Der Reiseverkehr…

..nimmt Fahrt auf.

Mein nächster Impuls, raus aus dem Fahrzeug, doch die Fahrertür und die Beifahrertür lassen sich nicht öffnen, sie sind verklemmt. Mit akrobatischen Bewegungen krieche ich auf die hintere Sitzbank und verlasse durch die Hintertür das Auto. Ich sehe noch mehr Haushaltsutensilien, Konservendosen, eine Babyflasche, Bücher und überall Teile von Spannplatten. Ich setzte mich auf einem Randstein am Straßenrand und betrachte das Szenario wie in einem Film. Plötzlich Sirenengeheul, Polizei und Rettung. Die Polizisten stellen mir auf Italienisch Fragen, die ich nicht verstehe und wippen immer mit der linken Fußschaufel und deuten auf die Fahrbahn. Nach einer Weile bekam ich eine Durchschrift vom Protokoll. Der Sattelschlepper mit italienischem Kennzeichen manövrierte sich auf die rechte Fahrbahn und setzte seine Fahrt Richtung Tarvisio fort. Hinter meinem Auto stand ein beschädigter Pkw, an der Anhängerkupplung das Fahrgestell vom zerstörten Wohnwagen. Alle übrigen Teile vom Wohnwagen und der gesamte  Inhalt lagen verstreut auf der Bundesstraße. Die Fahrerseite von mir war eingedrückt und die Motorhaube gestaucht. Das Ausmaß, wie schwer das Auto beschädigt war, habe ich nicht wahrgenommen. Ich entnahm dem Kofferraum meine Reisetasche bevor das Auto vom Abschleppdienst verladen wurde.  Danach bekam ich eine Visitenkarte von der Autowerkstatt in die Hand gedrückt.

Der Reiseverkehr nimmt wieder Fahrt auf. Ich überquere die Straße, klettere über die Leitschienen und erreiche den gegenüberliegenden Bahnhof. Mit dem nächsten Zug fahre ich nach Tarvisio, der Zug endete dort. Per Autostopp versuche ich meine Fahrt nach Arnoldstein fortzusetzen. Beim Stehen am Straßenrand sehe ich wie der Sattelschlepper vorbeifährt, welcher kurz vorher die Straße in Resiutta blockiert hat. Ein paar Fahrzeuge später kam ein Nachbar aus Arnoldstein mit seinem Auto vorbei und nahm mich mit.

Wie der Unfall sich zugetragen hat, habe ich vom Anwalt meiner Rechtschutzversicherung erfahren. Das Abbiegemanöver des holländischen Wohnwagengespann zu der Tankstelle auf der linken Straßenseite wurde vom nachfolgenden Sattelschlepper übersehen. Dieser rammte den Wohnwagen und kam quer über die Straße zum Stehen.  Der Pkw des Holländers schrammte meine Fahrerseite entlang. Die umherfliegenden Bauteile des Wohnwagens machten mich kurzfristig blind und ich prallte mit dem Auto gegen den Vorderreifen des Sattelschleppers und wurde wie ein Gummiball zurückgeschleudert.

Zurückgeschleudert…

…wie ein Gummiball.

Wie unvorhersehbar eine Reise in den Süden verlaufen kann erlebte ich, als für ein paar Tage Triest mein Reiseziel war. Die Bücher von Riccarda Huch und Fulvio Tomizza, brachten mir Triest und das Umland näher. Am Ortsanfang von Resiutta freute ich mich, dass ich das Kanaltal bald hinter mir habe und sich die große friulanische Ebene auftut. Beidseitig hatten die Straßenhändler Figuren und Statuen schon am Straßenrand platziert, um Aufmerksamkeit zu erregen. Eine gemütliche Fahrt, überschaubares Tempo mit dem nötigen Abstand zu dem Vordermann. Der Gegenverkehr verlief besonnen, keinen juckte es aus der Kolonne auszubrechen und ein Fahrzeug zu überholen. Vor mir immer dasselbe Auto mit einer deutschen Nummerntafel und plötzliche Dunkelheit. Mein Auto prallte gegen ein Hindernis und wurde zurückgeschleudert wie ein Gummiball. Ab sofort völlige Ruhe, mein erster Gedanke, hoffentlich sind meine Beine in Ordnung?  Mein tägliches Werkzeug für den Verkauf.

