fern:dorf lll

Im Haus und im Stall verspürte ich die von Menschen und Tieren gespeiste Wärme.Den Bauernhof erlebte ich in den Weihnacht-und Osterferien anders als vor dem Aufenthalt im Internat. Äußerlich hatte sich nichts Nennenswertes verändert, trotzdem erschien mir die Küche und unser Zimmer anders. Ich verspürte eine Fremdheit, als wäre ich lange abwesend gewesen. Die Räume waren auf einmal klein und niedrig, sodass ich mich bückte, wenn ich durch die Küchentür trat. Diese Stimmung des Fremdsein ist in den Weihnacht- und Osterferien nie gewichen, nur in den großen Schulferien hat sich dieses Gefühl etwas verflüchtigt. Es war mir nicht unangenehm, wenn ich zurück in das Internat gebracht wurde. Im Internat, ein adaptiertes Schloßgebäude, waren der Studier- und der Speisesaal sehr groß und extra hoch.Von dieser Fremdartigkeit wurde ich immer wieder erfasst, auch als Erwachsener, wenn ich die Eltern im Bauernhaus besuchte.

In einer Lehrveranstaltung zur Philosophie habe ich von einer Idee Adornos gehört. Seine „Utopia“ vergleicht er mit dem Zustand der Fremdheit die eintritt, wenn jemand lange abwesend war und dann wieder nach Hause kommt. Es ist zwar dieselbe Umgebung und es sind dieselben Dinge, aber sie erscheinen einem anders. So wird es uns ergehen, wenn wir in unserem Ziel, Utopia, angelangt sind.

Vor kurzem bin ich am Politznerberg spazieren gegangen, es waren dieselben Häuser, aber diese sind mir anders vorgekommen. Kleiner, baufälliger und mit einem gewissen Chaos rund um das Haus. Die Menschen bewegen sich in einem Rhythmus, der von meinen ganz verschieden ist. Sie sprechen von Ereignissen, die mir fern erscheinen, obwohl ich einmal mit diesen Dingen zu tun hatte. Mir wurde erzählt, wie die Hühner immer wieder die Gemüsebeete des Nachbarn verwüsten oder wie die jungen Kühe plötzlich aus der Weide ausgebrochen und auf die Landstraße gelaufen sind. Ein Teil der Hausmauern vom Bauernhof sind über siebenhundert Jahre alt und darin befindet sich der Keller, wo immer noch das Obst, die Kartoffel, der Most und das Sauerkraut eingelagert sind. Die dicken Mauern sorgen dafür, dass die Früchte über Monate frisch bleiben, ohne Konservierung und Kühlung. Die Lebenswelt der Kindheit bleibt,in die Ferne gerückt.

Ein Wiedersehen mit dem Internat, Anfang dieses Sommers, erwarte ich mit gespannter Freude. Eine kleine Gruppe soll ich bei ihrem Ausflug dorthin begleiten. Welche Stimmungen werden hochkommen? Das letzte mal war ich vor etwa zwanzig Jahren dort. Rein äußerlich hat sich am Schloss, vom Zug aus betrachtet, nichts verändert. Das Schloss thront wie ehe und je majestätisch auf einer Anhöhe über dem Zollfeld.

Zauberberg

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