Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

wörther:see

Der Wörthersee ist eines der schönsten Urlaubsziele in Kärnten. Eine landschaftliche und touristische Attraktion. Geht es darum, das Image von Kärnten auf ein höheres Niveau zu heben, sei es um Professoren, Ingenieure, Facharbeiter oder Investoren anzuwerben, dann findet sich im Folder immer „a Platzale“ für ein Foto vom Wörthersee. Lange Zeit galt die Promenade von Velden als die Österreichvariante der Promenade von Nizza. Nirgendwo in Kärnten tummeln sich im Sommer so viele Prominente aus der Film-, Mode- und Sportwelt wie am Wörthersee. Der Schlager, Du bist die Rose vom Wörthersee, eroberte die deutsche Hitparade. In den glorreichen 60er und 70er Jahre des Kärntner Sommertourismus wurden hier Unterhaltungsfilme gedreht. Für viel Publicity sorgte die TV Produktion, Das Schloss am Wörthersee, mit Ray Black in der Hauptrolle. Ihn ehrt die Gemeinde mit einer Bronzebüste gegenüber vom Schlosshotel Velden, dass um viele moderne Zubauten erweitert wurde. Einen beachtlichen Zulauf an Urlaubern findet der Wörthersee diesen Sommer. Teilweise ist dieser Trend der Corona Krise geschuldet.

Der Besuch einer Gaststätte am Wörthersee war für uns Bergbauern unerschwinglich. Die Promiorte kein Platz für Bauernkinder. Eine Ausnahme bildete in den Sommerferien der Besuch unsere Schwester am Wörthersee. Diese hat dort mehrere Saisonen im Service und als Stubenmädchen gearbeitet. In den Orten Velden, Maria Wörth und Pörtschach.

Rosenblüte

corona:firmung II

In meiner Jugendzeit war von den Firmlingen eine Armbanduhr  ein begehrtes Geschenk. Von meinem Firmgöde bekam ich eine Schweizer Markenuhr. Der Göde war Messner der Pfarrkirche St Paul ob Ferndorf und lebte mit dem Pfarrer und der Pfarrersköchin im Pfarrhaus. Dort lebten sie in den 60er Jahren fast wie eine Familie. Als Sudetendeutsche wurden sie nach dem zweiten Weltkrieg aus der Tschechoslowakei vertrieben und flüchteten nach Österreich. Stowasser verfügte über die Gabe, mit der Wünschelrute Krankheiten zu erkennen. Vor sich, am Küchentisch im Pfarrhof, hatte er ein handgeschriebenes Notizheft in dem die zahllosen menschlichen Beschwerden in Stichwörtern festgehalten waren. Die Hilfesuchenden legten dem Messner ihr Stofftaschentuch auf den Tisch, dann begann er mit seiner Diagnostik. Er nahm die Wünschelrute, eine Stahlrute, in beide Hände und fuhr damit über die Seiten des Notizbuches. Immer, wenn sich die Rute zu drehen begann, hielt er inne und machte sich Notizen. Die Rute hatte bei einer Krankheit angeschlagen. Nach der Diagnose verschrieb er verschiedene Teemischungen. Die Anfragen um eine Behandlung wurden auch brieflich gestellt, unter Beilage eines Taschentuches. Solche Schreiben erreichten ihn aus ganz Mitteleuropa. Von ihm bekam ich viele Briefmarken für meine Markensammlung. Seine Behandlung war kostenfrei, jeder gab so viel er sich leisten konnte, zwischen zwanzig und fünfzig Schilling.

