Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

ostern

Zu Ostern 2021 erlebte ich in den Weinbergen, auf dem Weg von Bad Vöslau nach Soos, wie viele Menschen den warmen Ostermontag für ein Picknick im Freien genützt haben. In Ostösterreich waren Corona bedingt alle Gast- und Vergnügungsstätten geschlossen. An allen erdenklichen Plätzchen sah ich in den Weingärten Singles, Paare, Familien mit Kindern, mit einem Korb oder einem Rucksack voller Speisen und Getränke bei einem Imbiss. Es gab nach oben keine Altersgrenzen, viele Senioren erinnerten sich dabei wohl an glückliche Jugendjahre, an romantische Zeiten. Damals, als sie mit ihrem Partner zwar etwas unbequem, dafür aber verliebt im frisch sprießenden Gras saßen und ihre vorbereiteten Jausenbrote aus der Alufolie wickelten. Bei den Familien waren es diesmal die Tüten von Mac Donalds, die auf der Wolldecke verzehrt wurden.

Dazwischen Spaziergänger mit Hund und verbotenerweise einige Radfahrer. Der Geheimrat W. von Goethe hätte seine Freude daran gehabt, hätte er es erlebt, wie viele Menschen seinem Aufruf zu einem Osterspaziergang gefolgt sind. Bei meinem Spaziergang bereitete es mir Vergnügen, einem Diskurs zwischen einer Spaziergängerin und einem Hundebesitzer zu lauschen. Der Herr äußerte sich gegenüber einer Dame erregt, dass er in der Pandemiezeit als Single kaum die Möglichkeit hat eine neue Freundin kennenzulernen. Im ersten Pandemiejahr versuchte er, bei seinen Einkäufen für seinen Einpersonenhaushalt mit dem Anbandeln im Supermarkt. Er wandte sich hilfesuchend an Frauen ihm bei der Auswahl oder der Suche nach einer bestimmten Sorte von Joghurt behilflich zu sein. Auch die Frage nach einem guten und schmackhaften Brot, brachte trotz mehrerer Versuche, keinen Erfolg beim Kennenlernen. Dieses Frühjahr hat er sich einen Hund angeschafft und hofft bei den täglichen Spaziergängen mit dem Hund, seinem Wunsch eine Freundin zu finden näher zu kommen. Aus dem Tagebuch…

schütt:liebe II

Seit der Jahre in Arnoldstein ist die Schütt für mich ein Erholungsgebiet. Im ersten Jahrzehnt bin ich zumeist am Wochenende mit dem Auto zum Kraftwerk Schütt gefahren und von dort den Kraftwerkskanal entlang spaziert. Dabei richtete sich mein Blick auf die Abbruchstellen des Dobratsch, wo die Felsen je nach Sonneneinstrahlung und Jahreszeit in verschiedenen Brauntönen leuchten. Eine tiefe Verbundenheit mit dem Berg, welcher sich seit dem Bergsturz im vierzehnten Jahrhundert seiner schützenden Hülle, dem Wald, entledigt hat. Die Gesteinsblöcke und die südliche Vegetation rechts und links vom Werkskanal sind ein Unikum für mich. Am Gail Ufer erstrecken sich die Sandstrände, ein beliebter Ort zum Grillen und Chillen. Chillen nennt man es heute, damals Sonnenliegen. Die Erzählung Urban gibt etwas von der Stimmung dieser Jahre wieder. Beim Radfahren ist die Straße entlang des Kraftwerkskanal geeignet für ein meditatives dahingleiten. Von der Rast in der Oberschütt habe ich Zuversicht für die kommende Berufswoche mitgenommen. In den letzten zwei Sommer war der Rastplatz in der Oberschütt eine Rückzugsort vor den Corona Unbilden und Meldungen. Ein Kraftort in der Pandemiezeit, welche in den ersten Monaten als die Seuche des einundzwanzigsten Jahrhunderts bezeichnet wurde.

