aus:radiert III

Eine häufige Tätigkeit ist, sich irgendwo an- und abzumelden, das Ausfüllen von Formularen. Es beginnt in der Kindheit, mit dem Anmelden zum Kindergarten, zum Schulbesuch, zum Flötenkurs und zum Sportverein. In den folgenden Jahren wird es nicht besser, es müssen das Auto, der Fernseher, das Studium, ein Wohnungswechsel an- und abgemeldet werden. Das Vorstellungsgespräch und der Arztbesuch erfordern eine Terminvereinbarung. Der erste Schritt in die Selbstständigkeit ist das Anmelden des Gewerbes. Nach den Reformen der Gewerbeordnung ist heute der Erwerb des Handelsgewerbes, von fast allen Bedingungen befreit. Vor Jahrzehnten gab es dafür noch bestimmte Voraussetzungen, wie den Befähigungsnachweis. Heute sind fast alle Hüllen, Pardon, Hürden gefallen. Bei Antritt der Pension muss man sein Gewerbe zurückzulegen.  Ich nahm meine reich verzierten Gewerbescheine und fuhr zur Bezirkshauptmannschaft. Die erste Frage der Beamtin war, „wollen sie das Gewerbe ruhend stellen oder wollen sie es abmelden“? Letzteres ist eine Entscheidung  die man nicht rückgängig machen kann. Der logische Schritt war die Gewerbelöschung. Im kleinen Büro haben sich die Akte am Tisch und auf den Sesseln gestapelt, zum Niedersitzen war kein Platz fei. Aus einer der Schubladen wurde  ein Abmeldeformular hervorgezaubert. Mit meiner Unterschrift war die Löschung des Gewerbes vollzogen, das Formular verschwand im Aktenberg. Ich erwartete von der Beamtin ein mitfühlendes Wort, nichts geschah. Das Herzklopfen, die Abschiedsträne wurden für später aufgehoben. Der Bescheid über die Zurücklegung des Gewerbes wurde per Email zugesandt, kein Schriftstück.

Mit dem Wort „ausradiert“ verbinden wir verschiedene Vorstellungen. Am häufigsten denken wir dabei, dass ein falsch geschriebenes Wort ausradiert wird. Vor Jahrzehnten gab es zum Ausradieren nur den rotblauen Radiergummi aus Kautschuk, später die Plastikradiergummis. Bei den elektronischen Schreibmaschinen konnte man die Fehler mit Hilfe eines Korrekturbandes ausbessern. Heute gibt es am Computer den „virtuellen Radiergummi“, es ist noch nie so einfach gewesen Fehler zu beseitigen. Das Wort „ausradiert“ benützen die Medien bei Katastrophen, wie Lawinenabgang, Tsunami oder Erdbeben, wenn dabei ganze Familien umkommen oder ein ganzer Ort zerstört wird. Eine Familie, ein Ort wurden für alle Zeiten ausradiert. Wir zeigen  Betroffenheit, soweit wir bei der Fülle von Katastrophen die aus den Zeitungen, dem Fernseher und dem Internet in das Wohnzimmer schwappen, dazu noch Zeit und Mitgefühl haben. Nach vierzig Jahren wurde der Firmenname auf der Hausfassade übermalt, er wurde mit Farbe und Pinsel „ausradiert“.

Kommt der letzte Arbeitstag wissen viele nicht was sie in der arbeitsfreien Zeit erwartet. Von einem Tag auf den Anderen befindet man sich in der Alterspension, nicht in einer Fremdenpension. Früher gab es den Begriff, “man geht in die Rente”, dies war ein Hinweis auf einen langsamen Übergang. Einen Tag ohne regelmäßige Arbeitszeit kann man sich schwer vorstellen. Man tastet sich im Dunkeln vorwärts, bis Licht in den Alltag kommen wird. Manche haben vage Vorstellungen, wie Zeitungsausschnitte und Schriftstücke zu ordnen oder die Foto- und die Büchersammlung zu katalogisieren. Der Jahreszeit entsprechend im Garten oder am Balkon Sträucher und Blumen zu pflanzen, Reparaturen in der Wohnung durchzuführen und im Kellerabteil aufzuräumen.

Andere wollen ihren erlernten Beruf in geringem Umfang weiter ausüben. Dies trifft auf Handwerker, wie Tischler, Installateur oder Maler zu, ein guter Handwerker ist immer gefragt. Scheiden sie aus dem Arbeitsleben aus, warten schon Verwandte und Bekannte, dass sie ihnen bei der Wohnungsrenovierung oder beim Bau eines Eigenheimes helfen werden. Die Errichtung eines Einfamilienhauses wird manchmal erst dadurch möglich, wenn Rentner freiwillig mitarbeiten. Die erste Generation der pensionierten Computerfachleute ist bei der Erstellung einer Vereinshomepage gefragt. Kaum Verwendung gibt es für Verkäufer und Bankangestellte im Ruhestand. Sie können als Laienschauspieler und in der Altenbetreuung eine neue Aufgabe finden.

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