ver:kehrt I

Leben wir in einer verkehrten Welt?  In einer Fachzeitschrift für Psychologie lese ich, dass die guten Menschen, Menschen mit guten Absichten, im Alltag in den meisten Fällen bei einem Konflikt den bösen Menschen unterliegen. Das bedeutet, dass sich zumeist diejenigen, welche im Garten ohne Rücksicht auf die Nachbarn lauthals am Wochenende ein Spanferkel grillen, behaupten können. Zumeist breiten sich diese Gerüche über ein ganzes Viertel aus und setzen sich in den Zimmern und Wohnungen der Anrainer fest. Die Verursacher triumphieren über alle anderen Nachbarn. Dazu eingeladen ist das breite Spektrum der Verwandtschaft, die bei fortgeschrittener Zeit sich in  lautstarke Auseinandersetzungen verbeißt, teilweise bei einem Handgemenge in den Haaren liegen.

Was nützen behördliche Anweisungen und Anrainerwünsche, dass sie sich an ortsübliche  Regeln halten soll, wenn die Feier weit nach Mitternacht dauert. Zumeist stoßen verschiedene Wohn- und Lebensvorstellungen aufeinander. Bedürfnisse der neu Hinzugezogenen können sich diametral von den Ansässigen unterscheiden. So nützt es wenig, wenn man in freundlicher Weise mit den neuen Nachbarn redet. Sie verwechseln ihre Mietwohnung mit Gartenanteil mit einem Haus am Waldes- oder Ortsrand. Die Reaktion der Angesprochenen besteht darin, dass sie darauf pochen in ihrem Garten tun und lassen zu können, was sie wollen. Sie anerkennen keine Hausordnung. Dazu kommt der Einwand, man könne nicht so gut deutsch und habe manches im Mietvertrag nicht verstanden.

Nix vasteahn.

ra(n)d:notiz

Am Rastplatz beim Villacher Wasserkraftwerk ist ein Hermagorer Bildhauer mit einer Brunnenskulptur präsent. Seit Jahren muss ich feststellen, dass der Skulptur das Wasser abgedreht wurde. Es gibt keinen traurigeren Anblick, als wenn eine Wasserskulptur ohne Wasser dahinvegetieren muss. Dabei ist Wasser im riesengroßen Stausee zum Greifen nahe. Der Rastplatz, als Erholungsstätte an der Drau geplant, ist durch Vandalismus  zum größten Teil zerstört worden. Von der Plexiüberdachung der Sitzbänke ist nicht viel übrig, bei den Bänken fehlen einzelne Bretter, der Papierkorb ist abmontiert. Rund um die Marmorskulptur ist ein Baugitter aufgestellt. Die wasserlose Skulptur und der zerstörte Ruheplatz ergänzen einander.

Wasserreich.

fleisch:weihe

Es sind gerade zehn Tage vergangen, da drehte sich zwischen den arrangierten Frühlingsblumen vor dem Villacher Rathaus, die Kindereisenbahn. Rund um die Stadtpfarrkirche reihten sich Standln mit Kunsthandwerk und Dekoartikeln, Eine an das Andere. Dazwischen gab es welche mit dem Versprechen, alles für die Kärntner Osterjause. Damit gemeint sind gekochter Speck und Schinken, Rippalan und Hauswürste, Eier und zum Würzen die Krenwurzen. Dies alles bekommt den richtigen Geschmack durch den Segen von Oben. An allen Ecken findet am Karsamstag die Speisenweihe, in Kärnten kurz Fleischweihe genannt, statt. Massenhaft strömen Junge und Alte zu den Weihepunkten, seien dies Kapellen, Marterln, Wegkreuze oder ganz profan der Gastgarten eines Wirtshauses. Die Osterspeisen werden mit bestickten Deckerln zugedeckt, obligatorisch zeigt man kein nacktes Fleisch. Die Weiheträgerinnen kommen mit tief ausgeschnittenen Dirndlkleidern und zeigen den üppigen Busen, einmal wohlgeformt, ein andermal weniger straff, Shirts bauchnabelfrei. Hierher strömen Burschen mit Tätowierungen am Hals und Unterarm, in der Hand den Weihekorb mit einer traditionell gestickten Decke „IHS“. Ehepaare schieben einen Kinderwagen vor sich her, die Sportlichen kommen mit dem Fahrrad und am Gepäckträger die Osterjause.

Bevor der Pfarrprovisor zur Fleischweihe schreitet bittet er die ganz Durstigen, die Bierflaschen während der Heiligen Handlung am Tresen abzustellen. Die große Zahl an Teilnehmern macht es notwendig, dass er sich durch Menge zwängt, um auch die entfernten Speisekörbe mit einem Spritzer Weihwasser zu versehen. Am Ende stichelt der Provisor: Er möchte einmal so viele Besucher bei einem Sonntagsgottesdienst in der Kirche sehen.

Aus dem Tagebuch…

grenzen:los

Eine neue Funktion erhalten die Grenzübergänge Thörl-Maglern und Wurzenpass seit die Balkanroute für die  Flüchtlinge geschlossen wurde. An beiden Grenzübertrittsstellen trifft man Vorbereitungen um wieder Passkontrollen durchzuführen. Es betrifft alle Reisende, egal ob In- oder Ausländer, Immigranten oder Flüchtlinge. Mit Skepsis beobachtet man die zukünftigen Entwicklungen, handelt es sich doch um keinen Grenzverkehr unter Nachbarn, sondern zwischen Kontinenten. Plötzlich ist es wieder notwendig, dass man bei einer Reise innerhalb der EU, auch zum Nachbarn, den Reisepass einpackt. Dies war einige Jahre völlig vernachlässigbar. Auf Grund der Migrantenströme will man von jedem Staatsbürger immer mehr Daten speichern, jede Person gilt als verdächtig. Für meinen neuen Reisepass wurde bei mir erstmals vom Zeigefinger ein Fingerabdruck gemacht. Dieser ist im neuen Pass integriert. Gegenüber der Beamtin habe ich mein Erstaunen ausgedrückt, dass ich dies noch erleben kann!  Ein Kuriosum ist der Geburtsort, welcher in meiner Geburtsurkunde angegeben ist. Als Geburtsort steht: Politzen. Üblicherweise wäre Ferndorf  der Geburtsort, bei mir steht in allen Dokumenten Politzen. Dies war damals eine kleine Ortschaft in der Gemeinde von etwa fünf zerstreuten Bauernhäusern. Wie die Beamtin mir versicherte kennt man den Ort Politzen weltweit. So wird ein weiteres Pseudonym “Franz von Politzen” geboren. Ich habe auf Google eine Suchanfrage gestartet: Zu Politzen gibt es auf Google 10.400 und zu Ferndorf  373.000 Einträge. Zu einer gewissen Bekanntheit haben es die beiden Politzner Kampfkatzen, Charly und Undine,  gebracht, weil sie von mir öfter im Blog erwähnt wurden.

Die verschiedenen Währungen im Dreiländereck, Österreich-Ex-Jugoslawien- Italien, vor der Einführung des Euro, haben das Kopfrechnen der Jugend und der Erwachsenen geschult. Heute ist dies infolge der gemeinsamen Währung nicht mehr notwendig. Gestiegen ist das Interesse an der Sprache der Nachbarn. Diese werden bereits in der Elementarschule in den Unterricht eingebaut. Wahrscheinlich muss friedliches Zusammenleben von jeder Generation neu erarbeitet werden. Alles braucht seine Pflege, ob Nachbarschaft oder Sprache.

Nationalfeiertag.