Beim Eintragen in das Tageheft vor denken, welche Möglichkeiten sich bieten um mir im fortschreitenden Alter das Leben zu erleichtern, Ballast abzuwerfen. Nicht das immaterielle Erbe, im Ort Arnoldstein eine Papier- und Buchhandlung gegründet zu haben. In den Köpfen vieler Arnoldsteiner, welche vor der Jahrtausendwende geboren wurden, heißt es noch immer gehen wir zum Supersberger eine Packung Farbstifte oder Hefte kaufen. Bei einem Besuch hat mir der derzeitige Verkäufer erzählt, dass er immer wieder von Erwachsenen angesprochen wird, sie hätten als Schulkinder beim Supi Stollwerk gekauft. Im Kärntner Landesarchiv sind unabhängig von mir, meiner Verwandtschaft oder meinem Betriebsnachfolger vierzig Jahre Firmengeschichte archiviert.   

schütt:liebe

Die Ortschaft Oberschütt hat für mich eine bestimmende Bedeutung, dies habe ich wieder einmal bei einer Rast, während einer Fahrradtour von Villach nach Arnoldstein, festgestellt. Die zwei markanten Gebäude in der Oberschütt sind die Pfarrkirche, rundherum derFriedhof und das Feuerwehrhaus der Freiwilligen Feuerwehr Oberschütt. Dazwischen dehnt sich der Parkplatz, mit einer Informationstafel zum Naturpark Dobratsch, aus. Nach dem Feuerwehrhaus gibt es einen Ruhebereich mit zwei Holzbänken, durch einen Grünstreifen von der Straße getrennt. Dieser befindet sich gegenüber dem Haus Schütterstraße Nr.115. Im Grünstreifen hat man Ebereschen gepflanzt. Während der Berufszeit stand das Verfärben der Früchte in den Sommermonaten für das Verstreichen der Ferienwochen. Verfärbten sich die kleinen Kügelchen der Ebereschen rot, war es etwa Mitte August und für mich als Papier- und Buchhändler an der Zeit, mit den Vorbereitungen für das neue Schuljahr zu beginnen. Vom Auffüllen der Schulartikel im Laden, dem Erstellen der Lieferscheine für die Schulbuchaktion, bis zur deren Auslieferung. Der Rastplatz in der Oberschütt ist nicht nur ein Ort welcher an die verstreichende Zeit erinnert, sondern auch ein Ort wo ich mir eine Auszeit gönne.

Die Rast benütze ich dazu etwas in meine Tagehefte einzutragen. Tagebücher hat jemand als Selbstgespräche bezeichnet, eine Möglichkeit mit seinen Wünschen in das Reine zu kommen. Sich ein klares Bild von einer Idee zu machen, was wird möglich sein? Anderseits etwas festhalten was einem geärgert oder beunruhigt hat und damit von der Causa Abschied zu nehmen. Nach dem ich nach dem vierzigsten Geburtstag zum Radfahren begonnen habe, war dieser Bereich ein geliebter Haltepunkte. Nach Jahren habe ich die Bewohner vom Haus gegenüber wie Nachbarn gegrüßt.

