ZAHNARZTGEBURT…

…nie wieder.

Nach der Veröffentlichung von einigen Texten in der Literaturzeitschrift Sterz besuchte ich den Herausgeber Gernot Lauffer in Graz. Seine  Altbauwohnung befand sich in der Inneren Stadt.  Ein breites Stiegenhaus, versehen mit einem imposantem schmiedeeisernem Geländer führte in die oberen Stockwerke. Die Wohnungstür war eine Doppeltür mit zwei Flügeln und extra hoch. Die Lebensgefährtin begleitete mich durch die Wohnung hinaus auf den Balkon. Heute würde ich ihn als Vogelnest bezeichnen, ein runder, freitragender Balkon mit Blick in den Innenhof. Ein runder Tisch, zwei Campingstühle und Platz für zwei Leute. Der Sterz Herausgeber begrüßte mich mit einem Fragezeichen: “Sind sie der Verfasser der Zahnarztgeburt? Ich habe sie mir nach der Lektüre der Texte ganz anders vorgestellt, sie vermitteln einen ganz “normalen Eindruck”, ein seriöses Auftreten”. Mein Auftreten war dem Beruf geschuldet, mein Inneres durfte sich frei bewegen. Ein Auszug:

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ZAHNARZTGEBURT…

… ein Auszug

Es gibt Lebensphasen wo man selbst sein kann. In der Kindheit, Jahre der Meinungs- und Narrenfreiheit, bevor man zwischen die Mühlsteine der Gesellschaft kommt und von diesen zerrieben wird. Es kann sein, ein paar Jahre später, spurt man nicht wie es die Erwachsenen wollen heißt es dieser Lümmel kann sich nicht anpassen. Er hat einen schwierigen Charakter oder schlimmer, dies ist ein Asozialer. Wie verträgt sich die Sehnsucht nach innerer Freiheit, der Schrei nach Freiraum, nach Überwindung von den Grenzen der Gepflogenheiten mit dem öffentlichen Auftritt welcher vom Beruf verlangt wird? In einer Landgemeinde ist ein Lehrer, Kaufmann, Gastwirt oder Gemeinderat eine öffentliche Person. Besucht man eine Veranstaltung kommt es schnell zu einer Zuschreibung, schau der Papierhändler ist auch hier. Dabei gibt es Zeiten, wo man versucht sich nicht vom Klischeebild eines Papierhändlers vereinnahmen zu lassen. In dieser Zeit versuchte ich nach Geschäftsschluss, nach dem Umdrehen des Geschäftsschlüssel, mein zweites ich zu leben. In den Anfangsjahren als selbstständiger Kaufmann schrieb ich nebenher an experimentellen Texten und entwickelte einen eigenen Schreibstil. Damit einhergehend meine Weltsicht, welche nicht den üblichen kaufmännischen Regeln folgte. Ein Auszug:

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Lockruf…

…der Waghalsigkeit.

Eine Tafel warnte davor, den Abstieg bei Schnee oder Nässe zu wagen. Je jünger ich war, umso mehr Risiko war ich bereit einzugehen. Damlas konnte ich keine Hilfe herbeitelefonieren, nicht in dem Ausmaß von überall und jederzeit Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Für die Entscheidung, den Abstieg zu wagen oder nicht zu wagen, blieb der innere Dialog. Im Kopf zwei Welten, eine abenteuerlustige und eine risikobereite und das Gegenüber, die vernünftige und die besonnene. Was wäre, wenn ich am Steig ausrutschen würde und irgendwo in der Schlucht aufschlagen würde? Verletzt, unfähig den Weg fortzusetzen, eventuell im Bachbett gelandet, benommen, nass und unterkühlt. Nicht fähig nach Hilfe zu rufen, nach wem auch? Es würde abends werden, bis sich die Verwandtschaft Gedanken über meinen Verbleib machen würde. Morgens gab es nur eine vage Nachricht, welchen Weg ich für meine Tour wählen werde. Es könnte ein elendiger Tag werden, eine Nacht die vielleicht keinen Morgen mehr kennt. Diese Aussichten entsprachen nicht meinem Lebensgefühl, meiner Lust am Leben.

