Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

corona:velden

Woher die vielen Menschen an der Uferpromenade kommen, lässt sich nur erahnen. Ausländische Gäste können es Mitte Mai nicht sein, noch sind alle Grenzen Corona bedingt dicht. Nach den Sternen gegriffen empfand ich, dass für viele Steirer und Wiener, für die Villacher und die Klagenfurter sowieso, ihr erstes Ziel nach Lockerung der Ausgangsbestimmungen ein Bummel in Velden ist. Die Fahrzeuge welche durch den Ort rollen reichten vom Hund auf einem Skateboard, dem Kinderwagen gesteuert durch eine Mama auf Rollerblades, dem alten Drahtesel bis zu den neuen Frühjahrsmodellen der E-Bikes. Es findet eine augenscheinliche Renaissance der Vespa statt, die ersten Motorräder, offene Sportwagen und protzige Geländewagen. Beim Café Politzky geht die Post ab. Die Menschen kommen aus dem Staunen nicht heraus, wie viele andere Menschen auch da sind. Wo haben sich die anderen während der Corona Ausgehverbotszeit versteckt gehalten? Jetzt ist man süchtig nach fremden Gesichtern und unbekannten Personen. Ich sah niemanden, welche sich im Gastgarten in eine Tageszeitung vertieft hätte, die meisten kamen aus dem Wundern, was sich hier vor ihren Augen abspielte, nicht heraus.

Wir schlürfen den ersten Cappuccino im Freien und lassen uns die Heiße Liebe auf der Zunge zergehen. Gefehlt haben nur die gegenseitigen Umarmungen und die vielen Bussis. Manche haben angemerkt, dass sie oft zwangsabgebusselt wurden und es für sie kein Nachteil ist, wenn dies auch in Zukunft so bleibt.  Sie wollen in der Nachcoronaära leer ausgehen.

covid-19/22

corona:gastro II

Ein geplantes Geburtstagsfest mit etwa dreißig Personen musste Corona bedingt abgesagt werden, es wurde ein intimes Festessen mit drei Personen in einem Restaurant vor unserer Haustüre. Aus dem drei Tages Städtetrip vor der Feier wurde ein Trip nach dem Essen an das Ufer vom Wörthersee. Es war unser erster großer Versuch wieder an die Außenwelt anzudocken. Das schöne Wetter war ideal für einen Lokalaugenschein in Velden. Beim Gang zum Ufer trauten wir unseren Augen nicht, der Kai war gespickt voll mit Menschen. Eine endlose Schlange von Besuchern spazierte am Ufer auf und ab oder ließ sich mit dem nötigen Abstand auf den Bänken nieder. Es standen mehr Bänke zur Verfügung, in zwei Reihen, als ich es in Erinnerung hatte. Bevor wir an der Promenade ankamen erreichte uns das Stimmengewirr der Flaneure. Eine Vielzahl von verschiedenen Stimmen, welche uns richtig laut vorkam. Seit zwei Monaten hatten wir nur im kleinsten Kreis mit anderen Menschen Kontakt. Von der Fülle an verschiedenartigen menschlichen Lauten waren wir überrumpelt. Ich war verwundert wie umtriebig es in Velden zuging. Hatte dies mit den Lockerungen nach den Corona Beschränkungen zu tun? Die Spaziergänger äußerten sich mit erhobener Stimme, als läge ein zweimonatiges Sprechverbot hinter uns. In den letzten Wochen mussten wir mit unseren Meinungen hinter dem Berg halten, dies sehe ich nicht immer als einen Nachteil. An diesem Maisonntag ist ein sprachlicher Wirbelwind durch Velden gefegt.

