Zurückgeschleudert…

…wie ein Gummiball.

Bis in die Mitte der achtziger Jahre wälzte sich der Urlauberverkehr auf der Bundesstraße B 100 durch die Orte des unteren Gailtals, wie Hart und Arnoldstein. Die Passkontrollen am Grenzübergang Thörl Maglern führten zu einem Rückstau, welcher manchmal die Stadtgrenze von Villach erreichte. Die Fahrt in den Süden wurde beim Grenzübertritt massiv eingebremst, die Weiterfahrt durch das Kanaltal kurvenreich und stockend. Der Traum von der freien Fahrt in den Urlaub erfüllte sich erst nach Udine. Italienisches Flair konnte man nach der Zollabfertigung genießen, wenn man in Tarvisio für einen Cappuccino eine Pause einlegte. Im Kanaltal reihten sich entlang der Straße ein Straßenhändler an dem Anderen, welche modische Bekleidung und Utensilien für einen unbeschwerten Italienurlaub anboten. Die nächste Fahrtunterbrechung zu Mittag, bei Pizza oder Spagetti, ließ die anstrengende Autofahrt und die zermürbende Wartezeit bei der Zollabfertigung verfliegen. Über den Sommer prägte der Urlauberverkehr die Strecke zwischen Villach und Udine, ganzjährig drückte der Schwerverkehr der Straße und den Rastplätzen seinen Stempel auf.

Wie unvorhersehbar eine Reise in den Süden verlaufen kann erlebte ich, als für ein paar Tage Triest mein Reiseziel war. Die Bücher von Riccarda Huch und Fulvio Tomizza, brachten mir Triest und das Umland näher. Am Ortsanfang von Resiutta freute ich mich, dass ich das Kanaltal bald hinter mir habe und sich die große friulanische Ebene auftut. Beidseitig hatten die Straßenhändler Figuren und Statuen schon am Straßenrand platziert, um Aufmerksamkeit zu erregen. Eine gemütliche Fahrt, überschaubares Tempo mit dem nötigen Abstand zu dem Vordermann. Der Gegenverkehr verlief besonnen, keinen juckte es aus der Kolonne auszubrechen und ein Fahrzeug zu überholen. Vor mir immer dasselbe Auto mit einer deutschen Nummerntafel und plötzliche Dunkelheit. Mein Auto prallte gegen ein Hindernis und wurde zurückgeschleudert wie ein Gummiball. Ab sofort völlige Ruhe, mein erster Gedanke, hoffentlich sind meine Beine in Ordnung?  Mein tägliches Werkzeug für den Verkauf.

In zwanzig oder dreißig Meter Entfernung ein quer über die Straße stehender Sattelschlepper. Zwischen ihm und meinem Auto lagen Spannplatten, Kleider, Geschirr und Spielzeug, alles über die Straße verstreut. Keine Motorengeräusche, alle anderen Fahrzeuge waren wie vom Erdboden verschluckt.


6.Mai 1976 abends…

… acht Uhr und neunundfünfzig Minuten.

Das Erdbeben vom 6. Mai 1976, dessen Epizentrum in Friaul lag, war auch in Arnoldstein zu spüren. Ich erlebte die Erdstöße nicht als Rütteln, wie man gemein hin annimmt, sondern wie einen starken Seegang. In der Wohnküche saß ich beim Esstisch auf einem Stuhl und plötzlich wurde der Stuhl von einer Welle erfasst und in die Höhe gehoben. Für einen Moment glaubte ich, ich würde mit dem Kopf am Plafond anstoßen, dann senkte sich der Stuhl wieder. Erst danach, es war abends, acht Uhr und neunundfünfzig Minuten, vernahm ich ein Bersten und Knirschen und einzelne Dachziegel fielen vom Nachbarhaus auf die Straße. In Friaul starben bei dem Erdbeben fast tausende Menschen.

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Die Selbstsicherheit…

...hat einen Knick.

