ukraine:gas

Die Diskussion um die Sanktionen und die wirtschaftlichen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine drehen sich in erster Linie darum, wird es im kommenden Winter genug Flüssiggas für Österreichs Wirtschaft und Haushalte geben? In verschiedenen Industriezweigen ist Gas als Brennstoff zur Produktherstellung unersetzlich. So hat sich ein Sprecher des Industriebetriebes Radex besorgt gezeigt, würde es zu Engpässen bei der Gasversorgung kommen. Beim Weltmarktführer für feuerfeste Ziegel müsste die Produktion gedrosselt werden. Eng verbunden war der Standort Radenthein einstmals mit der Heraklithwerk in Ferndorf, wo Dämmplatten und Mauerziegel hergestellt wurden. Beide Standorte unter dem Firmennamen „österreichische amerikanische Magnesit AG“. Verbunden im wörtlichen Sinne, weil das Magnesit, welches bei Radenthein auf der Millstätter Alpe abgebaut wurde, wurde mit einer Materialseilbahn nach Ferndorf transportiert. Dort aus einem Gemisch von Magnesit und Holzwolle der Baustoff hergestellt. Eine der Ursachen für die Errichtung des Heraklithwerk in Ferndorf war, dass das Drautal durch die Tauernstrecke an das Eisenbahnnetz angebunden war.

Die Materialseilbahn ist in meinem Gedächtnis geblieben, sie gehört zu meiner Kindheit dazu. Zweimal am Tag ging ich während der Volksschuljahre unter der Seilbahn durch. Das klingeln, wenn die Wagerlen eine Stütze passierten, klingt noch sechzig Jahre später in meinen Ohren nach. Unerwartet tauchten die Wagerlen in Rudersdorf von Ferndorf kommend auf, fuhren über mich hinweg und sind dann durch eine Waldschneise den Berg hochgefahren und am Insberg aus den Augen verschwunden. An manchen Stellen der Seilbahn fuhren die Wagerlen knappüber die Köpfe größeren Schüler hinweg. Verboten war das Verweilen unter der Seilbahn, streng verboten war auf eine Stütze zu steigen oder sich bei einem Waggrle einzuhängen. Inzwischen gibt es zwei Ferndorfer Wahrzeichen nicht mehr, die Materialseilbahn und den Werkskran. Die Seilbahn wurde abgetragen, nur eine Stütze steht wie vergessen in einer Wiese in der Ortschaft Glanz am Millstättersee. Der Holzkran, welcher über die ganzen Hallen des Werksgelände fuhr, wurde ebenso abgebaut.

omikron:blackout II

Die Elektrifizierung in größerem Ausmaß begann um etwa 1880. Wie würde der Familienalltag in der Wohnung, der Berufsalltag in der Firma ohne Strom funktionieren? Und wie würde man eine Woche ohne Strom über die Runden kommen?

Als Gedankenexperiment zeichne ich meinen ersten Lebensabschnitt, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, ohne Strom nach. Kindheit und Jugend verbrachte ich auf einen Bauernhof. Der Alltag ohne Strom hätte damals gut funktioniert, es hätte nur keine maschinelle Unterstützung der Arbeiten gegeben. In den Wintermonaten geht es hauptsächlich um die Fütterung der Tiere, dazu Arbeiten rund um das Holz, sei es Schlägerungen im Wald oder Holzmachen für den Küchenherd und Kachelofen. Der Jahreszeit angepasst begann das Tagwerk mit der Morgendämmerung, die Kühe konnten händisch gemolken werden, die Wasserversorgung kommt aus der eigenen Wasserquelle und kommt ohne mechanische Pumpen aus. Bei der Fütterung der Schweine und der Schafe spielt der mit Holz beheizte Dämpfer für die Herstellung der Erdäpfel Maische eine wichtige Rolle. Die Gerätschaften zur Verarbeitung der Milch ließen sich händisch betreiben, wie der Rührkübel zur Herstellung der Butter. Es gibt einen Vorrat an selbstgeernteten Feldfrüchten, wie Kartoffel, Kraut, Wintersalat, Obst, Rohnen und Sauerkraut. Verschiedene Mehlsorten sind nicht in kleinen Packerln zuhause, sondern in großen Schubladen. Auch das Brot selbst zu Backen ist möglich. Ergänzt werden die Feldfrüchte durch geselchte Fleischwaren, wie Speck und Würste, dazu der eigene Apfelmost in Fässern zu 300 und 500 Liter. Die große Stube, das Schlafzimmer der Eltern und zugleich das Wohnzimmer, lässt sich mit einem Kachelofen beheizen. In der Küche steht ein Holzherd, der Sommer wie Winters die Küche und das Wasser für die Katzenwäsche erwärmte. Fortbewegung und Transport spielten eine untergeordnete Rolle, es gab die Pferde, die Menschen sind kaum über das Tal hinausgekommen.  

