LETZTE . ÖLUNG

Man sieht, spürt und erlebt es, dass sich alles verändert. In jungen Jahren ist man begeistert vom Fortschritt, wenn man älter wird weis man mit dem Fortschritt nichts anzufangen. Man weis nicht, ob dieser  für einen Erleichterungen oder Vorteile verschafft. Die Versprechungen der Politik bedeuten für den Einzelnen einen marginalen Fortschritt. Jene, welche sich wirkliche Vorteile verschaffen stehen nicht in den Medien, außer sie überschreiten in großem Stil die Gesetze.
 
Manchmal besteht diese Veränderung nur darin, dass ein Begriff durch ein modernes Wort ersetzt wird, so in der Krankenseelsorge. Besuchte in den siebziger Jahren oder früher der Priester einen Schwerkranken so spendete er ihm die „Letzte Ölung“. Der „Letzten Ölung“ haftete der Geschmack des Todes an, so nennt man dies heute Krankensalbung. Von der Krankensalbung erhofft man sich Heilung gerade dort, wo die medizinische Kunst nicht mehr hilft, ein Wunder. Ein Krankenhausseelsorger hat in einer Predigt gemeint, dass es heute vielen Menschen unmöglich ist, vom Leben loszulassen. Es ist schwer den Ast loszulassen, wenn ich nicht sehen kann, wohin ich fallen werde. Es ist wie bei einem Trapezakt,  hoch oben in der Zirkuskuppel, ohne Netz. Viele Springer zögern mit dem Loslassen des Trapez, wenn sie nicht die Hände des Fängers sehen. Wo sind die Hände des Fängers, wenn wir sterben. Auf wenigen Todesanzeigen steht heute der Satz: Versehen mit den heiligen Sterbesakramenten.
 
Das Zimmer war verdunkelt, die Patienten in ihren Betten kaum zu erkennen. Einige waren an eine Infusionsflasche angeschlossen. Es war ein Zimmer der Intensivstation in den Siebziger Jahren. Die vielen medizinischen Apparate wie wir sie heute in der Intensivmedizin kennen waren kaum vorhanden. In einem Bett erkannte ich Daniel, er wurde nach einem Autounfall in das Krankenhaus eingeliefert, Verdacht auf Schädelbasisbruch. Die Therapie bestand in ruhigem Liegen und Warten was der Körper machen wird. Der erste Satz von ihm war: „Der Pfarrer war da, er hat mir die letzte Ölung gegeben, muss ich jetzt sterben?“. Sterben mit zwanzig Jahren. Der Wille hat sich für das Leben entschieden.
 
Wo ein Wille, da ein Weg.
 

4 Kommentar(e)     

Gerhard (9.11.07 21:11)


Sterben tun die anderen…

Heute las ich bei wissenschaft.de:
http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/gutzuwissen/284958.html
folgendes:

Warum wir nicht ständig Todesangst haben:

Menschen sind beim Gedanken an ihren eigenen Tod nur deswegen nicht vor Angst wie gelähmt, weil eine Art psychologisches Immunsystem sie davor schützt: Sobald sich jemand mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzt, beschwört dieser Abwehrmechanismus automatisch positive Assoziationen und Erinnerungen herauf, die den Schrecken kompensieren. Das haben zwei amerikanische Psychologen bei Tests mit insgesamt 430 Studenten gezeigt.

Gruß
Gerhard

weichensteller / Website (9.11.07 22:58)


Ich habe da einen wunderschönen Text gefunden über das „Sterben der anderen“.
Das ganze Buch ist so.

LGW

schlagloch


Hallo Gerhard!
„Sterben tun die anderen“, bleibt noch die Frage offen, ob wir unser eigenes Sterben „erleben können“ ?
Gruss schlagloch.


schlagloch 


Hallo Weichensteller!
„Sterben der anderen“ von Möschl Peter ? Entweder lesen oder Blogbeiträge schreiben, beides geht nicht.
Gruss schlagloch.

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