…Glaubenszweifel und sexuelle Fantasien.
Bei der abendlichen Stallarbeit am Bergbauernhof, beim Melken der Kühe, sind wir in der Nähe vom Vater auf einem Melkschemel gehockt und wurden von ihm gefragt, was wir in der Schule gelernt haben? Immer wieder hat er uns dabei das Einmaleins oder das Alphabet abgefragt. Er hat uns mitgeteilt, ob es am Sonntag einen Ausflug geben wird und auch dass in den nächsten Tagen das Kalb vom Fleischhauer abgeholt wird. Während der Stallarbeit wurden wir Kinder über die meisten Vorkommnisse unterrichtet. In den 1960er Jahren besuchte ich die vierte Klasse des Gymnasiums im Marianum Tanzenberg. Die Frage, wer fühlt sich zum Priester berufen, stand immer im Raum. Konnte sich derjenige ein Leben ohne Familie, Frau und Kinder vorstellen? Wir merkten die ersten körperlichen Veränderungen im Schambereich, was wird aus dem Geschlechtstrieb?
Aufgeklärt wurden wir vom Spiritual, er war die Vertrauensperson für Glaubenszweifel und geschlechtliche Begierden. Die meisten von uns Viertklässler hatten bisher mit dem weiblichen Geschlecht, wenn sie in den Schulferien zu Hause waren, höchstens verliebte Blicke ausgetauscht. Der sonntägliche Kirchgang gehörte in den Ferien als Zögling von Tanzenberg zur Pflicht. Vor und nach der Messe spielten sich die meisten Begegnungen mit den Mädchen ab. In der kleinen Pfarrkirche Sankt Paul ob Ferndorf waren damals die Geschlechter im Kirchenschiff streng getrennt. Auf der rechten Seite saßen die männlichen Kirchenbesucher und auf der Linken die Weiblichen. Es war selbstverständlich, dass die Kinder und Jugendlichen in den vorderen Kirchenbänken saßen. Seitdem ich Internatsschüler war, war ich auch Ministrant. Tiefgläubige Frauen steckten mir auf dem Weg zur Sakristei eine Zwanzig Schillingnote zu, sie sahen in mir schon den künftigen Pfarrer. Vor Beginn der Heiligen Messe spähte ich vorsichtig aus der Sakristei in den Kirchenraum um zu sehen, ob der Gemeindearzt mit seiner Gattin bereits Platz genommen hat, dann konnte die Messe beginnen. Beim Opfergeldsammeln mit dem Klingelbeutel tauschte ich schüchterne Blicke mit den Mädchen aus. Eine Tante erzählte mir, dass eine Schulfreundin aus der Nachbarschaft erklärt hat, sollte ich Pfarrer werden, würde sie sich als Pfarrhaushälterin bei mir melden.