Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

journal:ismus

Zum täglichen Ritual eines Lokalreporters gehörte es, das erste Mal mittags, bei den einzelnen Bezirkspolizeikommandos anzurufen, und sich nach Vorkommnissen des Tages zu erkundigen. Dies betrafen Verkehrsunfälle, Brände, Raubüberfälle, Messerstechereien, Einbrüche, alles was unter dem Begriff Delikte aus dem Strafgesetzbuch passte. Die Anrufe erfolgten am Festnetz, auf einem Apparat mit einer Wählscheibe. Jede Tageszeitung versuchte einen Vertrauensmann in der Landespolizeizentrale zu installieren, um bei spektakulären Vorkommnissen als Erster mit Nachrichten versorgt zu werden. War man auf Draht raste man mit dem Auto, zusammen mit dem Fotoreporter los, um an Ort und Stelle zu recherchieren und Fotos zu machen. War es ein einmaliger Tipp, dann gab es einen Exklusivbericht und die Fotos ließen sich am nächsten Tag auch an eine andere Zeitung verkaufen.

Heute gibt es kein lokales Ereignis, welches von den Anwesenden nicht fotografiert und in ein soziales Netzwerk gestellt wird. Damit erübrigt sich ein analoger Telefonanruf bei den Bezirkspolizeikommandos. Auch die Rettungsorganisationen posten noch während ihres Einsatzes Bilder vom Katastrophenort, verlässlich danach. Von ihren Lesern werden die Redaktionen mit Livebildern bombardiert. Das wichtigste journalistische Handwerkzeug in der Lokalberichterstattung ist jetzt, die sozialen Netzwerke zu beobachten. Zumeist wird in der Lokalpolitik etwas nur angedacht, die Renovierung einer Schule, die Verbauung eines Wildbaches, der Ausbau des Heimatmuseums, die Unterstützung der Feuerwehr und schon werden diese Vorhaben den Journalisten publik gemacht. In der Tageszeitung liest man über das Vorhaben als sei es schon in Bau oder kurz vor der Fertigstellung.

arbeits:welt II

Ob es soweit kommen wird, wovon die alten Griechen geschwärmt haben? Nur wer die Zeit hat über das menschliche Dasein zu spekulieren, führt ein wirkliches Leben. Arbeiten war bei der Mittelschicht verpönt. Die Arbeiten erledigten die Sklaven, die Sklavenarbeit von gestern, könnte morgen von den Robotern erledigt werden. Fraglich, ob es das Ziel von eventbegeisterten Menschen ist, über das Dasein und den Sinn des Menschen nachzudenken? Es wäre an der Zeit eine neuen Inhalt für, was bedeutet Menschsein, zu finden. Eine solche Frage erstickt unter der Anhäufung an Gütern und Events.

Die geburtenstarken Jahrgänge, welche die Produktion und das Funktionieren der Infrastruktur durch ihr Pflichtbewusstsein gewährleisten, gehen in den nächsten fünf Jahren in Pension. Könnte es sein, dass plötzlich unsere gewohnte Infrastruktur, die Versorgung mit den Bedarfsartikeln, nicht mehr gegeben ist?  Wird dann die Fungeneration erkennen, dass es Menschen geben muss, die abseits der Events die Versorgung am Laufen halten? Wollen sie es nicht selbst tun, dann werden aus anderen Erdteilen Menschen zuwandern müssen.

Bei einer Panoramafahrt im Dreiländereck, vorbei an Gebirgsseen, durch malerische Dörfer, bis in die Tiefebene von Friaul, wo man das Meer schon riechen konnte, lohnte es sich die wechselnden Landschaften zu betrachten. Zumeist warfen die Teilnehmer nur ab und zu einen Blick nach draußen, die Blicke galten dem Bildschirm vom Smartphone.

Beim Mittagessen bin ich mit einem pensionierten Journalisten in das Gespräch gekommen.  Beide haben wir festgestellt, wie sich die Kommunikation und das Handwerk des Journalisten seit unserer Jugendzeit verändert hat. In den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten die Journalisten die mediale Berichterstattung in ihren Händen, buchstäblich. Wir erinnern uns an die mechanischen Schreibmaschinen und die monströsen Fotoapparate. Am Nachmittag brachten die Redakteure die fertigen Manuskripte stündlich in die Setzerei. Zumeist befanden sich die Redaktionsräume und die Druckerei im selben Gebäude.