corona:leckerbissen ll

Während der großen Seuchen im finsteren Mittelalter zeigten sich manche Menschen davon unbeeindruckt. Sie ließen sich nicht abhalten dem Essen, der Musik oder dem Theater zu frönen. Musische Vergnügungen könnten ein natürliches Immunmittel in unsicheren und teuflischen Zeiten sein. Damit gibt man eine resistente Botschaft an die Immunabwehr weiter und unterstützt sie bei ihrem Kampf gegen Viren und Bakterien. Nichts macht kränklicher, als wenn man sich mit schlechten Ereignissen in der Nachbarschaft oder in der Familie beschäftigt. Gibt es keine guten Nachrichten oder keinen Trost in Gesprächen, dann steht uns heute eine Fülle von erbaulichen Geschichten oder Musikstücken zur Verfügung. Nichts zerstreut die bösen Gedanken so schnell wie ein kleines Fest. Auch wenn dieses während der Corona Pandemie nur im engsten Kreis gefeiert werden konnte. Deshalb war es im Sommer 2021 an der Zeit meinen runden Geburtstag unter dem Motto Kirchtags Schmankerln, zu feiern. Dazu gehörte eine Gailtaler Kirchtagsssuppe und ein Kirchtagsbratl mit warmem Sauerkraute. In der Einladung habe ich aufgefordert anstatt Geschenke eine Spende für eine karitative Organisation abzuliefern, so wehte über allem ein guter Geist. Eine Teilnehmerin äußerte sich lobend, wie harmonisch die Familienfeier verlaufen sei. Wie rücksichtsvoll die Verwandtschaft miteinander umgegangen ist. Etwas dazu beigetragen hat die vorausschauende Sitzordnung und auch Tiere geben sich friedlich, wenn sie vor einem vollen Futtertrog sitzen. Beobachtet wie entspannt Kühe sind, wenn sie auf der Weide grasen oder in der Gruppe zum Wiederkäuen im Schatten auf einer Wiese liegen. Aus dem Tagebuch…

Um den Impffortschritt anzukurbeln gilt jetzt das Motto: Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Jetzt wurde eine allgemeine Corona Impfpflicht eingeführt, mit Verwaltungsstrafen bei Ablehnung. Als Zuckerl gibt es nach der Coronaimpfung ein Paar Frankfurter mit Senf, Semmel und Coca-Cola. 

corona:leckerbissen

Soziologen, Psychologen und Neurologen verschiedener Universitäten fragen sich, welche Folgen das Coronavirus über die körperlichen Beschwerden hinaus verursacht. Wie verändert die Corona Pandemie uns als ganze Menschen und wie sehen die Veränderungen in weiterer Zukunft aus. Für viele Studierende eine einmalige Gelegenheit ein Forschungsthema zu finden. Bei der Fülle von angehenden Forschern ist es nicht einfach ein neues Thema für eine Feldforschung zu finden. Aus dieser Perspektive ist die Corona Pandemie für Forschungswütige, welche die momentane gesellschaftliche Situation abbilden und erforschen wollen, ein Corona Leckerbissen. Besonders gefördert wird die medizinische Forschung, Impfstoffe, Medikamente und die Behandlung der sogenannten Long COVID. Manche Überschriften von Seminararbeiten zur Erlangung eines akademischen Grades gleichen mehr einer Zeile aus einem Fantasyroman, als aus dem praxisbezogenen Leben.

Nicht nur die Pharmaindustrie, Forscher, Wissenschaftler und Universitätsneueinsteiger wittern ein Geschäft mit Corona, auch Museen sind vielerorts aktiv geworden. Sie haben auf der Webseite ihre Besucher aufgefordert, Erlebnisse und Souvenirs aus der Corona Pandemie, aus dem ersten Lockdown, zu schildern und mit Bildern zu dokumentieren. Inzwischen haben die Lockdowns ihren Neuigkeitswert verloren, kein Mensch, volkstümlich keine Sau, interessiert sich für den dritten oder vierten Lockdown. In Zeiten der schrillen Sozial Media Plattformen geht der Neuigkeitseffekt schnell verloren. Gesucht wurden Schnappschüsse aus der Lockdown Zeit, Hinweistafeln zum Umgang mit Covid 19, Aufnahmen aus dem Homeoffice oder Gesichter mit Mundnasenschutzmasken. Wer dazu eine Geschichte erzählen konnte hatte bei den Museen die Nase vorne. Welche Geschichten oder Tagebücher es in das Archiv des Museums schaffen, entscheidet die Archivarin. Das weitere Schicksal welche Berichte, Fotos oder Dokumente, in fünfzig oder hundert Jahren wieder öffentlich werden, wenn an der Geschichte und den Auswirkungen der Pandemie geforscht wird ist nicht steuerbar.