som:mer

Zu beobachten, durch welche Einflüsse sich die eigene Sichtweise verändert, ist  aufschlussreich. Wir wähnen uns in unserer Wahrnehmung objektiv. Würden nur dies wiedergeben, was wir gesehen haben und würden nicht urteilen. Bei einem Sommerspaziergang durch Wiesen und Wald erfasst mein Auge zumeist dieselben Bäume und Pflanzen. Nach einem heißen Tag kündigt ein heftiger Wind auf der Genottenhöhe ein Gewitter an. Um den Mittagskogel dräuen sich dunkle Wolken und über die Gerlitze gehen in rascher Folge Blitze hinweg. Für das Villacherbecken kann es fatale Folgen haben, wenn sich zwei Gewitterfronten gleichzeitig entladen. Eine Gewitterfront kommt aus dem Gailtal und die Andere  aus dem Drautal. Mit dieser Konstellation erleben wir am Fuße der Genottenhöhe unsere liebe Not. Der Sturm drückt die Pinien vor der Wohnanlage fast ebenerdig zu Boden, der Regen klatscht an die Fenster. Beim nächsten Spaziergang blockieren entwurzelte Bäume die Wanderwege. In den letzten Jahren wurden zur Eindämmung des Borkenkäfers viele Bäume in Warmbad abgeholzt, so hat sich der Wald  gelichtet.

Im Absturzgebiet des Dobratsch beträgt die Humusschicht zwischen drei und dreißig Zentimeter, darunter ist Felsgestein. Seit dem Bergsturz im dreizehnten Jahrhundert hat sich hier eine, vom mediterranen Klima beeinflusste, Vegetation entwickelt. Zu den einheimischen Pflanzen gesellten sich südliche Pflanzen, die ersten Immigranten im Gailtal. Durch die Klimaerwärmung sind weitere mediterrane Blumen, Insekten und Reptilien dazugekommen. Die Südhänge des Dobratsch, die Weinitzen, sind ein Dorado für Schmetterlinge, mit einer Artenvielfalt wie sonst nirgendwo in Österreich.

Nachtpfauenauge

fern:wärme II

Als Radfahrer empfinde ich es befremdlich, dass der Fahrradweg entlang der Bundesstraße B83 verläuft, so ist man gezwungen die Autoabgase einzuatmen. Dies ist ein eigenartiger Genuss, welcher den Radfahrern zwangsverordnet wurde. Bislang verlief der Radweg durch den Naturpark Schütt, entlang der Gail und der Bahnstrecke. Als Ortskundiger benütze ich weiterhin diese Strecke, mir sind die Sträucher und Bäume, die Wiesenblumen und Gräser entlang der Gail angenehmer. Ein Ortsunkundiger ist auf die Hinweisschilder angewiesen und folgt denen. Dies weis ich aus eigener Erfahrung, wenn ich in fremden Terrain unterwegs bin. Beim derzeitigen Trend, bei Eisenbahn- und Autobahnstrecken Lärmschutzwände zu errichten ist es vorstellbar, dass auch zwischen Radweg und Bundesstraße eine Lärm- und Auspuffgase- Schutzwand errichtet wird. So könnten die Radfahrer vor dem Lärm und den Abgasen der Pkw und Lkw geschützt werden.

Bei vielen Autofahrern stößt die Verschmälerung der Fahrbahn auf Ablehnung, seit Jahrzehnten war man gewohnt, auf dieser Strecke mehr Spielraum zu haben. Der Reiseverkehr an die Obere Adria, Grenzübergang Thörl Maglern, ist einstmals über diese Bundesstraße verlaufen. In den Sommermonaten gab es  regelmäßige Staus, von der Grenze bis in den Raum Villach. Arnoldstein war in diesen Jahrzehnten ein zweigeteilter Ort, wo man nur mit Mühe die B83 überqueren konnte. Diese Verkehrssituation war für die Einheimischen eine Belastung. Die Bevölkerung atmete auf, als der Abschnitt der Alpen Adria Autobahn, Villach-Thörl Maglern, für den Verkehr freigegeben wurde. Bei der Gastronomie und dem Handel kam es von einer Stunde auf die Andere zu einem Umsatzeinbruch, als im Juni 1994 der Durchreiseverkehr und damit die Gäste und Kunden ausgefallen sind. In den ersten Wochen nach der Freigabe der Autobahn konnten die Arnoldsteiner Kinder auf der verlassenen Bundesstraße Rollerblades fahren, Federball- und Fußballspielen.

