“Es ist eine große Last ein Tagebuch zu führen, aber auch eine große Freude es geführt zu haben.” John Ruskins
Bertrand Russell…
…bin kein Christ.
Bertrand Russell, * 18. Mai 1872 Wales; † 2. Februar 1970 Wales, war ein britischer Philosoph, Mathematiker und Religionskritiker. 1950 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er gilt als einer der Väter der analytischen Philosophie. Er verfasste eine Vielzahl von Werken zu philosophischen, mathematischen und gesellschaftlichen Themen. Zusammen mit Alfred North Whitehead veröffentlichte er die „Principia Mathematica“, über die Grundlagen der Mathematik. Russell war Atheist und Rationalist. Seine Ansichten über Religion hat er in dem Essay, „Warum ich kein Christ bin“, zusammengefasst. Russell hielt diesen Vortrag am 6. März 1927 für die National Secular Society.
Am Beginn seines Vortrages definiert Russel was für ihn zum Christsein gehört: Die betreffende Person muss an Gott, die Unsterblichkeit der Seele und an Jesus Christus glauben17. Er will bei seinem Vortrag die Zuhörer über zweierlei informieren: „Erstens, warum er nicht an Gott und die Unsterblichkeit glaube und warum er nicht der Ansicht ist, dass Christus der Beste und weißeste der Menschen war“.18 In der Annahme, dass Gott die erste Ursache für die Entstehung des Universums ist, wie es die Theologie lehrt, zitiert Russel das Gegenargument von John Stuarts Mills: „Wer hat Gott erschaffen? Wenn alles eine Ursache hat, dann hat auch Gott eine Ursache.“ In der modernen Physik wird der Urknall als Beginn des Universums genannt. Ist Gott mit dem Urknall gleichzusetzen? Damit entsteht das Risiko, dass Gott durch eine neuere wissenschaftliche Erkenntnis ausgetauscht würde. Nach Thomas von Aquin: „Nichts bewegt sich, ohne dass es zuvor einen Beweger gibt. Das führt zu einer Regression und Gott ist der einzige Ausweg. Irgendetwas muss die erste Bewegung veranlasst haben, und dieses Etwas nennen wir Gott.“ Verstehe ich Thomas Aquin richtig, dann ist die erste Ursache Gott. Nach meinem Dafürhalten scheitern wir daran, wenn wir nicht akzeptieren, dass es einen unbewegten Beweger geben kann. Kann es sein, dass sich Gott selbst erschaffen hat, aus sich selbst. Folgt man den Argumenten von Bertrand Russell, dann hat die Welt ohne Auslöser und Ursache begonnen, hat das Universum immer schon existiert und hat überhaupt keinen Anfang.19
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Religion…
…und Gemeinschaft II
Im Jahreskreislauf der christlichen Familien und Personen bilden die kirchlichen Feste einen stabilen Rahmen. In den Alpenländern reichen die christlichen Rituale in das profane Leben hinein: Nikolaus, Heiliger Abend, Aschermittwoch, Auferstehungsfeier, Maria Himmelfahrt, Allerheiligen, um einige zu nennen. Das Mitfeiern dieser kirchlichen Feste ist auch eine Abgrenzung zur profanen Welt, wo diese zum Konsumevent verkommen sind. Dazu kommen die ganz persönlichen Sakramente die den Lebenslauf mittragen: Taufe, Erstkommunion, Firmung, Hochzeit und Begräbnis. Diese Rituale stärken auch das Familienleben, sie stehen dafür, dass ein größerer Kreis der Verwandtschaft zusammentrifft. Beim gemeinsamen Beten merkt man, dass einige der Verwandten schon lange nicht mehr am christlichen Leben teilnehmen. Heute sind diese religiösen Feiern einige der Anlässe, wo die Verwandtschaft leiblich anwesend ist und nicht virtuell am Smartphone. Das gemeinsame Rituale zum Leben dazugehören zeigte sich bei Feiern, wo die religiösen Zeremonien durch einen Priester abgelehnt werden. Dort ersetzt man dann den Priester, bei Hochzeiten und Beerdigungen, durch profane Hochzeitsredner und Trauerredner.
Während des Gottesdienstes hat die Wandlung eine besondere Bedeutung, es geht um die leibliche Präsenz Jesus, keine virtuelle. Der Wein und das Brot werden in das Blut und den Leib des auferstandenen Herrn umgewandelt. Mich stört daran, dass das Blut extra hervorgehoben wird, im Leib Christi müsste, so wie bei uns, das Blut integriert sein. Die Aufforderung Blut zu trinken weise ich zurück. Aufgewachsen in bäuerlichen Verhältnisse war es meine Aufgabe als Jugendlicher, beim Schweineschlachten das stoßweise herausspritzende Blut in einer Pfanne aufzufangen. Im Winter bildete sich schnell im Schnee eine rote Blutlache. Die erste Speise vom frisch geschlachteten Schwein, deren zwei Hälften noch körperwarm am Schragen hingen, war eine Blutsuppe.
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…und Gemeinschaft.