In zwanzig oder dreißig Meter Entfernung ein quer über die Straße stehender Sattelschlepper. Zwischen ihm und meinem Auto lagen Spannplatten, Kleider, Geschirr und Spielzeug, alles über die Straße verstreut. Keine Motorengeräusche, alle anderen Fahrzeuge waren wie vom Erdboden verschluckt.


6.Mai 1976 abends…

… acht Uhr und neunundfünfzig Minuten.

Das Erdbeben vom 6. Mai 1976, dessen Epizentrum in Friaul lag, war auch in Arnoldstein zu spüren. Ich erlebte die Erdstöße nicht als Rütteln, wie man gemein hin annimmt, sondern wie einen starken Seegang. In der Wohnküche saß ich beim Esstisch auf einem Stuhl und plötzlich wurde der Stuhl von einer Welle erfasst und in die Höhe gehoben. Für einen Moment glaubte ich, ich würde mit dem Kopf am Plafond anstoßen, dann senkte sich der Stuhl wieder. Erst danach, es war abends, acht Uhr und neunundfünfzig Minuten, vernahm ich ein Bersten und Knirschen und einzelne Dachziegel fielen vom Nachbarhaus auf die Straße. In Friaul starben bei dem Erdbeben fast tausende Menschen.

Weiterlesen

Die Selbstsicherheit…

...hat einen Knick.

Das Notrufsystem vom „Roten Kreuz“ erfreut sich bei den österreichischen Senioren großer Beliebtheit. Sie scheuen die monatliche Abogebühr nicht, um im Notfall, sei es Übelkeit, Sturz oder ein Schwächeanfall den Notruf zu betätigen und damit einen Rettungseinsatz auszulösen. Die Reichweite des Notfallsystem ist auf den Wohnungsbereich beschränkt, es braucht eine Basisstation in der Wohnung. Wichtig ist, dass das Armband mit dem roten Knopf Tag und Nacht am Arm getragen wird. Die Senioren tragen das Armband wie einen Schmuck, wie einen zweiten Ehering. Sie haben sich mit der Notrufzentrale des roten Kreuzes vermählt. Im späten Alter noch eine innige Verbindung eingehen, welche aber weniger mit Liebesgefühlen als mehr mit Angstgefühlen verbunden ist.  Es hat etwas mit dem Verschwinden der Gangsicherheit zu tun, dass es bei einem Sturz sofort Hilfe kommt. Eine letzte innige Bindung vor dem Lebensende verbunden mit dem Wunsch dadurch länger zu leben. Ein Sturz im hohen Alter gehört zu den tragischen Unfällen. Neben den möglichen körperlichen Verletzungen fühlt sich die Psyche überfordert. Die Selbstsicherheit hat einen Knick bekommen, das Vertrauen in die eigenen Füße ist erschüttert. Wer bereits in einem Verkehrsunfall verwickelt war weiß um die Selbstüberwindung wieder in ein Auto einzusteigen.

Weiterlesen

Im Falle eines Falles…

…klebt Uhu alles.

In kritischen Situationen besteht heute rund um die Uhr die Möglichkeit ein Notsignal abzusenden.  Zumeist setzen wir ohne Handy keinen Schritt vor die Türe, wir könnten bei der nächsten Stufe stolpern. Eine Wanderung oder eine Radtour ist heute ohne ein Smartphon im Gebäck undenkbar. Ich erinnere mich an die panische Reaktion einer Nichte bei einer Wanderung zur Klagenfurter Hütte. Zu dieser Zeit war der Besitz eines Handys noch nicht selbstverständlich und wenn, war es ein Handy mit Tastatur. Nach etwa einer halben Stunde bemerkte die Nichte, sie besaß als einzige ein Handy, dass sie ihr Handy im Auto vergessen hatte. Sie wollte partout kehrtmachen um ihr Handy aus dem, am Parkplatz abgestellten Pkw zu holen. Es könnte bei einem von uns zu einem Schwächeanfall kommen, jemand ausrutschen und sich an der Hand oder am Fuß verletzten.  Mit dem Handy bestünde die Möglichkeit eine Hilfe herbeizuholen.

Weiterlesen