im:westen

Franz Supersberger

IM.WESTEN

Herr A. öffnet das erste Mal die Tür vom Kellerabteil seiner neuen Wohnung und sieht, dass die Stellagen leer sind. In einer Ecke stehen am Boden ein Paar Arbeitsschuhe, an einem Hacken hängen eine grüne Arbeitshose und eine grüne Jacke. In einem Kübel sind verschiedene Gartenwerkzeuge. Daneben steht ein halb voller Sack mit Gartenerde und auf einer Schachtel steht eine Gießkanne. Diese Arbeitsgeräte gehören seinem Vormieter Z., der von einer Reise nicht mehr zurückgekehrt ist. Mit den Hausbewohnern hatte Herr Z. wenig Kontakt. Zur Arbeit verschwand er frühmorgens und kehrte spät am Abend heim. Für die Hausbewohner war er ein Phantom, manchmal sah jemand, wie er seinen linken Fuß über eine Stufe nachzog oder wie sein Rücken in der Türöffnung verschwand. Das Öffnen und Schließen der Wohnungstür besorgte er leise um niemanden zu stören und um sich selbst nicht zu erschrecken. Von seinen Reisen kam er nachts zurück. Bei längerer Abwesenheit klebte an seiner Tür ein Zettel mit dem Hinweis: „Bin im Westen“. Niemand wusste, welcher Westen damit gemeint war. Herr A. bückt sich, stellt die Gießkanne auf den Kellerboden und öffnet die Schachtel. In der Schachtel befinden sich Notizbücher mit der Aufschrift „Nach Westen“. Herr A. nimmt eines der Notizbücher von Herrn Z. und beginnt darin im Schein der Kellerlampe zu lesen.

31.12.

Ich bin in einem Gebirgsdorf zu Besuch und kann beobachten wie bewaffnete Leute aus dem Nachbarstaat über die Grenze eindringen und die Bergstation besetzen. Die Menschen in der Bergstation werden gefangen genommen. Im Gebirgsdorf fallen der Strom und die Wasserversorgung aus. Es dauert eine Stunde bis unsere Luftwaffe die Eindringlinge angreift und zurückdrängt. Jetzt ist es wieder möglich, mit der Bahn auf den Gipfel zu fahren. Bis zur Mittelstation hat die Bahnstrecke eine Steigung von siebzig Prozent, dann geht es senkrecht den Berg hoch. Ich kann mir nicht vorstellen, wie hier der Zug fahren soll. Der Zugführer erklärt den Reisenden, dass er beide Motoren einschalten wird, zweimal je 120 PS. Der Zug fährt mit Schwung, ohne zu rutschen oder zu stocken, hoch. Alle atmen auf, als der Zug auf der Bergspitze ankommt. Die Geleise sind aus Kopfsteinpflaster an denen sich der Zug mit den Saugnäpfen, die am Waggonboden angebracht sind, fortbewegt. Bis zur Rückfahrt gibt es einen längeren Aufenthalt auf dem Gipfel. Als ich aufwache, fährt mein Zug in einer Stunde.

  1. 01. 1998 Intercity

Beim Lesen der vorherigen Tagebuchseiten habe ich den Eindruck, dass ich mir die sorgenvollen Gedanken hätte ersparen können und damit manche seelische Verstimmung. Ich kann dies in Zukunft verhindern, wenn ich bei Problemen dreimal tief durchatme, drei Lösungsvorschläge erarbeite und abwarte, bis die wirklichen Situationen und Gegebenheiten erkennbar sind. Die Abreise ist gut geglückt, die Sonne scheint in das Zugabteil. Einmal leuchten die Sitze goldgelb, dann liegen sie im Schatten.  Wir fahren durch das weite Drautal, der Blick geht weiter als von meinem Fenster in Möselstein. Im Mölltal ist es Winter, von den Bergspitzen strahlt der Schnee, alles liegt im Sonnenlicht.

Was erwarte ich vom neuen Jahr? Mit einer Zugreise zu R. fängt es schön an. Bei ihr erfüllt sich mein Leben. Wie war es möglich, dem steilen Felshang, die Eisenbahntrasse nach Mallnitz abzutrotzen. Ähnlich ist es im Leben, manches muss dem Leben abgetrotzt werden. Oft spricht vieles gegen das Leben, viele Umstände sprechen gegen das Glücklichsein. Manchmal hilft trotzig sein, ein Gedanke für das neue Jahr. Lebenswille und Gestaltungswille, die Unpässlichkeiten die auftreten nicht wegwünschen, sondern annehmen, sie gehören zu meiner Person. Loslassen von den Beobachtungen am eignem Körper, Gesäß und Lendenwirbel entspannen. Es kommt nicht so schlecht wie befürchtet. Mehr Selbstbewusstsein, meine Arbeit und meinen Einsatz, auf welchem Gebiet immer, nicht selbst unterbewerten. Auf die Ergebnisse stolz sein.

