04.10.2004 ICH . AG
Wo jetzt vieles in der Wirtschaft nicht mehr so gut funktioniert wie noch vor dreißig Jahren heißt das neue Schlagwort der Politiker zur Schaffung von Arbeits-Plätzen „Ich-AG„. Selbst dann werden in den großen Betrieben die Arbeitsplätze von sogenannten Sanierern gestrichen, wenn Aufträge und Gewinne für alle Arbeitsplätze reichen würden, wie dies bei der Semperit AG in Traiskirchen der Fall war. Die neuen Manager haben keinen Bezug zu den Menschen und den Orten wo die Betriebe angesiedelt sind. Ihr Druck-mittel ist die Drohung den Produktionsstandort in den nahen oder fernen Osten zu verlegen. Für Millionen arbeitslose Menschen soll die Ich-AG zum Allheilmittel werden. Schon das Wort Ich-AG steht im Gegensatz zum menschlichen Wesen. Der Mensch ist ein soziales Wesen und auf die Reaktionen eines Gegenüber angelegt. Die menschliche Spannkraft geht verloren, wenn ich nur für mich alleine lebe. Dies kann man bei Einzelgängern, ebenso bei manchen Einzelkindern beobachten. Bei den Ichmenschen kommt es zu Wutausbrüchen, wenn sie nicht im Vordergrund stehen. Nur was der Ichmensch selbst getan hat ist gut, jeder andere ist blöd und schlecht. Dem Ichmenschen fehlt das menschliche Gegenüber.
Ich will gestreichelt und gelobt werden.

Kommentare:
W. am 4. Oktober 2004 um 21:20
Ich fürchte, da hast du recht. Ich-AG ist so ein typisches modernes Un-Wort und liegt voll im Trend der Zeit, blöder Trend auf jeden Fall. Für mich ist das auch nix, aber für viele wird’s wohl trotzdem so enden.

H. am 5. Oktober 2004 um 00:36
Du sagst die wahren Worte, wer immer du bist.

F. R. am 5. Oktober 2004 um 01:21
Der Begriff der Ich-AG ist trauriges Indiz der zunehmenden Individualisierung unserer Gesellschaft. Stirbt ein alter Mann einsam vor seinem Fernseher und wird erst Monate später aufgefunden, könnte man, bliebe man in der selben Begriffs-Welt meinen, seine Ich-AG habe Konkurs angemeldet. Er konnte sich als Individuum nicht am Markt des Lebens halten.

schlagloch am 6. Oktober 2004 um 18:51
Zuerst ist das Wort und dann die Tat. Wehret den Anfängen, das heißt den UN-Wörtern. Der Trend zur Ich – AG wird auch einmal Konkurs anmelden.

 
04.10.2004 ER . LEICHTERUNG
Ein sicheres Zeichen das der Herbst in die Stadt einzieht ist, dass die Stühle um den Springbrunnen vor dem Rathaus in Villach leer bleiben. Die Leute sitzen jetzt dort, wo noch ein wenig die Sonne scheint. Die jungen Mädchen widersetzen sich der Jahreszeit und spazieren bauchfrei über den Hauptplatz, die Haut schön gebräunt. Je trüber mancher Tag ist, umso kräftiger wirken die Modefarben in den Schaufenstern. Durch die Fußgänger-zone fährt ein Leichenwagen mit getönten Scheiben der Marke Mercedes mit Grazer Kennzeichen. Man denkt unwillkürlich an Allerheiligen und an den Tod. Der Leichenwagen bleibt beim Maroni Stand stehen und als die Heckklappe geöffnet wird, ist im Laderaum kein Sarg, sondern es sind Juttesäcke mit frischen Kastanien. Sie werden zum Maronistand getragen. Man ist erleichtert, dass der „Kelch“ noch einmal vorübergegangen ist und bestellt aus Erleichterung ein viertel Liter Maroni.
Der Maronibrater ist da.

