fuß:ball II

Von angenehmen Tischnachbarn auf einer Donauschifffahrt mit freundlichen Worten versorgt, sitzen wir im EC von Wien nach Villach. Zum Abschied haben alle beteuert wie nett es während der Reise war. An manchen Abenden ist das Nette wie Rotwein aus einem umgestoßenen Weinglas auf den Boden getropft. In Meidling setzt sich eine 85-jährige Lavantthalerin zu uns. Sie wurde zu ihrem Geburtstag von ihrem Sohn, einem internationalen IT Spezialisten, nach Wien eingeladen. Als besondere Überraschung hat er sie zu einem Freundschaftsspiel der österreichischen Fußballnationalmannschaft mitgenommen. Die Lavantthalerin kann es bis jetzt noch nicht fassen, wie viele Menschen im Stadion waren. So viele Menschen auf einem Fleck hat sie in ihrem Leben noch nie erlebt. Gegen wen die Österreicher gespielt haben, kann sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Sie weiß nur, dass die Österreicher 3:0 verloren haben. Lange bleibt sie in Gedanken versunken, der Name der gegnerischen Mannschaft will ihr nicht und nicht einfallen. Dies sei auch kein Wunder, tröstet sie sich selbst, sie hat sich nie für Fußball interessiert. Wir wissen es auch nicht, ein Mitreisender hilft uns weiter, es war Brasilien. Für die 85- jährige Frau ist die Welt wieder in Ordnung.

Was sie als junges Mädchen im Stift St. Paul erlebt hat, war nicht in Ordnung. Nach der Pflichtschule hat sie bei den Nonnen eine Ausbildung als Küchengehilfin absolviert. Dort wurden zweierlei Essen gekocht: Zum einen Mal für die Internatsschüler und zum anderen Mal für die Mönche und Professoren vom Stiftgymnasiums. Für die feinen Herren, wie sie die Mönche und Professoren nennt, wurde ein schmackhafteres Essen gekocht und auch ein edleres Essgeschirr verwendet. Als Klosterschülerin musste sie täglich um sieben Uhr früh die Hl. Messe besuchen. Einmal im Monat gab es um Mitternacht eine Gebetsübung, die Anbetung des Hl. Herz Jesu. Die Oberin hat streng auf Sitte und Ordnung geachtet. Den Klosterschülerinnen war es nicht erlaubt, im Ort spazieren zu gehen.

Klosterregeln

fuß:ball I

Vernachlässigt wird von mir das Geschehen rund um den Fußballsport. Zu gewissen Zeiten schwappt die Fußballbegeisterung in das Wohnzimmer herein. In der Zeit der Fußballweltmeisterschaft, wenn ein Elfmeterball die Wohnzimmerscheibe durchschlägt. Die Leser einer Kleinformatzeitung werden aus diesem Anlass zu allerst mit den neuesten Fußballergebnissen konfrontiert, dann erfolgt die reguläre Berichterstattung. In der Schulzeit gehörte ein Match unter Klassenkameraden, vom Frühjahr bis in den Spätherbst, zu den Freuden eines Internatsschülers. Jede Schulstufe hatte in Tanzenberg am Fuße vom Internat einen Fußballplatz. Zumeist war es ein Stück Wiese, welches notdürftig zum Fußballspielen adaptiert wurde. Manches Mal stolperte ich nicht über den Ball oder die Füße des gegnerischen Verteidigers, sondern über eine Baumwurzel.

Die Oberstufenschüler durften das große, gepflegte Fußballfeld benützen. An den Sonntagnachmittagen wurden hier Freundschaftsspiele zwischen Schulsportvereinen ausgetragen. Die Internatszöglinge bildeten eine lautstarke Kulisse, bei einem Fußballspiel konnten die Spieler und die Zuschauer ihren Emotionen freien Lauf lassen. Zum Schulschluss gab es ein Freundschaftsspiel zwischen den Professoren des Gymnasiums und den Präfekten des Internats. Für die Zöglinge ein erheiterndes Schauspiel, wenn die ansonsten unnahbaren, ehrwürdigen Professoren und Präfekten schwitzend und keuchend über den Fußballplatz hetzten. Wir freuten uns diebisch, wenn jemand außer Atem geraten oder gestürzt ist.