omikron:blackout

Corona Pandemie war gestern, jetzt will man das Leben wieder genießen. Plötzlich zeigen sich am Kärntner Himmel die sprichwörtlichen dunklen Gewitterwolken und als Vorbote fegt ein Sturm durch die Straßen, der Reklame- und Einkaufszettel aufwirbelt. Diese Gewitterwolken entpuppen sich als neues Bedrohungsszenario. Mitten in die Partystimmung platzieren findige Medienmacher, ob dahinter auch geschäftliche Interessen stehen ist ungeklärt, ein neues Bedrohungsszenario, das Blackout der Stromversorgung.

Institutionen wie das Bundesheer, die Polizei oder die Feuerwehr gingen in die Öffentlichkeit um ein düsteres Bild an die Wand zu malen, das Blackout der Stromversorgung. Vom Zivilschutz wird schon lange dafür plädiert für einen Katastrophenfall einen Vorrat an Konserven, Kerzen, Streichhölzer, Nudeln, Trinkwasser und Medikamente anzulegen. Seit der Corona Pandemie neu hinzugekommen ist ein Vorrat an Kloopapier. Nützlich ist ein Gaskocher, eine Petroleumlampe und wer es besonders toll haben will Akku Boxen mit viel Strom für das geliebte Smartphone. Wie lange die Funknetze aktiv sind, hängt von ihren Notstromreserven ab. Für Ö1 Hörer gibt es Transistorradios, bei denen man mittels Kurbeln Strom erzeugen kann.

Strom als Energieträger ist in unseren Alltag so selbstverständlich integriert, dass wir ihn kaum bewusst wahrnehmen. Für unsere Bedürfnisse brauchen wir ihn fast so notwendig wie den Sauerstoff zum Atmen. Beim Atmen agieren wir so selbstverständlich, sodass wir es nicht bewusst wahrnehmen, erst wenn wir damit Probleme haben. Wenn uns vor Anstrengung oder Aufregung die Luft wegbleibt oder wir gegen eine Infektion der Atemwege kämpfen. Die meisten Beschwerden und Erkrankungen der Atemwege gibt es im Winter und stellen sie sich ein Blackout bei der Stromversorgung im Winter vor. In dieser Jahreszeit sei es laut Experten aber am wahrscheinlichsten. Einerseits weil der Strombedarf in der kalten Jahreszeit durchschnittlich höher ist als im Sommer, zum anderem, weil von den Flusskraftwerken im Winter bei Niedrigwasser weniger Strom erzeugt wird. Dann trifft uns ein Blackout des Stromnetzes, was angelblich immer wahrscheinlicher wird. Wobei ein Hackerangriff auf die Steuerung des europäischen Stromnetzes und Ausfälle auf Grund des Kriegs Geschehen in der Ukraine nicht von der Hand zu weisen ist. 

buch:lebensmittel II

Der Verkäuferin im Laden erzähle ich, dass ich hier vor fünfundfünfzig Jahren zum Papier- und Buchhändler ausgebildet wurde. Diese Zeitspanne kommt der etwa dreißigjährigen Verkäuferin unwirklich , jenseits ihrer Zeit Vorstellung vor. Sie sieht in mir den letzten Papierhändler seiner Art, welcher an seinen Ursprungsort zurückgekehrt ist. Vom Lebensmittelmarkt mache ich von außen und von innen mehrere Fotos. Die Verkäuferin bitte ich von mir ein Foto vor einem Lebensmittelregal zu machen. Um das unvorhersehbare Erlebnis, die Verwandlung der Papier- und Buchhandlung in einen Lebensmittelmarkt zu verdauen, kehre ich in der Nachbarschaft beim Café Riedl ein. Schon zu meiner Lehrzeit gab es das Café, dazu gehörte ein Reisebüro und eine Fahrschule.

