BIENEN:hütte

Der beste Ort um mich zu entspannen ist in Möselstein eine Bienenhütte, auf einem Plateau oberhalb des Ortes, in einer Lichtung, mitten im Wald. Der Weg führt bei der Kreuzkapelle mit dem Steinchristus vorbei, ein persönliches Stimmungsbarometer. Je nachdem ob Christus seine Augen gegen den Himmel oder auf die Erde richtet, ob er mich freudig oder traurig anschaut, so ist die Befindlichkeit der Welt. Die globalen Ereignisse, wie Erdbeben, Brandkatastrophen, Überschwemmungen und Gewaltausbrüche zeichnen sich in seinen Augen ab. Meine Fragen und Gedanken verursachen Furchen in seinem Gesicht.

Nach der Kapelle folgt ein steiler Anstieg und ich bin von allen Straßen- und Zuggeräuschen getrennt. Es ist sonnig und die Bienen schwärmen aus, um die letzten blühenden Blumen und Sträucher, zu besuchen. Ich bin überzeugt von der Disziplin und dem Fleiß der Bienen. Das Gras ist gemäht und in das Grün mischen sich braune Farbtöne. Die Blätter der Sträucher und Bäume verfärben sich, noch einmal erreichen sie unsere Aufmerksamkeit. Ob hier ein Kraftort ist, wie sie jetzt von Geomanten hinter jeder Hausecke in Kärnten entdeckt werden?

Die letzten Radtouren haben meine Hüftgelenke durchbewegt und gelockert, die Sperrigkeit in den Gelenken gelöst. Die Verspannungen nach der Geschäftsübergabe werden weniger, manches mal treten sie noch auf.

Bienengift.

ARBEITS:pause

In einem Vormittag ist die Buchhaltung der letzten Woche erledigt, das Kassabuch und das Wareneingangsbuch aufgebucht, sowie die aktuellen Kontoauszüge bearbeitet. Bis Mittag bleibt noch Zeit, um den Innenhof mit einem Laubstaubsauger zu säubern. Vorher entferne ich bei den Blumen das Unkraut und beschneide einige überbordende Sträucher. Dies ist eine Beschäftigung die mir viel Freude bereitet, eine Abwechslung zur kaufmännischen Arbeit. Dabei kann ich beobachten, was sich von Woche zu Woche im Hof verändert hat.

Die Mittagszeit und das schöne Wetter erlauben es, eine kleine Radtour zu unternehmen. Mein Weg führt durch das Möselsteiner Moor der Bahn entlang nach Pöckau, weiter nach Neuhaus, bis zur ersten Rast in der Oberschütt. In diesem Frühjahr wurden die Ebereschen ausgegraben und durch Kastanienbäume ersetzt. Die Ebereschen waren für mich ein Jahreszeitenthermometer. Färbten sich die Beeren rot, war dies ein Zeichen, dass der Hochsommer vorbei war und der Frühherbst beginnt. Gleichzeitig war dies der Auftakt für die neue Schulsaison, die mit der Schulbuchauslieferung begonnen hat. Auch in der heißen Phase des Schulanfanges habe ich, wenn es die Zeit erlaubt hat, diesen Ort aufgesucht, um auszuspannen. Manche begehen den Fehler, dass sie in einer intensiven Arbeitsphase auf das Ausspannen vergessen, dann wenn man es am nötigsten hat.

Nach einer gelungen Arbeit ist die Freude beim Ausspannen groß, gerade dann, wenn man sich die die Auszeit stehlen musste. Wie ändert sich das, wenn man in Pension ist, wo die Auszeit das Normale und die Arbeitszeit die Ausnahme ist.

Vorzeichenwechsel.

BANK:konto

Welchen Wert haben die Ersparnisse auf einem Bankkonto, wenn man stirbt. Es ist eine unheilvolle Allianz zu wissen, über soundsoviel Geld zu verfügen, und dann im nächsten Moment, in den nächsten Tagen sterben zu müssen. Was wird einen in der Todesstunde beschäftigen. Der Tod ist durch Geld nicht zu bestechen, es gibt keine Stunde, keinen Tag zusätzlich. Man wird sich nicht über das, was man getan hat aufregen, als vielmehr über das, was man nicht getan hat. Aus menschlicher Sicht gibt es tragische Verknüpfungen, wo man sich fragt, warum hat man etwas nicht schon früher gemacht. Sich anderen Menschen geöffnet, anderen Menschen geholfen oder bei gesellschaftsrelevanten Bewegungen mitgearbeitet. Vieles wird von uns auf später verschoben, wenn es leichter möglich ist, es in den Lebensalltag einzubauen. Manchmal fehlt einem dann die Kraft dazu oder es ist plötzlich zu spät. Im menschlichen Leben gibt es „Sternstunden“, Ereignisse schicksalhafter Natur, nach denen man eine Kurskorrektur vornimmt.

