innen:stadt

Trotz schwülem Wetter und heißen Temperaturen sind wir von Warmbad zu Fuß in die Villacher Innenstadt unterwegs. Der neue Slogan von Villach ist: Kärntens schönstes Wohnzimmer. Am Hauptplatz wurde mit dem Aufhängen von überdimensionierten Lampenschirmen darauf hingearbeitet, dass sich die Menschen beim Flanieren wie in einem Wohnzimmer fühlen. Zum Niedersitzen laden Sitzbänke mit integrierten Blumenkästen ein. In den Seitenstraßen wurden bunte Regenschirme aufgespannt und von der Decke abgehängt. Diese Art der Dekoration haben wir bereits Jahre vor der Pandemie in der Kleinstadt Umag in Istrien gesehen. Ich war voll begeistert. Nicht nur das Klima verschiebt sich weiter nordwärts, auch die sommerliche Dekoration. Fällt diese Dekoration unter Zugezogen? Die Zugezogenen werden von den Kärntnern oft nicht so schnell integriert. In den Tälern dauert es einige Generationen bis zur Akzeptanz. Übersiedelt jemand aus Klagenfurt nach Nötsch in das Gailtal, dann ist er auch nach dreißig Jahren der Zugezogene aus der Großstadt. Je enger die Täler geologisch werden, umso enger ist der Vorbehalt, wer ein Zugezogener ist. Bei den Einheimischen im Hochmontafon, wie die Partnerin erzählt, war sie auch nach dreißig Jahren Zimmervermietung die Zugezogene aus Bludenz.

In der Hauptplatzmitte hat sich spektakulär eine Straßenmalerin an die Arbeit gemacht und arbeitet an einem lebensgroßen Graffiti. Dem Kuss von Gustav Klimt nachempfunden. Obwohl vor den Sommermonaten die Regeln der Pandemie gelockert wurden, gibt es immer noch wenige Kontakte zu unbekannten Menschen. Für mich entsteht der Eindruck, dass sich der Umgang der Menschen untereinander verändert hat. Es ist von mir zu einer Manie geworden, dass ich in der Innenstadt auf das Aufmerksamste die vorbeiströmenden Menschen beobachte, um unter ihnen den einen oder anderen Bekannten zu entdecken. Dabei versäume ich keine Gelegenheit um unter einem beliebigen Vorwand auf die Bekannten zuzugehen und sie anzusprechen. Sei es mit einer so beliebigen Frage: „Ob sie auch das schöne Wetter in die Innenstadt gelockt hat“? Oder frage, wo sie gerne am Sonntagvormittag einkehren: „Treffen wir uns später beim Café Rainer“. Am Nebentisch wird darüber gesprochen, dass sich das Verhalten gegenüber anderen Menschen durch die Corona Pandemie verändert hat. Kein Händeschütteln und demonstrativen Abstand zu anderen Personen wahren. Keine freundliche Annäherung zu fremden Menschen. Vor der Pandemie wäre es unhöflich gewesen jemanden zur Begrüßung nicht die Hand zu reichen. Die Experten warnen vor dem Händeschütteln, achtzig Prozent der Viren werden durch die Hände übertragen. Zurzeit ist nichts mehr wie vorher.

schwarm:intelligenz

Für mich ist es eine Wohltat bei der Schiffsanlegestelle in der Wörtherseebucht von Klagenfurt, nach der Fahrt mit dem Rad von Velden bis hierher, eine Pause einzulegen. Auf einer Café Terrasse einen Cappuccino zu trinken. Das Wasser ist durchscheinend und unter der Oberfläche tummeln sich eine große Anzahl von Fischen. Von Zeit zu Zeit werfen die Café Besucher ein paar Kecks Brösel in den See und sofort stürzt sich ein Fischschwarm auf die Leckerbissen. Bildet sich ein Fischschwarm bin ich fasziniert wie sie gemeinsam einem Ziel hinterherjagen. Auf engstem Raum haben alle Platz und bewegen sich ohne den anderen zu behindern. Auffallend ist, dass sie den Enten folgen, wohl in der Hoffnung, dass bei einer Entenfütterung auch für sie etwas abfällt. Sie müssen nicht selbst aktiv werden. Schwarm Intelligenz versus Einzel Intelligenz, was im deutschen Kulturkreis bevorzugt wird ist noch nicht entschieden. Die deutsche und österreichische Kultur ist geprägt von Einzelgenie. In den Sparten Musik, Literatur und Malerei beherrschen einzelne Kulturgötter die Szene. Bekannt ist mir, dass in der Renaissance der Meister eine Malschule geleitet hat und bei Aufträgen wie das Ausmalen eines Sitzungssaales oder Kirchenwand seine Schüler eingebunden waren. Nebenfiguren und unbedeutende Landschaftsdetails wurden von den Lehrlingen gemalt.  

