18. 04 : 2019 gründonnerstag

Seit Tagen läuft im TV die Berichterstattung über den Brand der Notre Dame in Paris. Am Fernsehschirm in der Hotelhalle zeigt man gerade einen „Schweigemarsch“ zur Kathedrale und es gibt Interviews mit den Feuerwehrmännern. Heros, welche bei der Brandbekämpfung dabei waren. In der Früh ein Interview mit Peter Handke gelesen, der zum Zeitpunkt des Brandausbruches in der Nähe der Notre Dame war.

An diesem Tag entscheiden wir uns für einen Ausflug in das nahe gelegene Aix-en-Provence. Die Hin- und Rückfahrt erfolgt mit einem öffentlichen Bus. Bei der Fahrt nach Aix erzählt uns die Führerin etwas von der Stimmungslage in der Bevölkerung nach der Brandkatastrophe der Notre Dame. Ein Teil der Franzosen wundert sich, woher plötzlich das viele Geld für den Wiederaufbau kommt. Für diesen Bevölkerungsteil wäre es vordringlicher die Milliarden Euro in den Wohnungsbau, die Bildung oder in die Erneuerung der Infrastruktur zu investieren.

             

Aix ist eine römische Stadtgründung, von wo aus die Provence erobert wurde. Ein lieblicher Gegenpool zum multikulturellen Marseille. Die schmalen Gassen der Altstadt sind aufgeräumt und frei von Graffitis. Auffallend an den Häusern ist, dass an den offenen Fensterläden Blumentöpfe aufgehängt sind. Auf allen zentralen Plätzen gibt es Gemüsemärkte, vornehme Läden, Cafés und Restaurant. Süßigkeiten verschiedener Art werden überall angeboten. Es ist sonnig und warm, wir genießen eine Cafepause im Freien.

Bei den Innenstadthäusern sehen wir auf Höhe vom ersten Stock Mauernischen. In diesen Nischen befinden sich Statuen der Schutzheiligen gegen Seuchen und die Pest. So konnten die Gebete um Verschonung vor der Pest im Freien verrichtet werden. In Pestzeiten weigerten sich zahlreiche Menschen eine Kirche aufsuchen, weil dort wegen der Menschenansammlung die Ansteckungsgefahr besonders groß war. Wir handhaben es im Winter ähnlich, wegen Ansteckungsgefahr mit einem Grippevirus meiden wir Veranstaltungen mit vielen Menschen.

Heute, am 18. 04. 2020 kann ich dazufügen, vor einem Jahr habe ich das Wort „Coronavirus“ noch nicht gekannt. Ein Mittel um die Corona Pandemie einzudämmen ist das Verbot von Menschenansammlungen. So betrachtet haben sich die Maßnahmen zur Bekämpfung einer Seuche seit dem Mittelalter nicht geändert.

17. 04 : 2019

Wir sind eine kleine, feine Reisegruppe, aufgeschlossen für die gesellschaftlichen Umbrüche in Frankreich. Von Kultur- und Sozialarbeiter lassen wir uns die Wege erklären, wie versucht wird ein friedliches Miteinander zwischen den Menschen verschiedenster Herkunftsländer zu schaffen. In Ausstellungen und Symposien bemüht man sich die historischen Migrationsströme aufzuarbeiten. Die Proteste der „Gelb Westen“ haben auf Marseille übergegriffen, sie finden an den Einfahrtsstraßen statt. In der Stadt gibt es aktuell Hausbesetzungen, weil die Wohnungsnot groß ist. Jeder Franzose erhält ein Mindesteinkommen von ca. 500 Euro, der Mindestlohn beträgt ca.  1.300 Euro. Auf den Titelseiten aller Tageszeitungen gibt es heute nur ein Thema, der Brand der Notre Dame in Paris.

Am zentralen Umsteigeplatz, Straßenbahn und Bus, vergleichbar dem Jakominiplatz in Graz, hetzen die Menschen kreuz und quer. Dazu kommen viele E-Scooter. Präsent ist auch die Polizei und teilweise mit dem Fahrrad unterwegs. Die farbenfrohen Kleider der dunkelhäutigen Frauen erzeugen eine fröhliche Stimmung.

An diesem Tag besuchen wir verschiedenen Märkte, Noailles, Cours Julien sowie Belsunce. Es ist mir nicht möglich die vielen Sinneseindrücke zu beschreiben, deshalb gibt es zu diesem Eintrag mehr Fotos. An einem Verkaufsstand zähle ich fünfzehn verschiedene Pfeffersorten. Das gemeinsame Mittagessen nehmen wir in einem muslimischen Restaurant ein. Aus einer großen Schüssel nehme ich Reis und dazu eine Suppe „Couscous“. Am Tisch stehen auch Schüsseln mit Oliven, Peperoni und weitere Gewürze. Dazu einen Pfefferminztee.