In der kleinen Pfarrküche gab es in einer Ecke den Küchentisch mit zwei Stühlen und einer Eckbank. Die Eckbank war bedeckt mit Zeitungen und Zeitschriften.  In der anderen Ecke stand ein Diwan mit vielen Polstern und Decken, dort haben sich die Katzen bequem gemacht. In einem Winkel ein kleiner Herd, im Herrgottswinkel ein Kruzifix und ein Radio.  Alle Bewohner, die Pfarrhausfamilie, hatten ein inniges Verhältnis zu den Stubentiger. Bei einer Fotoausstellung, im Gemeindeamt Ferndorf nach der Jahrtausendwende, war auf einem Schwarzweiß Foto der Pfarrer, der Messner und die Pfarrersköchin bei einem Ausflug auf den Großglockner abgebildet. Am Parkplatz der Kaiser Franz Josefshöhe posierten sie vor dem Auto und die Pfarrersköchin hält eine ihrer Katzen in den Armen. Ein Familienausflug mit Kind. Nach der Sonntagsmesse, welche die Pfarrer damals nüchtern zelebrierten, saß der Pfarrer am Küchentisch und bekam von der Pfarrersköchin eine Schale Kaffee, in den er ein Stück Weißbrot eintauchte. Auf dem Diwan wurde für uns Ministranten Platz gemacht und wir bekamen von der Pfarrersköchin eine Tafel Bensdorf Schokolade. Zu den hohen Feiertagen bekam ich während meiner Internatszeit, vom Firmgöde einen Geldschein zugesteckt.

Covid-19/37

corona:firmung

Wie gehen wir mit persönlicher Nähe in Isolationszeiten, wie die Monate seit März 2020 genannt werden, um? Bei Hochzeiten, Taufen und Firmung soll zwischen den Personen Abstand gehalten werden. Es besteht Unsicherheit darüber, ob nicht durch Familienmitglieder mit vielen Kundenkontakten, das Coronavirus in die Verwandtschaft eingeschleppt wird? Die einen sind im Lebensmittelhandel, in der Pflege und im Sozialdienst tätig. Andere engagieren sich in der Pfarre. Sorgen bei den Kirchenbesuchern für die Einhaltung der Abstands-regeln und unterstützen die Seelsorger beim Gottesdienst. Der Krise geschuldet werden in Kärnten die Firmungen in den Sommermonaten im kleinen Kreis, in den Pfarren und durch den Ortspfarrer abgehalten. Es wird dieses Jahr keine großen Firmungsevents geben, sondern jede Pfarre wird ihre interne Firmung feiern. Ein weiterer Schritt von hierarchischen Strukturen zur Hauskirche. Dieser Begriff ist erstmals in Corona Zeiten gefallen. Plötzlich war es möglich dem Gottesdienst fernzubleiben und sich zu Hause dem lauten oder stillen Gebet zuzuwenden. Nicht alle Pfarrer, noch weniger die Administratoren der katholischen Kirche verfolgen dies mit gütigen Augen, zum Unterschied vom gütigen Gott. Der Ordinariats Kanzler legt Wert darauf, dass die Firmungen ab kommenden Jahr wieder in großem festlichem Rahmen, unter Anwesenheit des Bischofs, stattfinden.

Eine bischöfliche Firmung ist für die Pfarrgemeinde ein rares Ereignis. Die Vorbereitungen beginnen mit einer seitenweisen Ankündigung in den Pfarrnachrichten. Dazu braucht es keine weiteren Angaben, der Name des Bischofs ist schon Programm.  Erlaubt es die Zeit des Bischofs möchte jeder der örtlichen Honoratioren mit ihm ein paar Worte reden. Für die Teilnahme der örtlichen Vereine an der feierliche Gestaltung der Messe braucht es keine Überredungskünste. Dabei sind der Gemischte Chor, die Musikkapelle und eine Abordnung vom Abwehrkämpferbund. Die älteren Herrn wollen im Kärntneranzug ihren Mann stellen, Traditionsfahnen beim Einzug in die Kirche und beim Auszug schwenken. Gibt es im Ort eine Gruppe der katholischen Frauenbewegung so bekommt die kirchliche Feier zu den männlichen Würdenträger einen weiblichen Anstrich. Schreitet dem Bischof eine aufgeputzte Kinderschar voran, die Mädchen in weißen Kleidern, ergeben die Bilder einen unschuldigen Tatsch. Bei einem regionalen Fest sind auch die Marktfahrer vor Ort. Was wäre ein Festtag ohne die süßen Verführungen von Kokosbusserln, türkischem Honig und Schaumrollen. Dem heiligen Anlass, der Firmung geschuldet , gibt es Kerzen, Rosenkränze und Gebetsbüchlein zu kaufen. Mit dem Hinweis, dass die Kerzen, Rosenkränze und Gebetsbüchlein vom Bischof geweiht wurden. Nach der Firmung wird die Verwandtschaft zu einem Mittagessen mit festlichen Rahmen geladen, dies kann man als kleine Hochzeitsfeier bezeichnen. Der Firmling ist jetzt eine Braut oder Bräutigam Gottes.

