Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

manner:schnitten II

Bei der Weiterfahrt zeigt die Betreuerin auf die Hungerburg am Berg. Diese ist seit kurzem mit einer Zahnradbahn erreichbar. Im Zillertal erwartet sie neben viel Musik auch das Kecksfest. Ich zähle die vielen Feste in Kärnten auf: Honig-, Speck-, und Gulaschfest. Käse-, Salami-, und Hendlfest. Der Villacher Kirchtag und der Villacher Fasching ist den Sitznachbarn aus dem Fernsehen bekannt. Die Jüngste wippt und zuckt mit der Musik aus den Kopfhörern mit. Die korpulente Frau bekommt von der Sitznachbarin die Freizeitrevue zum Anschauen und erkennt das Prinzenpaar auf dem Titelblatt sofort. In der Zeitschrift sucht sie nach ihrem Horoskop und liest es der Begleitperson laut vor: „Kommende Woche gibt es Probleme in der Liebe und dies könnte bei ihr schlaflose Nächte verursachen“. Allgemeine Zustimmung, dies sei bedenklich, der Herr grinst. Sie bittet die Betreuerin, sie möge sie auf das WC begleiten.

Der Herr hat alle Mannerschnitten verspeist und er nimmt noch einen Schluck vom Eistee. Ich biete ihm eine bunte Zeitungsbeilage zum Durchblättern an, daraufhin entnimmt er seiner Einkaufstüte eine zerflederte Ausgabe der Tiroler Tageszeitung. Nur diese Zeitung sei das Wahre, ihn interessiert besonders der Sport. Er deutet auf das Foto auf der Titelseite, er kenne die Personen, Merkel und Putin. Inzwischen ist die korpulente Frau mit der Betreuerin vom WC zurückgekommen. Sogleich erklärt sie ihrer Sitznachbarin, dies war jetzt aber knapp. Was raus muss, muss raus, ansonsten bekommt man nur Bauchweh.

Die Schützlinge fragen die Betreuerin immer wieder, bei welcher Station sie aussteigen müssen. Den Fahrschein haben sie griffbereit und warten gespannt auf den Schaffner. Nach der Durchsage, in wenigen Minuten erreichen wir Jenbach in Tirol, nehmen sie ihr Gebäck und streben dem Ausgang zu. In diesem Moment erscheint der Schaffner zur Fahrscheinkontrolle und mit einem Lächeln strecken sie ihm ihre Fahrscheine entgegen.

Nach welchen Kriterien richtet sich bei Seneca ein glückliches Leben? Was bedeuten diese für in ihrer Entwicklung eingeschränkte Menschen? Sind sie in ihrer Art glücklich, wie könnten wir ihr Glück beurteilen? Andersherum, warum sollten wir ihr Dasein bedauern?

 

manner:schnitten

Auf dem Fensterbrett vom Zugabteil des EC, von Bludenz nach Schwarzach St. Veit, liegt das Reclam Heft: Seneca, Vom glückseligen Leben. Im Bahnhof Ötztal füllt sich das Abteil. Die besten Plätze, die Vierer Plätze, sind mit einer oder auch mit zwei Personen belegt. Die Fensterplätze sind am meisten begehrt. Oft werden durch Taschen oder Rucksäcke der Platz neben sich oder gegenüber vorsorglich reserviert, um mehr Platz zu verschaffen. Bei den Zugestiegenen fällt mir eine schlanke Frau mit einer hochgesteckten Frisur und herben Gesicht auf. In den Händen zwei verschiedene Reisetaschen, am Rücken einen Rucksack, so steuert sie auf den Mittelteil des Waggons zu.

Vor ihr ein etwas unbeholfener Herr, mit einer blauen Jeanshose, einem grauen Pullover und auf den Kopf eine Mütze. Auf der Nase eine nach vorne gerutschte Brille mit schwarzer Fassung, in der Hand eine abgenützte Tragtasche aus Stoff. Wird er angestarrt, verzieht er seinen Mund, sein ganzes Kiefer, das ungleichmäßig rasiert ist, zu einem Grinsen. Dabei entblößen sich seine schiefen Zähne. Hintendrein folgt eine korpulente Frau mit Rucksack. Danach der Teenager der Gruppe, im modischen Outfit und die Kopfhörer vom Smartphone im Ohr. Das kindliche Gehabe lässt vermuten, es handelt sich um beeinträchtigte Menschen. Die Betreuerin fragt höflich nach vier freien Plätzen, das Gebäck verstaut sie in der Ablage. Der Herr mit dem schamhaften Grinsen setzt sich vis a vis von mir. Seiner Einkaufstasche entnimmt er eine Flasche Eistee und eine Jausenbox, beides stellt er auf das Tischchen. Aus der Box entnimmt er eine Packung Mannerschnitten und fragt die Betreuerin, ob er sie jetzt essen darf? Jetzt, im Zug, darf er sie essen. Seine liebste Süßigkeit sind Mannerschnitten, meine auch. Allen Sitznachbarn bietet er eine Schnitte an. Wir erreichen den Hauptbahnhof von Innsbruck. Auf die Frage der Betreuerin, ob er schon in Innsbruck gewesen sei, nickt er mit dem Kopf. Die korpulente Frau und das junge Fräulein erzählen, dass sie in das Zillertal auf Urlaub fahren. Dort gibt es keinen Stress, die Arbeit in der Lebenshilfe verursacht manchen Stress.

