Gibt es religiöse…

Andre Frossard war ein französischer Journalist, Essayist, Kommunist und bekennender Atheist.  Er konvertierte im Jahre 1935 aufgrund eines Bekehrungserlebnisses zum Katholizismus. In seinem Buch, „Gott existiert“, schildert er diese Bekehrung. Diese Passage, seine religiöse Erweckung in einer Kapelle, wiederholt er nochmals im Folgeband, „Es gibt eine andere Welt“: „Ich sage nicht, der Himmel öffnet sich, er öffnet sich nicht, er stürzt auf mich zu, schießt plötzlich wie ein stummes Wetterleuchten aus der Kapelle empor […] Es ist die Wirklichkeit, es ist die Wahrheit, ich sehe sie vom dunklen Ufer aus wo ich noch festgehalten bin.“6 Durch diese Erscheinung wurde er vom Marxisten zum Christen verwandelt. André Frossard reagiert auch auf die Unsicherheit wie religiöse Erfahrungen zu beurteilen sind und gibt darauf im Buch eine Antwort: „Die Echtheit einer Erscheinung erkennt man daran, dass sie an allem anderem zweifeln lässt. Sie überlagert nicht die sichtbare Welt, sie fügt sich ihr nicht ein. Ihr Glanz durchbricht sie, verweist sie in den Hintergrund, löst sie auf.“7 Wenn ich es richtig verstehe, dann ist ein Merkmal religiöser Erfahrung, dass sich der Lebenswandel der betreffenden Person radikal ändert. Es ist anzunehmen, dass religiöse Erfahrungen nicht immer mit ekstatischen Momenten einhergehen müssen, vorstellbar ist auch in einem ruhigen Moment, einer meditativen Tätigkeit.  

Ich kann mir vorstellen, dass religiöse Erkenntnisse nicht immer mit Lichterscheinungen, mit Bewusstseinsveränderungen verbunden sein müssen. Durch meine Teilnahme und Beobachtung nehme ich an, dass bei vielen der Bäuerinnen und Bauern, die an der Fronleichnamsprozession teilnehmen, religiöse Erfahrungen und Empfindungen tief im Herzen entstehen. Vor mir das lebendige Bild der dahintrottenden Landbevölkerung mit dem Rosenkranz zwischen den rauen Bauernhänden und mit den Fürbitten um Gottessegen für eine gute Ernte auf den Lippen. Die Prozession führt im Frühjahr aus der Pfarrkirche St. Paul auf Feldwegen hinaus in die sprießende und blühende Natur. Vorne weg der Kreuzträger, dem folgen die weißgekleideten Mädchen mit einem Blumenkranz im Haar, die Schulkinder und die Ministranten. Es folgt der „Himmel“, ein Baldachin, getragen von vier Pfarrgemeinderatsmitgliedern, darunter der Dorfpfarrer in seinem goldbestickten Ornat mit der Monstranz und dem Leib Christi. Dem „Himmel“ folgen, betend und singend, die Frauen und Männer. An vier Feldaltären wird eine Andacht verrichtet und der Leibchristi mit Lobpreisungen und Weihrauch verherrlicht. Meinem Empfinden nach versorgt dieses jährliche Ritual, denjenigen der sich mit seinem ganzen Wesen darauf einlässt mit religiösen Erfahrungen.   

Ein Kriterium für die Unterscheidung religiöser Erfahrungen von nicht religiösen Erfahrungen, von Vorgetäuschten, könnte sein, wenn das Medium ihre Erscheinungen dazu benützt um damit ein kommerzielles Geschäft zu machen. In den 70er Jahren residierte in Feistritz im Gailtal die Seherin Madam Ulli. Sie hat sich auf eine jenseitige Stimme, ein Lichtwesen, berufen und das Wasser aus der Trinkwasserversorgung der Gemeinde spiritualisiert. Das Wasser wurde in Flaschen abgefüllt und für verschiedene Anliegen zu einem fürstlichen Preis verkauft.

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