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Benützung…

…auf eigene Gefahr.

Wir begnügen uns oftmals mit Schlagwörtern oder Worte werden zu geflügelten Sätzen und Redewendungen zu ganzen Lebensweisheiten. Will heißen, ich habe eine Sache auf den Punkt gebracht. Zerpflückt man einen Spruch, klopft ihn auf die Alltagstauglichkeit ab, so zeigen sich oft Lücken oder Engpässe tun sich auf. Wo man den Weg hindurch nicht schafft. Es wird darauf vertraut, dass der Weg in Stand gehalten wird und plötzlich reißt er ab. Wer die Herausforderung liebt, der kann auch solche Wege benützen, wo zu Beginn ein Schild vor der Benützung warnt: Der Steig durch die Schlucht wird nicht betreut, die Benützung erfolgt auf eigene Gefahr. Heute minimiert sich fast jede Gefahr, weil man für den Notfall das Smartphone bei sich führt. Ich glaube, dass bei einer Tageswanderung die meisten ein Smartphone dabeihaben. Den Tag über sind nicht mehr als eine Handvoll Wanderer welche kein Handy dabeihaben. Fördert dies heute Risikobereitschaft? Manche Tragödien, welche sich in den letzten Monaten in den Bergen abspielten, lassen diesen Schluss zu. Nach dem Motto, komme ich in Bergnot, dann kann ich einen Notruf absetzen. Danach wird mich die Bergrettung oder die Flugrettung schon aus der Gefahrenzone bringen. Dies trifft auch auf das Wandergebiet im inneren Montafon zu. An eine Wanderung um die Osterzeit im inneren Montafon, zu Beginn des neuen Jahrtausends, erinnere ich mich.

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Ferndorfer…

… wurde zum Bärndorfer.

Abzulehnen ist für mich die Vorgehensweise, wenn in Rechtsanwaltskanzleien die Arbeit der Aspiranten, in der juridischen Literatur zu forschen, in der Zukunft von der KI erledigt wird. In der umfangreichen Literatur an Fallbeispielen und Ergänzungen zu einem Gesetzestext, wird diese Aufgabe von der KI schneller und effizienter ausgeführt.  Somit verliert der Rechtsanwaltsaspirant eine wesentliche Aufgabe um für die Lösung von juristischen Fällen geschult zu werden. Mir kommt dies ähnlich vor, als würde ein Maurerlehrling nur bei der Verarbeitung von Fertigbeton eingesetzt. Beim Verteilen und Ausfüllen des Betons in den Schalungen.  Der Maurerlehrling hat nie die Gelegenheit händisch, mit Mörtel und Ziegel, Ziegel um Ziegel eine Hauswand hochzuziehen.

Die Kontrolle der Rechtschreibung wird wahrscheinlich von neunzig Prozent der Computeranwender der automatischen Rechtschreibüberprüfung überlassen. Spannend wird es, wenn das Wort richtig geschrieben, aber im Textzusammenhang falsch ist und einen anderen, manchmal einen kuriosen Sinn ergibt. Diese Konstellation trifft man beim aufmerksamen Lesen einer Tageszeitung fast täglich. Ähnlich wie bei der Auswertung von Röntgenbildern, wer setzt den Namen darunter, dieser haftet auch für die inhaltliche Richtigkeit. Der journalistische Standard hat heute im Alltag viel an Qualität eingebüßt. Das A&O, Namen und Orte richtig wiederzugeben wird immer wieder missachtet. Ein jüngstes Beispiel war ein Bericht in einer Kärntner Kleinformatzeitung über den Einsatz eines Freiwilligen bei den Olympischen Winterspielen in Mailand. Die betreffende Person wurde als Spittaler bezeichnet, obwohl er nicht in Spittal / Drau geboren wurde und dort auch nie gelebt hat. Aus einem „Ferndorfer“ wurde ein „Bärndorfer“. Der Reporter hat die journalistische Sorgfalt übergangen, keine Rechtschreibfehler, aber bei den Fakten falsch. Hatte ich das Gefühl, jemand flunkerte bei seiner Erzählung, dachte ich, der will mir einen Bären aufbinden.