bird:box II

Gerade ist ein Spatz auf dem Trottoir vor der Birdbox gelandet, hat aber gleich wieder abgehoben. Wurde er von den Worten des nächsten Passanten, „ich habe Emma gebeten Sabrina vom Kinderhort abzuholen“, aufgeschreckt. Der Großteil strömt zielbewusst dem Bahnhof zu, in einer Hand zumeist eine Tragtasche von einem Lebensmitteldiskonter. Die Fußgeherampel blinkt unentwegt gelb. Beim Einbiegen in den Kreisverkehr kommen immer wieder Radfahrer in das Schwanken und Balancieren, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Auf der Straße fahren Taxis, Firmenautos aus dem Baugewerbe, Paketdienste und Omnibusse vorüber. Kurzfristig ist es sonnig, sofort werden die Gesichtszüge der Passanten freundlicher. Bevor über dem Bahnhofsviertel eine wahrlich dunkle Wolke erscheint. Vor dem Gewitter kann der Regenschirm als Gehhilfe verwendet werden. Immer mehr Fußgänger haben ein Papiersackerl vom Bäcker oder ein Plastiksackerl mit Bananen, Äpfel und Orangen in der Hand. In den Alufolien verbergen sich wahrscheinlich eine Portion heißer Leberkäse oder ein Kebab für die Mittagspause.

Wenige Minuten vor Mittag könnte die falsche Zeit sein, um auf Vögel zu warten? Wahrscheinlich sind sie tagsüber am Stadtrand und kehren erst abends in die Innenstadt zurück? Unsere Wohnungskatze Sissi weiß diesbezüglich besser Bescheid. An Schönwettertagen sitzt sie ab fünf Uhr morgens zwischen den Blumentöpfen auf  der Loggia und überwacht den Flugverkehr der Vögel. Keine Flugbewegung entgeht ihrem geschulten Auge. Mit den Monaten hat sie sich zu einer exzellenten  Fluglotsin entwickelt.

Aussicht

bird:box

In der Birdbox, dem großen Nistkasten, vor dem Musil Museum in Klagenfurt sitze ich bequem in einem Fauteuil. Die Box steht nahe am Kreisverkehr vor dem Klagenfurter Hauptbahnhof. Warten auf Vögel, so nennt sich die Ausstellung von Josef Bernhardt. Ob sich Gert Jonke in meiner Situation, an einem Verkehrsknotenpunkt, auch gefragt hätte: „Wo sind die Vögel, sind sie heute nicht da“? In den Kreisverkehr mündet die Bahnhofstraße, am rechten und linken Fahrbahnrand stehen blühende Kastanienbäume. Eine Einladung an die Vögel, sich hier blicken zu lassen. Auf der anderen Straßenseite befinden sich die Amtsräume meine Krankenversicherung, Der Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft. Vor etwa acht Jahren habe ich das Erste und einzige Mal die Büroräume aufgesucht, um mich über meinen möglichen Pensionsantritt und die voraussichtliche Pensionshöhe zu informieren. Meine heutige Lebenssituation erlaubt es mir an einem Wochentag hier zu sitzen und auf die Vögel zu warten. Viele der vorbeigehenden Passanten nehmen mich in der Birdbox  gar nicht wahr, einige Passanten werfen mir einen Blick zu, ich lächle zurück. Mancher blickt vielsagend in mein Gesicht, in der Nähe des Musil Hauses ist man einen gewissen Schabernack gewöhnt. Hier auf die Vögel zu warten, der hat wohl einen Vogel, Kärnten ist reich an Vogelexistenzen.

Ich bemühe mein geschultes Ohr, ich höre keine Vogelstimmen. Menschliche Stimmen erreichen mein Ohr, lange bevor die Augen die Fußgeher erblicken. Die stärksten Geräusche verursachen aber die Autos, wenn sie kurz anhalten und dann in den Kreisverkehr einfahren. Oft werde ich Zuhörer eins Telefonats. Ich fühle mich angesprochen, wendet sich der Kopf einer schlanken Dame zu mir und sie, „ich habe dir ja gesagt wir können uns abends nicht treffen“, in das Handy spricht. Bin ich damit gemeint? Eine Frau mit weißen Haaren, still in sich lächelnd, stützt sich auf ihren Rollator ab. Im Gitterkorb befinden sich Zeitschriften von einem Lesezirkel, sie bleibt stehen. Ruht sie sich aus oder geht es ihr darum diese Existenz im großen Nistkasten zu betrachten?

