ruhe:pause

Der Besuch des Josefimarkt in Nötsch, am Josefitag, war in den vergangenen Jahrzehnten Tradition. Coronabedingt wurde er dieses Jahr abgesagt. Bei dem schönen Wetter würden sich hunderte Menschen zwischen den Marktständen durchschlängeln, Groß und Klein. Bewohner aus den entlegenen Orten im Gailtal, für sie ist der Besuch des Josefimarkt ein fester Bestandteil im Jahresablauf. Die Hoffnung besteht, dass im Herbst das Polenta Fest möglich sein wird. So sitze ich beim Kriegerdenkmal in Müllnern auf einer Bank im Schatten. Ich mache beim Radfahren eine Pause und höre das Rauschen, kräftige Töne, vom Abfluss des Faakersee. Heute habe ich die Betriebskostenrechnung für das Haus in Arnoldstein abgesandt, trotz Coronakrise. Ist es der richtige Zeitpunkt? Auch einen Monat später könnte es unpassend sein, zu früh ebenso wie zu spät. Die Bundesregierung hat angekündigt die Umsatzeinbußen des Handels, Gewerbe und Industrie zu ersetzen? Kreditgarantien und Steuerstundungen sind für mich keine wirklichen Betriebshilfen. Zwei Drittel der Radfahrer auf dem Faakersee Radweg sind mit einem E-Bike unterwegs, ich habe wenig Sympathien für die E-Bike Fahrer. Radfahren bei Sonnenschein, dann geht es mir gut, eine Wohltat für die Seele in Pandemiezeiten. Gegenüber wurde der ehemalige Gasthof, er hat etwa die halbe Größe unserer Wohnanlage zu zwölf Wohneinheiten umgebaut.  Heute mit einem Freund in Hermagor telefoniert, seine Frau befindet sich nach einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt in Klagenfurt in der Rehaklinik in Hermagor. Die Restbeschwerden sind Seh- und Sprachprobleme. Er und ich hoffen, dass es noch Fortschritte gibt. Die Wohnungsnachbarin hat für uns coronabedingt Lebensmittel eingekauft.  Mehrmals hat sie versucht Kopierpapier zu besorgen, derzeit ist es Mangelware. In einer Trafik ist sie heute fündig geworden für € 9.80. Dabei dürfte der Trafikant coronabedingt einen Preisaufschlag verrechnet haben. Aus dem Tagebuch, Donnerstag, 19. März 2020

ruhe:stand

Obwohl die Zeit nach dem Arbeitsleben Ruhestand heißt, bleibt vom vielgelobten und angenommenen Ruhestand nicht viel übrig. Plötzlich erfasst einen der Faktor Zeit, der sich vor einem auftürmt und überwunden werden will. Die Trägheit beim Aufstehen am frühen Morgen und bei der Morgentoilette bremst die Zeit ein, da bekommt die Tageszeit einen großen Dämpfer. Vor allem, verschwindet das Frühstücksgeschirr erst nach 9 Uhr im Geschirrspüler. Während der Berufszeit genügte eine Viertelstunde für das Frühstück und der Arbeitsmotor begann um sieben Uhr zu laufen. Ich glaube, nie wird sooft die Frage gestellt, wo ist die Zeit hingekommen, als wie in der Pension? Unerwartet kommen einem Vorhaben in den Sinn, wo die Zeit eine Rolle spielt. Man fragt sich, wieviel Lebenszeit habe ich noch? Im Kopf hat sich der Gedanke, dieses und jenes fertigzustellen, festgekrallt. Der Modus, eine Arbeit abzuschließen, steckt mir aus dem Berufsleben tief drinnen. In der Rente muss ich dies wohl um den Gedanken erweitern, dass nicht jedes Projekt die Gelegenheit dazu haben wird, beendet zu werden.

Vergleichbar mit, nicht jedes Buch, welches ich gekauft habe, habe ich gelesen. Einige nur zu einem Drittel und bei manchen Büchern habe ich nach dem ersten Kapitel aufgehört. Eine der ersten Fragen von Wohnungsbesuchern ist, sehen sie die vielen Bücher, ob ich die Bücher alle gelesen habe. Die Bücher sprechen dafür, dass ich an dem Thema interessiert war, an einer Biographie, am Kosmos oder an einem bestimmten Zeitalter. Lesen hat viel mit der Zeit zu tun, wer dies als Lückenbüßer sieht, als Überbrückung zwischen Tag und Nacht wird mit seinem Lesepensum nicht allzu weit kommen. In der Rente ist es für einen Bücherliebhaber Pflicht, sich als Tagesordnungspunkt eine oder zwei Stunden Lesezeit zu verordnen. Am besten mehrmals die Woche, ansonsten stellt sich keine Zufriedenheit ein. Die größten Feinde der Bücher sind für mich die Zeitungen und Zeitschriften, sie sind Zeitfresser ohne einen wesentlichen geistigen Mehrwert. Heute kann man oft nicht mehr unterscheiden wo man eine Meldung schon einmal gehört hat, am Handy, im Radio oder im Fernsehen. Der Zugewinn an Wissen kommt bei den Zeitungen und Zeitschriften ganz weit hinten. Oftmals versprechen die Schlagzeilen in den Zeitschriften etwas, was dann in der Reportage nicht eingelöst wird. Sie vermehren nur den Inhalt des Altpapier Container. Viele Zeitungen werden bereits online angeboten, dabei kommt es zu einem Generationenproblem. Die 40er, 50er, und 60er Jahrgänge lieben es, eine Zeitschrift in Händen zu halten oder man begnügt sich mit den online Schlagzeilen.

rosa:blau

Am Wörtherseesüdufer, am Ende der Promenade von Velden, öffnet sich ein kleiner Platz, der sich zum Ufer hin ausweitet. Es spazieren immer wieder Leute aus dem Ortszentrum bis hierher und schießen mit dem Smartphone ein Foto. Als Kulisse den See mit ein paar Booten. Mit einer tollen Kamera fängt man auch ein Stück von der Veldener Bucht mit dem Schlosshotel für das Bild ein. Manche nehmen dabei für ein gutes Foto das Risiko, in den See zu platschen, auf sich. Brisant wird die Situation beim Knipsen von einem Selfie. Ein sicheres Gespür für die beste Position haben Busreisende, ein Selfie und schnell wieder weg.

