ver:sprechen III

Mit dem „Eurocityzug 114“  treten wir, die Jugendlichen, Ali, Hakim, Nadim und ich die Reise von Villach nach München an. Während der Zugfahrt erzählt mir Ali von ihrer Odyssee: „Unsere Eltern haben einen hohen Geldbetrag an einen Schlepper bezahlt, um uns die Einwanderung  nach Europa zu ermöglichen. Der Schlepper hat auch versprochen, dass er in Sizilien  für uns eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen für die EU beschaffen wird. Wir haben gehofft  in Italien mehr Möglichkeiten vorzufinden als in unserem, vom Bürgerkrieg zerstörten, Libyen.  Mit einem kleinen Frachter, auf dem viel zu viele Leute waren, sind wir von der afrikanischen Küste ausgelaufen. Während der zweiten Nacht  ist ein Sturm aufgekommen und ein Gewitter losgebrochen. Durch den hohen Seegang  ist Wasser in das Schiff eingedrungen, es hat Schlagseite bekommen und ist in den frühen Morgenstunden gekentert. Von einer Luftpatrouille  wurden wir  im Meer entdeckt und ein Schiff der Küstenwache hat uns an Land gebracht. Wir wurden in einem Flüchtlingslager untergebracht  und darauf aufmerksam gemacht, dass wir nach Afrika zurückgeschickt werden.  Nach einer Woche hat uns der Lagerleiter holen lassen und uns vorgeschwärmt, dass wir eine große Chance bekommen. Wir wurden von einem Lieferwagen abgeholt und  in der Vorstadt von Palermo in einem baufälligen Nebengebäude eines  Internats untergebracht. Dort wurden wir  von Patres beaufsichtigt und auch stundenweise  in Italienisch und Deutsch unterrichtet. Der übrige Teil der Ausbildung bestand darin, dass wir am Vormittag abgeholt und zum Hafen gebracht wurden. Dort ankern täglich mehrere große Kreuzfahrtschiffe. Viele der Passagiere gehen von Bord und machen einen  Stadtbummel. Wir wurden aufgefordert uns unter die Touristen zu mischen und jede Gelegenheit auszunützen, um den Touristen die Fotoapparate, die Geldtaschen und die Handtaschen zu entwenden. Entlang der Touristenpfade sind Helfer mit Motorroller postiert, die unsere Beute schnell in Sicherheit bringen.“  Nadim,  der Jüngste von ihnen, schaut teilnahmslos zum Fenster hinaus, er wirkt abwesend und ist wahrscheinlich mit seinen Gedanken weit weg. Hat er Heimweh oder bedrückt ihn etwas, frage ich mich?  Hakim beginnt zu sprechen und setzt die Schilderung  von Ali fort: „Vor einer Woche wurde uns gesagt, dass wir in Deutschland  als Küchenhilfen arbeiten können. Für die Arbeit in der Küche brauchen wir ein Gesundheitszeugnis, deshalb müssen wir uns in einer Klinik in München einem Gesundheitscheck unterziehen. Eine Frau, die arabisch spricht, wird  uns betreuen und dorthin begleiten“.

„ Unser nächster Halt ist Salzburg, kurzer Aufenthalt“  tönt es aus dem Zuglautsprecher. Am Bahnsteig stehen die Leute dichtgedrängt, wie eine Lawine stürmen die Reisenden in den Zug  und hetzen auf der Suche nach einem freien Sitzplatz an unserem  Abteil vorbei. Aus dem Nichts steht plötzlich  ein Pater in einer braunen Kutte vor unserem Abteil und streckt die Hand aus, um die Tür zu öffnen. Nadim zuckt zusammen, wird blass im Gesicht und schreit: „Ein Pater! Der Pater will mich holen, ich will nicht zurück in das Internat“.  Mit einem Satz springt er vom Sitz hoch, stürmt am Pater vorbei aus dem Abteil und bahnt sich einen Weg zur Waggontür. „ Nadim“, rufe ich ihm nach, „komm zurück, nicht aussteigen, es passiert dir nichts“.  Ich werde von den entgegenkommenden Passagieren am Vorwärtskommen gehindert, langsam setzt sich der Zug wieder in Bewegung.

2 Gedanken zu „ver:sprechen III

  1. Hallo Schlagloch ..
    Hartes Brot. Da liest man doch lieber die Geschichten über jene Dussel, die nur einem Navi vertrauen.
    Ich kann es manchmal nicht fassen, was in unserer Welt passiert.
    Der Mensch ist oftmals schlimmer als ein Tier, er kann eine Bestie sein. Man möchte sich Augen, Ohren und Mund zuhalten, um nichts von dem Grauen mit zu bekommen. 🙁

    Grüßli zum zweiten Advent.
    .

  2. Hallo Schlafmütze!

    Wir haben es bestimmt nicht einfach, wie wir uns verhalten sollen. Auf den ersten Blick geht es uns in Mitteleuropa gut, aber alles was so dazwischen „abläuft“, in manchen Graubereichen, ist erschreckend und ernüchternd. Jeder kann ein wenig dazu beitragen, so weit es ihm möglich ist, etwas zu „verbessern“.

    Vielleicht stürmen wir deshalb so gerne die Einkaufscenter, um zu vergessen.

    Schöne Adventtage, Gruß schlagloch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.