Vogelfrei

buch:händler

Kann sich jemand vorstellen, dass der Internethändler Amazon junge Menschen zu Buchhändlern ausbildet? Trotzdem gehört er zu den größten Buchhändlern der Welt. Bei ihm zählt nicht der Geruch des Buches, ein schönes Cover oder die Empathie für einen Autor. Amazon lässt durch künstliche Intelligenz unser Kaufverhalten analysieren. Egal wo wir was im Netz gekauft haben, alle Spuren werden bei ihm gebündelt. Dann kommt es zur Kaufempfehlung: Andere Personen die dieses Buch gekauft haben, haben sich auch für diese Bücher interessiert. Ist diese Aussage, erstellt durch Algorithmen, vergleichbar mit dem Tipp einer Buchhändlerin in einer Stammbuchhandlung?

Vor wenigen Tagen habe ich mich mit einer Buchhändlerin unterhalten, die von der Liebe zu den Büchern beseelt ist. Wegen der Fülle von monatlichen Neuerscheinungen stellt sie schmerzlich fest, dass ihre Zeit zum Lesen beschränkt ist. Am liebsten erzählt sie ihren Kunden etwas ganz Persönliches über ein Buch. Sie breitet ein Netzwerk vor dem Buchkäufer aus. Vor der Bücherflut müssen sie und ihre Leser kapitulieren. Besucht man die Webseite eines Internethändlers kann man am Buchangebot ersticken. Zurzeit leben noch Generationen, denen eine Webseite nicht das Flair einer Buchhandlung ersetzt. Dort kann man in den Regalen stöbern und seinem Jagdtrieb frönen. Plötzlich wird man von einem Buchumschlag angezogen, von dessen Autor man noch nie etwas gelesen und gehört hat. Man nimmt es in die Hand, ohne durch Algorithmen ausspioniert zu sein: Kunden die dieses Buch gekauft haben, haben auch diese Bücher gekauft.

Werbefrei

schuh:handwerk

Als Kind brachte ich des öfteren kaputte Schuhe zum Linder Schuster nach Ferndorf. Im Ortszentrum gab es zwei Schusterwerkstätten, eine auf der rechten und eine auf der linken Straßenseite. Die Bergler, zumeist Landwirte, kauften ihre Schuhe bevorzugt beim Linder Schuster, die Angestellten und Arbeiter vom Heraklithwerk beim Smaretschnig gegenüber. Diese Aufteilung galt auch für das Flicken der kaputten Treter. In der Werkstätte herrschte immer eine fröhliche Stimmung. Beide Schuster haben ihre Werkstätte geschlossen, auf einem Haus gibt es noch immer die Firmenreklame.

Ist es heute möglich in einer Schuhfabrik das Schusterhandwerk zu erlernen, um Schuhe für spezielle Anforderungen herzustellen? An mein Jahr in einer Spittaler Schuhfabrik erinnere ich mich gut. In der Montagehalle wurden die einzelnen Lederteile maschinell zusammengefügt. Dort herrschte keine  Werkstattromantik, es rotierte das Fließband und der Lärm der Maschinen. Es gab die traditionellen Bezeichnungen wie Leisten, Oberleder, Brandsohle oder Absatz, das Zusammenfügen der einzelnen Teile erfolgte mithilfe von Maschinen. Die ArbeiterInnen waren die Handlanger der Maschinen. Zu meiner Zeit waren es mechanische Automaten, inzwischen dürfte auch hier die Elektronik Einzug gehalten haben. In der Montagehalle herrschte ein Pfauchen und Kreischen, statt  fröhlichem Pfeifen und Singen aus der Brust des Schustergesellen. Wer damals seinen erlernten Beruf gewechselt hat erhielt den gut gemeinten Rat: Schuster bleib bei deinen Leisten.

Die oberste Priorität der Bandmeister in den Kleiderfabriken Asien ist beim Zusammennähen der einzelnen Stoffteile das vorgeschriebene Tagespensum zu erfüllen. Die Frage, ob für diese  Arbeit ein gerechter Lohn bezahlt wird, ist für die Firmenleitung nebensächlich. Der Wahlspruch meiner Frau, Kleider machen Leute, trifft  in der Öffentlichkeit immer seltener zu. Es gibt elegant angezogene Leute, anderseits nach unserem Empfinden verwahrloste Burschen und Mädchen.

Neuer Geschmack