02.01.

Den heutigen Tag spüre ich in meinen Füssen, den langen Spaziergang in der kalten Winterlandschaft. Der kleine Ort im Montafon hat im Winter einen besonderen Reiz, viel Schnee, kleine Holzhäuser und bunt gekleidete Gäste. Die Weihnachtsbeleuchtung an den Häusern brennt den ganzen Winter über. Hier enden Weihnachten erst zu Ostern, wenn die letzten Gäste abgereist sind. Der spannendste Ort ist die Musikkneipe in einer renovierten Mühle, weil ich nicht dort gewesen bin. Hier stimmt die Mischung aus Hotelbetrieben und vielen kleinen Pensionen. Der private Vermieter vergibt seine Aufträge an lokale Handwerker. So wird der Wohlstand auf viele verteilt und ist nicht in der Hand weniger. In der Türkei und in Tunesien gehören die Hoteldörfer einer internationalen Hotel- oder Bankenkette und die Gewinne fließen den Aktionären zu. Die Großbetriebe müssen aufgegliedert werden und die Aktien besteuert. Die Gewinne sollen nicht außer Landes fließen, sondern denen zukommen, welche die Arbeit leisten. Am Nachmittag besuche ich eine Siebzigjährige Frau, ihr Haus steht oberhalb des Dorfes. Der Besuch war schon jahrelang versprochen. Sie vermietet Zimmer an Gäste, dies bringt Geld und etwas Abwechslung in ihren Alltag. Ihr Mann ist vor zehn Jahren gestorben und die Kinder sind aus dem Haus ausgezogen. Sie hat sich einen jahrelangen Wunsch erfüllt und im Haus eine Montafonerstube eingerichtet. Der Parkettboden hat zwei verschiedene Holzarten. In der Stube steht ein Tisch mit Einlegearbeiten, geschnitzten Holzstühlen und ein Wohnzimmerschrank. Auf der Kommode stehen die Fotos vom Mann, den Kindern, Enkel und Urenkel. Hier sind die Vergangenheit und die Zukunft in Bildern festgehalten. Die verkachelte Sitzbank und der Kachelofen werden vom Vorraum aus beheizt. Sie sitzt am liebsten in der Küche, dort steht auch der Fernseher. Beim Abschied gibt sie mir eine Dose Weihnachtsgebäck, mit der Bitte, die Dose zurückzubringen.

Am Ende des Winterwanderweges steht ein Neubau. Ein rechteckiger, lang gezogener Betonkörper mit einer Glasfront zur Talseite. Der Anbau und der Eingangsbereich sind mit Brettern verkleidet. Die Sonne, der Regen und der Schnee werden die Bretter bearbeiten. Viele lehnen den Bau ab, weil er nicht der Tradition, der Enge, des Tales entspricht. Viele verreisen oft. Sie beharren in der Fremde auf den Surenkäse. Sie suchen in der Ferne die Bestätigung dafür, dass es nirgendwo so gut und so schön ist wie zu Hause. Die Vielreiser und Engdenker. Die Allinklusiv-Urlauber leben in Afrika genauso wie in Mitteleuropa. Sie wohnen dort wie zu Hause, essen wie zu Hause und unterhalten sich mit den Leuten von zu Hause. Engstirnigkeit oder Weitsicht ist keine Frage des Verreisens oder des Fernsehens, vom Lesen redet niemand mehr. Welche Auswirkungen hat es für einen Vermieter in Montafon, wenn ein Teil von Südamerika im Pazifik versinkt oder er nicht in Petersburg war. Das Wesentliche ist, die Andersartigkeit zuzulassen. Es gibt ein Grundmuster wie man sich gegenüber anderen Menschen verhält. Unabhängig davon, ob jemand ein Weltreisender oder ein Bodenständiger ist. Dazu gehört, dass man beim Essen wartet, bis alle am Tisch sitzen, alle die Suppe im Teller haben, und erst dann zu Essen beginnt.