Auf der Bank neben mir, im Schatten vom Sonnenhut, hat sich ein junges Paar mit ihren Zwillingen im Duokinderwagen, niedergelassen. Die Zwillinge schlafen unbekümmert vom Trubel am späten Nachmittag. So friedlich, bemerke ich gegenüber den jungen Eltern. Ja vor allem weil sie beide schlafen, antwortet der Vater. Bub und Mädchen sehe ich, wie lieb. Ein Baby hat eine rosa Hose an, das Zweite eine Blaue, ein Glücksfall, ein Mädchen und ein Bub. Der Vater macht mich darauf aufmerksam, dass das Baby mit der rosa Hose der Bub und das Baby mit der blauen Hose das Mädchen ist. Ein junges Paar, welches mit der gleichgeschlechtlichen Erziehung im Babyalter beginnt.

Früh übt sich.

for:forest II

So hatte ich die Möglichkeit das Stadion, über dessen Ausmaße und Kosten in den letzten zehn Jahren viel berichtet wurde, einmal von innen zu sehen. Über eine sinnvolle Nachnutzung des Stadion wird bis heute spekuliert. Aktuell gibt es einen Streit um Honorarzahlungen  zwischen dem Finanzier des Projektes und den Initiator des Projektes.

Beim Eintritt in das Stadion nahm die Security eine Taschenkontrolle vor, wobei ich scherzhaft bemerkte: In meiner Handtasche verbirgt sich keine Motorsäge. Eine Motorsäge wäre das Gegenstück zu einer Sprayfarbe. Genauso wie wenn eine  Person die Dürrer Ausstellung in der Albertina besucht, mit der Absicht dem Hasen eine grüne Wiese unter dem Hintern zu sprühen. Für mich das Erste war, nachzufühlen, wie ist es, wenn das Stadion bei einem Popkonzert bis auf den letzten Platz ausverkauft ist  ? Ich dabei auf einem schmalen kalten Plastiksessel, mit wenig Beinfreiheit, sitzen müsste. Würde ich nach oben, nach unten, nach rechts, nach links oder geradeaus schauen, überall würden Menschen sitzen. Ein beengendes Gefühl. Ich kenne ausverkaufte Theater- und Konzertsäle, das Kino auf Kreuzfahrtschiffen, nirgendwo hatte ich dieses beklemmende Gefühl. Hinter mir steil aufsteigende Sitzreihen, die besetzt wären, von wo die Besucher herunterpurzeln könnten. Es wäre eine Menschenlawine, welche in das Rutschen und am Stadionboden zum Stillstand käme. Welche Hysterie dreißigtausend Menschen in einem Gefahrenmoment entwickeln, kann ich nicht voraussehen. Massenlosigkeit wäre das Wort für diesen Zustand.

In den Bäumen und Sträuchern erkannte ich ein zerbrechliches Gut, wie eine durchscheinende Porzellanvase. Der wunde Punkt dieser Installation war, in Kärnten gibt es rundum viel Grün, als Wiesen, Aulandschaften und Waldbestände. Der industrielle Charakter, das großstädtische Umfeld des Peintnerbildes fehlte.

Wolkenkratzer

wörthersee:stadion

Dieselbe Installation in einem Fußballstadion einer Millionenmetropole, wo die Hochhäuser über den First des Stadions ragen, hätte eine vielfach größere Signalwirkung. Richtete ich an diesem Tag meinen Blick aus dem Stadion nach oben, dann blickten mich nicht rauchende Fabrikschlote oder Wolkenkratzer an, sondern ein blauer Kärntner Himmel. Auch bei längerer Verweildauer kam das Meditative zu kurz, da es ein ständiges gehen und kommen gab. Ein Fotografieren und Posieren, ein drängeln um den besten Platz. In einem Kiosk wurden Schalen, Schals, Blocks, Bleistifte, Becher, Postkarten und T-Shirt alles mit dem Peintner Bild verkauft. An einem Würstelstand konnte man sich an Frankfurter, Bier und Coca-Cola laben. So geht es bums und rums, Sessel klappen hoch und Tore werden geschlossen, die Schuhe klappern auf den Stahlskeletten.

Einige Zeit später sitze ich in einem Café in Klagenfurt in Bahnhofsnähe. Ich werde  gefragt, wie ich die For Forest Installation erlebt habe? Zuallererst betone ich, ich habe das Stadion nach seiner Errichtung vor einem Jahrzehnt das erste Mal betreten. Jetzt verstehe ich auch die vielen Diskussionen, welche sich um deren Sinnhaftigkeit drehen. Ich kann jetzt aus eigener Anschauung beim Diskurs um das Stadion mitreden. Die Bleistiftzeichnung von Peintner finde ich visionär und aktueller denn je, wenn man die Vermarktung des Waldes betrachtet. Eine Frage beschäftigt mich, ob das Wörtherseestadion der richtige Ort für diese mahnende Installation war. Mein Gegenüber im Cafe sieht es ähnlich, auch für sie war es zuallererst eine Gelegenheit das Stadion kennen zulernen.

Das erste Mal.