fleisch:weihe

Es sind gerade zehn Tage vergangen, da drehte sich zwischen den arrangierten Frühlingsblumen vor dem Villacher Rathaus, die Kindereisenbahn. Rund um die Stadtpfarrkirche reihten sich Standln mit Kunsthandwerk und Dekoartikeln, Eine an das Andere. Dazwischen gab es welche mit dem Versprechen, alles für die Kärntner Osterjause. Damit gemeint sind gekochter Speck und Schinken, Rippalan und Hauswürste, Eier und zum Würzen die Krenwurzen. Dies alles bekommt den richtigen Geschmack durch den Segen von Oben. An allen Ecken findet am Karsamstag die Speisenweihe, in Kärnten kurz Fleischweihe genannt, statt. Massenhaft strömen Junge und Alte zu den Weihepunkten, seien dies Kapellen, Marterln, Wegkreuze oder ganz profan der Gastgarten eines Wirtshauses. Die Osterspeisen werden mit bestickten Deckerln zugedeckt, obligatorisch zeigt man kein nacktes Fleisch. Die Weiheträgerinnen kommen mit tief ausgeschnittenen Dirndlkleidern und zeigen den üppigen Busen, einmal wohlgeformt, ein andermal weniger straff, Shirts bauchnabelfrei. Hierher strömen Burschen mit Tätowierungen am Hals und Unterarm, in der Hand den Weihekorb mit einer traditionell gestickten Decke „IHS“. Ehepaare schieben einen Kinderwagen vor sich her, die Sportlichen kommen mit dem Fahrrad und am Gepäckträger die Osterjause.

Bevor der Pfarrprovisor zur Fleischweihe schreitet bittet er die ganz Durstigen, die Bierflaschen während der Heiligen Handlung am Tresen abzustellen. Die große Zahl an Teilnehmern macht es notwendig, dass er sich durch Menge zwängt, um auch die entfernten Speisekörbe mit einem Spritzer Weihwasser zu versehen. Am Ende stichelt der Provisor: Er möchte einmal so viele Besucher bei einem Sonntagsgottesdienst in der Kirche sehen.

Aus dem Tagebuch…

grenzen:los

Eine neue Funktion erhalten die Grenzübergänge Thörl-Maglern und Wurzenpass seit die Balkanroute für die  Flüchtlinge geschlossen wurde. An beiden Grenzübertrittsstellen trifft man Vorbereitungen um wieder Passkontrollen durchzuführen. Es betrifft alle Reisende, egal ob In- oder Ausländer, Immigranten oder Flüchtlinge. Mit Skepsis beobachtet man die zukünftigen Entwicklungen, handelt es sich doch um keinen Grenzverkehr unter Nachbarn, sondern zwischen Kontinenten. Plötzlich ist es wieder notwendig, dass man bei einer Reise innerhalb der EU, auch zum Nachbarn, den Reisepass einpackt. Dies war einige Jahre völlig vernachlässigbar. Auf Grund der Migrantenströme will man von jedem Staatsbürger immer mehr Daten speichern, jede Person gilt als verdächtig. Für meinen neuen Reisepass wurde bei mir erstmals vom Zeigefinger ein Fingerabdruck gemacht. Dieser ist im neuen Pass integriert. Gegenüber der Beamtin habe ich mein Erstaunen ausgedrückt, dass ich dies noch erleben kann!  Ein Kuriosum ist der Geburtsort, welcher in meiner Geburtsurkunde angegeben ist. Als Geburtsort steht: Politzen. Üblicherweise wäre Ferndorf  der Geburtsort, bei mir steht in allen Dokumenten Politzen. Dies war damals eine kleine Ortschaft in der Gemeinde von etwa fünf zerstreuten Bauernhäusern. Wie die Beamtin mir versicherte kennt man den Ort Politzen weltweit. So wird ein weiteres Pseudonym “Franz von Politzen” geboren. Ich habe auf Google eine Suchanfrage gestartet: Zu Politzen gibt es auf Google 10.400 und zu Ferndorf  373.000 Einträge. Zu einer gewissen Bekanntheit haben es die beiden Politzner Kampfkatzen, Charly und Undine,  gebracht, weil sie von mir öfter im Blog erwähnt wurden.

Die verschiedenen Währungen im Dreiländereck, Österreich-Ex-Jugoslawien- Italien, vor der Einführung des Euro, haben das Kopfrechnen der Jugend und der Erwachsenen geschult. Heute ist dies infolge der gemeinsamen Währung nicht mehr notwendig. Gestiegen ist das Interesse an der Sprache der Nachbarn. Diese werden bereits in der Elementarschule in den Unterricht eingebaut. Wahrscheinlich muss friedliches Zusammenleben von jeder Generation neu erarbeitet werden. Alles braucht seine Pflege, ob Nachbarschaft oder Sprache.

