Über schlagloch

Er hat es sich zur Aufgabe gemacht mehrmals die Woche eine kleine Studie zu verfassen und teilt dies per Weblog „schlagloch“ einer stetig wachsenden Internetgemeinde mit. Einzelne Leser treten auf der Internetplattform mit ihm auch in eine Diskussion über das Geschriebene ein. Vom Deutschen Literaturarchiv Marbach werden ausgewählte Online-Publikationen, so auch das Blog „schlagloch“ auf der Plattform Literatur-im-Netz langzeitarchiviert. Einige „Schlaglöcher„ hat er materialisiert und zu Büchern gemacht: Zeitenwandel (2009); Die Beobachtungen (2011); Bruchstellen (2015).

intervall:fasten I

Die wichtigsten Vorsätze zu Jahresbeginn sind zumeist sich mehr zu bewegen, den Körper zu entschlacken und abzunehmen. Vor einigen Jahrzehnten war es der Vorsatz mit dem Rauchen aufzuhören, diesen Vorsatz hört man nur mehr selten. Jetzt wird das ganze Jahr über gegen die Raucher gewettert, es bedarf keiner persönlichen Vorsätze mehr. Als Raucher steht man unter argwöhnischer Beobachtung der Mitmenschen. Seitdem das Rauchen in allen öffentlichen Lokalen verboten ist, wird am Gehsteig vor den Lokalen geraucht, am Pranger. Manche Wirte haben zum Schutz der Privatsphäre für die Raucher kleine Container oder Zelte vor ihren Gaststätten aufgestellt. So sind die Raucher bei ihrem Geschäft vor den Blicken der vorbeihuschenden Menschen geschützt. In vielen Gesundheitszentren, wie in Bad Vigaun, gibt es am Rande vom Freigelände ein Raucherhüttl. Dort treffen sich die Raucher unter den Kurpatienten. Zumeist läuft zwischen ihnen der bessere Schmäh als in der Eingangshalle. Macht rauchen lustig?

Mit der Umsetzung des Vorsatzes Abzunehmen haben manche bis zum Ende der Faschingszeit gewartet. Am Aschermittwoch hat man beim Verzehr von einem Heringssalat noch einmal richtig gesündigt, um jetzt mit dem selbst gewählten Fastenprogramm zu starten. Die Auswahl an Diäten ist groß: Heil-, Basen-, Suppenfasten oder F.-X.-Mayr-Kur. Jedes Jahr kommen neue Fastenvorschläge dazu. Stark im Gespräch ist das Intervallfasten. Dabei, versprechen die Fastenbegleiter, verliert man nicht nur Gewicht, sondern es setzt auch eine Zellreinigung und -verjüngung ein. Wichtig ist, dass man über einen Zeitraum von sechzehn Stunden nichts isst. Dadurch wird der Reinigungsprozess, Autophagie, in Gang gesetzt. Das ganz große Versprechen ist, dass die vorzeitige Alterung der Zellen verzögert und dadurch das Leben verlängert wird.

Ausmisten

heiterer:himmel

Gibt es in der Philosophie oder Theologie eine These, eine Vermutung, wie ein Tod aus heiterem Himmel möglich ist? Aus der Bibel sind mir einige Stellen bekannt, im übertragenen Sinn. Die ganz düstere, sei immer bereit abberufen zu werden, nur der Vater im Himmel kennt den Zeitpunkt und den Ort. Niemand weiß, wann seine Stunde gekommen ist. Andersherum assoziieren wir sterben und Tod mit fortschreitendem Alter. Bei einer Messerattacke in Graz stirbt eine 33jährige Frau. Ein Exempel, dass ich und jeder Leser machen kann: Wäre dies mir passiert, wie lange wäre ich dann schon tot oder wie lange hätte ich noch zu leben? Ich wäre fast vierzig Jahre tot, mein Leben wäre um vieles kürzer gewesen. Eine Fülle von Ereignissen, Begegnungen, Erfahrungen, Zuwendungen und Freuden hätte ich nicht erlebt. Anderseits wäre mir auch ein Teil an Schmerzen, Verzweiflung und Trauer erspart geblieben.

