lind:wurm

Seit über vierhundert Jahren verbringe ich, der Lindwurm, meine Zeit damit dem regen Treiben auf dem Neuen Platz in Klagenfurt zuzusehen. Vieles hat sich verändert, der Alltag der Menschen sich stetig gewandelt. Über Jahrhunderte waren es Bauersleute, Bäcker und Metzger die hier auf den Marktständen ihre Waren verkauften und Handwerker boten ihre Produkte an. Mit der Zeit wurden rundherum immer mehr Häuser errichtet, in denen die Händler und die Handwerker einzogen. Pferde und Ochsen waren lange Zeit die Zugtiere für die Kutschen und Leiterwagen. Damit wurden Menschen und Waren befördert. Plötzlich fuhren knatternde und stinkende Wagen ohne Pferde durch die Stadt. Es wurden immer mehr und sie fuhren immer schneller. Mit meinen Drachenaugen konnte ich dem Treiben nicht mehr folgen. Die Abgase, obwohl ich dereinst selbst Feuer gespuckt habe, begannen mein Gehirn zu benebeln.  Ich spürte noch, dass es unter mir zu rumoren begann und plötzlich sind die feuerspeienden Gefährten unter mir verschwunden. So döse ich narkotisiert vor mich hin und öffne ein Auge halb, wenn ich den feinen Duft von Schokolade, Marzipan und Zimt rieche. Dann weiß ich, Weihnachten ist da und wieder ist ein Menschenjahr vorüber. Was aber für mich, in meinem Alter, keine Rolle spielt.

Uralt

stille nacht:heilige nacht

Ist es möglich sich der Botschaft, Christus der Retter ist da, zu entziehen? Diese ist viel näher bei den Menschen und besser zu verstehen, als die akrobatischen Wortwendungen und theologischen Verstrickungen, welche sonntäglich auf die Kirchenbesucher niederprasseln. Die Hoffnung auf einen Erlöser gibt es über Jahrtausende und jedes Jahrhundert hat an den Wortschrauben gedreht, die Deutungsbolzen verändert und eine Feinabstimmung probiert. Es verläuft dabei gerade so, wie wenn man durch ständige Updates den PC verbessern will. Mit der Zeit stellt man fest, er reagiert immer langsamer. Eine Möglichkeit ist, den Auslieferungsmodus wiederherzustellen. Nach einem arbeitsreichen, von Freuden und Kummer geprägten Leben, will man sich für fünf Minuten in den Urzustand der Kindheit zurückversetzen lassen.

Die Mutter, ein Bergbauernhof mit einer großen Familie, hatte erst recht am Heiligen Abend viel zu tun. Zu den täglichen Arbeiten, wie die Hühner und die Schweine zu füttern, kam noch das Aufputzen des Christbaumes und das eine und andere Geschenk wollte verpackt sein. Am Herd kochte das Abendessen, Selchwürstel mit Sauerkraut. Zu den Weihnachtkeksen wird ein Glühmost vorbereitet. Ihre Hände rührten sich von morgens bis abends, sie waren immer tätig. Erklang am Weihnachtsabend im Radio, jeweils fünf Minuten vor fünf, sechs und sieben Uhr abends, das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“, setzte sie sich auf einen Stuhl beim Küchentisch und legte ihre Hände in den Schoß. ALLEN LESERINNEN UND LESERN EIN FRIEDVOLLES WEIHNACHTSFEST

heilige:nacht

In dieses Vakuum stößt der Kult um das meistgesungene Weihnachtslied und wird kräftig von den Religionen instrumentalisiert. Eine Melodie die jedermann zugänglich ist, deren Geburtsstätte bei der Christenheit liegt, das Urheberrecht bei der katholischen Kirche. Man sieht darüber hinweg, dass in jedem Einkaufszentrum und auf jeden Weihnachtsmarkt dieses Lied bis zum Erbrechen in den vier Wochen vor Weihnachten, jetzt sind es schon sechs Wochen, gespielt wird. Es gab auch eine Zeit, wo es statt der Zeile, Christus der Retter ist da, geheißen hat, unser Führer der Retter ist da.

Woher kommt beim Adventsingen die Ergriffenheit der Zuhörer, wenn dieses Lied erklingt?  Zumindest die ersten Nachkriegsgenerationen werden wieder zu Kindern. Es ist der Moment, wo wir bemüht sind, unsere Kindheit für fünf Minuten wieder zu erwecken. Welches Kind hat noch die Gelegenheit am Waldesrand mit ein paar Fichtenzweigen und verdorrten Ästen einen Stall zu errichten, die Tschurtschen simulierten Esel und Kuh.

