“Sinnstiftung durch soziale Einbettung”

Der deutsche Philosoph Michael Kühler erweitert in seinem Aufsatz „Sinnstiftung durch soziale Einbettung“[1] die Debatte, was gibt dem Leben Sinn, um den Aspekt der sozialen Einbindung von Handlungen. Die Sinnfrage wird in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Philosophie wiederentdeckt. Neben Moral und Ethik wird Sinn als eine eigenständige Kategorie für ein sinnerfülltes Leben gewertet. Deute ich den Aufsatz von Krüger richtig, setzt soziale Einbettung nicht voraus, dass die Aktivitäten moralisch wertvoll sein müssen. Bei der sozialen Einbettung kann es sich um die Mitarbeit beim Roten Kreuz, aber genauso um die Mitarbeit in einem Rauschgiftring handeln. Der Effekt einer sozialen Einbettung ist für die Sinnstiftung gleichwertig, einerlei ob es sich um eine humanitäre Organisation oder um eine kriminelle Organisation handelt. Beide mal ist für die Beteiligten die Mitgliedschaft sinnstiftend und kann zu einem sinnvollen Leben beitragen. Kühler nimmt Abstand von der These: „Ein sinnvolles Leben sei demnach grundsätzlich eines, in dem die Person bestimmten als wertvoll und daher sinnstiftend angesehenen Tätigkeiten nachgeht oder bestimmte zur Sinnstiftung geeignete Werte zu befördern sucht“.[2] Kühler meint: „Zum anderen stellt sich der Zusammenhang zwischen sinnvollem und wertvollem Leben so dar, dass ein sinnvolles Leben eben dadurch, dass es Sinn im Leben enthält, als ein für die Person in dieser Hinsicht wertvolles angesehen werden kann“.[3]

Michael Kühler macht darauf aufmerksam, dass bei der gegenwärtigen analytischen Debatte um ein sinnvolles Leben, der Wert der sozialen Einbettung der handelnden Person übersehen oder unterschätzt wurde. Allein mit der werttheoretischen Frage zum Sinn wird nach seiner Meinung die sinntheoretische Frage nicht gelöst. „Vor diesem Hintergrund entpuppen sich sinnstiftende Elemente im Leben für uns durchaus als wertvoll. Sie sind aber nicht deshalb sinnstiftend, weil sie von vornherein in bestimmter Weise, etwa moralisch oder ästhetisch wertvoll sind, sondern umgekehrt verleiht erst die sinnstiftende Funktion sozialer Einbettung ihnen den spezifischen Wert des Sinns im Leben“.[4]

Von einem Paradigma für Sinnerfüllung durch soziale Einbettung erzählte der Querschnittgelähmte „Alfi“: „Rückblickend betrachtet war es wichtig, dass ich mich nicht von der Umwelt abgekapselt habe. Schon in den ersten Tagen nach der Heimkehr aus dem Krankenhaus sind Freunde gekommen und haben mich zu den Veranstaltungen in der Gemeinde mitgenommen. In Seltschach bin ich in die Dorfgemeinschaft voll einbezogen. […] Ich bin Obmann des Fußballclubs Seltschach und organisiere die Vereinsmeisterschaften. Durch meine Funktion habe ich sehr viele Kontakte und Freunde in ganz Österreich“. [5]


[1] Michael Kühler, Sinnstiftung durch soziale Einbettung, Zeitschrift für Praktische Philosophie, Band 5, Heft 2, 2018; [2] Seite 152; [3] Seite 155; [4] Seite 177; [5] Alfons Brosch, Arnoldsteiner Porträt von Franz Supersberger; LVS “Sinn des Lebens, Sinn der Welt”, Prof. Clemens Sedmak, Uni Salzburg;

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