Die Besucherin aus einem Vorarlberger Bergdorf hat in der Menschenmenge ein Bad genommen, gebadet wie in einem Schaumbad. Sie war froh unter vielen Menschen zu sein und der gespenstischen Leere im Montafon für ein paar Tage zu entkommen.  Erschwerend war in den vergangenen Wochen, dass sie ihren Beruf im Gastgewerbe nicht ausüben konnte, sie litt an Entzugserscheinungen, was den Kundenkontakt betraf.

covid-19/21

corona:gastro

Mit Sehnsucht und Spannung wurde die Wiedereröffnung der Cafés, Gasthäuser und Restaurants nach der Zwangsschließung wegen der Corona Pandemie, erwartet. Viele Gastwirte haderten mit dem Schicksal, über zwei Monate hatten sie keine Gäste und keine Einnahmen. Kopfzerbrechen bereitete vielen wie sie die Coronavorschriften, das Tragen eines Mundschutzes und Einhaltung eines Mindestabstandes, im Lokal umsetzen können. Die Heimeligkeit eines Cafés oder Beisel wird unter den Abstandregeln leiden. Das Wesentliche, beim Besuch einer Lokalität, ist für viele Menschen die Sehnsucht nach einer Unterhaltung mit fremden Menschen, sie sind einfach neugierig auf Andere. Mancher Beisel Besucher wünscht sich, dass er mit anderen Personen in ein Gespräch kommt, sich in ein Gespräch an der Theke einbringt, oder ihm ein Platz an einem Tisch angeboten wird. Gerade das kleine Format eines Pubs oder Beisel, der beschränkte Raum macht den Reiz dieser Lokale aus. Es bleibt nichts anderes übrig, als dass die Gäste zusammenrücken und beiläufig kommt man so leichter in ein Gespräch. Anders als in einem pickfeinen, vorreservierten Restaurant, wo jeder auf Abstand und Distanz bedacht ist. Genau diese Kuschel Cafés fürchten um ihre Berufung, weil ein Abstand von einem Meter zwischen den Gästen verlangt wird. Das Anbandeln, das Diskurrieren in Bezirksbeiseln, in Künstler- oder Studenten Cafés wird es in den nächsten Monaten nicht geben.

Von dieser Warte betrachtet waren bei den Gastronomen die Erwartungen verhalten. Wer wird sich nach dem Dämpfer den wir alle abbekommen haben, nach den Szenarien von Todesfällen, Verlust, Trauer und Tränen in den ersten Wochen des wieder Hochfahren in ein Lokal verirren.

covid-19/20

corona:zaungast

Im Urlaub verbringen wir kaum Zeit mit dem Fernsehen. An manchen Tagen verlängert sich das Abendessen bis in den späten Abend oder es gibt eine Musikveranstaltung in der Hotelhalle. Je nach Wetter und Jahreszeit machen wir einen Abendspaziergang oder vertrödeln den Abend in der Lobby. Zumeist finden wir Anschluss bei anderen Gästen und es ist amüsant zwischendurch andere Gäste zu beobachten. Wir sahen in den Bildern aus China  Meldungen aus einer entfernten Welt. Den ersten Eintrag zum Coronavirus finde ich in meinen Tageheften am Faschingsmontag den 24. Februar 2020, notiert bei einem Besuch im Thermalbad Warmbad, aufgeschreckt durch die ersten Berichte aus dem benachbarten Oberitalien. Von dort kamen alarmierende Zahlen wie explosionsartig sich das Virus verbreitete und wie schnell die Betten der Intensivstationen von Corona Patienten belegt wurden. Erschwerend kam hinzu, dass für die Behandlung eine wirksame Therapie fehlte. Zwei Tage vorher, am Faschingssamstag, war ich noch Zaungast beim Villacher Faschingsumzug mit tausenden Besuchern aus Oberitalien.

So soll diese Epidemie ob ihrer Neuartigkeit mit der jährlich wiederkehrenden Influenza nicht vergleichbar sein. Von der Draustadt liegt die italienische Grenze nur etwa dreißig Kilometer entfernt. Ich habe mir überlegt, ob durch eine strenge Zollkontrolle das Coronavirus an seiner Einreise nach Kärnten gehindert werden könnte? Aber woran könnte ein Zöllner das Virus erkennen? Aus dem Tagebuch…

covid-19/19