ZAHNARZTGEBURT…

…nie wieder.

Nach der Veröffentlichung von einigen Texten in der Literaturzeitschrift Sterz besuchte ich den Herausgeber Gernot Lauffer in Graz. Seine  Altbauwohnung befand sich in der Inneren Stadt.  Ein breites Stiegenhaus, versehen mit einem imposantem schmiedeeisernem Geländer führte in die oberen Stockwerke. Die Wohnungstür war eine Doppeltür mit zwei Flügeln und extra hoch. Die Lebensgefährtin begleitete mich durch die Wohnung hinaus auf den Balkon. Heute würde ich ihn als Vogelnest bezeichnen, ein runder, freitragender Balkon mit Blick in den Innenhof. Ein runder Tisch, zwei Campingstühle und Platz für zwei Leute. Der Sterz Herausgeber begrüßte mich mit einem Fragezeichen: “Sind sie der Verfasser der Zahnarztgeburt? Ich habe sie mir nach der Lektüre der Texte ganz anders vorgestellt, sie vermitteln einen ganz “normalen Eindruck”, ein seriöses Auftreten”. Mein Auftreten war dem Beruf geschuldet, mein Inneres durfte sich frei bewegen. Ein Auszug:

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ZAHNARZTGEBURT…

… ein Auszug

Es gibt Lebensphasen wo man selbst sein kann. In der Kindheit, Jahre der Meinungs- und Narrenfreiheit, bevor man zwischen die Mühlsteine der Gesellschaft kommt und von diesen zerrieben wird. Es kann sein, ein paar Jahre später, spurt man nicht wie es die Erwachsenen wollen heißt es dieser Lümmel kann sich nicht anpassen. Er hat einen schwierigen Charakter oder schlimmer, dies ist ein Asozialer. Wie verträgt sich die Sehnsucht nach innerer Freiheit, der Schrei nach Freiraum, nach Überwindung von den Grenzen der Gepflogenheiten mit dem öffentlichen Auftritt welcher vom Beruf verlangt wird? In einer Landgemeinde ist ein Lehrer, Kaufmann, Gastwirt oder Gemeinderat eine öffentliche Person. Besucht man eine Veranstaltung kommt es schnell zu einer Zuschreibung, schau der Papierhändler ist auch hier. Dabei gibt es Zeiten, wo man versucht sich nicht vom Klischeebild eines Papierhändlers vereinnahmen zu lassen. In dieser Zeit versuchte ich nach Geschäftsschluss, nach dem Umdrehen des Geschäftsschlüssel, mein zweites ich zu leben. In den Anfangsjahren als selbstständiger Kaufmann schrieb ich nebenher an experimentellen Texten und entwickelte einen eigenen Schreibstil. Damit einhergehend meine Weltsicht, welche nicht den üblichen kaufmännischen Regeln folgte. Ein Auszug:

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6.Mai 1976 abends…

… acht Uhr und neunundfünfzig Minuten.

Das Erdbeben vom 6. Mai 1976, dessen Epizentrum in Friaul lag, war auch in Arnoldstein zu spüren. Ich erlebte die Erdstöße nicht als Rütteln, wie man gemein hin annimmt, sondern wie einen starken Seegang. In der Wohnküche saß ich beim Esstisch auf einem Stuhl und plötzlich wurde der Stuhl von einer Welle erfasst und in die Höhe gehoben. Für einen Moment glaubte ich, ich würde mit dem Kopf am Plafond anstoßen, dann senkte sich der Stuhl wieder. Erst danach, es war abends, acht Uhr und neunundfünfzig Minuten, vernahm ich ein Bersten und Knirschen und einzelne Dachziegel fielen vom Nachbarhaus auf die Straße. In Friaul starben bei dem Erdbeben fast tausende Menschen.

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Die Selbstsicherheit…

...hat einen Knick.

Das Notrufsystem vom „Roten Kreuz“ erfreut sich bei den österreichischen Senioren großer Beliebtheit. Sie scheuen die monatliche Abogebühr nicht, um im Notfall, sei es Übelkeit, Sturz oder ein Schwächeanfall den Notruf zu betätigen und damit einen Rettungseinsatz auszulösen. Die Reichweite des Notfallsystem ist auf den Wohnungsbereich beschränkt, es braucht eine Basisstation in der Wohnung. Wichtig ist, dass das Armband mit dem roten Knopf Tag und Nacht am Arm getragen wird. Die Senioren tragen das Armband wie einen Schmuck, wie einen zweiten Ehering. Sie haben sich mit der Notrufzentrale des roten Kreuzes vermählt. Im späten Alter noch eine innige Verbindung eingehen, welche aber weniger mit Liebesgefühlen als mehr mit Angstgefühlen verbunden ist.  Es hat etwas mit dem Verschwinden der Gangsicherheit zu tun, dass es bei einem Sturz sofort Hilfe kommt. Eine letzte innige Bindung vor dem Lebensende verbunden mit dem Wunsch dadurch länger zu leben. Ein Sturz im hohen Alter gehört zu den tragischen Unfällen. Neben den möglichen körperlichen Verletzungen fühlt sich die Psyche überfordert. Die Selbstsicherheit hat einen Knick bekommen, das Vertrauen in die eigenen Füße ist erschüttert. Wer bereits in einem Verkehrsunfall verwickelt war weiß um die Selbstüberwindung wieder in ein Auto einzusteigen.

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Gibt es dafür…

In den letzten Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, wie schnell Vorhaben zerschlagen werden, wenn es mit der Gesundheit, der körperlichen Kraft zu Ende geht. Anderseits verlieren eigene Wünsche an Bedeutung, wenn man jemandem zur Seite steht und diese Person im Lebensalltag unterstützt. Es bleibt, die Freude im Leben an kleinen Begebenheiten zu erfahren. Kein Vergleich zu früher, wurde man an einer Reise gehindert, weil erkrankt oder etwas Wichtiges ist dazwischengekommen. In diesem Fall sah man darin einen Aufschub für ein paar Monate, dann können wir die Reise nachholen.

Vom Lebensende her gedacht erscheint mir die Aufregung, als ich damals zum Bundesheer einrückte, über die gestohlene Lebenszeit als überreizt. Der Wehrdienst dauerte einst neun Monate. Die Gedanken drehten sich darum, wieviel sinnvolles hätte ich in diesen Monaten im Beruf leisten können. Denke ich jetzt auf mein Leben zurück, dann erinnere ich mich an Zeiten die ich sorglos mit Spaß und Unsinn verbracht habe, vielleicht macht dies das Leben aus.   

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