Was ist also die bessere Alternative? Eine Alternative, über die wir nicht selbst bestimmen können. Bei einem frühen Tod nimmt man an, dass einem einiges an Schmerzen und Leiden erspart geblieben wäre? Man hätte aber vieles nicht umgesetzt, nicht jeder hat das Zeug zu einem genialen Menschen, wo der Ruhm mit zwanzig beginnt. Ich bin dankbar für meine Lebenszeit und hoffe, die eine und andere Lebenseite dazufügen zu dürfen. Nach diesen Zeilen stellt sich bei mir Staunen über das Rad der Zeit und Betroffenheit über einen solchen Messerangriff ein. Tragik, Schicksal, Bestimmung, wie immer man es bezeichnet, mehr kann man darüber nicht sagen.

Unwissenheit

wörthersee:stadion

Dieselbe Installation in einem Fußballstadion einer Millionenmetropole, wo die Hochhäuser über den First des Stadions ragen, hätte eine vielfach größere Signalwirkung. Richtete ich an diesem Tag meinen Blick aus dem Stadion nach oben, dann blickten mich nicht rauchende Fabrikschlote oder Wolkenkratzer an, sondern ein blauer Kärntner Himmel. Auch bei längerer Verweildauer kam das Meditative zu kurz, da es ein ständiges gehen und kommen gab. Ein Fotografieren und Posieren, ein drängeln um den besten Platz. In einem Kiosk wurden Schalen, Schals, Blocks, Bleistifte, Becher, Postkarten und T-Shirt alles mit dem Peintner Bild verkauft. An einem Würstelstand konnte man sich an Frankfurter, Bier und Coca-Cola laben. So geht es bums und rums, Sessel klappen hoch und Tore werden geschlossen, die Schuhe klappern auf den Stahlskeletten.

Einige Zeit später sitze ich in einem Café in Klagenfurt in Bahnhofsnähe. Ich werde  gefragt, wie ich die For Forest Installation erlebt habe? Zuallererst betone ich, ich habe das Stadion nach seiner Errichtung vor einem Jahrzehnt das erste Mal betreten. Jetzt verstehe ich auch die vielen Diskussionen, welche sich um deren Sinnhaftigkeit drehen. Ich kann jetzt aus eigener Anschauung beim Diskurs um das Stadion mitreden. Die Bleistiftzeichnung von Peintner finde ich visionär und aktueller denn je, wenn man die Vermarktung des Waldes betrachtet. Eine Frage beschäftigt mich, ob das Wörtherseestadion der richtige Ort für diese mahnende Installation war. Mein Gegenüber im Cafe sieht es ähnlich, auch für sie war es zuallererst eine Gelegenheit das Stadion kennen zulernen.

Das erste Mal.

drei:drei:drei

Der jährliche Hausball im Gasthof Wedam war in der Waldsiedlung ein gesellschaftlicher Höhepunkt. Masken waren erwünscht.Unter Maskierung verstand man in den 70er und 80er Jahren nicht ein paar dekorative Accessoire, sondern Gummimasken mit dem dazu passenden Kostüm. Die meiste Wirkung wurde erzielt, wenn man sich zu einer Gruppe von Cowboys, Sträflingen oder Löwen zusammenschloss. Beliebt waren auch Figuren aus Grimms Märchen, Hexen, Zauberer und Prinzessinnen. Damit hatte man eine Chance für die originellste Maskerade einen Preis zu erlangen. Bis zur Maskenprämierung um Mitternacht versuchte man unerkannt zu bleiben und sich nicht durch Sprechen oder Gesten zu verraten. Das Tanzen mit der Maskerade war eine schweißtreibende Angelegenheit. Für einige Überraschungseffekte sorgte nach der Prämierung der originellsten Masken, die Demaskierung. Erst jetzt erkannte man, mit wem man sich über die Tanzfläche bewegt oder einen Drink an der Bar genossen hatte. Beim Hausball konnte man erstmals den selbstgemachten Heringssalat von der Wirtin, Frau Wedam, genießen. Dieser trug das Prädikat nach Omas Rezept zu Recht.

Wer sein Faschingskostüm nicht selbst nähen wollte, für den gab es einen privaten Kostümverleih in Draschitz. Eine Witwe nähte über Jahre Kostüme und besorgte sich die dazu passenden Masken und Perücken. Mit dem Erlös aus dem Verleih konnte sie ein bisschen die Rente aufbessern.

Böse Wolf