Auch in der Wissenschaft setzte man auf den einzelnen Forscher, daran ersichtlich, schaut man sich die Liste der Nobelpreisträger an. In seltenen Fällen werden zwei Personen gemeinsam für ein und denselben Nobelpreis nominiert.  Noch nie habe ich gehört, dass eine Gruppe von Wissenschaftlern für den Nobelpreis ausersehen wurde. Heute sind es in der Wissenschaft und Technik Teams, welche neue Entdeckungen machen. Erwähnt werden will, dass vor einem Jahrhundert die Ehefrauen, auch wenn sie an der Arbeit des Mannes beteiligt waren, bei einer Auszeichnung nicht erwähnt wurden. Aus dem Tagebuch…

letzte:dinge

Zum Siebziger zeichnet sich eine Veränderung ab. Unbeeindruckt von der Lage in Europa sage ich, dass Besitz ein wenig Sicherheit vermittelt. Eine Liegenschaft ist aber mit verschiedenen Verpflichtungen gegenüber den Mietern verbunden, wie Kontrolle der Infrastruktur, Instandhaltung und Sauberkeit. Es ist ein Akt der Vernunft, wenn man mit fortschreitendem Alter sich von Besitz und Aufgaben löst. Dies muss man nicht als einen Verlust sehen, als Akt der Vergänglichkeit. Mit diesem Schritt kann man sich neue Freiheiten erwerben. Vor allem jene, welche mit der neu gewonnenen Freiheit etwas Erfüllendes anfangen können. Anderseits lässt sich, hat man verschiedene soziale Kontakte bewahrt, gut und gern bei einem Glas Bier auf die Auswüchse und Tollheit der modernen Welt blicken. In den letzten drei Jahren wurde noch einmal eines draufgelegt, globale Umstände wie die Klimaerwärmung und die Corona Pandemie und aktuell der Ukraine Krieg können Ängste erwecken Diese Vorkommnisse können einen bis in den Schlaf nachrennen.

Das Beruhigende in meinen späten Jahren ist, dass ich einige meiner Wünsche welche ich für die Pension gehegt habe, Wissen aufzufrischen, zu reisen und große Kulturevents zu besuchen erfüllen konnte. Meine momentane Gefühlslage ist, auf dieser Basis bei meinen Vorlieben weiterzumachen. Ich beschäftige mich auf universitärer Basis mit den sogenannten letzten Dingen, mit der Sterblichkeit, der Seele, dem Jenseits oder wie hilft Beten im täglichen Leben? Etwas von meinen neuen Erkenntnissen folgen auf diesem Blog…

graz:reise II

Auf der Plattform vom Kunsthaus in Graz entsteht mein Originalfoto zum siebzigsten Geburtstag, in mitten einer Schutthalde. Eine Installation von Martin Roth. Von hier gibt es einen schönen Blick auf die Dachlandschaft und zum Grazer Schlossberg. Der Schlossberg war das erste Ausflugsziel, in Ausgehuniform und Wintermantel, Anfang April 1970. An einigen Samstagvormittagen bin ich am Marktgelände vom Kaiser Franz-Josef-Platz gestanden und habe mit einer Blechbüchse für das Rote Kreuz Spenden gesammelt. Mich mit lautem Scheppern der Blechbüchse bei den Vorbeigehenden bemerkbar gemacht. Heute steht hier eine Schwarze und versucht die Straßenzeitung der Obdachlosen zu verkaufen. Nichts geändert hat sich in den Jahrzehnten am Grazer Hauptplatz. Hier versucht eine Ökoinitiative die Menschen mit recht drastischen Bildern und Videovorführung auf die Tierversuche und die Massentierhaltung aufmerksam zu machen. Der bekannteste Treffpunkt für ein Rendezvous ist bei der Weikhard Uhr am Hauptplatz. Im Zeitalter des Smartphones dürfte der Platz etwas an Bedeutung eingebüßt haben. Um neunzehn Uhr treffen wir uns bei der Weikhard Uhr, eine solche Abmachung hatte Bestand über den Zeitraum von einer Woche. Damals gab es keine kurzfristigen Absagen von Rendezvous, wie es heute mit dem Smartphone gang und gebe ist.   

