DANIEL:teil2

Während des gehens durch das dorf haben wir gelegenheit den gesprächen der kirchengehenden bevölkerung zuzuhören. Wohlbeleibte frauen mit weiten röcken, einem kopftuch und ihren kindern sprechen über das essenkochen, die alkoholabhängigen und gewalttätigen männer, von unerfüllten wünschen und vom pfarrer. Sie sprechen vom kaffeekränzchen am samstagnachmittag im dorfgasthaus, von den derben griffen der fabriksarbeiter nach dem busen und zwischen die beine, dem dafür bezahltem glas wein und von den heimlichen liebschaften. Die männer bilden eine eigene gruppe, sie brauchen die frauen nur in der küche und im bett. Den mittelpunkt der männergespräche bilden der fußball, der schnaps und die jungen frauen. Die örtlichen parteifunktionäre reden über die wohnungsvergaben, die fördergelder und die macht. Den vornehmen familien des dorfes begegnen wir zuerst, sie werden in den vordersten bänken der kirche platznehmen. Am müllablagerungsplatz finden wir berge von verpackungsmaterial des knappergebäcks, konservendosen und leere getränkeflaschen. Die berge von verpackungsmaterial sind für daniel eine folge der anspruchslosen fernsehprogramme , wodurch die fernsehzuschauer angehalten werden sich mit essen und trinken zu unterhalten. Er übt sich seit jahren in fernsehabstinenz und hat damit seine besten erfahrungen. Haben wir bisher die spaziergänge schweigend zurückgelegt, so hat daniel am heutigen frühlingssonntag zu sprechen begonnen:

„ er wollte mit mir schon immer reden, er wollte mit mir die ausführlichsten gespräche führen, aber erst seit es ihm nach jahren möglich ist seine studie über speisemüll niederzuschreiben könne er frei sprechen. Jahrelang habe er sich in der wohnung eingeschlossen und bis zur körperlichen erschöpfung versucht seine im kopf ausgearbeitete müllologie niederzuschreiben. Es war die angst durch die gescheiterten versuche verrückt zu werden, die es ihm jetzt ermöglichte die studie niederzuschreiben. „

 

DANIEL:teil1

Der spaziergang jeden sonntagvormittag mit dem taglöhner daniel vom dorfbrunnen  zur mülldeponie und zurück ist für mich eine zeremonie wie es vorher der besuch der sonntagsmesse war. Seit jenem sonntag als der taglöhner und ich nicht den weg zur kirche sondern den weg zur müllablagerung wählten müssen wir auf  unseren spaziergängen entgegenkommmenden kirchgängern ausweichen. Bei unseren spaziergängen schweigen wir. Es ist für ihn meine, für mich seine art und weise des gehens die jeden ansatz eines gespräches zwischen uns zerstört. Unsere verständigung beschränkt sich auf gesten. Die bis in den nachmittag dauernden spaziergänge sind für mich, der ich des gehens ungewohnt bin sehr anstrengend. Am müllablagerungsplatz verständigen wir uns durch das hinzeigen auf die verschiedensten abfälle ohne worte. Begriffe wie verwahrlosung, kreuzigung oder kopfleiden lassen sich auf diese art und weise gut zum ausdruck bringen. 

Auf dem müllplatz kann man an der art speiseabfälle die jahreszeiten frühling, sommer, herbst und winter erkennen. Daniel arbeitet auf dem müllplatz und hat die fähigkeit entwickelt aus den küchenabfällen die mahlzeiten der vornehmen familien des dorfes aufzuzählen. Das maßlose essen ist für daniel eine ersatzbefriedigung und eine förderung des niederen triebes im menschen. Es führt dazu, dass die wartezimmer der ärzte überfüllt sind. Die betten in den krankenhäusern sind von erwachsenen belegt, welche sich den wohlstandsbauch entfernen lassen. Für manche erwachsene ist dieser krankenhausaufenthalt eine jährliche selbstverständlichkeit, wie der jährliche urlaub an einem der verschmutzten meeresstrände. Von ihm gering geachtet werden jene, welche durch die  hilfe ihres wohlstandsbauches in der gemeinde zu ansehen und gut bezahlten posten gekommen sind. Das vermehrte aufkommen von müll steht in zusammenhang mit der hoffnungslosigkeit welche in der bevölkerung herrscht. Daniel arbeitet an einer studie über speisemüll, von ihm kurz müllologie genannt. Er konnte eine wechselbeziehung zwischen mißerfolg im beruf, ungestillten bedürfnissen und vermehrten speisemüllabfällen beobachten. Er selbst lebt mit einem minimum an bedürfnissen.