  1. 01. 1998

In der Nacht hat es ein wenig geschneit, die Wiesen sind angezuckert, so zeigt sich der Ort im Montafon seit einigen Jahren. Die hohen Schneewechten, wie man sie auf den Postkarten sieht, gibt es seit einigen Jahren nicht mehr. Es gibt nicht mehr soviel Schnee wie in den Fünfziger Jahren. Die Ansichtskarten werden bis in das ferne Australien verschickt. In der Früh bilden die Skifahrer eine Prozession zum Skilift. Bei der Talstation fehlt heute die „Lila Kuh“. Beim Zugfahren habe ich Plastikclown und „Lila Kühe“ auf den Skipisten gesehen, sie vermehren sich wie die Montafoner Kühe. Beginnt es am Nachmittag zu dämmern, dann spuckt die Gondelbahn die Skifahrer wieder aus. Mit leerem Gesichtsausdruck gehen die Skifahrer zu den Autos zurück. Von den Kindern kommt ein Lächeln. Die gelben Busse nehmen die Skilöwen auf und verlassen das Tal. Das Abenteuer sind die Gedanken in meinem Kopf, das Alter wird für mich ein Thema.

05.01.

Die letzten Tage waren sonnig und kalt, der Schnee abweisend und unberührbar. Eine Winterlandschaft wie ein Bühnenbild. Heute ist keine Sonne, graue Wolken, gedämpftes Licht, die Luft ist mild. Der Schnee ist stumpf, die Vögel singen. Am Flussufer tauchen zwischen den Sträuchern Hasen und Fasane auf. Von den Bergen weht der Föhn, von den Bäumen rieselt der Schnee. Es ist eine friedliche Stimmung wie am Weihnachtsabend, wenn man über den verschneiten Hof zur Fütterung der Tiere in den dunstigen Stall geht. Beim Eintreten wenden sich die Blicke der Kühe der Stalltür zu, der Geruch vom Heu. Behaglich kauen die Kühe am Futter. Die Zufriedenheit der Tiere überträgt sich auf den Menschen. Man ist zufrieden, wie es ist und mit dem, was kommen wird. Die Umstände sind unverrückbar, kein Ereignis kann das Leben auf diesem Fleck Erde verändern.

  1. 01. 2003

Ich habe bis zum Beginn des PC-Kurses noch Zeit und sitze in der Cafeteria vom Technologiepark Villach. Das Wort Technologiepark zergeht mir auf der Zunge. Dieses Wort klingt nach Zukunft, dass das Leben noch vor einem liegt, auch wenn ich über Fünfzig bin. Alles ist hier neu, die Gebäude, die Seminarräume, die Einrichtung und die Beleuchtung, alles hell erleuchtet. Dies ist angenehm, da es im Januar früh dunkel wird. Im Café sitzen vorwiegend junge Leute, diese geben sich zeitlos, das Leben liegt noch vor ihnen. Die älteren Kursbesucher gehen geradewegs in die Seminarräume, sie kommen keine Minute früher zum Unterricht, es gilt keine Zeit zu verlieren. Sie wissen um ihre beschränkte Zeit.  Vorher haben sie noch schnell etwas Geschäftliches erledigt und Geld verdient. Der PC will bedient werden.