Nationalfeiertag.

grenz:übertritt II

Um die Einkäufe Revue passieren zu lassen gehörte der Besuch einer Pizzeria dazu. Dabei wurden im Kopf die ersparten Münzen zusammengezählt und gegenseitig Geheimadressen ausgetauscht. Gestärkt mit einer Pizza oder einer italienischen Jause und einem Glas Wein fuhr man entspannt der Grenze entgegen. Im vorhinein wusste niemand, wird heute kontrolliert oder durchgewunken. Für den Fall der Fälle hatte man sich für die Frage des Zöllner: „Haben sie etwas zu verzollen“, eine ausweichende Antwort zurechtgelegt. Zumeist gab es für Einheimische kaum Kontrollen. Ein altgedienter Zöllner beschreibt es so: „Wie ein Polizist bei einer Verkehrskontrolle die Alkoholfahne vom Lenker riecht, so konnte er den Ledergeruch aus dem Kofferraum wahrnehmen“. Besonders in der Vorweihnachtszeit wurde beim Verdacht auf die Einfuhr von Lederwaren Nachschau gehalten.

Die Stimmung am Wurzenpass war beim Passieren der Grenze, nach und von Ex-Jugoslawien, gedrückt. Schon bei der Einreise wurde der Pass einer strengen Prüfung unterzogen. Den jugoslawischen Zöllnern und Grenzpolizisten kam dabei kein Lächeln über das Gesicht. Schwerbewaffnete Soldaten standen rechts und links des Grenzbalken. Auf der Passhöhe war das Militär in geheimen Bunkern omnipräsent. Auch auf österreichischer Seite gab es Bunkeranlagen, man war sozusagen immer gefechtsbereit. Der Aufenthalt in Ex-Jugoslawien bestand aus der Einnahme eines preiswerten Mittagsmenüs und einmal günstig Auftanken. Bei der Einreise konnten die Raucher im Dutyfreeshop billig Zigaretten kaufen. Dort gab es auch Kosmetika und Markenuhren zu reduzierten Preisen. Hier war man bei der Einreise um vieles angespannter als in Thörl Maglern. Lag es daran, dass der jugoslawische Wein nicht so süffig war? Niemand verweilte in Ex-Jugoslawien länger, als unbedingt notwendig.

Bei mir verflüchtigen sich diese Stimmungsbilder immer mehr, die Waren- und Personenkontrolle ist beim Grenzübertritt obsolet, damit auch der Reiz des Verbotenen. In Kärnten haben sich inzwischen internationale Modeketten, von Diskont bis Markenqualität, etabliert. Der Tarviser Markt leidet seit über einem Jahrzehnt unter Besucherschwund. Durch die Generalsanierung um die Jahrtausendwende hat er zusätzlich an Flair verloren. Die Verkaufsstände sind zu korrekt, die Ladenbesitzer zu professionell. Der Besuch einer Pizzeria ist immer noch einen Ausflug wert. Am Wurzenpass  hat man jetzt die Möglichkeit die ehemaligen Bunkeranlagen zu besuchen, der Einkauf von Zigaretten und Kosmetika in den Dutyfreeshop ist immer noch beliebt.

Kofferraumkontrolle.

grenz:übertritt I

Seit mehreren Jahrzehnten lebe ich im Dreiländereck Österreich-Italien und Ex-Jugoslawien. Ich genieße es, seit dem Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und der Schaffung des Schengenraumes, dass die Grenzkontrollen zu den Nachbarländern abgeschafft wurden. Wer lange in einem Grenzort wie Arnoldstein lebt merkt, um wie viel entspannter die Leute heute von diesseits und jenseits der Grenze miteinander umgehen. Es hat früher einen Unterschied gegeben, ob man am Wurzenpass die Staatsgrenze von Österreich nach Jugoslawien oder in Thörl Maglern die Grenze nach Italien überschritten hat. Das Überqueren der Grenze nach und von Italien hatte zumeist einen heiteren Charakter. Dazu dürfte die Aussicht auf ein Glas italienischen Rotwein und einer Portion Spagetti beigetragen haben. Viele Jahrzehnte war der Tarviser Markt das Einkaufszentrum für die Kärntner. Heute weiß ich, es gab organisierte Einkaufsfahrten aus den Bundesländern Vorarlberg und Burgenland zum Tarviser Markt. Von Orten, die etwa sechshundert Kilometer entfernt sind. In der Sommersaison überschwemmten an Schlechtwettertagen die deutschen und die holländischen Urlauber den italienischen Grenzort. Ein Indiz dafür, dass die Gästebetten am Wörthersee, Ossiachersee und Millstättersee gut belegt waren. Einen freien Parkplatz  zu finden war aussichtslos.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts deckte man sich am Tarvisermarkt preisgünstig mit schicker Kleidung und Schuhen ein. Der besondere Kick waren Lederjacken, Ledermäntel sowie Handtaschen. Im Vergleich zu Österreich waren die Lederwaren in Italien billig. Bestimmt war es nicht immer die erste Wahl, teilweise mit kleinen Fabriksfehlern. Fehler, die ohne Fachkenntnisse unbemerkt blieben. Dazu kam das Kauferlebnis am Fetzenmarkt, wie der Tarvisermarkt liebevoll genannt wurde. Hier konnte gehandelt werden wie in einem Basar in Istanbul. Wer die Kunst des Feilschens nicht verstand oder sich schämte vor dem Zahlen zu handeln, der war fehl am Platz. Nach dem Kleiderkauf ging man mit dem Gefühl, einen günstigen Kauf gemacht zu haben, vom Marktstand weg. Die Freude währte solange, bis man bei einem anderen Händler dieselben Jeans um zwanzig Prozent billiger angeboten bekommen hat. Trotzdem fuhr man in der nächsten Jahreszeit wieder zum Modeshoppen auf den Tarvisermarkt.

Schöne Frau.