Das Notrufsystem vom „Roten Kreuz“ erfreut sich bei den österreichischen Senioren großer Beliebtheit. Sie scheuen die monatliche Abogebühr nicht, um im Notfall, sei es Übelkeit, Sturz oder ein Schwächeanfall den Notruf zu betätigen und damit einen Rettungseinsatz auszulösen. Die Reichweite des Notfallsystem ist auf den Wohnungsbereich beschränkt, es braucht eine Basisstation in der Wohnung. Wichtig ist, dass das Armband mit dem roten Knopf Tag und Nacht am Arm getragen wird. Die Senioren tragen das Armband wie einen Schmuck, wie einen zweiten Ehering. Sie haben sich mit der Notrufzentrale des roten Kreuzes vermählt. Im späten Alter noch eine innige Verbindung eingehen, welche aber weniger mit Liebesgefühlen als mehr mit Angstgefühlen verbunden ist.  Es hat etwas mit dem Verschwinden der Gangsicherheit zu tun, dass es bei einem Sturz sofort Hilfe kommt. Eine letzte innige Bindung vor dem Lebensende verbunden mit dem Wunsch dadurch länger zu leben. Ein Sturz im hohen Alter gehört zu den tragischen Unfällen. Neben den möglichen körperlichen Verletzungen fühlt sich die Psyche überfordert. Die Selbstsicherheit hat einen Knick bekommen, das Vertrauen in die eigenen Füße ist erschüttert. Wer bereits in einem Verkehrsunfall verwickelt war weiß um die Selbstüberwindung wieder in ein Auto einzusteigen.

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Im Falle eines Falles…

…klebt Uhu alles.

In kritischen Situationen besteht heute rund um die Uhr die Möglichkeit ein Notsignal abzusenden.  Zumeist setzen wir ohne Handy keinen Schritt vor die Türe, wir könnten bei der nächsten Stufe stolpern. Eine Wanderung oder eine Radtour ist heute ohne ein Smartphon im Gebäck undenkbar. Ich erinnere mich an die panische Reaktion einer Nichte bei einer Wanderung zur Klagenfurter Hütte. Zu dieser Zeit war der Besitz eines Handys noch nicht selbstverständlich und wenn, war es ein Handy mit Tastatur. Nach etwa einer halben Stunde bemerkte die Nichte, sie besaß als einzige ein Handy, dass sie ihr Handy im Auto vergessen hatte. Sie wollte partout kehrtmachen um ihr Handy aus dem, am Parkplatz abgestellten Pkw zu holen. Es könnte bei einem von uns zu einem Schwächeanfall kommen, jemand ausrutschen und sich an der Hand oder am Fuß verletzten.  Mit dem Handy bestünde die Möglichkeit eine Hilfe herbeizuholen.

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Die Not…

…bringt manche Fortschritte.

Not macht erfinderisch. So kann man die Situation am Bauernhof beschreiben, ging es darum ein kaputtes Teil zu reparieren. Bei der Getreidemühle war ein Zapfen gebrochen, der die Zufuhr vom Getreide zu den Mühlsteinen reguliert hat. In diesem Jahrzehnt war vieles aus Holz und der Vater konnte auf dem Holzbock den Zapfen wiederherstellen. Bei der Melkanlage ist ein Stück Gummischlauch brüchig geworden. Dann wurde mit einem Stück Gartenschlauch die Zeit, bis wir in die Stadt gekommen sind den Schlauch zu besorgen, überbrückt. Im Sommer mussten die Schönwettertage dazu benützt werden um die Heuernte einzubringen. Nach der Sendung „Autofahrer unterwegs“ kam im Radio der Wetterbericht. Dabei war es am Esstisch in der Küche muxmäuschenstill damit kein Wort verlorenging. Unabhängig davon hatten wir eine eigene Wetterstation im Hof, dies war das metallene Brunnenrohr. Hier floss Tag und Nacht das Wasser von der eigenen Quelle. Begann das Eisenrohr zu schwitzen, dann konnten wir annehmen, dass sich das Wetter in zwei bis drei Tagen ändern wird. Auch die Äskulapnatter die im Gemäuer hauste, welches den Hang beim Brunnen stützte, zeigte sich öfters. Während der Heusaison ging es gnädig  her, weil das Wetter war immer für eine Überraschung gut. Beim Motormäher war das Kupplungsseil gerissen, da versah ein Spagat gute Dienste. Ich glaube, dass aus der Not heraus manche Fortschritte gekommen sind. Not macht erfinderisch, dies könnte auch bedeuten, es regt die Kreativität des Menschen an.