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Nach der Pflichtschule möchte Franz Michael Felder studieren, erfüllt aber den Wunsch seiner Mutter und bewirtschaftet den Bauernhof. Das Bedürfnis zu lesen bleibt bestehen und er bestellt sich Bücher von einer Bregenzer Buchhandlung. Dort, wird ihm erzählt, gibt es Regale vom Boden bis zur Decke, die alle mit Büchern gefüllt sind. In den Wintermonaten verdiente er sich, beim Dachschindeln fertigen, ein paar Kreuzer dazu. Dieser Nebenerwerb erlaubte es ihm aus Leipzig die Gartenlaube, eine Wochenzeitschrift, zu bestellen. Nach dem Kirchgang versammelten sich die Dorfbewohner in seiner Bauernstube, so viele darin Platz haben, um von ihm die neuesten Nachrichten zu hören. Jeder will einmal selbst die Bilder in der Gartenlaube betrachten.

Auf der Adressschleife sieht F. M. Felder seinen Namen zum ersten Mal in gedruckter Form, davon ist er ganz fasziniert. Als ich meine Kurzgeschichte Die Brille, sowie meinen Namen in der Volkszeitung abgedruckt sah, war ich tief berührt. Felder stellte in Frage, ob das Leben in immer denselben Bahnen verlaufen muss, ob es nicht bessere Möglichkeiten gibt? In seinen Aufsätzen, die er an die Redaktion der Gartenlaube schickte, formulierte er neue Lösungsansätze. Wege, außerhalb der gottgewollten Ordnung, wie es der Pfarrer von der Kanzel predigte. Mühselig versuchte er im Bregenzerwald Geistesverwandte zu finden, mit denen er sich austauschen kann. Für die meisten Dorfbewohner bleibt er ein Sonderling.

Bei mir war es der Roman von Heinrich Böll, Ansichten eines Clowns und Berichte im Der Spiegel, die aufklärerisch wirkten. Darin wurden die bürgerliche Ordnung und die katholische Lehre hinterfragt. Ist alles, wie es sonntags von den Pfarrern gepredigt wird, auch so von Gott gewollt?  Wird damit eine Hierarchie unterstützt, die den Wohlhabenden ihren Wohlstand sichert?

Kirchgang

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Franz Michael Felder lebte als Bergbauer von 1839 bis 1869 in Schoppernau im Bregenzerwald. In seinem kurzen Leben setzte er sich für die Bildung der bäuerlichen Jugend und die Gründung von Käsereigenossenschaften ein. Bis dato waren die Bauern bei der Abnahme ihrer Käselaibe dem Wohlwollen einiger Großhändler aus dem Bregenzer Raum ausgeliefert. Die Käsebarone, wie sie genannt wurden, bestimmten den Preis, der zumeist nur ihnen einen Gewinn brachte. Die Bauern hatten kein Mitspracherecht. Durch die Gründung einer Genossenschaft konnten die Käsereien im Bregenzerwald einen marktgerechten Preis fordern.

Im dreißigsten Lebensjahr verfasste Franz Michael Felder eine Autobiographie, Aus meinem Leben. Dieses Buch habe ich aufmerksam und mit  Spannung gelesen. Dabei habe ich Parallelen zu meiner Jugend auf dem Bergbauernhof festgestellt. Seinen Willen und die widrigen Umstände für das Lesen von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern auf einem Bauernhof. Sein Bestreben neben der bäuerlichen Arbeit ein Tagebuch zu führen und schriftstellerisch tätig zu werden. Sich Wissen anzueignen und selbstständig zu denken, war in der damaligen bäuerlichen Welt nicht die Regel. Zumeist orientierte man sich an den Vorstellungen und den Anweisungen der Großeltern und Eltern. Der Pfarrer, Lehrer, Bürgermeister und der Amtsvorsteher hatten im Dorf das Erste und das letzte Wort. Diese Situation gab es auch noch in den sechziger Jahren in Politzen, hundert Jahre später.

Bereits in der Unterstufe hat Felder alles gelesen was ihm unter die Finger kam und  den Nachbarn vorgelesen. Dies waren zumeist Wochenzeitungen, welche der Vater aus dritter Hand vom Amtsvorsteher bekommt. Der Vater stirbt während seiner Grundschulzeit. Der Pfarrer sorgte dafür, dass nur kirchentreue Zeitungen, katholische Schriften aus Tirol, in das Dorf kamen. Keine aufklärerischen und gottlosen Zeitungen aus dem benachbarten Deutschland. Beim Kühe hüten im Sommer auf der Alpe hat Felder am meisten Zeit zum Lesen. Beim Hüten der Kühe habe ich mir auch immer ein Buch mitgenommen. Von der Geschichte war ich zumeist so gefesselt, dass ich einige mal übersah, wenn einzelne Kühe in das Rübenfeld fremdgegangen  sind.

