06.06.2003   DRAU . ZEITEN

Mitte der sechziger Jahre gab es im Winter Schnee bis zur Hüfte und die Temperatur sank auf – 25 Grad. Wenn im Januar die Kälte wochenlang anhielt, dann knirschte die Drau mit ihren Zähnen, den Eisschollen, wie eine alte Frau. Im Frühjahr funkelten die Sonnenstrahlen auf der Oberfläche des türkisfarbenen Gletscherwasser wie die Edelsteine bei einem Brautkleid. Die Drau feierte Hochzeit mit den Wiesen und Äckern des Drautal. Die Hitze des Sommers drückte die Drau immer weiter zurück in ihr Flussbett. Ihre Tümpel und Nebenarme trockneten aus, die Kühe brüllten in der Augusthitze vor den leeren Pfützen. Die Drau war eine magere Frau, welche die Menschen auf den Feldern zur Arbeit antrieb. Im Herbst bedeckte die Drau den Talboden mit einer Nebeldecke. Sie nahm die Menschen, Tiere und Häuser in Geiselhaft. Es war die Umarmung einer leiden-schaftlichen Frau, aus der es kein Entkommen gab.

Es kommt der Tod.                                             

23.06.2003   HOCH . WASSER

Es war in den sechziger Jahren  ein regenreiches Frühjahr. Die Drau schwoll in ihrem Flussbett immer mehr an, wie eine schwangere Frau. Öfters als in den vergangenen Jahren standen die Felder und Äcker diesseits und jenseits der Drau unter Wasser. Dann regnete es eine Woche ununterbrochen, das Rauschen des Wassers wurde immer lauter. In den braunen Fluten sah man Baumstämme, Möbel, Fahrräder und Tiere daherschwimmen. Von der Sonnseite konnte man das Anschwellen der Drau genau beobachten. Die Talbewohner fuhren abwechselnd mit ihren Fahrrädern zum Ufer der Drau um nach dem Pegelstand des Wassers zu sehen. Es wurde Abend und der Ruf: „Die Drau kommt“, breitete sich vom oberen in das mittlere Drautal fort. Über die ganze Breite des Drautal ergossen sich die Wassermassen. In den Häusern brannten die Lichter bis der Strom ausfiel. Die ebenerdigen Wohnräume mussten geräumt werden, die Bewohner flüchteten in die oberen Stockwerke. Die Tiere brüllten und zerrten an ihren Ketten, man trieb sie aus den Stallungen auf die Tenneböden. In den Morgen-Stunden war das Drautal ein riesiger See und ein reisender Fluss zugleich. Die Häuser standen wie schwimmende Boote in den braunen Fluten, es gab keine Äcker, keine Wiesen und keine Strassen mehr. Nach einigen Tagen sank der Wasserstand und die Drau kehrte in ihr Flussbett zurück. Sie hatte ihre Schwangerschaft ausgetragen. Im nächsten Jahrzehnt wurde die Drau begradigt und aufgestaut.

Sie wurde nie mehr schwanger.

28.06.2003   SONN . SEITE

Von der Sonnseite fällt mein Blick auf die Drau und das Drautal. Wenn man  die steilen Hänge am Berg bewir-tschaften muss, beneidet man die Talbewohner um die ebenen Felder und Äcker. Andererseits blickt man auf die Talbewohner von oben herab und glaubt sich am besseren Ort, was die Aussicht und die Sonnentage betrifft. Noch mehr bedauert man die Bewohner auf der Schattseite, wo die Sonne im Winter ausbleibt und der Schnee um Wochen später schmilzt. Im Herbst liegt über den Talboden der Nebel und die Bewohner von Politzen wohnen darüber.

Für den Neujahrstag gilt die Bauernregel, dass man an der Höhe des Nebels ablesen kann, aus welcher Einkom-mensschicht der Bevölkerung im kommendem Jahr die meisten Leute sterben werden. Liegt der Nebel dicht über dem Talboden, so werden die ärmeren Leute sterben, dehnt sich der Nebel in der mittleren Hanglage aus, so ist die Mittelschicht betroffen und gibt es Hochnebel so sind die reichen Leute am meisten vom Sterben betroffen. Es gibt kaum einen Neujahrstag wo der Nebel sich in der mittleren Höhenlage ausbreitet, weil zur Mittelschicht zählen sich die Bewohner von Politzen.

Im Nebel.

29.06.2003    WUNDER . GLAUBEN

„Wer glaubt wird selig“, heißt es in der Bibel. Dies war auch der Titel einer Ausstellung zum Jahr der Bibel, welche von mir besucht wurde. Sind die Wunder in der Bibel Gleichnisse, Beispiele oder Tatsachen? Sie sind für uns eine Anleitung zur eigenen Persönlichkeitsentfaltung. So auch das Wunder als Jesus über den See ging und dabei nicht in den Fluten versank. Als einige Jünger es ihm nachahmten versanken sie im Wasser. Dies ist eine Aufforderung an unser Selbstvertrauen. Wenn jemand genug Selbstvertrauen hat, kann er auch Dinge gegen die Naturgesetze vollbringen. In der Ausstellung gab es einen Test für das Selbstvertrauen. Man konnte sich auf eine Glasplatte stellen, die über einen aufgelassenen Tief-Brunnen, welcher zirka dreißig Meter in die Tiefe ging, gelegt war. Wie muss heute ein Wunder aussehen, dass wir an ein Wunder glauben würden. Würde dies auch bedeuten an Gott zu glauben? Man spricht oft bei Verkehrsunfällen von einem Wunder, wenn aus einem zertrümmertem Auto Menschen noch lebend geborgen werden. Ebenso bei Erdbeben, wenn nach Tagen noch Lebende gefunden werden. Jeder hat schon sein persön-liches Wunder erlebt. Gehören die Ärzte zu den heutigen Wunderheiler? Oftmals passieren Heilungen gegen alle medizinischen Vorhersagen. Ist ein wundergläubiger Mensch ein leichtgläubiger Mensch oder haben wir  vernunftbegabten Menschen verlernt an Wunder zu glauben?

Gibt es noch Wunder? 

Kommentare:
B. am 6. Juli 2003 um 17:33
Vielleicht gibt es Dinge, die wir noch nicht in ihrem Vorgang, sondern lediglich in ihrem Ergebnis wahr genommen haben. So z.B. die „Spontanheilungen“. Gut möglich, dass verschieden Prozesse einfach noch nicht bekannt sind, unbeobachtet ablaufen und uns dann hinterher wie Wunder vorkommen.

S. am 18. Juli 2003 um 18:31
Nicht an Wunder zu glauben, ist kein Zug der heutigen Zeit, wir haben da gegenüber früher nichts verlernt. Wunder kamen auch früher nicht vor, weil sonst wären sie ja keine. Wunder sind Behauptungen, um jemanden oder etwas mit Wunder-barkeit zu umgeben, mit welchem Sinn auch immer. Auch früher glaubten die Menschen nicht so sehr an Wunder, sonst müsste die Kirche nicht soviel auf „Glauben“ beharren und Ungläubige verfolgt haben. Ich denke, die meisten Menschen zu allen Zeiten glaubten nicht recht an Wunder. Das hat nichts mit Rationalität, sondern mit Realitätssinn zu tun und der kam schon immer gehäuft vor, sonst wären wir ausgestorben.

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