Sportplatz

fichten:staub

Ein besonderes Schauspiel erlebte ich im Mai in Gaschurn. Von der Terrasse aus beobachtete ich am Berghang gegenüber, wie sich plötzlich eine Rauchwolke gegen den Himmel erhob und an einer anderen Stelle wieder. In den ersten Minuten glaubte ich, es ist ein Waldbrand ausgebrochen. Bei längerem Hinsehen entpuppten sich die Rauchwolken als Staubwolken. Die gelblichen Staubwolken haben sich zu einem Band formiert und sind talauswärts gezogen. Dieses Spektakel hat sich eine Woche lang tagtäglich wiederholt. Auch naturferne Menschen haben sich gefragt, was die Ursache für diese Erscheinung ist? Dieses Jahr haben die Fichten in großem Ausmaß geblüht, wie es nur alle vier oder sieben Jahre der Fall ist. Die vermeintlichen Rauchwolken waren Blütenstaub. Ich erinnere mich nicht, dieses Phänomen schon einmal so hautnah beobachtet zu haben. Obwohl ich im Frühjahr ein wenig an einer Blütenallergie leide, hatte dieser Blütenstaub keinerlei Nachwirkungen. Eine Fichtenblütenallergie sei äußerst selten, so die Mediziner.

Der Schöpfer hat uns in Südösterreich ein Geschenk gemacht. Schon Ende April hat es Tageshöchsttemperaturen zwischen 25 und 30 Grad gegeben und die Natur hat sich schlagartig entfaltet. Die Obstbäume haben um vierzehn Tage früher als sonst geblüht und das Gras auf den Wiesen wird derzeit überall gemäht. Eine frühe Obstblüte birgt die Gefahr in sich, dass es zu den Eisheiligen, wie die Tage Mitte Mai genannt werden, zu einer Schlechtwetterperiode kommt. Gibt es dann in der Früh Frosttemperaturen, können die Blüten erfrieren. Voriges Jahr war dies der Fall und in Kärnten hat es kaum Obst gegeben. Dieses Jahr zeigten sich die Eisheiligen, Pankratius, Servatius und Bonifatius von der milden Seite und die Besitzer von Obstbäumen freuen sich auf eine reiche Ernte.

Frühobst

maria:sibylla:merian II

Bemerkenswert ist die religiöse Einstellung von Sybille Maria Merian, welche auf der Suche nach einem persönlichen Glauben war. Unabhängig von den religiösen Institutionen, auf der Grundlage der Bibel. In ihrer Forschungstätigkeit sah sie keinen Widerspruch zum Glauben. Obwohl sie dem Geheimnis Gottes auf der Spur war, hat sie es vermieden Gott, als den alleinigen Schöpfer aller Pflanzen und alles Getier, in Frage zu stellen.

Nach dieser Lektüre habe ich einen intensiveren Blick auf die Gräser, Gewächse und Blumen gerichtet, um die eine und andere Raupe zu entdecken. Plötzlich hat es beim nächsten Spaziergang um mich herum nur so geschwirrt von Schmetterlingen. Unsere Wahrnehmung ist eine Symbiose aus Wissen und aus dem, was wir sehen. Dies erleben wir im Alltag des öfteren, ist man Gastwirt, wird man in einer fremden Stadt jedes kleine Beisel wahrnehmen. Lehnt man die Ausbreitung von Kebab Buden in den Städten ab, dann wird man in jeder kleinen Gasse einen Kebab Stand entdecken. In den Sommermonaten ist es für  Eisliebhaber zumeist ein leichtes, einen Eissalon oder einen Eisverkäufer zu finden. Sie werden von magischer Hand zu den Plätzen, wo Eis verkauft wird, geführt. Wir sehen nicht nur was uns objektiv durch unsere Augen vermittelt wird, wir sehen auch durch unsere Erfahrungen, Abneigungen und Vorlieben.

Zitronenfalter