 
08.10.2004 VER . FÜHRUNG
Im Oktober finden in den verschiedenen Tälern von Kärnten die letzten Kirchtage des Jahres statt. Dieses Jahr werden die Veranstaltungen in einem gemeinsamen Prospekt „Heimatherbst“ beworben. Bei schönem Wetter gehören diese Veranstaltungen, die oft gemeinsam mit dem Erntedankfest gefeiert werden, zu den schönsten Festen des Jahres. Wenn alles gut verlaufen ist und die meisten Früchte des Feldes in der Scheune sind, dann kann man ausgelassen feiern. Man genießt die Musik, das gute Essen und die Fröhlichkeit mit anderen Menschen. Eine Spezialität zum Kirchtag ist der Kärntner Reindling. Dies ist ein mit Rosinen, Nüssen und Zimt gefüllter Gugelhupf. Er kommt mit dem Nachmittagskaffee, einem echten Bohnenkaffee, auf den Tisch. Auf dem Tisch steht auch ein Teller mit einem Würfel Butter und rundherum Honig mit Rosinen. Auf den deftig gefüllten Reindling gibt es dann als Brotaufstrich den Butter, den Honig und die Rosinen. So süß kann das Leben auf einem Bergbauernhof sein.
Süße Verführung.

 
11.10.2004 RUHE . PAUSE
Beim Radfahren entlang der Bahnstrecke von Hermagor nach Villach zeigt sich der Herbst in den schönsten Farben. Die grünen Blätter verfärben sich, es gibt alle Farben, gelb, orange und kirschrot. Über den Moor- gebieten liegt eine besondere Beschaulichkeit. Die Farne und Gräser haben ihre Höhe erreicht, sie wachsen nicht mehr, sie verharren in einem meditativen Zustand. Dieser Zustand überträgt sich auch auf den stillen Beobachter. Bei uns Menschen ist dies anders. Wir wollen immer weiter wachsen, wir wollen immer mehr, viele auch noch in der Pension.
Ruhe ist dem Menschen fremd.

 
13.10.2004 KIRCH . TAGE
Die Kirchtage gehören in den Gemeinden des Gailtales zu den am besten besuchten Veranstaltungen. Die deftigste Stimmung gibt es bei den letzten Kirchtagen im Oktober. Man spürt, dass diese warmen Tage die Letzten in diesem Jahr sein können. Umso heftiger wird getanzt und gefeiert. Wenn es mit der Ernte im großen und ganzen gut gelaufen ist, dann gibt man sich gerne ausgelassen und ausgabefreudig. Die Kinder bekommen einen zehn Euroschein damit sie sich beim Krämerstand etwas kaufen können. Dort gibt es vor allem Spielzeug zum Schießen für die Buben und Puppen für die Mädchen. Heute fehlen auch die Yu-Gi-Oh Karten und die Artikel von der Diddl Maus nicht, nur zu einem viel höherem Preis als im Spielwarenladen. Aber wer schaut an so einem Festtag auf den Preis? Auch bei den Süßig-keiten gibt es eine große Auswahl, von der Schaumrolle bis zu den Kokosbusserln. Die Lebkuchenherzen mit den aufgeklebten Liebesschwüren finden einen raschen Absatz. Die jungen Burschen nützen die Gelegenheit mit dem Motorrad oder wenn es der Verdienst erlaubt mit dem Golf GTI kräftig Gas zu geben, vor allem dort, wo die Mädchen zuschauen. Jetzt gilt es, bevor der Winter kommt, die Mädchen noch einmal kräftig anzubaggern. Der Alkohol ist dabei eine willkommene Verstärkung. So manches Mädchen kann diesem Ansturm aus Motorlärm, jugendlicher Kraft und Alkohol nichts entgegensetzen. So kommt es zur Einwilligung, dass man den kommenden Winter zusammenbleibt.
Wärme für den Winter.

Kommentare:
D. am 15. Oktober 2004 um 14:04
Wie wahr, wie wahr. Jedoch sollte der Satz mit dem Golf GTI und dem Motorrad umgedreht werden, da heutzutage das Motorrad als Luxus gehalten wird und auch in der Erhaltung teurer kommt. Ein EX-GTI 16V und Ex-Yamaha FZR 1000 Besitzer.

 

15.10.2004 SUCHT . GIFT
Die Gefahr des übermäßigen Alkoholkonsum wird, wenn über Suchtgifte geredet wird, oft nicht erwähnt. Das am meisten besprochene Suchtproblem sind die Drogen. Am Stammtisch im Wirtshaus wird gerne über das Drogen-Problem gesprochen, den sogenannten „Giftlern“ und dies bei viel Alkoholkonsum. Wer spricht schon gerne über sich selbst und die Bösen sind immer die Anderen. Ein gesunder Rausch gehört am Land zum Wochenende einfach dazu. Da gibt es keine Ausnahme, wenn der Vater mit dem Sohne ausgeht. Oft können die Burschen mit den aufkommenden Kräften und Sehnsüchten nichts anfangen und man greift zum Alkohol. Der Vater braucht den Rausch, um aus dem Tief der Woche aufzutauchen.
Unsere Kultur wäre um viele Werke ärmer, würde man die Werke von denjenigen Künstlern entfernen, seien es Maler, Schriftsteller oder Musiker , die den Drogen oder Alkohol zugetan waren. Kann es einen schöpferischen Umgang mit Drogen und Alkohol geben? Die Kultur mit Drogen und Alkohol ist sehr alt. Überschreiten wir heute in unserer Gier nur die Dosis.
Der kreative Prozess.

