buch:händler

Kann sich jemand vorstellen, dass der Internethändler Amazon junge Menschen zu Buchhändlern ausbildet? Trotzdem gehört er zu den größten Buchhändlern der Welt. Bei ihm zählt nicht der Geruch des Buches, ein schönes Cover oder die Empathie für einen Autor. Amazon lässt durch künstliche Intelligenz unser Kaufverhalten analysieren. Egal wo wir was im Netz gekauft haben, alle Spuren werden bei ihm gebündelt. Dann kommt es zur Kaufempfehlung: Andere Personen die dieses Buch gekauft haben, haben sich auch für diese Bücher interessiert. Ist diese Aussage, erstellt durch Algorithmen, vergleichbar mit dem Tipp einer Buchhändlerin in einer Stammbuchhandlung?

Vor wenigen Tagen habe ich mich mit einer Buchhändlerin unterhalten, die von der Liebe zu den Büchern beseelt ist. Wegen der Fülle von monatlichen Neuerscheinungen stellt sie schmerzlich fest, dass ihre Zeit zum Lesen beschränkt ist. Am liebsten erzählt sie ihren Kunden etwas ganz Persönliches über ein Buch. Sie breitet ein Netzwerk vor dem Buchkäufer aus. Vor der Bücherflut müssen sie und ihre Leser kapitulieren. Besucht man die Webseite eines Internethändlers kann man am Buchangebot ersticken. Zurzeit leben noch Generationen, denen eine Webseite nicht das Flair einer Buchhandlung ersetzt. Dort kann man in den Regalen stöbern und seinem Jagdtrieb frönen. Plötzlich wird man von einem Buchumschlag angezogen, von dessen Autor man noch nie etwas gelesen und gehört hat. Man nimmt es in die Hand, ohne durch Algorithmen ausspioniert zu sein: Kunden die dieses Buch gekauft haben, haben auch diese Bücher gekauft.

Werbefrei

schuh:handwerk

Als Kind brachte ich des öfteren kaputte Schuhe zum Linder Schuster nach Ferndorf. Im Ortszentrum gab es zwei Schusterwerkstätten, eine auf der rechten und eine auf der linken Straßenseite. Die Bergler, zumeist Landwirte, kauften ihre Schuhe bevorzugt beim Linder Schuster, die Angestellten und Arbeiter vom Heraklithwerk beim Smaretschnig gegenüber. Diese Aufteilung galt auch für das Flicken der kaputten Treter. In der Werkstätte herrschte immer eine fröhliche Stimmung. Beide Schuster haben ihre Werkstätte geschlossen, auf einem Haus gibt es noch immer die Firmenreklame.

Ist es heute möglich in einer Schuhfabrik das Schusterhandwerk zu erlernen, um Schuhe für spezielle Anforderungen herzustellen? An mein Jahr in einer Spittaler Schuhfabrik erinnere ich mich gut. In der Montagehalle wurden die einzelnen Lederteile maschinell zusammengefügt. Dort herrschte keine  Werkstattromantik, es rotierte das Fließband und der Lärm der Maschinen. Es gab die traditionellen Bezeichnungen wie Leisten, Oberleder, Brandsohle oder Absatz, das Zusammenfügen der einzelnen Teile erfolgte mithilfe von Maschinen. Die ArbeiterInnen waren die Handlanger der Maschinen. Zu meiner Zeit waren es mechanische Automaten, inzwischen dürfte auch hier die Elektronik Einzug gehalten haben. In der Montagehalle herrschte ein Pfauchen und Kreischen, statt  fröhlichem Pfeifen und Singen aus der Brust des Schustergesellen. Wer damals seinen erlernten Beruf gewechselt hat erhielt den gut gemeinten Rat: Schuster bleib bei deinen Leisten.

Die oberste Priorität der Bandmeister in den Kleiderfabriken Asien ist beim Zusammennähen der einzelnen Stoffteile das vorgeschriebene Tagespensum zu erfüllen. Die Frage, ob für diese  Arbeit ein gerechter Lohn bezahlt wird, ist für die Firmenleitung nebensächlich. Der Wahlspruch meiner Frau, Kleider machen Leute, trifft  in der Öffentlichkeit immer seltener zu. Es gibt elegant angezogene Leute, anderseits nach unserem Empfinden verwahrloste Burschen und Mädchen.