Hochreiterkinder

couch:generation II

Zuweilen kommt das Beaufsichtigen von Enkelkindern dazu. Dabei gibt es zwei Situationen. Die einen Großeltern stöhnen, dass sie noch einmal Kinder großziehen müssen, ihre Enkelkinder. Dabei das Mittagessen zubereiten und die Hausaufgaben kontrollieren. Zuweilen erwarten die jungen Einlieger, dass die Oma auch die Wohnungsreinigung, die Pflege der Wäsche, sowohl für Kinder und Enkelkinder, bewerkstelligt. Ist die Tochter berufstätig ist die Oma schnell in der Rolle, dass sie fünf Tage die Woche den Haushalt für Tochter und Schwiegersohn, sowie für die Enkelkinder erledigt. Trotz aller Liebe zu den Kindern und Enkel stellt sie fest, sie schafft es nicht mehr zwei Haushalte voll time zu bewältigen. Gehört zum Haus ein Garten, dann kümmert sich oftmals der pensionierte Ehemann um das Gemüse. Für diesen ist es eine handwerkliche Tätigkeit, dabei kann er die Früchte seiner Arbeit sehen und ernten.

Ein anderer Teil der älteren Generation leidet darunter, wenn die Kinder die dreißig Jahr Marke überschritten haben und es gibt keinen Ehepartner. Egal ob Tochter oder Sohn, sie zeigen sich an einer Beziehung zum anderen Geschlecht desinteressiert. Damit wird die natürliche Abfolge im Lebenszyklus unterbrochen. Oft hält man, dass die Tochter oder der Sohn keine Beziehung mit einem anderen Menschen eingehen will, für ein Einzelschicksal. Bei Geburtstagstafeln stellt sich im Gespräch heraus, bei anderen Familien gibt es ähnliche oder gleiche Situationen. Damit ist man illusionslos, dass man sich dereinst an den Enkelkindern erfreuen wird können. Mit ihnen spielen und für sie kochen und Märchen erzählen wird. Eigentlich bleibt damit den Großeltern eine Arbeit erspart, sie haben mehr Freizeit und auch ein mehr an Geld, aber sie können sich darüber nicht freuen. Einige Paare verzichten heute bewusst auf Kinder, in ihrem Leben gibt es andere Schwerpunkte. Damit entziehen sie den Eltern jede Aussicht auf Enkeln. Den oft zitierten goldenen Mittelweg gibt es auch in der Ära der Enkelkinder nicht.

Enkelfit

couch:generation

Bei der Wahrnehmung der Lebensjahre beschränkt man sich zumeist auf die runden und halbrunden Geburtstage. Besonders gefeiert werden, um die Alten zu ehren, die Geburtstage nach fünfzig. Familienbedingt häufen sie sich, wenn man selbst älter wird. Die Anlässe jenseits der Fünfzig werden beschönigt, man nennt sie fünfzig plus. Wird ein 70er gefeiert ertappt man sich bei dem Gedanken; siebzig, so alt. Dabei ist man selbst näher bei siebzig als bei sechzig und wähnt sich gerade mal fünfzig. Zu den Überlebenstaktiken des Menschen gehört, sich selbst zu betrügen. Beim Aussehen versucht man mit Hilfe von Cremes, zumindest ein zehntel Millimeter der Falten auszubügeln. Die Betuchten nehmen den Schönheitschirurgen in Anspruch.

Hört man sich bei den Pensionisten ein bisschen über den Ablauf des Alltages um, dann haben es die Frauen besser als die Männer. In der älteren Generation verrichten sie noch immer die Arbeit im Haushalt und fühlen sich nicht in das Abseits geschoben. Wobei sich heute schon ein Teil der männlichen Couch Generation im Haushalt nützlich macht. Ein Ärzteteam hat einem Pensionisten nach einer Herzoperation verboten, im Haushalt Staubzusaugen und im Garten den Rasen zu mähen. Radfahren, Schwimmen und Tennisspielen ist für ihn erlaubt, hat der Patient den Arzt bestochen? Paare, welche nur eine Wohnung zu versorgen haben, sind vom Zeitaufwand besser dran als solche, welche ein Haus und einen Garten instand halten müssen.

Diwan