 
18.10.2004 JELINEK . FREI
Der heutige Sonntag ist ein trüber Herbsttag und auf den Gipfeln rund um Villach liegt der erste Schnee dieses Jahres. Wir fahren nach Villach zum Gottesdienst und dann in das Thermalbad. Der Sonntag ist der Tag der inneren und äußeren Reinigung. Das katholische Reinig-ungsritual gibt es schon seit der Kindheit . Am Sonntag in der Früh wurden wir Kinder vor dem Kirchgang in der Küche gewaschen. Die Waschschüssel wurde durch das Küchenfenster in den Garten entleert. Beim Spaziergang durch Villach kommen wir an der zerstörten Gedenktafel für die Ermordeten des Naziregime vorbei. Die Gedenktafel wird restauriert und wiederhergestellt. In keinem Schaufenster von den Buchhandlungen im Stadt-Kern von Villach findet sich ein Hinweis oder ein Buch von der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Villach ist „Jelinek frei“. Die kritischen und schonungslosen Romane der Nobelpreisträgerin sind in der Fasching- und Kirchtagmetropole bei den Buch-Händlern scheinbar unbeliebt. Man möchte sich von Jelinek nicht den Hauptplatz aufgraben lassen, damit die Vergangenheit nicht an das Licht kommt.
Elfriede Jelinek über Heimat: „Das, was die Heimat in den Prospekten ausmacht, ist für mich das Unheimliche“

 
20.10.2004 INFO . MÜLL
Wir werden täglich mit sehr vielen neuen Informationen und Nachrichten konfrontiert. Sendete früher der ORF- Hörfunk jede Stunde Nachrichten, so gibt es jetzt im ORF-Hörfunk zusätzlich jede halbe Stunde Landes-Nachrichten und dazu noch mehrmals täglich Nach-Richtenssendungen von einer Sunde und dies alles vierundzwanzig Stunden am Tag. Ich erwähne das Radio als erstes, weil die meisten Menschen vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, vom Radio begleitet werden. Weitere Informationsquellen sind die Tageszeitungen, Fachzeit-schriften und natürlich die Informationen aus dem Fernsehen. Auch hier hat sich in den letzten Jahrzehnten vieles gewandelt. Gab es früher nur eine Nachrichten-Sendung beim ORF, um 19.30 Uhr „Die Zeit im Bild“ , so gibt es jetzt zu mehreren Tageszeiten Nachrichten-Sendungen. Zusätzlich senden sogenannte Nachrichten-Sender rund um die Uhr und aus allen Teilen des Globus in jeder Minute des Tages Nachrichten mit den aktuellen Bildern dazu. Am schnellsten verbreiten sich die Nach-richten im Internet. Hier ist das Trennen zwischen den Nachrichten die für einen wichtig sind und solchen, die einfach nur Nachrichtenmüll sind, am schwierigstem. Was wird wirklich vom Einzelnen gebraucht ?
Es wundert mich nicht, dass viele Menschen von dieser Informationsflut überlastet sind und nicht mehr zu sich selbst finden. Das einzige Warnsignal dafür, dass unser Speicherplatz im Kopf voll ist, sind Krankheitssymp-tome und diese werden mit Tabletten bekämpft, anstatt die Ursache für die Krankheitssymptome zu beseitigen.
Der Speicher ist voll.

Kommentare:
M. am 25. Oktober 2004 um 10:20
Die westliche Welt ist voll von Waren und Infos, es fehlt oft der Sinn. Guten Tag.

 
25.10.2004 ENT . LEERUNG
Wer am PC arbeitet weis, dass von Zeit zu Zeit der Post-Eingang von den alten E-Mails und verschiedene Ordner im Speicher entleert werden müssen. Diese Entleerung gleicht der Entleerung des menschlichen Organismus, der sich auch von unverträglichen Stoffen trennt. Auch das Gehirn braucht diesen Vorgang, um sich von belastenden Vorstellungen und Gedanken zu entleeren. Wenn dieser Vorgang nicht funktioniert, führt dies zu Krankheit.
Entleerung entspannt.

