egger:marterl II

Bald bin ich, den Blick auf den Faakersee und den Mittagskogel gerichtet, in diese kindliche Stimmung verfallen. Ich habe Mühe meine Augen zu öffnen, als am nahen Parkplatz ein Auto ankommt und die Autotüren zugeschlagen werden. Gleich werden von den Gästen Spekulationen laut, aus welcher Position man am besten das Egger Marterl, den Faakersee, den Mittagskogel und die Kinder auf ein Bild bannen kann? Für das Beste aller Fotos werden die Kinder zum Marterl gestellt, dann in ein Blumenbeet gesetzt, einmal mit der Mutti, dann wieder ohne Mutti und einmal vom Vater auf die Arme genommen. Dabei gilt es auf den Verkehr zu achten, auf der schmalen Straße nähert sich das nächste Fahrzeug für einen Fotostopp.

Das Fotografieren mit dem Handy ermöglicht es, den Aufenthalt bei landschaftlich schönen Aussichtspunkten oder Sehenswürdigkeiten zu verkürzen. Fotostopps ist das Zauberwort, mit dem heute bei Stadtrundfahrten angekündigt wird, dass für alle die Möglichkeit besteht den Reisebus für fünfzehn Minuten zu verlassen, um ein Foto zu schießen. Danach geht die Besichtigungstour mit dem Bus weiter. Viel Geschick ist notwendig um das Objekt auf das Handy zu bannen und dabei nicht unter die Räder des vorbeifließenden Verkehrs zu kommen. Nach Möglichkeit soll es nicht nur ein Foto vom Palast, der Burg oder des Domes sein, es soll ein Selfie sein. Der Beweis, dass man an Ort und Stelle war. Die weite Verbreitung des Smartphons erleichtert es, den Nächsten zu bitten, ob dieser ein Foto mit dem Dom im Hintergrund machen kann? Kaum jemand lehnt diese Bitte ab, fast jeder ist mit der Bedienung des Smartphone vertraut. Dies dürfte ein Beitrag des Smartphons zur Völkerverständigung sein. Das Geschehen am Egger Marterl ist ähnlich.

Wassertemperatur

egger:marterl I

Bei einer Radtour rund um den Faaker See mache ich eine Pause beim Egger Marterl. Laut Wikipedia ist es eines der meist fotografierten Marterln Österreichs. Dieser Platz, mit Blick auf den Faakersee und den Mittagskogel ist seit Jahrzehnten ein Fotopunkt für die Touristen. Vor Jahren wurde das Marterl renoviert, der alte Baum gefällt und ein Neuer gepflanzt. Auf dem Rastplatz wurden Blumeninseln angelegt und das Umland behübscht. Kärnten wird in diesen Jahren großflächig von einer Behübschungswelle überzogen. Dem Trend entsprechend wurde beim Bildstock ein groß dimensionierter Bilderrahmen errichtet um den Besuchern, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, die Auswahl des Bildausschnittes zu erleichtern. Eine Fotohilfe für die eiligen Touristen. Hinter dem Bilderrahmen wurden Holz Stumpen aufgestellt, damit der Fotograf einen erhöhten Blickwinkel einnehmen kann. Der Bildstock ist auch ein beliebtes Motiv für Ansichtskarten, einmal mit dem Faakersee und Mittagskogel, dann ohne See und Mittagskogel, ein andermal bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang. Beliebt ist das Faakerseemarterl, wie es volkstümlich genannt wird, auch als Wintermotiv. Tief verschneit, wie es einmal war. Dieses Motiv eignet sich wunderbar für Weihnachtskarten und Weihnachtsbilletts. Auf diesen ist das Marterl mit dem dazugehörigen Baum vor der Renovierung zu sehen.

Die Holzbank rund um den Baum und der Schatten sind so einladend, dass ich vom Fahrrad absteige und mich auf der Bank niederlasse. Den Blick zu den Karawanken gerichtet sehe ich Teile vom türkisfarbenen Faakersee, die Insel im See und den pyramidenförmig aufragenden Mittagskogel. Nach dem Niedersitzen strömt der Duft der Lindenblüten in die Nase. Abseits vom Straßenverkehr höre ich das Summen der Bienen und das Surren der Fliegen. Ein Hahn meldet sich um die Mittagszeit zu Wort und kräht mehrmals mit kräftiger Stimme, um seine Bräute um sich zu scharren. Die Temperaturen haben während des Vormittages zugelegt und ich spüre eine Stimmung, wie ich es in meiner Kindheit erlebt habe. Bei der Heuernte wurde auf der Wiese, unter einem schattigen Baum, eine Wolldecke ausgebreitet. Dort habe ich auf meinen jüngsten Bruder, wenige Monate alt, acht gegeben. Ab und zu hörte ich von den Erwachsenen einzelne Worte, welche zwischen ihnen bei der Arbeit gewechselt wurden. Um mich das Summen der Bienen, das Surren der Fliegen. Hin und wieder setzte sich eine Fliege auf die Nase meines kleinen Bruders. Vom Hof hörte ich das Krähen des Hahnes, im Geäst des Baumes ein aufgeregtes Zwitschern oder ein kurzes Pfeifen der Vögel.