Fußballmeisterschaft

täusch:ung II

Suspekt sind die exzessiven Werbemethoden der Möbelhäuser. Dort erhält man zu jeder Jahreszeit bei einem Einkauf Preisnachlässe von fünfzig bis zu siebzig Prozent. Dabei muss etwas nicht stimmen, da wird vorher wohl unseriös kalkuliert. Der Handel  hat sich von einer ehrenhaften Tätigkeit in eine undurchschaubare Praxis entwickelt. Bei diesem Thema können ältere Paare starke Emotionen entwickeln. Hier gibt es einen äußeren Feind, wo es sich lohnt dagegen gemeinsam aufzutreten. Eine Diskussion darüber füllt den ganzen Vormittag aus. Zur rechten Zeit bringt der Briefträger neues Werbematerial. Der bevorzugte Lebensmittel Diskonter gewährt am kommenden Wochenende auf alle Biersorten und Mineralwasser einen Rabatt von zwanzig Prozent. Auf alle Kosmetikartikel gibt es fünfundzwanzig Prozent. Mit dem Kauf dieser Sonderangebote kann man sich einmal richtig schönmachen. Dabei vergisst man leicht, dass trotz teuerster Cremen die Falten vom Oberarm und aus dem Gesicht nicht weichen. Mit diesen satten Rabatten darf der Traum von ewiger Schönheit weiterleben.

Herrscht im Kosmos überall dieselbe Temperatur, dann kommt, nach Aussage der Astronomen, das Universum zum Stillstand. Der Wärmetod wurde vor Jahrzehnten als das Ende vom Universum gesehen. Aktuell nimmt man an, das Universum kühlt bei fortschreitender Expansion immer weiter ab. So kühlen auch die Gefühle mit dem Fortschreiten der Jahre weiter ab.

Wärmetod

täusch:ung I

Verändert die Ansage, viele Umstände von heute sind eine ungute Entwicklung, daran etwas? Wer kann sagen, ob seine Einschätzungen auch in zehn oder zwanzig Jahren ihre Berechtigung haben? Die meisten Sorgen der älteren Generation gehen dahin, dass sich die Gesellschaft, die Technik zu rasch verändert. Für sich ist man zumeist zufrieden und anspruchslos und weiß oft nicht mehr, was man sich wünschen könnte. Stillstand entsteht. Eine lange Pause bei der Anschaffung von neuen Kleidern und eine Auszeit beim Erneuern der Wohnung. Dazu kommt der Rückgang bei den Gefühlen, man kann sich kaum noch über etwas erregen. Vor allem freudig erregen, zumeist sind die wenigen Erregungen negativer Art. Darüber in Rage zu kommen, dass die leeren Kartons in der Altpapiertonne nicht ordnungsgemäß entsorgt werden.

Ein Quantensprung ist darüber zu lamentieren, wie die Käufer seit neuestem bei den Waschpulverpackungen bei den Füllmengen getäuscht werden. Mit freiem Auge betrachtet hat die Schachtel immer dieselbe Größe. Öffnet man diese zeigt sich, dass die Schachtel nicht mehr bis oben mit Waschpulver gefüllt ist. Es fehlen geschätzte fünfzehn Prozent vom Volumen. Beim Haarspray ist es die selbe Dose in der selben Aufmachung und derselbe Preis, aber beim Inhalt sind es statt 75 ml nur mehr 65 ml. So wird man von den Herstellern getäuscht. Manche unterstellen der Industrie und dem Handel, ihre einzigen Ziele sind, die Konsumenten zu betrügen.

Persilschein