fern:dorf l

Während des Besuchs bei einer Jungfamilie ist die jüngste Tochter um drei Uhr Nachmittag vom Kindergarten nach Hause gekommen. Sie hat drei Sätze gesprochen und sich dann mit ihrem Gameboy auf die Wohnzimmercouch gelegt. Sie war die nächste Zeit völlig vom Spiel fasziniert und vereinnahmt. Ich will keinem Kleinkind oder Schulkind sein Smartphone, Tablett oder iPod wegnehmen. Über die ständige Fernsehpräsenz mit den vielen Programmen braucht man zurzeit nicht zu diskutieren, höchstens darüber,  ob jedes Kind in seinem Zimmer einen eigenen Fernseher braucht. Lobenswert, wenn sich die Eltern dafür einsetzen, dass ihre Kinder ein Instrument erlernen oder bei einer Turnergruppe mitmachen.

Es gibt Situationen, in denen ich von Empfindungen aus meiner Kindheit heimgesucht werde. Solche Augenblicke erlebe ich immer wieder, wobei mir diese keinesfalls sofort bewusst sind. Als Zwölf-bis Vierzehnjährige wurden wir damals zu den Kindern gezählt. Beim Gedanken, was heute in dieser Altersstufe beim Medien- und Unterhaltungskonsum abläuft, überkommt mir das Schaudern. Sie werden von den digitalen Medien mit Informationen und visuellen Eindrücken überschwemmt. Meine Erinnerungen beziehen sich auf meine Zeit in einem Internat, das Maximale in dieser Altersklasse war, dass wir am Samstagnachmittag fernsehschauen konnten. Erinnern kann ich mich an die Fernsehserien „Fury – Die Abenteuer eines Mustang.“ Der Film begann immer damit, dass Joey den Namen seines Freundes „Fury“ laut in die Prärie hinaus ruft. Diesen Ruf vernimmt das Pferd und galoppiert über Stock und Stein zu seinem Freund Joey. Dieser tätschelt den Hals des schwarzen Hengstes und sagt: „Na Fury, wie wär’s mit einem kleinen Ausritt, hast du Lust?“, worauf Fury  freudig wiehert und beide davonreiten. Eine weitere Nachmittagsserie war „Lassie“ – Die Abenteuer einer Langhaarcollie“.  Lassie gilt heute noch als der berühmteste Hund der Welt. Vor Beginn der Sendungen stellten wir, etwa hundert Schüler, im Studiersaal unsere Stühle in Richtung Fernseher und mussten zuerst Mucksmäuschen still sein. Erst dann wurde der Fernseher eingeschaltet.

Die andere Zerstreuung fanden wir beim Lesen. Es gab eine große Internatsbibliothek wo wir wöchentlich Bücher ausborgen konnten. Besonders beliebt waren bei uns Buben in diesem Alter die Bücher von Karl May. Ich habe sehr gerne die Berichte von Missionaren, die in Afrika gefährliche Abenteuer im Dschungel erlebten, von den Ureinwohnern mit Giftpfeilen angegriffen wurden, gelesen. So mit ihnen mit gefiebert, wenn sie bei ihren  Missionierungen, begleitet von afrikanischen Trägern, sich durch den Dschungel kämpfen mussten. Von Giftschlangen, Leoparden und Krokodilen bedroht wurden. Sie konnten in getarnte Fallgruben stürzen oder in Schlingen geraten und hochgeschleudert werden.  Haben wir von Verwandten Bücher bekommen, dann mussten wir diese dem Präfekten vorlegen und dieser hat darüber entschieden, ob sie „jugendfrei“ waren. Einmal wurde mir das Buch, „Lachender Süden“,  von Birgit Lindgreen, geschenkt. Es gab darin eine Kussszene, dies wurde auch in einem katholischen Internat toleriert.

Silencium

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