Das Erdbeben, welches in den siebziger Jahren in Friaul tausende Tote verursachte und Südkärnten erschütterte, führte zu einer Veränderung der Lebensumstände. Es war am 6. Mai um etwa 20.45, dass ich mit dem Stuhl wie auf einer Welle hochgehoben wurde, um dann wieder am Fußboden zu landen. Die Erdstöße verursachten wellenförmige Bewegungen. Dann folgten die Erschütterungen der Mauern, das Klirren der Fenster und Gläser. Von draußen hörte man das Aufprallen der herabstürzenden Dachziegel und Mauerbrocken. Danach absolute Stille, bis die Menschen aus allen Häusern in das Freie stürmten. In den nächsten Tagen war das Durchschlafen unmöglich, immer wieder gab es leichte Erdstöße, die Türen standen zwecks schneller Fluchtmöglichkeit offen. Die Zeitungen und das Fernsehen berichteten ausführlich von den Zerstörungen bei den Nachbarn, manche Ortschaften waren völlig zerstört, wie nach einem Bombenangriff. Schon am darauffolgenden Wochenende waren die Gasthäuser und die Tanzlokale in Südkärnten gut besucht, viele versuchten etwas vom Leben nachzuholen, bevor es zu spät sein könnte. Beim Totenschmaus ist es in Kärnten so unterhaltsam wie beim Hochzeitsmahl.

Wiedergeburt.

KÄRNTNER:seele

Es wird viel darüber geforscht worin die Unterschiede zwischen den einzelnen Völkern und den Bewohnern verschiedener Staaten bestehen. In diversen Studien kann man nachlesen, wie die Psyche des Menschen beschaffen ist. Unterschiede im Verhalten gibt es nicht nur zwischen den Volksgruppen wie Germanen, Romanen oder Slawen, auch innerhalb von Österreich zwischen den Bewohnern einzelner Bundesländer, so zwischen Vorarlberg und Kärnten. Gemeint ist damit vor allem die Lebensart. Zum Verstehen der österreichischen Seele hat Prof. Erwin Ringel ein Buch verfasst: Die österreichische Seele. Darauf, dass damit nicht alle Bundesländer abgedeckt wurden und es eine österreichische Besonderheit gibt, hat er am 15. September 1985, in Keutschach am See, in seinem Vortrag, „Die Kärntner Seele“, hingewiesen. 

Die Unterschiede zwischen dem Vorarlberger Gemüt und dem Kärntner Gemüt zeigt sich bereits im Verhalten der Kinder. Dabei spielen die verschiedenen Einflüsse der Erziehung auch eine Rolle. Dazu zwei Begebenheiten. Bei einer Radfahrt entlang der Ill kommt Jasmin,  das Vorarlberger Mädchen, auf dem nassen Laub in das Rutschen und stürzt zu Boden. In den ersten Schrecksekunden weint es, sie hat sich die Haut am Fuß ein wenig aufgeschürft, ist aber schnell wieder gefasst. Sie richtet das Fahrrad auf und als sie sieht, dass es unbeschädigt ist, strahlt sie über das ganze Gesicht und sagt: „Die Abschürfung am Fuß ist nicht so schlimm, schlimmer wäre es, wenn das Fahrrad beschädigt wäre. Dann müssten wir es in einer Werkstatt reparieren lassen und dies würde Geld kosten.“ Lilly, das Mädchen aus Kärnten sagt: „ Sei froh, dass dir nichts ernsthaftes passiert ist, ein Fahrrad kann man reparieren lassen“.

Bei einer sonnigen Wanderung um den Kopsstausee suchen die Mädchen Jasmin und Lilly nach schönen Steinen. Jedes der Mädchen hat eine Handvoll Steine und wäscht sie am Wegrand in einem Bach. Lilly sagt: „Die schönsten Steine nehme ich mit nach Kärnten und verschenke sie an meine Freundinnen.“  „Nein“, sagt  Jasmin, „die nehmen wir mit zum nächsten Flohmarkt in Schruns und verkaufen sie.“

Kärntner Stritzi.