20.04.04 . Besuch

Dies ist ein Versuch, die Tagebuchnotizen sofort in den PC einzutippen. Ich merke schon bei der ersten Zeile, dass ich versuche schön und wohlgeordnet zu schreiben. Es fehlt das Spontane, wie es bei den Notizheften passiert. Ich habe die ersten Fehler ausgebessert, im Notizheft bleiben sie, bis die Texte von mir in den PC übertragen werden. R. ist schon zu Bett gegangen, seit Tagen ist ihr unwohl, sie hat Durchfälle, Erbrechen und kann nichts essen. Sie hat sich tagelang geweigert zum Arzt zu gehen, heute war es soweit. Mit der richtigen Diagnose und den Medikamenten ist eine leichte Besserung eingetreten. Erschwerend ist, dass zurzeit C. bei uns ist, ihre Mutter ist nach Bad Loipersdorf zur Kur weitergereist, mit zwei Frauen aus Gaschurn. Hat man ein Kind, sollte man für das Kind da ein. S. fühlt sich überlastet, sie ist unsportlich und wohl auch zu dick. Chirin ist bezaubernd, es geht ohne Fernsehen und Schokolade. Mosem befindet sich in Tunesien. Mit seinem Verständnis für Chirin und seinem Leben in Gaschurn komme ich nicht klar. Er ist kein praktizierender Moslem, genießt die Vorzüge in Gaschurn. Ich verstehe nicht, dass man Chirin im moslimischen Glauben erziehen wil, wo die Feiern und Feste im Kindergarten und in der Schule nach alpenländischen und katholischen Riten ablaufen werden. Das Konflikte zwischen Sonja und Mosem über Chirin ausgetragen werden, ist offensichtlich. Vergleichbar zwischen Rosmarie und mir, da werden die Konflikte über die Katzen Undine & Charly ausgetragen. Heute wollte ich nicht zur Gymnastik nach Nötsch, es war Zwang dahinter. Am Donnerstag beginne ich in Villach mit dem Yogakurs für Anfänger. Für meine Beweglichkeit braucht es eine Gymnastik. Heute schmerzt es zwischen den Schulterblättern. Charly und Undine sind sehr aufgebracht, weil jemand Neuer, Chirin, in ihr Territorium eingedrungen ist. Undine & Charly beschweren sich darüber bei mir mit lautem Miauen und Schreien. Bei der Morgentoilette liegt Undine zu meinen Füssen. Am Abend liegen Undine & Charly auf dem Wohnzimmersofa und genießen es geschnurrt zu werden. Dies bin ich ihnen schuldig. Für Chirin bedeutet der Umgang mit den Katzen eine Bereicherung. Sie liebt es die Katzen zu streicheln und fragt öfters, wo sind sie gerade? Jetzt schlafen Chirin und die Katzen. Eine Anmerkung: Heute hat eine Kundin erzählt, welche Probleme sich bei ihrer neunzigjährigen Mutter,  einstellen. Ich habe gesagt: „Ich weiß, dass der Alltag mit dem Alter nicht leichter wird, ich lasse mich von der Werbung und der Politik nicht täuschen.“

Herr A. blättert im Notizbuch weiter.

  1. 06.

Ich habe mich entschlossen, mit dem Zug nach Kassel zu fahren. Im Zugabteil kommt es zu einer Bekanntschaft mit Fahrradtouristen. Die Fahrt führt über München nach Kassel. Die Landschaft in Bayern ist ähnlich wie in Kärnten. Weiter nördlich gibt es große Flächen mit Getreide und Hopfen. Hier sehe ich zum ersten Mal Hopfenpflanzen, sie werden an Drähten aufgefädelt. Neben der bestehenden Eisenbahnlinie wird eine neue Trasse gebaut, jeder Hügel wird untertunnelt oder eingefräst, jedes Tal wird überbrückt. Beim Bahnbau kommt dieselbe Brutalität zur Anwendung wie beim Autobahnbau. Die Landschaft wird weiter und ist nicht so eng wie in Kärnten. Die Dörfer in den Ebenen strahlen Ruhe aus, eine trügerische Idylle. Rührt man darin um, bricht alles auf, ein Druckkochtopf. Was ist die persönliche Begegnung mit Kunst wert, welchen Zweck hat die Kunst? Die Reise zur Dokumenta hat für mein Berufsleben keinen Sinn, bringt keinen Gewinn, sie gehört nicht zum Beruf. Die Rückkehr in Möselstein erfolgt um vier Uhr früh. Es ist finster, kein Mensch ist auf der Straße. Ich bin auf das Äußerste angespannt, ich habe in den letzten Tagen viel gesehen und erlebt. Ich will keinem Möselsteiner begegnen, ich brauche einen geschützten Übergang zum Alltagsleben. Bleibe ich zu Hause, dann werde ich stumpfsinnig, fahre ich öfter weg, dann bin ich offener. Die Dorfidylle ist unerträglich, ich kämpfe ständig dagegen an.

03. 07 .

