foto:stopp

Hastig verläuft der Fotostopp bei den Bustouristen aus Fernost, ihnen stehen maximal zehn Minuten zur Verfügung. Vor zwei Monaten habe ich dies bei einer Stadtrundfahrt in Budapest, vor dem Parlamentsgebäude, beobachtet. Die noch kürzere Variante ist, dass der Busfahrer im Schritttempo an einer Sehenswürdigkeit vorbeifährt. Wer will kann sein Foto vom Bus aus machen. Für ein paar Minuten verlagert sich das gesamte Gewicht im Inneren des Busses auf eine Fensterseite. Befindet sich die Sehenswürdigkeit in der Nähe eines Kreisverkehrs, so besteht die Möglichkeit den Kreisverkehr zwei oder dreimal zu umrunden, bevor man ihn verlässt.Unlängst in Budapest erlebt, um einen zweiten und dritten Blick auf die Kettenbrücke zu werfen.

Bereits seit Jahrzehnten haben die Kartografen der Marko Polo Straßenkarten besondere Aussichtspunkte eigens markiert, damit die Touristen hier anhalten. Die schöne Landschaft genießen und die Seele baumeln lassen. Heute entwickeln sich diese Aussichtspunkte zu sogenannten Fotostopp. Zumeist handelt es sich um exponierte Stellen und die Parkmöglichkeit für Reisebusse ist beschränkt. So bleibt für jede Reisegruppe nur ein Minimum an Zeit, weil die nächsten Busse nähern sich schon dem Aussichtspunkt.

Beim Egger Marterl ist es mit der Stille vorbei, es treffen immer wieder neue Gäste ein. Die eine und andere Familie muss mit den Fotos warten, bis die fremden Kinder aus dem  besten Motiv verschwunden sind. Eine sportliche Frau in einem gelben T-Shirt kommt auf ihrem Fahrrad, rechts und links eine gelbe Fahrradtasche, beim Marterl an. Einen Moment glaube ich, dass es unsere Postbotin ist, um mir einen Expressbrief zuzustellen. „Nein, sie hat keine Post für mich“, antwortet sie auf meine Frage. „Sie sei keine Postlerin, wenn dies auch der erste Eindruck vermuten lässt“.

Verwechslung

egger:marterl II

Bald bin ich, den Blick auf den Faakersee und den Mittagskogel gerichtet, in diese kindliche Stimmung verfallen. Ich habe Mühe meine Augen zu öffnen, als am nahen Parkplatz ein Auto ankommt und die Autotüren zugeschlagen werden. Gleich werden von den Gästen Spekulationen laut, aus welcher Position man am besten das Egger Marterl, den Faakersee, den Mittagskogel und die Kinder auf ein Bild bannen kann? Für das Beste aller Fotos werden die Kinder zum Marterl gestellt, dann in ein Blumenbeet gesetzt, einmal mit der Mutti, dann wieder ohne Mutti und einmal vom Vater auf die Arme genommen. Dabei gilt es auf den Verkehr zu achten, auf der schmalen Straße nähert sich das nächste Fahrzeug für einen Fotostopp.

Das Fotografieren mit dem Handy ermöglicht es, den Aufenthalt bei landschaftlich schönen Aussichtspunkten oder Sehenswürdigkeiten zu verkürzen. Fotostopps ist das Zauberwort, mit dem heute bei Stadtrundfahrten angekündigt wird, dass für alle die Möglichkeit besteht den Reisebus für fünfzehn Minuten zu verlassen, um ein Foto zu schießen. Danach geht die Besichtigungstour mit dem Bus weiter. Viel Geschick ist notwendig um das Objekt auf das Handy zu bannen und dabei nicht unter die Räder des vorbeifließenden Verkehrs zu kommen. Nach Möglichkeit soll es nicht nur ein Foto vom Palast, der Burg oder des Domes sein, es soll ein Selfie sein. Der Beweis, dass man an Ort und Stelle war. Die weite Verbreitung des Smartphons erleichtert es, den Nächsten zu bitten, ob dieser ein Foto mit dem Dom im Hintergrund machen kann? Kaum jemand lehnt diese Bitte ab, fast jeder ist mit der Bedienung des Smartphone vertraut. Dies dürfte ein Beitrag des Smartphons zur Völkerverständigung sein. Das Geschehen am Egger Marterl ist ähnlich.

