spät:herbst

Berufstätige und Schüler welche täglich mit dem Zug pendeln verlieren mit der Zeit den Blick auf die vorbeihuschende Landschaft. Wechseln die Jahreszeiten, verändert sich zumeist auch die Landschaft, dies erregt kaum noch Aufmerksamkeit, oder doch? Es ist so, als sitzen wir zu Hause im Wohnzimmer und nehmen es nicht wahr, wenn die Frau im Wohnzimmer die Dekoration verändert. Am ehesten noch zu Ostern und Weihnachten. Häuser, Gehöfte, Kirchen und Ortschaften, welche über den Sommer hinter belaubten Bäumen und Büschen verborgen sind, werden im Spätherbst sichtbar.

Bei einer Bahnfahrt an einem Spätherbsttag kann ich am meisten entdecken. Im gedämpften Sonnenlicht erscheint die Landschaft friedlicher, die meisten Felder sind abgeerntet, die Wiesen noch immer im satten Grün. Die Äcker wurden teilweise neu bestellt, nichts deutet auf den nahenden Winter hin, auf Kälte und Schnee, die immer später eintreffen. Meinem Gefühl nach hat sich im letzten Jahrzehnt die Herbstzeit um einen Monat verlängert. Die Bahnstrecke von Villach nach Friesach, durch den Kärntner Zentralraum, hat eine eigentümliche Faszination. Ein großes Stück führt die Bahnlinie den Wörthersee entlang. Zumeist ist die Wasseroberfläche ruhig, der See ist wieder ein See, abseits seiner wirtschaftlichen Pfründe. Es wird nicht vermessen, nicht gerechnet, wie viel Umsatz und Profit zehn Meter Ufer erwirtschaften. Der See ist frei von schaukelnden Schiffen, Wasserakrobaten, Schnellboten und Holiday Stimmung am Ufer.

Die entlaubten Büsche gestatten einen Blick auf die sommersüber versteckten Herrschaftsvillen. Plötzlich sind die Villen die Nackedeis, wie sie sonst in der Sommersaison auf den Badestegen liegen. Vielfach besteht die Meinung, dass für die Bahnfahrer die Landschaft eine untergeordnete Rolle spielt, ihnen geht es um die schnellste Bahnverbindung. Die Wünsche gehen in Richtung Hochgeschwindigkeitsstrecken, wie man sie in Deutschland für den IC angelegt hat. Dort geht die große Faszination von der Anzeigetafel im Waggon aus, wo die erreichte Geschwindigkeit angezeigt wird. Spannend wird es, wenn die Geschwindigkeit über die 300 km/h Marke klettert. In dem Moment lösen die Bahnreisenden die Augen von den Smartphone und den Tabletts für einen kurzen Augenblick. Die Wahrnehmung der Landschaft erübrigt sich, weil vielerorts die Lärmschutzwälle die Sicht einschränken. Wenn überhaupt etwas zu sehen ist, sind es die turmhohen Reklame Säulen der Einkaufszentren und die Spitzen der Glockentürme.

Hoch hinaus

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