 
29.10.2004 SAND . SCHRIFT
Während der österreichischen-ungarischen Monarchie wurde eine Eisenbahnverbindung von Wien nach Portoroz an der Adria gebaut. In Portoroz wurde ein künstlicher Sandstrand angelegt. Der Sand wurde mit der Eisenbahn aus Niederösterreich nach Portoroz befördert. Die Meeresküste von Istrien ist von Natur aus felsig. Noch heute wird der Ort vom alten Palace Hotel dominiert, welches jetzt unbenützt ist und dem Verfall preisgegeben wurde. Auch die Eisenbahnverbindung nach Portoroz wurde stillgelegt und abgetragen. Portoroz ist ein beliebter Bade- und Kurort für Italiener, Österreicher und Deutsche. Im Spätherbst schreiben Kinder und Verliebte ihren Namen in den Sand am Meeresstrand. Es ist ganz verschieden wie lange man die Namen lesen kann. Es hängt davon ab, ob Ebbe oder Flut herrscht, ob das Meer ruhig oder stürmisch ist. Manchmal dauert es Tage bis die Namen vom Wasser weggespült werden, dann wieder nur einen Nachmittag und es werden neue Namen in den Sand geschrieben. Es ist wie beim menschlichem Leben, manchmal hat ein Name lange Bestand, ein andermal verlischt ein Name bald.
Mein Name steht im Sand.

 
31.10.2004 SEELEN . ANGST
In meiner Rocktasche ist ein Papierstreifen mit dem Text des Psalm 27,1.:“Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor wem sollte es mir grauen?“ Unter den Kirchbesuchern wurden Zettel mit kurzen Bibelzitaten verteilt und jeder konnte, wenn er dazu bereit war, seinen Text während der Andacht vorlesen. Diesen Text habe ich laut vorgelesen. Ich hatte dabei das Empfinden, je lauter und kräftiger meine Stimme klingt, umso wahr-scheinlicher wird dieser Zustand eintreffen.
Es erinnerte mich an meinen Heimweg während meiner Berufsausbildung. Mein Weg führte von der Bahnstation im Tal durch bewaldetes und unbesiedeltes Gebiet auf den Berg. Im Herbst war es beim Nachhausegehen schon finster und der Feldweg auf den Berg unbeleuchtet. Besonders unheimlich war ein Stück des Weges, ein sogenannter Hohlweg. Der Hohlweg liegt tief einge-schnitten im Gelände, der Blick nach oben war durch Haselnussstauden verwachsen, man hatte keinen Aus-Blick. Ich hörte nur meinen eigenen Atem und spürte mein Herz klopfen. Dieses Stück war stockdunkel und ich konnte die Hand nicht vor meinen Augen sehen. Bei jedem Geräusch blieb ich stehen und wartete ab. Meistens war es ein Vogel oder ein anderes Tier, dass ich mit meinen Schritten aus der Nachtruhe aufgeschreckt habe. Wenn die Angst zu groß wurde, dann fing ich an zu singen oder laut zu sprechen.
Angst essen Seele auf.

Kommentare:
D. am 2. November 2004 um 13:53
Bei meinem Bruder war es in den Lehrjahren gerade umgekehrt: Mit 16 Jahren kaufte er sich ein altes Klein-Motorrad, Puch-Monza, da er eine Lehrstelle als Maschinen-Schlosser bei der ehemaligen BBU in Arnoldstein bekam. Bei jeder Witterung, ob 30 Grad im Sommer oder -25 Grad im Winter fuhr er damit zur Arbeit und das waren 25 Kilometer. Oft sprang das Gerät im Winter nicht an und ich hörte, noch im Bett liegend, seine Dauerläufe mitsamt dem Moped um 05:30 Uhr in der Früh. Er versuchte alles, damit das Gefährt schneller fuhr und so demontierte er auch die Schalldämpfer aus dem Auspuff. Pünktlich in aller Frühe wurde das ganze Dorf entlang der Hauptstraße aus dem Bett gehoben, als mein Bruder vorbeifuhr. Moped ersetzt Hahn.

schlagloch am 19. November 2004 um 18:38
Wenn mein Bruder mit dem Puchmoped durch Rudersdorf fuhr, dann brachten die Anrainer die Kinder und die Hühner im Straßengraben in Sicherheit.

 

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