Der Text und die Melodie von „Stille Nacht, Heilige Nacht“ grenzt an das nicht Erklärbare, genauso wie es heißt, dass die Skulptur im unbehauenen Marmorblock schon enthalten ist. Am Bildhauer liegt es diese Figur behutsam aus dem Marmor freizulegen. So ähnlich waren Josef Mohr und Franz Xaver Gruber die Geburtshelfer für den Text und die Melodie von „Stille Nacht, Heilige Nacht“.

Christus der Retter ist da, und wir verharren immer noch in derselben menschlichen Krise wie vor zweihundert Jahren. Nicht in diesem körperlichen Moloch, der alles niederbügelt, aber in Zukunftsängsten und Sinnkrise. Im digitalen Zeitalter sind wir mit dem Endgültigen doch allein. Manche Menschen hoffen, dass wir es schaffen werden, über den Tod hinaus ein Tor zu öffnen. Nicht nur einen Blick zurück in die Geburtsstunde des Universums zu werfen, sondern einen Blick in das noch Unbekannte, von uns als das Jenseits bezeichnete. Von dort konnte noch kein Physiker Strahlungen und Frequenzen dingfest machen. Heute gilt alles Irdische nicht mehr für ewig, den Naturgesetzen droht die Manipulation durch den Menschen, von der Abschaffung des Todes sind wir weit entfernt.

Fortsetzung folgt…

stille:nacht

Während der Fahrt auf der Bundesstraße, vom Grenzort Thörl-Maglern Richtung Villach, kann ich es nicht ausblenden, dass die himmlische Zeit, die Weihnachtszeit, kommt. Nach der Größe des Geldbeutels der Gemeinde spannen sich über die Bundesstraße Ensemble von beleuchteten Sternen, Engeln und Weihnachtsschlitten. Ist der finanzielle Rahmen kleiner, so genügen auch einzelne Sterne, montiert an den Straßenlaternen. Dem Niveau nach geldlicher Verfügbarkeit passen sich auch die geschäftlichen und privaten Weihnachtsdekorationen an. Die Bank schmückt ihre Fassade mit einem Lichtervorhang über mehrere Stockwerke, bei einigen lokalen Einzelhändler genügt eine Tannengirlande mit Glühlampen, angebracht entlang des Vordaches. Wer hoch hinaus will schmückt den Dachfirst mit einer Lichterkette. Zu Kitsch verkommt oder ist es heimelig, wenn in den Vorgärten der Einfamilienhäuser Renntiere und Rehe grasen? Der Weihnachtsmann verschafft sich über den Balkon Zugang zum Wohnzimmer.

Bei den Leithammeln der Einkaufszentren ist alles etwas größer, die Fülle und Höhe der Lichterketten lässt den ausgabefreudigen Konsumenten erschaudern. Weihnachten ist bald, wobei niemand mehr genau Bescheid weiß, wozu es gut sein könnte, was es ist? Hunderten Facebook Freunden einen Link von einem gspassigen Video weiterleiten, wie der Weihnachtsmann den täglichen Stoßverkehr in der Innenstadt regelt? Ach ja, natürlich frohe Weihnachten wünschen. In den Warenhäusern bewegt man sich durch eine Fülle von weihnachtlichen Dekorartikel, die das Zeug in sich haben, das Wohnzimmer zuzumüllen. Nach Weihnachten blockieren sie im Kellerraum für ein Jahr die letzte freie Stellage, bis es wieder weihnachtet. Auf allen Kaufhausetagen erklingen Weihnachtslieder, ob man sich gerade Ketchup und Heumilchkäse in den Einkaufswagen legt, drei paar Socken aus dem Aktionskorb nimmt oder ein Küchenmesser kauft. Wem dieser Trubel zu viel wird und sich dessen entledigen will, der findet auf dem Hauptplatz oder dem Kirchenplatz, den zentralen Orten in den Kleinstädten, den Weihnachtsmarkt. Wird an eine alte Tradition angeknüpft, ist es der Christkindlmarkt. Das Gütesiegel für einen Markt oder ein Adventkonzert ist der Zusatz, „wie damals“. Um welches damals es sich dabei handelt bleibt offen. Ist es das damals,als vor zweihundert Jahren zum ersten Mal das heute bekannteste Weihnachtslied, „Stille Nacht, heilige Nacht“, erklungen ist? Es tut der Sehnsucht keinen Abbruch, dass nur ein kleiner Funke, eine homöopathische Dosis, vom damals heute noch zu spüren ist.

Fortsetzung folgt…