VER . ABSCHIEDUNG

Die Verabschiedung der Verstorbenen erfolgt auch auf dem Land meistens in derAufbahrungshalle, in der sogenannten Totenhalle. Am Bauernhof ist es auch heute möglich, dass die Verstorbenen zu Hause aufgebahrt werden. Die verstorbene Altbäuerin wird in der Stube aufgebahrt und die Nachbarn halten die Totenwache. Zum „Wochn“ haben sie Kaffee, Zucker und Reindling mitgebracht. Nach dem Rosenkranz versammelt man sich zu Kaffe und Reindling in der Küche.In der Stube hat die Altbäuerin den Mann geliebt, die Kinder geboren und sich abends müde in das Bett gelegt um am nächstem Tag früh aufzustehen. Manches mal war dies auch in der Nacht notwendig, um im Stall einer Kuh beim Kalben zu helfen. Zur Müdigkeit kamen die Sorgen um ein krankes Kind oder ein krankes Schaf. In der Stube hat sie angstvoll auf den Bauern gewartet, dass er aus dem Holzschlag gesund nach Hause kommt und mit Angst vor dem Bauern, wenn er nach einer Gasthauszeche betrunken heim kam. Aus dieser Stube, wo sie jetzt aufgebahrt ist, hat sie schon vor Jahren ausziehen müssen, in die Ausziehstube im Dachgeschoss.Man trägt den Sarg durch die Labn über die Türschwelle mit einem dreifachem Kreuzzeichen und stellt ihn auf den Heuwagen vor dem das Noriker Pferd Hans gespannt ist. Das Pferd, dem sie manchen Zuckerwürfel gegeben hat und dem sie die erhitzten Flanken gestreichelt hat, wird sie zum Friedhof bringen.Die letzte Fuhr.
 

Kommentare    

Gerhard (28.10.07 23:54)
„In der Stube hat die Altbäuerin den Mann geliebt“
Schöne Formulierung! Immer im Dienst, jeder hat gewusst, was seine Aufgabe ist. Und manchmal war so ein Leben nicht mehr als Pflichterfüllung bis zur letzten Faser und mit der letzten Kraft.
petros / Website (29.10.07 08:47)
Leben… Tod… Übergang… Türschwelle… SterbeidylleLG
Petros
schlagloch
Hallo Gerhard.
Ja Pflichterfuellung, im positiven Sinn,wie wir es heute nicht mehr kennen.
Gruss schlagloch.
Gerhard (29.10.07 22:20)
Hallo Schlagloch!
Im positiven Sinn?? So war es eigentlich nicht gemeint! Wo blieben die Bedürfnisse der Bäuerin?? Ihr einziger Gewinn aus dem Leben war wohl, daß sie das alles aushalten und leisten konnte. Daß sie den Mann lieben konnte trotz ärgster eigener Sorgen und Schwierigkeiten und trotz fehlender eigener Lust.
Statt Lebensgenuß setzte sie Fron und Pflicht bis zum Äussersten.
Sicher: Im Kern ist das lobenswert. Wir brauchen auch Hingabe und ein Sichdreinbegeben. Ohne das geht es nicht. Aber dieses Extrem!!
schlagloch
Hallo Gerhard!
Das Los der Beuerin war extrem hart. Hier ist vieles zusammengekommen, die harte Arbeit, das Missverstaendniss fuer die Frauen und die katholische Umgebung, gottgewollt.
Gruss schlagloch.
Mo / Website (30.10.07 19:14)
Du beschreibst dieses Szenario sehr anschaulich….
Für ein Stadtkind klingt es wie eine Geschichte aus längst vergangenen Tagen… Fast unvorstellbar in der heutigen Zeit, vor allem in der Umgebung, in der ich groß geworden bin und heute lebe.LG
Mo

schlagloch
Hallo MO,
diese Scenario ist heute die Ausnahme, aber passiert in diesem Herbst.
Gruss schlagloch.