Manner mag man.

glück:selig

„Glückselig leben will jedermann, lieber Bruder Gallio, aber was zu einem glückseligen Leben gehöre, das ist den meisten unklar oder verborgen.“ So leitet Seneca seine Betrachtungen,Vom glückseligen Leben, ein. Wahrscheinlich haben die Gelehrten über kaum etwas anderes sich so den Kopf zerbrochen, als wie kann der Mensch glücklich sein. Zahllose Varianten kommen dabei in das Spiel, Reichtum, Ansehen, Erfolg, Gesundheit, eine große Liebe, brave Kinder, eine lustvolle Arbeit und jeder wird für sich einige Attribute hinzufügen können. Bekannt sind die drei Wünsche, welche einem eine gute Fee erfüllen könnte. Wenige werden an Eigenschaften wie innere Ruhe, Ausgeglichenheit, Frieden oder Bedürfnislosigkeit denken. Vielleicht ist man bei diesen Zuständen dem glückseligen Leben näher, als bei anderen Wünschen.

Der Wunsch nach Gesundheit steht bei den meisten Personen ganz vorne. Als gewöhnlich Sterblicher kann man sich ein glückliches Leben ohne Gesundheit nicht vorstellen. Wo verläuft die Grenze zwischen gesund und krank und sind kranke Menschen vorneweg zum Unglücklichsein verdammt? Zum Anderem reden Durchschnittsgesunde leicht über den Zustand von Wohlbefinden und geben den Kranken gut gemeinte Ratschläge. Was sie alles für die Gesundheit machen können, überhaupt seien ihre Beschwerde nicht so schlimm. Dabei vergessen wir leicht, wie ärgerlich es ist, wenn für eine kurze Zeitspanne der verletzte Daumen nicht voll funktionsfähig ist. Diesen Zustand betrachten wir bei uns als ein großes Unglück. Zumeist verlangen wir von anderen, dass sie mehr an Unbilden ertragen, als wir selbst.

Atemübung

digi:tal

Im Ars Electronica Zentrum in Linz habe ich die Möglichkeit mit einer, von Künstlicher Intelligenz gesteuerten, Seerobbe zu kommunizieren. Abhängig davon, wo ich der Seerobbe das Fell gestreichelt habe, am Hals, am Rücken, über die Flossen, hat sie verschiedenartig reagiert. Sie hat ihre Stimmlage verändert, verschiedene Bewegungen vollführt, vor allem mit dem Kopf und ihren Augen. In dem Augenblick, wo ich meine  Streicheleinheiten beendet habe, hat sie mich mit ihren Augen fragend angeblickt. Dadurch hat sie mich an unsere Hauskatze Undine erinnert.

Am Beginn einer abendlichen Podiumsdiskussion hat der Moderator den Teilnehmern eine Frage gestellt: „Haben die Referate ihre Einstellung zum digitalen Zeitalter positiv beeinflusst oder haben sie die Ausführungen geängstigt.“ Zwei Drittel der Zuhörer wurden durch die Vorträge verängstigt und nur ein Drittel hat sich ermuntert gefühlt. Die meisten Seminarteilnehmer waren Fünfzig plus. Der Großteil der freiwilligen Mitarbeiter in den Pfarren sind Menschen über Fünfzig. Das Abstimmungsergebnis hat mich schockiert. Es dürfte den Referenten mit theologischer Kompetenz nicht immer gelungen sein, positive Wege aufzuzeigen. Zu wenig wurde vermittelt, welche Wege notwendig sind, um die digitale Revolution, für die Seelsorge und eine bessere Welt zu nützen. Meine Erwartungen setzen auf die Generationen nach der Jahrtausendwende, diese war bei den Teilnehmern spärlich vertreten.

Betroffen bin ich davon, dass immer wieder auf die kurzlebige Dauer der gespeicherten Daten hingewiesen wurde. Durch die Fülle der digitalen Daten, welche täglich erzeugt werden, könnte es zu einem digitalen Super Gau kommen. In der Bibel gibt es viele apokalyptische Szenarien, die Referenten haben teilweise diese christliche Tradition fortgeführt. Die langfristige Verfügbarkeit der gespeicherten Daten für illusorisch befunden, diese würde von dem Medium Buch übertroffen. Wenn langfristig, müsste man seine Gedanken in Stein meißeln. Den CEO der großen Internetplayer, welche uns einen digitalen Kosmos und einen digitalen Himmel versprechen, eine Absage erteilt. Zur christlichen Ewigkeit gibt es kein Ebenbild. Für einen Zustand ohne Anfang und Ende gibt es nichts gleichwertiges, absolut nichts.

Endlos