costa:concordia VIII

Seit einer Stunde sitze ich im Cafe „Helsinki“ an Bord  in einem bequemen Sessel und blicke durch das Panoramafenster auf das Meer. Ich trinke einen Milchkaffee und lese  im Buch von Franz Schuh: „Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche“. Bei schräg stehender Sonne fließt  vor meinen Augen in einer Endlosschleife das Meer vorbei. Durch die getönten Scheiben wirkt  das Wasser dunkler, als vom Reling aus. Ein sanftes Kräuseln an der Wasseroberfläche, keine großen Wellenbewegungen, keine Inselgruppe oder Küstenstreifen. Der blassblaue Himmel vermählt sich weit entfernt mit dem Meer. Aus den Lautsprechern klingt sanfte Musik, einige Passagiere flanieren vorbei oder setzen sich in der der Nähe der Panoramafenster nieder. An einem Nebentisch nimmt eine Frau aus ihrer Handtasche einen Kamm,  einen Spiegel und  beginnt ihre Haare zu frisieren.

So einen Zustand wünsche ich mir für die Zeit in meiner Pension, so klangen auch die Vorhersagen: „Wenn du im  Ruhestand bist, dann werden die Probleme, welche sich in den Berufsjahren auf den Schultern abgelagert haben, weg sein. Du wirst in einem Paradies auf Erden, mit einem ewig blauen Himmel,  sein“. Ich möchte nicht aufstehen, ich will mich  von dieser himmlischen Stimmung nicht lösen. Ist es Unzufriedenheit, wenn ich den versprochenen Himmel, das versprochene Paradies, einfordere. Jetzt bin ich zornig, dass die Tage nicht konflikt- und beschwerdefrei verlaufen. Andere fordern in der Pension finanzielle Zulagen, Vortritt in den Zügen, schnelle Abfertigung am Bankschalter und an der Supermarktkasse. Sie erwarten sich einen Nachschlag für ihr Leben, sie wollen Versäumtes nachholen. Sie glauben, dass mit einer Urlaubsreise, einem Busausflug oder einer Stadtbesichtigung die Zufriedenheit steigt. Ich wünsche mir Gleichmäßigkeit und Schwerelosigkeit.

Auf Mallorca erleben wir, dass die Menschen trotz Hitze und Palmen am Jahresrhythmus festhalten. Entlang der Straßen wurden an den Palmen die Weihnachtsbeleuchtung, die Weihnachtskugeln und die Weihnachtssterne angebracht. Nur sehr selten schneit es auf der Insel. An der Strandpromenade bieten die Souvenir- und Geschenkshops Weihnachtsschmuck an. An Bord der Costa Concordia kaufen einige  Reisemitglieder eine Armbanduhr. Es hat den Anschein, als wäre eine Reihe von Armbanduhren über Bord gefallen. Die Zeit, welche man zur Verfügung hat, wird umso genauer eingeteilt. Beim Abendessen glänzen, für alle sichtbar, auf den Unterarmen die neuen Uhren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.