VOM . NUTZEN

Vor dem Finkensteiner Moor stehen neben der Strasse einige Keuschen. In einer Kurve steht eine wohlportionierte, frisch gefärbte Keusche, mit einem aufgeräumten Hof und einem Viehstall. Die landwirtschaftlichen Geräte sind verräumt, die kleinen Rasen- und Gartenflächen um das Haus gepflegt und die Blumen erblüht. Vor dem Haus bückt sich eine ältere Frau, bekleidet mit einer blauen Schürze und rosa Hausschuhen und bemüht sich die vom Mähen mit der Sense übriggebliebenen Gräser mit einer elektrischen Grasschere abzuschneiden. Beim Näherkommen mit dem Fahrrad höre ich das stotternde Geräusch der Grasschere, wie, wenn bei einer Haarschneidemaschine der Akku leer wird. Auf meine Feststellung, dass der Akku leer wird, fragt sie, ob dies zu hören sei?  „Ja, sie sei sehr alt, in diesem Alter sei man kaum noch für eine Arbeit zu gebrauchen. Sie fühle sich wertlos, aber sie sei immer auf der Suche nach einer Arbeit. Jetzt werde sie den Akku aufladen.“
 
Vom Nutzen des Menschen.   
 

Kommentar(e)     

Gerhard (10.9.07 22:46)
Es ist nun mal so, daß man sich als Mensch an seinem Nutzen orientiert.
Ist man arbeitslos, dann leidet man gewöhnlich. Hat man als alter Mensch kaum mehr Handlungsspielraum und es interessiert sich niemand für einen WIRKLICH, ja, dann ist das Ende der Fahnenstange erreicht.
Die Frau (etwa 84) meines Onkels, fährt noch regelmässig weitere Strecken mit dem Rad zum Friseur oder zum Einkaufen. Das ist nicht ungefährlich, mit ihrem Gewicht und ihren schlechten Knochen. Aber sie fühlt, daß, wenn sie das nicht mehr kann und es nicht mehr angreift, ein heikler Punkt erreicht ist.
Nützlich sein, wirksam sein – ganz wichtig.
Mo / Website (11.9.07 19:15)
Ich kann mich Gerhards Meinung nur anschließen.
Eine Aufgabe haben, Anerkennung und Selbstbestätigung finden, aber auch den Kontakt zur Aussenwelt nicht zu verlieren, ist existentiell wichtig.Liebe Grüße
Mo
schlagloch
Hallo Gerhard!
Es ist wirklich so, dass wir eine Aufgabe brauchen, über das Erwerbsleben hinaus. Alte Menschen sind über jede Aufgabe froh, so weit sie von ihnen bewältigt werden kann. Sinn finden wir oft in der Arbeit.
Gruss schlagloch.
schlafmuetze / Website (14.9.07 17:26)
Hallo Schlagloch ..
Was sind denn Keuschen?Ich kann das bestätigen, das alte Menschen nach einer Aufgabe suchen, um sich nicht überflüssig zu fühlen. Ich lasse meine Schwiegermutter immer die Wäsche zusammenlegen, weil sie beschäftigt werden will. Mir ist klar, das ich dann nachher alles suchen muß, denn sie hat so viel alltägliches vergessen, aber das macht mir nichts aus.
Bei der Gartenarbeit versuche ich immer, ihr die Arbeit „anzudrehen“, wo sie nicht soviel Schaden anrichtet. Traurig eigentlich.
Sie hilft gerne, es ist ihr Garten, sie liebt die Blumen darin und trotzdem muß ich zusehen, das sie die jungen Pflanzen nicht wieder ausreißt, weil sie die für Unkraut hält.
Bei Schwiegervater ist es noch schlimmer. Er war ein Arbeitstier, saß nie still.
Zum Glück hat er sich damit einigermaßen abgefunden, in seinem Rollstuhl von einer Mahlzeit auf die Nächste zu warten.
Ich weiß aber, das er sich überflüssig fühlt.
Liebe Grüße 😉

schlagloch
Hallo Schlafmütze!
Keuschen, sind einfache, langezogene, ebenerdige Häuser, ohne Keller, auf dem Lande in Kärnten. Verbunden mit einer kleinen Landwirtschaft für die Haltung von ein bis zwei Kühen, einem Schwein und Hühner. Das Wort Keuschen stammt wahrscheinlich aus dem Windischen.Bei deinen Schilderungen muss man sagen, „Gott sei Dank“ ist man noch arbeitsfähig und gesund und weiss nicht, welche Zukunft einem bevorsteht. Trotzdem plant man an der Zukunft. Nicht jeder kann mit so einer Fürsorge rechnen.
Gruss schlagloch.