FASCHING:ade

Das österreichischen Fernsehen sendet Aufzeichnungen von Faschingssitzungen aus ganz Österreich, als Letzte heute die vom Villacher Fasching.  Kaum vertreten sind  die westlichen Bundesländer,Vorarlberg,Tirol und Salzburg. Die meisten Faschingsgilden gibt es in  Kärnten, Steiermark und dem Wiener Raum. Jeder  größere Ort in Kärnten hat seine eigene Gilde mit einem Prinzenpaar und einigen Faschingssitzungen. Zur Faschingsprinzessin oder zum Prinz gewählt zu werden ist eine hohe Auszeichnung. Personen, die in der  Öffentlichkeit bekannt sind hoffen, dass sie in einer Parodie der örtlichen Faschingssitzung vorkommen. Es kommt vor, dass manches Geheimnis plötzlich allen bekannt ist. 

Der Villacher Gildenkanzler bezeichnete Kärnten als die Narrenhochburg Österreichs. Viele Beiträge beschäftigen sich mit den politischen Vorkommnissen in Kärnten und diese sind bühnenreif. Manche Gags sind einfältig, die  Unfähigkeit im Alltag darüber zu sprechen, dann finden sich solche Situationen auf der Bühne wieder. Man  macht darüber einen Scherz und erntet dafür den meisten Applaus. Dabei geht es oft um alte Menschen, Frauen oder sogenannte Verrückte. Wer mit  einer heiklen Situation nicht zurechtkommt rettet sich in einen Witz und lacht lauthals.

Lei, lei.

HAUS:schlachtung

Nähert sich der Fasching dem Höhepunkt,  dann wird bei den Bauern im Gailtal für den Eigenbedarf ein Schwein geschlachtet. Es gibt am Faschingsdienstag einen Sauschädelschmaus. Schon Tage vorher ist unter den Hofleuten  eine Unruhe zu spüren, Geschäftigkeit macht sich bemerkbar. Der Haartrog wird auf seine Dichtheit überprüft, die Schlachtbank und der Dreifuß, wo das Schwein nach dem Schlachten zerteilt und aufgehängt wird, muss gesäubert werden. Das Pökelsalz, zum Konservieren des Specks, wird mit verschiedenen Gewürzen gemischt, die Wurstmaschine aus der Vorratskammer geholt. Am Schlachttag soll alles schnell von der Hand gehen.  Die Bäuerin sieht dem Tag mit gemischten Gefühlen entgegen, bedeutet es doch, dass eines der Schweine, dass sie seit dem Sommer gefüttert hat, abgestochen wird. Als  kleine Gutmachung wird das Schwein am Tag vorher mit einer extra Portion Mastfutter verwöhnt. Der Bauer betrachtet es nüchtern und freut sich auf seine Portion gerösteter Leber und die angebratenen Nierndln,  die er nach der Arbeit verspeisen wird. 

Am Schlachttag  wird zeitig am Morgen das Wasser im Futterkessel für die Enthaarung erhitzt. Im Schweinestall gilt es jeden Lärm zu vermeiden. Mit einem Schups wird das Schwein aus der Stallung gestoßen und mit dem Schussapparat getötet, zum Ausbluten mit dem Messer gestochen. Das Blut fängt meistens der Jüngste in einem Reindling auf und es wird später zu einer Blutsuppe und Blutwurst verkocht. Nach dem Enthaaren wird die Sau am Dreifuß aufgehängt und ausgeweidet. In der Nähe lauern die Hofkatzen und warten darauf,  dass  für sie etwas abfällt. Auch die  Hühner sind auf Futtersuche und  picken alles auf, was zu Boden fällt. Für das Zerteilen und Weiterverarbeiten braucht es viele Helfer,  es dauert bis in die Abendstunden und manches wird erst in den nächsten Tagen gemacht. Das Fleisch wird in Portionen aufgeteilt,  für Schnitzel,  Schweinsbraten und Gulasch und in der Tiefkühltruhe eingefroren. Besondere  Achtsamkeit wird auf die Stücke gelegt, die zum Speckselchen vorbereitet werden. Diese werden mit der Pökelsalzmischung  eingerieben. Das Einbeizen wird in der nächsten Zeit mehrmals wiederholt. Im ganzen Haus riecht es nach frischen, rohen Fleisch. Die Innereien kommen in den folgenden Tagen auf den Mittagstisch. Der Schweinskopf wird ausgekocht und aus dem Sud eine Sulze angesetzt und für die Jause mit Essig,  Öl und Zwiebel abgesäuert. Die Gedärme werden gesäubert und sind als Wursthaut verwendbar. Bevor man sie über die Wurstmaschine stülpt, werden sie vom Bauern „aufgeblasen“. 

Auf einer Kunstausstellung konnte ich in einem Video sehen, wie der amerikanischen Aktionskünstler Bruce Neumann einen Darm aufbläst,  als wollte er beim Wursten helfen.

Der Sauschädel.