covid-19/36

corona:kirchtag

Während der Sommermonate finden in Kärnten in vielen Ortschaften die Kirchtage, das Kirchweihfest zu Ehren des Namenspatrons, statt. Wegen der Coronapandemie wurden die Kirchtage ausgesetzt, so denken manche Gastwirte darüber nach, einen Hauskirchtag abzuhalten. Spontan fallen mir zwei Kirchtage ein, welche abgesagt wurden, der Arnoldsteiner und der Villacher Kirchtag. Niemand kann die Menschenmassen steuern, die sich während der Villacher Kirchtagwoche durch die Innenstadt wälzen würden, dabei wäre kein Babyelefant Abstand möglich.  Den Höhepunkt würde der Trachtenumzug am Samstag bilden, mit ungefähr dreitausendfünfhundert Teilnehmern und mehr als vierzigtausend Zuschauern.

Auch der traditionelle Arnoldsteiner Kirchtag mit Kufenstechen am Sonntag- und Montagnachmittag konnte nicht stattfinden. Nach den Pandemievorschriften war das Kufenstechen nicht durchführbar. Dabei drängen sich Menschen an Menschen, Körper an Körper, um dem Galopp der Reiter mit ihren Pferden zu folgen. Jeder versucht einen Blick auf den Reiter  zu erhaschen, wenn er sich dem Holzfassl nähert und darauf einschlägt. Am Kirchenplatz vermischen sich die Ausdünstungen der Pferde mit den Ausdünstungen der Reiter. Diese galoppieren in Gailtaler Tracht, aus dickem Stoff und in Lederstiefeln bei sommerlichen Temperaturen, über den Platz . Über der Zuschauermenge hängt eine Duftwolke aus Körperschweiß, den verschiedenen Deodorants und Parfums. Aus den tiefen Dekolletés quengelt der Busen in die warme Nachmittagssonne und ein körperwarmer Duft an Verheißungen.

Gleichzeitig zum Ferndorfer Landkirchtag hat es in Politzen beim Gasthof Rader einen Hauskirchtag gegeben. Das Gasthaus hatte über Jahrzehnte für die Ortschaft Politzen, Beinten und Nußdorf eine wichtige nachbarschaftliche Funktion. Es gab einen öffentlichen Fernsprecher, einen Schwarzweißfernseher und eine Tiefkühlanlage. Durch einen Zubau wurde in den 60er Jahren ein Veranstaltungsraum und darüber ein paar Fremdenzimmer geschaffen. Am Kirchweihsonntag trafen sich die Politzner, Beintner und Nußdorfer, Groß und Klein, im Gasthof zur Tanzunterhaltung. Ein Ziehharmonikaspieler sorgte für gute Stimmung. Eine Schießbude, ein Standl mit Schaumrollen, Lebkuchenherzen mit den schönsten Liebesschwüren gehörten auch dazu. Meiner Schwester wurde am Politzner Kirchtag von ihrem künftigen Ehemann der Heiratsantrag gemacht.

covid-19/35