Auf der Café Terrasse suche ich mir einen bequemen Platz aus, wo die Verwandlung der Papier- und Buchhandlung in einen nationalen und internationalen Lebensmittelmarkt nachklingen kann. Bei einem Cappuccino komme ich mit einem Gast in das Gespräch, welcher mir erklärt, das Café sei sein Wohnzimmer. Er komme fast jeden Vormittag hierher auf ein Bier. Vielleicht könnte ich mit ihm meine Erinnerungen an die Papierhandlung Petz teilen? Ich frage ihn, ob er Spittaler sei: „Ja, er wohnt in der Koschatstraße, gleich um die Ecke.“ Ob er sich an die Papier- und Buchhandlung am Eck vom Bahnhofsplatz erinnern könne? „Nein, er wohnt seit fünf Jahren in Spittal/Drau und kommt aus Bad Gastein. Das Wohnen in Kärnten ist viel billiger als in Salzburg“. Zwischen seiner Behausung in Kärnten und meiner Lehrzeit trennen uns fünfzig Jahre. Viele Jugendliche würden sagen ein biblischer Zeitraum.

buch:lebensmittel

Wer das Auto benützt um eine Landschaft oder eine Stadt zu erkunden weiß nicht, wie viel er dabei versäumt. Vieles fliegt an ihm vorüber, was er zu Fuß oder mit dem Fahrrad gesehen und erlebt hätte. Meine größten Entdeckungen beim Unterwegssein mache ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Es ist ein leichtes mit dem Fahrrad an einer unbekannten Stelle stehenzubleiben und mich dann zu Fuß dem Objekt der Neugierde zu nähern. Dieser Möglichkeit verdanke ich im vergangenen Spätherbst ein Aha-Erlebnis bei einer Radtour von Spittal an der Drau nach Villach. Mit dem Zug fuhr ich nach Spittal/Drau. In Bahnhofsnähe befand sich meine Lehrstelle, die Papier- und Buchhandlung Harald Petz, im Hinterhof die Offset- und Buchdruckerei Stefan Petz. Die Papier- und Buchhandlung wurde vor Jahrzehnten geschlossen, das ehemaligen Geschäftslokal benützte die Buchdruckerei als Kundenbüro. Wie ich diesmal beim Petz Areal vorbeiradle prangt am Vordach, wo vormals Buch – Papier – Petz zu lesen war, eine neue Geschäftsreklame: Nationaler und internationaler Lebensmittelmarkt. Auf den Schaufensterscheiben, es sind dieselben wie vor sechzig Jahren, steht mit Klebebuchstaben Türkische und Balkan Spezialitäten. Die Marmorfassade ist erhalten geblieben, statt der Eingangstür mit Handgriff gibt es jetzt eine automatische Türe. Ich bleibe vor dem geöffneten Eingang stehen und bin sprachlos. Im Geschäftsraum, welcher um das ehemalige Magazin vergrößert wurde, stehen Regale mit türkischen Süßwaren, Lebensmittel aus dem Orient, Südfrüchte vom Balkan, Getränke und Gebrauchsartikel für den Alltag.

Ich trete in das Geschäft ein und sehe vor meinem geistigen Auge zu rechter Hand die Regale mit den Papier- und Schreibwaren und zu linker Hand die Regale mit den Büchern. Davor eine Verkaufsbudel, hinter der Budel mich als Lehrling zusammen mit der ersten Verkäuferin Traudel. Im Hintergrund auf der linken Seite den Chef bei seinem Schreibtisch, der vollgeräumt mit Buchprospekten und vielen Preislisten ist, sitzen. Auf der anderen Seite das Lager für verschiedene Papier- und Bürowaren. Besonders im Gedächtnis ist mir die Wand im Magazin, mit den unzähligen kleinen Schubladen. Darin befanden sich die verschiedensten Utensilien für den Verkauf: Büroklammern, Reisnägel, Füllfedern, Filzstifte, Anfeuchter, Heftmaschinen, Locher und vieles mehr. Mir einzuprägen wo sich was befand dauerte mehrere Monate. Beschleunigt wurde dies dadurch, da ich in den vielen Schubladen aus Karton fleißig für Ordnung sorgte.