Mit dem Kirchtagstrubel in Möselstein kann ich nichts anfangen, so breche ich zu einem Ausflug rund um das Länderdreieck auf. Von Möselstein nach Kranskagora und über den Vrsic Pass nach Bovec. Als Reiseführer dient der Bildband „Julische Alpen“. Jenseits der Grenze sind die Menschen herzlich und gesprächsbereit. Im Alpengarten beträgt der Eintritt hundert Slowenische Dollar, der Aufseher verlangt zwanzig Schilling, dies ist das Doppelte. Beim Tanken ergeht es mir ähnlich. Ich verlange um einhundert Schilling Benzin, getankt wird um hundert Dollar. Dies ist um vieles weniger als hundert Schilling. Ein Sprichwort sagt, „Geld verdirbt den Charakter“. Von Kranskagora führt eine schmale, kurvenreiche Straße auf den Vrsic Pass. Die Straße ist mit Steinen gepflastert, von den Hängen fließt Wasser. Bei der Fahrt über den Pass bleibe ich bei der russischen Kapelle stehen. Sie sieht im Buch auf dem Foto größer aus als in Wirklichkeit. Ich spüre, dass ich zu warm angezogen bin, es ist heiß in den Julischen Alpen. Schwitzen schadet nicht. Das Denkmal von Julius Kugi, der Erschließer der Julischen Alpen, ist das nächste Ziel. Für die meisten Besucher ist dies ein Halt für Minuten. Auto anhalten, aussteigen, Denkmal ansehen, einsteigen und weiterfahren. Ich mache eine Rundwanderung und gehe dabei über eine Hängebrücke. Die Brücken sind zweckmäßig und ohne großen Aufwand herzustellen. In der Nähe vom Kugidenkmal hat ein Bach eine hundert Meter tiefe Schlucht in den Felsen gewaschen. Bei diesem Anblick denke ich an den Satz von Laotse: „Es gibt auf der Welt nichts Härteres als Wasser. Es ist immer derselbe Fluss, aber nie dasselbe Wasser.“ Auf einer Almwiese entdecke ich einen blühenden Rosenstrauch, ein Rosenwunder. Ein Klettersteig führt zur Socca Quelle. Trotz meiner Unsicherheit bei exponierten Stellen steige ich zur Socca Quelle empor. Hier sind viele Besucher, Slowenen und Italiener. Anschließend spaziere ich in das obere Trentatal. Die alten Bauernhäuser wurden für ausgewählte Personen in Wochenendhäuser umgebaut. Ich entdecke den Kamin, wie er im Bildband abgebildet ist. Diesen einen Kamin hat man gefunden und fotografiert. Im Schatten finde ich einen Platz zum Schreiben des Tagebuches. Es ist drei Uhr Nachmittag, ich lese im Reclamheft „Heimattexte“. Schöner kann es nicht sein. Ich beobachte auf der anderen Talseite Bauern bei der Heuernte. Nach einiger Zeit fahre ich weiter die Socca entlang. Zahlreiche Hängebrücken führen zu den Gehöften auf die andere Flussseite. Das Tal wird etwas breiter. Im Ort Socca besichtige ich die Kirche. Die Chorbrüstung und die Decke sind mit Engelsköpfen bemalen. Hinter der Kirche ist ein Soldatenfriedhof vom Ersten Weltkrieg. Die Grabkreuze sind aus Beton und auf einer Blechtafel steht der Name des Gefallenen. Viele Kreuze stehen nicht mehr am Grab, sondern lehnen an der Friedhofsmauer. In den Felsen ist der Spruch, „Dem Eid die Treue 1914 bis 1918“, eingemeißelt. Mit Steinen ist ein großes Kreuz ausgelegt. Über die Gräber wächst Gras, es ist, als würde ich in einem Park spazieren gehen. Hier hat sich die Socca so tief in den Felsen eingegraben, dass ich ihr Rauschen nicht mehr hören kann. Die smaragdgrüne Farbe des Wassers ist in der Tiefe zu sehen. Ich fahre über den Vrsic Pass zurück und nehme einen Radfahrer mit. Er verständigt sich mit mir in Italienisch, Slowenisch, Deutsch und Englisch. Am Abend treffe ich in Möselstein ein, es weht ein warmer Wind, der Himmel ist bewölkt. Ich habe keine Schmerzen.

03.10.