Wassertemperatur

egger:marterl I

Bei einer Radtour rund um den Faaker See mache ich eine Pause beim Egger Marterl. Laut Wikipedia ist es eines der meist fotografierten Marterln Österreichs. Dieser Platz, mit Blick auf den Faakersee und den Mittagskogel ist seit Jahrzehnten ein Fotopunkt für die Touristen. Vor Jahren wurde das Marterl renoviert, der alte Baum gefällt und ein Neuer gepflanzt. Auf dem Rastplatz wurden Blumeninseln angelegt und das Umland behübscht. Kärnten wird in diesen Jahren großflächig von einer Behübschungswelle überzogen. Dem Trend entsprechend wurde beim Bildstock ein groß dimensionierter Bilderrahmen errichtet um den Besuchern, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, die Auswahl des Bildausschnittes zu erleichtern. Eine Fotohilfe für die eiligen Touristen. Hinter dem Bilderrahmen wurden Holz Stumpen aufgestellt, damit der Fotograf einen erhöhten Blickwinkel einnehmen kann. Der Bildstock ist auch ein beliebtes Motiv für Ansichtskarten, einmal mit dem Faakersee und Mittagskogel, dann ohne See und Mittagskogel, ein andermal bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang. Beliebt ist das Faakerseemarterl, wie es volkstümlich genannt wird, auch als Wintermotiv. Tief verschneit, wie es einmal war. Dieses Motiv eignet sich wunderbar für Weihnachtskarten und Weihnachtsbilletts. Auf diesen ist das Marterl mit dem dazugehörigen Baum vor der Renovierung zu sehen.

Die Holzbank rund um den Baum und der Schatten sind so einladend, dass ich vom Fahrrad absteige und mich auf der Bank niederlasse. Den Blick zu den Karawanken gerichtet sehe ich Teile vom türkisfarbenen Faakersee, die Insel im See und den pyramidenförmig aufragenden Mittagskogel. Nach dem Niedersitzen strömt der Duft der Lindenblüten in die Nase. Abseits vom Straßenverkehr höre ich das Summen der Bienen und das Surren der Fliegen. Ein Hahn meldet sich um die Mittagszeit zu Wort und kräht mehrmals mit kräftiger Stimme, um seine Bräute um sich zu scharren. Die Temperaturen haben während des Vormittages zugelegt und ich spüre eine Stimmung, wie ich es in meiner Kindheit erlebt habe. Bei der Heuernte wurde auf der Wiese, unter einem schattigen Baum, eine Wolldecke ausgebreitet. Dort habe ich auf meinen jüngsten Bruder, wenige Monate alt, acht gegeben. Ab und zu hörte ich von den Erwachsenen einzelne Worte, welche zwischen ihnen bei der Arbeit gewechselt wurden. Um mich das Summen der Bienen, das Surren der Fliegen. Hin und wieder setzte sich eine Fliege auf die Nase meines kleinen Bruders. Vom Hof hörte ich das Krähen des Hahnes, im Geäst des Baumes ein aufgeregtes Zwitschern oder ein kurzes Pfeifen der Vögel.

Sommerlich

kärnten:mein

Beim Verreisen kommt es einem teilweise zugute, wenn man auswärts als Kärntner entlarvt wird. Der Kärntner Dialekt ist ein Verräter. Die heimische Mundart  schmeichelt dem menschlichen Ohr, sie ist sehr melodisch, hat nichts Hartes oder Holpriges. Für alle deutschen Freunde, unser Dialekt hat einen bayrischen Einschlag. Geografische und sprachliche Einflüsse aus den Nachbarregionen spielen für das Wesen des Kärntner eine außerordentliche  Rolle. Dies sind die slawischen und romanischen Fallwinde aus dem Süden. Bei den Volksliedern ist die slawische Melodie hörbar und bei der Lebensart das romanische Temperament spürbar. Besucht man bei den Slowenen, den Kroaten oder den Friulaner eine Messfeier oder eine Brauchtumsveranstaltung, finden sich Ähnlichkeiten zu hier. Dies trifft auch für manche Speisen wie dem Prosciutto oder dem Reindling zu.

In Österreich hält sich hartnäckig die Meinung, alle Kärntner verfügen über eine schöne Gesangsstimme. Jeder Landsmann ist ein Solist, der bei einem Chor mitsingt. Habe ich auswärts erwähnt, ich komme aus Arnoldstein, dann wurde ich gefragt, ob ich beim Grenzlandchor mitsinge? Im Umgangston heißt es: Stehen drei Kärntner am Dorfplatz, dann handelt es sich um einen Gesangsverein.

Dobratsch