Das Kaufhaus Kastner & Öhler krönt eine Dachterrasse. Einen Cappuccino zu trinken oder einen Toast zu essen wird derzeit zu einer offiziellen Angelegenheit. Den Impfpass zeigen und sich mit dem Handy registrieren. Bei Problemen mit dem Registrieren sind die Kellnerinnen behilflich.

Die Sporgasse, eine schmale und belebte Gasse, führt vom Hauptplatz zum Schlossberg hoch. Am Ende der Gasse befindet sich die Pizzeria Santa Catharina, deren feingewürzte Pizzas sind einen Umweg wert. In der Pizzeria setzen sich am Nebentisch drei Frauen in der Lebensmitte nieder. Eine von ihnen ist ganz außer Atem und meint zu den Freundinnen, mit siebzig Jahren komme ich hier nur noch mit dem Rollator hoch. Seit der Corona Pandemie hat sie weniger Sport betrieben, der innere Schweinehund, die Freundinnen nicken ihr zustimmend zu…

graz:reise

In der Morgendämmerung erwache ich an meinem Geburtstag im Hotel Emmaquelle in Bad Gleichenberg bei Vogelgezwitscher aus einem Traum: „Der Mensch ist ein Fragender, ein Suchender, bis an sein Lebensende.“ Beim Frühstück gibt es für mich eine Geburtstagskerze und Geburtstagswünsche von der Hoteliers Familie Tropper. Die Chefin hat mir geraten beim Ausblasen der Kerze etwas zu wünschen: Ich wünsche der Partnerin einen erholsamen Aufenthalt. Der Siebziger kommt mir nicht bedenklicher vor als der 60er oder 50er. Zum sechzigsten Geburtstag war die Freude groß, ich konnte in Pension gehen und das Papiergeschäft verpachten. Es besteht bis heute. Das Gute am Ruhestand ist, dass ich mir einige besondere Wünsche erfüllen konnte und jetzt auf freiwilliger Basis weitermache.

Mit der S-Bahn fahre ich von Feldbach nach Graz, meine Geburtstagsreise. Der siebzigste Geburtstag klingt ein wenig nach alt. Mit dreißig Jahren habe ich über einen Siebzigjährigen gedacht eine ehrenwerte, zumeist gebrechliche Person. Müde und gezeichnet vom Leben, geschätzt in der Gemeinde oder bei seinem Verein. Als Jugendlicher war ich diesen Personen gegenüber bei allem behilflich. Gerade Gleisdorf bei Graz passiert. Bis hierher bin ich während der Bundesheerzeit vor fünfzig Jahren beim Fahrschulunterricht mit dem LKW gefahren. Davor war ich noch nie am Steuer von einem Auto gesessen und jetzan absolvierte ich mit einem LKW meine Fahrstunden. Während der ersten Fahrstunden beschränkte ich mich auf das Lenken, Bremsen und Gas geben. Das Kuppeln und Schalten erledigte zu Anfang der Fahrlehrer. In den siebziger Jahren war das Getriebe bei den Lkws nicht synchronisiert, das bedeutete beim Schalten Zwischengas zu geben. Dieser Vorgang ist bei den heutigen Lkw und Pkw völlig unbekannt. Auf dem Jakobminiplatz trafen der Pkw- und Lkw-Verkehr auf die Straßenbahnlinien. Von allen Seiten staute sich der Verkehr, alle wollten den Platz überqueren, einzig geleitet von der Rechtsregel.

Welche Hoffnungen hatte ich damals als Zwanzigjähriger? Im journalistischen Bereich, im Buchhandel oder in der Werbung tätig zu werden. Nicht erwartet habe ich einmal selbstständiger Buchhändler in Arnoldstein zu sein. Den Ort habe ich nur aus dem Heimatkundeunterricht gekannt. In meiner vierzigjährigen Zeit als Kaufmann und kultureller Impulsgeber habe ich manches in der Gemeinde mitgestaltet, im besten Sinne umgestaltet…