Seit 1950 „Balkan Grill“, der Balkan hat Tradition in der Getreidegasse in Salzburg. Überall eine Menge von Menschen, Nonnen, Japanerinnen, Neger, Amerikaner. Inmitten der Getreidegasse steht ein Mann mit einer Reklametafel für eine Pizzeria in der Sonne, wie am Pranger. Tausend Blicke richten sich beim Vorübergehen auf ihn, einen Aussätzigen. Während des Sitzen vor dem Mozartladen, gegenüber von Mozarts Geburtshaus kann man die korpulenten Senioren beim BicMäc Essen beobachten, in der anderen Hand eine Tüte mit Ansichtskarten. In den Schaufenstern liegen Schnapsflaschen, Schirme, T-Shirt, Bleistifte, Blocks, alles verziert mit einem lächelnden Mozart und Mozartkugeln. Zum Hören gibt es CD mit Musik von Mozart, wer hört ihm zu. Der Platz vor dem Mozarthaus wird nicht leer, immer wieder strömen Leute nach, der Mozartmenschenfluß. Ein Drittel sind Japaner. Die Herbstsonne scheint, die Luft ist mild, Touristenluft keine Altstadtluft. In Salzburg trägt Libro Mozartkugeln. Vor mir hängt ein Plakat von der Olympiabewerbung, ganz Österreich liegt im Olympiafieber. Ein künstlich erzeugtes Fieber, wer wird es wieder löschen. In einem Buchladen kaufe ich Tractus Logicus von Ludwig Wittgenstein. Der Verkäufer entschuldigt sich, dass nur ein Buch lagernd ist, ohne Schaudern kassiert er. Die Nonnen haben in Gottvertrauen ihre Rucksäcke offen, der letzte Schrei ist die Reisetasche für den Stadtbummel. Ein Taschenstand zwischen Konfesserie, Nordsee, McDonalds und einem alten Gasthof. Alle Videokameras sind auf Mozarts Geburtshaus und die Frau mit Kinderwagen gerichtet. Fotoapparate sieht man selten. Mit der Landesfahne in der Hand scharrt eine Reiseleiterin ihre Schäfchen um sich.

 

Vor dem Cafe Tomaselli und dem Cafe Fürst findet der Rupertimarkt statt. Im Café sitzen die Damen blättern in einer Illustrierten und verwöhnen ihre Hunde. Mit Nostalgieberufen, wie Hutmacher, Töpfer, Buchbinder und Schauhandwerker, wie Schneider, Fleischer und Bierbrauer versucht man die Menschen anzuziehen. Inmitten der Menge viele Rollstuhlfahrer, ein Fest für die Augen, wenn die Füße nicht mehr tragen. Vor dem Salzburger Dom dreht sich das Karussell des Vergnügungsparks Gottes, daneben der Kinderspielplatz. Drei japanische Reisegruppen und noch mehr Leute. Der Vergnügungspark und die Bierzelte reichen bis zum Festungsfelsen. Ein Drehorgelspieler mit einem Affen auf der Schulter und das Marionettentheater daneben, zwanzig Schilling Eintritt. Im Dom sind Geldsammler mit Büchsen unterwegs, alles wird zur Unterhaltung. Wo sind die Asketen und Mönche, die mit dem Rummel aufräumen. Alles steht unter der Schirmherrschaft vom heiligen Rupertus, vom Brezen bis zum Bier. Auf einem Tisch steht ein Mann mit gegrätschten Beinen und zeigt allen die vorbeikommen den Vogel.

07.10.97 Gaschurn

Der Gaschurner Berg ist Anfang Oktober noch saftig grün. Die Leute sind mit Fleiß bei der Arbeit. Es gibt kein Haus, bei dem nicht dazugebaut oder repariert wird. Die Wiese der Meisn und der Mischwald verfärben sich bräunlich. Auf einige Berggipfel scheint die Sonne, ruhiger und sanfter als im Frühling. Die Luft ist lau und die Bienen sind emsig unterwegs. Manchmal fährt ein Auto die Bergstraße hoch. Neben der Straße lagern grüne Plastikballen und die Schafe dösen in der Wiese. Zwei Wandertage liegen hinter mir. Eine Wanderung führte mich in das Silbertal. Mit der Gondel hochgefahren und dann den Bergrücken entlang marschiert. Es war heiß und ein weiter Weg. Man sollte nicht jedem Berg eine Seilbahn aufzwingen, so wie dem Hochjoch. Den Felsen bezwingt der Mensch mit Beton und Stahl, die Felswände mit Stützen und Stahlseilen. In der Bergeinsamkeit scharrt der Schaufelbagger den künstlichen See für die Beschneiungsanlage aus. Eine Wanderautobahn führt von der Bergstation zur Wormser Hütte. Langsam gewöhne ich mich an die Gondelfahrten und an die Höhe. Ich lese im Buch „Logotherapie“ von Viktor Frankl. Ein konkreter Lebenssinn, ein Werk, ein Vorhaben, welches man ausführt, bringt die Heilung von Ängsten und Beschwerden, besser als andere Therapien. Das Führen eines Geschäftes und das Schreiben sind mein Lebenssinn.  Die Probleme sollen aus dem Unterbewusstsein hochgehoben werden, sich die Problem ansehen und dann wieder in das Unbewusste Hinabsinken lassen. Es riecht überall nach Mist. Ein Spar-Lkw verlässt den Ort.

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