leichenschau.

aus:radiert IV

Über die Vorhaben liegt ein Schleier wie im November, die Ungewissheit drückt auf das Gemüt. Langjährige Rentner geben Einblick in das Rentnerparadies, wobei Fernreisen und das Überwintern auf einer Insel im Süden eine gut dotierte Rente voraussetzen. Die anderen suchen um einen Zuschuss zu einem Kuraufenthalt an, anstatt eine Weltreise zu buchen. Sie  müssen jeden Termin akzeptieren, weil sie Zeit haben. Ihr Alltag besteht darin, dass sie halbe Tage in den Wartezimmern der Fachärzte verbringen. Mit dem Schritt vom Arbeitsleben in den Ruhestand beginnt ein neuer Lebensabschnitt, wenn  dieser Wechsel radikal durchführt wird und keine Hintertür offen bleibt. Man beginnt die letzten Jahrzehnte zu beurteilen, eine Bilanz zu erstellen. Die Ärgernisse während des Berufslebens vergisst man schnell, man übt sich in Nachsicht. Das Leben wird auf den Kopf gestellt, seit der Geburt ist es bergauf gegangen, mit Beginn der Pension geht es bergab. 

Die Generation sechzig plus wird heftig umworben:  Vom Lebensmittelhandel mit light Käsesorten, von den Drogeriemärkten mit Nahrungsergänzungsmitteln, von den Apotheken mit Vitamintabletten, von den Volkshochschulen mit Computerkursen für Einsteiger und von den Fitnesscentern mit  schonender Wirbelsäulengymnastik. Die Reisebüros  bieten spezielle Tagesausflüge und Kurzurlaube für ältere Menschen an. Wohlgesinnte und doch etwas neidische Freunde versorgen sie mit Reiseprospekten, sowie einem Zehnerblock für den Besuch des Thermalbades. Nach dem Motto: Am Wochenende in das Bad und monatlich einen Busausflug. Tagesausflüge sind beliebt, weil sie preiswert  und bei der Busfahrt ein Mittagessen und eine Kaffeepause inkludiert sind. Den meisten Senioren ist dabei die Geselligkeit wichtig und das sie zu Mittag zwischen drei Menüs wählen können. Gibt es dazu Musik mit der Ziehharmonika,  steigt die Stimmung. Dazwischen steht die Besichtigung eines Heldendenkmal, eines Wasserfalles oder einer Kirche am Programm. Der  Vorteil ist, dass der  Bus nahe an die Sehenswürdigkeiten heranfahren kann und die Reisenden brauchen nicht weit zu laufen. Sorgt der  Buschauffeur auf  der Heimfahrt für heitere Stimmung, dann gibt es am Ende der Fahrt reichlich Trinkgeld.

Vom  Abschied nehmen berichten viele Lieder und Gedichte. Zuerst denkt man an den  Abschied von einem verstorbenen Menschen. Dieser Abschied ist ein Schnitt in das Herz, der eine Narbe hinterlässt. Das Blut fließt nicht mehr frei, von daher kommen die Schmerzen im Brustbein. Die Beschwerden richten sich danach  wie nahe man dem Menschen gestanden ist.  Ein Weggang ist,  wenn man  aus seiner Wohnung, von seinem Ort, aus dem Tal  wo man jahrelang gelebt hat, wegzieht.  Einen Berggipfel, eine Felswand,  auf die man täglich geschaut hat, verlässt. Der Dobratsch  wechselte mit den Tages- und den Jahreszeiten seine Farbe.  Beim Blick auf die  “Rote Wand” habe ich in ihr oft etwas Neues entdeckt. Der Berg hat mich getröstet,  hat mir Ratschläge gegeben und hat mir Ruhe geschenkt. Er hat mir zugeflüstert:  „Auf diesen Felsen kannst du dein Leben bauen“.