Volkszeitung

arbeits:welt

Um über die Zukunft der Arbeit nachzudenken gibt es vielerlei Anlässe. Es muss nicht der 1. Mai sein, wo man traditionell der Arbeiterschaft gedenkt. Es gehört zum guten Ton, dass in den Tageszeitungen, den Wochenzeitschriften und in Fernsehbeiträgen darüber spekuliert wird, wie die Zukunft der Arbeitswelt aussehen wird. Wir dürfen davon ausgehen, dass darüber kaum sichere Prognosen möglich sind.  Das einzig Konstruktive ist, man kann auf die letzten Jahrhunderte, aus eigener Erfahrung auf die letzten fünfzig oder vierzig Jahre zurückschauen. Dabei feststellen, wie sich der ehemalige Beruf oder Arbeitsplatz geändert hat. Nicht nur das Werkzeug für die Arbeitsvorgänge hat sich geändert, in den meisten Berufen gibt es ein mehr an technischer Unterstützung. Manche Aufgaben werden jetzt von Maschinen erledigt, viele Berufe und Arbeitsplätze hat es vor dreißig Jahren nicht gegeben. So in digitalen und elektronischen Bereichen. Ich stelle fest, dass der Fokus zu sehr auf den Maschinen und den Arbeitsplätzen liegt. Vergessen wird ob die Menschen, welche vor fünf Jahren oder in fünf Jahren in das Berufsleben einsteigen werden, sich dasselbe Berufsleben wünschen, wie wir es hatten. Ich sage einmal die Generation der fünfziger und sechziger Jahre. Für uns war es selbstverständlich, dass die Arbeit an erster Stelle stand, Pflichterfüllung. Wie haben uns bemüht, sich im Betrieb durch Fleiß und freiwillige Fortbildung hochzuarbeiten. Wechselte man nicht von sich aus der Firma, hatte man zumeist einen Arbeitsplatz und Job auf Lebenszeit.

Die Wünsche und Vorstellungen der heutigen Berufseinsteiger gehen in eine andere Richtung. Sie wollen sich bei der Arbeit entfalten und ein mehr an Freizeit haben. Sie arbeiten so viel, wie sie brauchen, um ihre Hobbys und die Freizeit zu finanzieren. Sie wollen sich amüsieren, auf einem Altstadtfest, am Strand oder beim Reisen in exotische Länder. Vieles Sehen und Erleben in kurzer Zeit.

Zeitenwandel

land:gang II

Ich hatte gewisse Zweifel an der Geschichte, auf jeden Fall sah ich darin eine grenzenlose Sorglosigkeit. Wir wollten ihnen keine Moralpredigt halten, aber an Bord wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass man beim Landgang nur die Bordkarte und ein Minimum an Bargeld mitnehmen soll. Für die sichere Aufbewahrung von Bargeld, Kreditkarten und Wertsachen gibt es in jeder Kabine einen Tresor. Mit Vorwürfen auf ihr unkluges Verhalten und Mitschuld hielten wir uns zurück. Das Abendessen verlief gedrückt. Am Ende vom Abendessen wandte sich der Bestohlene an ein anderes Ehepaar am Tisch, dieses war aus demselben Land.  Beide unterhielten sich im Flüsterton. Ich ahnte, dass sie diese bitten würden, ihnen Geld zu borgen. Nach dem Abgang wurde uns dies bestätigt. Der Mann schob die Entscheidung über eine Unterstützung auf seine Frau, die Schatzmeisterin wie er betonte, ab. Wir machten den Vorschlag, wenn sie Geld borgen, dann beteiligen wir uns daran. Die Angesprochenen hielten sich mit einer Zusage bedeckt. Wie erwartet fehlte das Ehepaar am nächsten Tag beim Abendessen. Sie werden sich auf Deck Neun beim Buffet schadlos gehalten haben.

Nachdem das bestohlene Ehepaar beim Tisch Platz genommen hatte, erklärten wir von uns aus, dass wir sie für einen Landgang mit einem Geldbetrag unterstützen. Zugleich verzichteten wir auf eine Rückerstattung des Geldes. Zu den vielen Nebenspesen, welche bei einer Kreuzfahrt entstehen, war dies ein entbehrlicher Betrag. War dieser ansonsten aufbrausende und dominante Mann ein guter Schauspieler oder rührte ihn unsere Geste von Herzen? Nach unserem Vorschlag brach er in Tränen aus, sodass ihm seine Frau ein paar Taschentücher reichen musste.

Tempo Taschentücher