Sommerlich

fuß:ball II

Von angenehmen Tischnachbarn auf einer Donauschifffahrt mit freundlichen Worten versorgt, sitzen wir im EC von Wien nach Villach. Zum Abschied haben alle beteuert wie nett es während der Reise war. An manchen Abenden ist das Nette wie Rotwein aus einem umgestoßenen Weinglas auf den Boden getropft. In Mödling setzt sich eine 85-jährige Lavantthalerin zu uns. Sie wurde zu ihrem Geburtstag von ihrem Sohn, einem internationalen IT Spezialisten, nach Wien eingeladen. Als besondere Überraschung hat er sie zu einem Freundschaftsspiel der österreichischen Fußballnationalmannschaft mitgenommen. Die Lavantthalerin kann es bis jetzt noch nicht fassen, wie viele Menschen im Stadion waren. So viele Menschen auf einem Fleck hat sie in ihrem Leben noch nie erlebt. Gegen wen die Österreicher gespielt haben, kann sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Sie weiß nur, dass die Österreicher 3:0 verloren haben. Lange bleibt sie in Gedanken versunken, der Name der gegnerischen Mannschaft will ihr nicht und nicht einfallen. Dies sei auch kein Wunder, tröstet sie sich selbst, sie hat sich nie für Fußball interessiert. Wir wissen es auch nicht, ein Mitreisender hilft uns weiter, es war Brasilien. Für die 85- jährige Frau ist die Welt wieder in Ordnung.

Was sie als junges Mädchen im Stift St. Paul erlebt hat, war nicht in Ordnung. Nach der Pflichtschule hat sie bei den Nonnen eine Ausbildung als Küchengehilfin absolviert. Dort wurden zweierlei Essen gekocht: Zum einen Mal für die Internatsschüler und zum anderen Mal für die Mönche und Professoren vom Stiftgymnasiums. Für die feinen Herren, wie sie die Mönche und Professoren nennt, wurde ein schmackhafteres Essen gekocht und auch ein edleres Essgeschirr verwendet. Als Klosterschülerin musste sie täglich um sieben Uhr früh die Hl. Messe besuchen. Einmal im Monat gab es um Mitternacht eine Gebetsübung, die Anbetung des Hl. Herz Jesu. Die Oberin hat streng auf Sitte und Ordnung geachtet. Den Klosterschülerinnen war es nicht erlaubt, im Ort spazieren zu gehen.

Klosterregeln

fuß:ball I

Vernachlässigt wird von mir das Geschehen rund um den Fußballsport. Zu gewissen Zeiten schwappt die Fußballbegeisterung in das Wohnzimmer herein. In der Zeit der Fußballweltmeisterschaft, wenn ein Elfmeterball die Wohnzimmerscheibe durchschlägt. Die Leser einer Kleinformatzeitung werden aus diesem Anlass zu allerst mit den neuesten Fußballergebnissen konfrontiert, dann erfolgt die reguläre Berichterstattung. In der Schulzeit gehörte ein Match unter Klassenkameraden, vom Frühjahr bis in den Spätherbst, zu den Freuden eines Internatsschülers. Jede Schulstufe hatte in Tanzenberg am Fuße vom Internat einen Fußballplatz. Zumeist war es ein Stück Wiese, welches notdürftig zum Fußballspielen adaptiert wurde. Manches Mal stolperte ich nicht über den Ball oder die Füße des gegnerischen Verteidigers, sondern über eine Baumwurzel.

Die Oberstufenschüler durften das große, gepflegte Fußballfeld benützen. An den Sonntagnachmittagen wurden hier Freundschaftsspiele zwischen Schulsportvereinen ausgetragen. Die Internatszöglinge bildeten eine lautstarke Kulisse, bei einem Fußballspiel konnten die Spieler und die Zuschauer ihren Emotionen freien Lauf lassen. Zum Schulschluss gab es ein Freundschaftsspiel zwischen den Professoren des Gymnasiums und den Präfekten des Internats. Für die Zöglinge ein erheiterndes Schauspiel, wenn die ansonsten unnahbaren, ehrwürdigen Professoren und Präfekten schwitzend und keuchend über den Fußballplatz hetzten. Wir freuten uns diebisch, wenn jemand außer Atem geraten oder gestürzt ist.

Fußballmeisterschaft