Die Wahrheit…

Im dritten Jahrtausend nach Christus müssen die Hüter des echten Christentums ihren alleinigen Wahrheitsanspruch religiosa vera massiv verteidigen. Seit der Aufklärung wird dieser alleinige Wahrheitsanspruch von vielen Seiten in Frage gestellt, durch andere Thesen ersetzt. Zuerst durch die Philosophen der Aufklärung, wie René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz, durch Kant und in der Neuzeit durch die Naturwissenschaften mit der Planetenlehre und der Evolutionstheorie. Josef Kardinal Ratzinger fragte als Präfekt der Glaubenskongregation zu Beginn seines Essays, Der angezweifelte Wahrheitsanspruch[1]:  „…ob der Begriff Wahrheit sinnvollerweise überhaupt auf die Religion angewandt werden könne, mit anderen Worten, ob es dem Menschen gegeben ist, die eigentliche Wahrheit über Gott und die göttlichen Dinge zu erkennen?“[2]

Ratzinger sah eine Gefahr auch in den eigenen Reihen, wenn er schreibt: „…die kritische Exegese relativiert die Gestalt Jesu und setzt Fragezeichen gegenüber seinem Sohnesbewußtseins“.[3] Und später: „… es gibt die Tendenz die christlichen Inhalte ins Symbolische zurückzunehmen, ihnen keine höhere Wahrheit zuzusprechen, als den Mythen der Religionsgeschichte.“[4] In seinem Essay wendete Kardinal Ratzinger den Spieß gegen die Kritiker und behauptet: „…Der christliche Glaube beruht nicht auf Poesie und Politik, diesen beiden großen Quellen der Religion, er beruht auf Erkenntnis. (…) Im Christentum ist Aufklärung Religion geworden und nicht mehr ihr Gegenspieler.“[5]Als Vertreter für diesen Ansatz gilt ihm Justin der Philosoph, der 167 n. Chr. als Märtyrer gestorben ist, „ mit der Überzeugung, dass das Christentum Philosophie sei, die vollkommene, das heißt zur Wahrheit durchgestoßene Philosophie, vera philosphia.“[6] Was ist mit dem Christentum, einer Synthese von Vernunft, Glaube und Leben, die es zur Weltreligion werden ließ passiert? So fragte Kardinal Ratzinger: „…warum überzeugt diese Synthese heute nicht mehr?“[7] Er plädierte dafür das Göttliche auf verschiedenen Wegen zu erkennen. „Ein so großes Geheimnis, das Göttliche kann nicht auf eine Gestalt festgelegt werden, die alle anderen ausschlösse, auf einen Weg der alle verpflichtet.“[8]


[1] Seite 7, Gibt es Gott? Joseph Ratzinger, Der angezweifelte Wahrheitsanspruch, Wagenbachs Taschenbuch, „Der angezweifelte Wahrheitsanspruch“ zuerst erschienen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ am 8.Jänner 2000. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war Kardinal Josef Ratzinger Präfekt der Glaubenskongregation, später gewählter Papst Benedikt.

[2] Ebenda, Seite 7 [3] Ebenda, Seite 7 [4] Ebenda, Seite 8 [5] Ebenda, Seite 9 [6] Ebenda, Seite 10 [7] Ebenda, Seite 13 [8] Seite 14, Gibt es Gott?, Joseph Ratzinger, Der angezweifelte Wahrheitsanspruch, Wagenbachs Taschenbuch

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