Religionsausübung setzt eine Gemeinschaft voraus. Einer der Eckpfeiler sind die gemeinsamen Feiern mit Zeremonien und Ritualen, welche es außerhalb der religiösen Gemeinschaft, in der profanen Welt so nicht gibt. Die Kirche bietet ihren Mitgliedern auch soziale und institutionelle Dienste an. Bei den Katholiken steht am Sonntag der Gottesdienst mit der Eucharistiefeier im Mittelpunkt des religiösen Lebens. Gerade dabei hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles gewandelt, der Besuch der Sonntagsmesse ist von Erosion bedroht. Ausnahmen sind, wenn in Verbindung mit der Sonntagsmesse ein musikalischer Leckerbissen oder ein spezielles Ritual gefeiert wird. Die folgenden Betrachtungen beleuchten Religionsausübung und Gemeinschaft im Alpenraum.
Tief verwurzelt war die Gemeinschaft in den Landgemeinden bis in die 80er Jahre. Wollte der Landpfarrer von der Bevölkerung akzeptiert werden, sollte er zumindest bei einem Verein im Dorf Mitglied sein. Ob dies der Gesangs- oder Jagdverein oder die Feuerwehr war, war einerlei. In der Sonntagsmesse versuchte er den bäuerlichen Dickschädeln etwas aus der Bibel, von den geistigen Schätzen, die im Evangelium schlummern, zu vermitteln. Am besten funktionierte dies mit Gleichnissen die der bäuerlichen Welt entstammen: Vom Sämann, dem verlorenen Schaf oder den Arbeitern im Weinberg. In die Predigt eingestreut waren Zurechtweisungen, wenn es Konflikte unter den Nachbarn gab oder dem Pfarrer Familienzwistigkeiten zu Ohren gekommen sind. Zumeist waren es Zerwürfnisse zwischen den Jungen und den Alten und das Verhalten den Frauen gegenüber. Den Landwirten einzuhämmern, dass die Bäuerin nicht schlechter behandelt werden soll als eine Milchkuh. Der Besuch der Sonntagsmesse hatte im ländlichen Bereich zu dieser Zeit auch seine soziale Dimension. Am Kirchenplatz bildete sich ein Forum, wo sich die Bauern über den aktuellen Marktpreis für Schweinefleisch oder den Preis für Brennholz unterhalten konnten. Den Nachbarn konnte man ansprechen, ob es am kommenden Donnerstag möglich war, dass er zum Pflügen sein zweites Pferd borgt? In der Ferndorfer Pfarre bildete sich eine Zwei Klassengesellschaft. Hier waren die Land- und Bergbauern und die Handwerker, dort die Angestellten und Arbeiter vom Heraklithwerk. Für die Ersteren hatte der Besuch der Sonntagsmesse in St. Paul und für die Zweiteren der Besuch des Frühschoppens im „Café Valente“ im Ort, oberste Priorität. Für die Halbwüchsigen waren es zwei Treffpunkte, wo sich Burschen und Mädchen kennenlernen konnten. Wer von den halbwüchsigen Burschen ein Moped besaß war bei den Mädchen im Vorteil. Er kurvte um die Mädchen solange herum, bis sich eines der Mädchen erbarmte und sich zu ihm auf den Soziussitz schwang.
LV-Religionen und Religiosität, Paris Lodron Universität.
Gibt es Fortschritt…
…in der Religion?
Den geschichtlichen Zeitraum für die Frage: „Gibt es einen Fortschritt in der Religion oder einen wissenschaftlichen Fortschritt welches religiöse Denken für obsolet erscheinen lässt“ werde ich für diese Übung ab der Neuzeit belassen. Der Duden erklärt die Bedeutung von Fortschritt9 so: „Unter Fortschritt versteht man eine positive Weiterentwicklung, im idealen Fall eine höhere Stufe der Entwicklung.“
Zu den positiven Weiterentwicklungen bei den christlichen Religionen zähle ich die Bereitschaft, dass sie sich mehr den Menschen zuwenden, den Nöten der Menschen mehr Raum geben. Geht man von den Berichten in den Evangelien aus, dann ist das Eintreten von Jesus für die Hilfsbedürftigen, seien es Aussätzige, Ehebrecher, Hilfslose und Kranke ein Eckpfeiler seines Wirkens. Die Ordensgründungen im Mittelalter gehen mit der Krankenpflege einher. In Österreich gibt es einige namhafte Ordenskrankenhäuser, wie jene der Barmherzigen Brüder, der Elisabethinen, der Kreuzschwestern u. a. Den Fortschritt bei dem Ordensspittal sehe ich darin, dass sie die Modernisierung in der Medizintechnik mitgemacht haben und trotzdem die christliche Zuwendung zum Menschen nicht vernachlässigen. Auf der Patientenmappe des „Kardinal Schwarzenberg Klinikum“ steht: „Geht nie mit den Kranken nachlässig um, sondern versorgt sie mit warmherziger Liebe“ 10. Bei meinem Aufenthalt in der Kardinal Schwarzenberg Klinik in Schwarzach im Pongau erlebte ich den sorgsamen Umgang des Krankenhauspersonal mit den Patienten. Bereits in der Ambulanz sitzt niemand in einer „Endlosschleife“, es wird versucht zu vermitteln, wann jeder drankommt. Beim Warten auf die Operation gab es viele tröstende Worte. Im Klinikalltag stellte sich jeder Mitarbeiter mit seinem Namen vor und erklärte was und warum er dies macht. Im Krankenzimmer: „Guten Morgen Herr Supersberger, ich bin Elvira, Krankenschwester im 2. Ausbildungsjahr. Darf ich ihnen den Blutdruckmessen oder soll ich später noch einmal vorbeikommen“?11 Die ärztlichen Visiten endeten mit der Frage: „Gibt es bei jemanden noch eine Unklarheit, gerne beantworten wir ihre Frage12“?
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