Neuer Geschmack

spenden:vorhang

Geht es um die Stabilisierung einzelner Zonen in Afrika, um den Aufbau lokaler Infrastruktur oder Kleingewerbebetrieben, so liest man darüber selten etwas erfreuliches. Wenige Meldungen, dass dies und jenes in den letzten Jahrzehnten erledigt wurden. Muss ich annehmen, dass jenes, was durch die Entwicklungshilfe erreicht wurde, durch bürgerkriegsähnliche Konflikte wieder zerstört wurde?

Wie kreativ manche Spendenaufrufe sind, zeigte sich während einer Messfeier in der Vorweihnachtszeit in Völkendorf. Zwei Ministranten hatten eine Kutte über, ein Ministrant hatte sich in Rock und Bluse gezwängt. In einer Live Aktion bemühte sich ein Mitglied des Pfarrgemeinderates die Messebesucher auf diese missliche Lage hinzuweisen. Dazu stellte sie die drei Ministranten vor und erzählte, die Pfarre verfüge nur über zwei Kutten. Der dritte Ministrant fühle sich in seinem alten Outfit unwohl. Das Unwohlsein konnte man dem Ministranten am Gesicht ablesen. Dies betraf nicht nur sein Gewand, wohl auch die öffentliche Zurschaustellung. Wie auf einem Marktplatz des siebzehnten Jahrhunderts, bei einer menschlichen Abnormität.

Das Mitglied des Pfarrgemeinderates bat um Spenden für den Kauf einer dritten Kutte. Dabei geht es für die Pfarre um einen Betrag von maximal hundert Euro, der im Haushaltsplan kein Problem sein dürfte? Wenn unerschwinglich, genügt dann nicht ein Spendenaufruf, ohne den Jugendlichen vor den Vorhang zu holen?

Bischöfliches Mensalgut

spenden:ok

Die Weihnachtszeit liegt drei Monate zurück, man blickt mit Abstand auf diese Zeit. Wundert sich darüber, bei welchen Aktionen man dabei war. In den letzten Stunden vor dem Heiligen Abend wurde im Fernsehen um Spenden für die Opfer der Hochwasserkatastrophe in Kärnten geworben. Für die Spendenfreudigkeit dürfte es einen Unterschied machen, ob das Geld in unmittelbarer Nachbarschaft eingesetzt wird oder ob ein Projekt in einem fernen Kontinent unterstützt wird. Die Identifizierung mit Landsleuten ist größer, als mit jenen, wenn ein Meer dazwischenliegt. Es kann noch so viel gepredigt werden: Wir sind eine Welt, wir sind alle Brüder und in unseren Adern fließt dasselbe Blut. Wahrscheinlich verpufft der Appell, weil man ihn schon oft gehört hat. Anderseits aus den Nachrichten erfährt, dass in Afrika Kriege zwischen Volksgruppen herrschen und dabei westliche Staaten mitmischen. Die Bescheidene Infrastruktur durch Kampfhandlungen vernichtet wird. Wie viel zerstört Munition um hundert Euro, was kann mit hundert Euro aufgebaut werden?

Seit den letzten zwei bis drei Jahren setzen sich europäische Politiker dafür ein, die Lebensbedingungen in Zentralafrika zu verbessern. Angefeuert durch die Prognose von den zu erwartenden Wirtschaftsflüchtlingen. Bei mir keimt die Frage auf, was ist in den letzten fünfzig Jahren mit den Geldern der Entwicklungshilfe passiert? Warum herrscht in diesen Ländern ein solches wirtschaftliches und soziales Desaster? Hat man bei der missbräuchlichen Verwendung der Transferzahlungen ein Auge zugedrückt? Der eine und andere Potentat vereinnahmte einen Teil der Entwicklungshilfe und garantierte anderseits die Rohstofflieferungen nach Europa. Wo ist die öffentliche Aufsichtspflicht  beim Einsatz der Entwicklungshilfe geblieben? Die Gelder wurden aus den Steuerleistungen zur Verfügung gestellt. Kontrollorgane konnten drei bis fünf Tage in einem luxuriösen Hotel übernachten und haben ein oder zwei Objekte nach Vorschlag des Gastgebers kontrolliert. So hat man den schönen Schein bewahrt.

Misswirtschaft