     

16. 04 : 2019

Am Vormittag streifen wir gemeinsam durch die Altstadt Marseille, rund um den Alten Hafen. Im Zuge der Ernennung zur „Europäischen Kulturhauptstadt 2013“ wurde in diesem Bereich sehr viel erneuert. Auf Grund der vielen ehemaligen Kolonien Frankreichs in Afrika, Übersee und Fernen Osten ist die Bevölkerung von Marseille Multikulturell. Diesen „Schatz“ versuchte man im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt hervorzustreichen. Es gibt auch Problemzonen, eine rund um den Bahnhof, wo sich Drogen, Waffen, Prostitution sublimiert. Während und am Ende des Unabhängigkeitskrieges Algerien (1954-1962)  kamen zig Zehntausende Franzosen zurück. Für diese wurden in rascher Folge Hochhäuser errichtet um den nötigen Wohnraum anzubieten. Verläuft man sich in schmale Gassen, sind mir sofort die vielen Graffiti aufgefallen, welche sich über ganze Straßenzüge ausdehnen. Das Mittagessen nehmen wir im Kulturzentrum Friche la Belle de Mai ein, es ist in einer stillgelegten Seifenfabrik angesiedelt.

Mit Kleinbussen fahren wir zur Cite Radieuse, hier erwartet uns eine Führung durch ein Wohnprojekt der 1950 er Jahre. In diesem „Wohnblock“ wurden ca. 330 Wohneinheiten untergebracht, mit einigen wenigen Grundrissen. Alle waren mit Bädern, zwei Schlafzimmer, Wohn- und Esszimmer, sowie einen Balkon ausgestattet. Im Sommer reguliert sich das heiße Klima, indem der Wind die Möglichkeit hat, alle Wohnbereiche zu durchlüften. Jede Wohnung wurde mit einer „Frankfurter Küche“ von Margarete Schütte-Lihotzky, der großen österreichischen Innenarchitektin, ausgestattet. Für mich ein Gag, dass es von jeder Küche eine „Durchreiche“ auf den Gang gibt. Hierin werden am Morgen die bestellten Croissant und Milch gestellt. Ohne die Wohnung zu verlassen, wird man morgens mit frischem Gebäck versorgt. Die Küchenabfälle werden über eine Rohrpost entsorgt. In einer Etage befindet sich ein Gemischtwarengeschäft, Café, Friseur, Wäscherei usw. Wer Besuch bekommt, kann ein Gästezimmer anmieten. Integriert in die Wohnanlage ist auch eine Volksschule. Am Flachdach des Gebäudes befindet sich der Sportplatz und eine Laufstrecke. Von hier aus hat man einen wunderbaren Ausblick auf den Hafen, das Meer und in die Berge.

Die Rückfahrt in das Hotel erfolgte abends mit der Straßenbahn. Überfüllt, beschönigt die Situation in der Straßenbahn.   

       

15. 04 : 2019

Nach dem Frühstück fahren wir mit einem Bus Richtung Marseille. Die Landschaft ist durchwachsen, Karst, Föhren und Pinien und die mittelalterlichen Dörfer thronen wie Vogelnester auf den Hügeln. Unterwegs gibt es einen Stopp bei der Zisterzienserabtei Le Thoronet, gegründet im Jahr 1160. Die Zisterzienser lebten ohne Machtanspruch, vertrauten darauf, dass Gott für alles sorgt. Der Kirchenraum, Kreuzgang und Schlafsaal sind schlicht, aus Stein gehauen, ohne jedes dekorative Element. Im Jahr 1789 wurden in Frankreich die Klöster aufgehoben. Im Bus gab es einen Diskurs wie sich die Religiosität der Franzosen von den Österreichern unterscheidet. Die wenigsten Eltern in Frankreich lassen ihre Kinder taufen und es wird kaum kirchlich geheiratet. Für die Erhaltung der baulichen Substanz der Kirchen und Klöster kommt der französische Staat auf und kassiert für eine Besichtigung Eintritt.

Am späten Nachmittag kommen wir in Marseille an und fahren mit einem öffentlichen Bus vom Alten Hafen zur Besichtigung der Notre Dame de la Garde hoch. Ein eigenartiges Schauspiel bietet die Untersicht der Überdachung beim Busterminal. Auf der gespiegelten Decke tummeln sich alle Leute, welche auf die Busse warten oder den Platz überqueren. Die Kathedrale thront majestätisch über dem Alten Hafen, weithin sichtbar ist die vergoldete Marienstatue. Um 18 Uhr wird die Zugbrücke, beim Aufgang zur Kirche, hochgezogen.

Eine besondere Geste hat mittwochs in Frankreich Tradition, man teilt mit einem Nachbar das Essen. Man lädt einen Nachbarn zum gemeinsamen Kochen ein und isst gemeinsam. Die Volksschüler haben schulfrei und von Staats wegen gibt es für jedes Kind ab 10 Jahren ein Handy und einen PC.