große:heft II

Im Seminar war bei der Buchbesprechung von Das große Heft die erste Frage der Teilnehmer, können Kinder so grausam sein? Erleben Kinder im Krieg nur Gewalt und Zerstörung, ist alles möglich. Für uns Sozialisierte  war es ein Zuviel an Brutalität. Dabei verfügen wir gerade erst seit zweihundert Jahren über eine dünne Schicht von Humanität, wie sonst wären dazwischen die Gräueltaten des 1. u. 2. Weltkrieges möglich gewesen.

Verschiedene Gruppen von Seminarteilnehmern hatten die Möglichkeit ein Kapitel des Buches, nach freier Wahl, umzuschreiben. Einige haben sich für das letzte Buchkapitel entschieden, wo der Vater sich nach vielen Jahren bei der Großmutter  meldet um die Zwillinge abzuholen. Er will die feindliche Grenze überqueren. Die Kinder haben dem Vater vorgegeben, dass sie genau wüssten wo die Minen liegen, er bräuchte sich wegen der Flucht keine Sorgen zu machen. Sie wollen ihm bei der Flucht behilflich sein, sie möchten lieber bei der Großmutter bleiben. Zu dritt brechen sie zur Grenze auf, der Vater läuft los und die Kinder warten im sicheren Terrain. Der Vater wird von ihnen als lebender  Minenräumer  in die Grenzzone geschickt und alsdann von einer Mine in der Luft zerrissen. Erst dann läuft einer von den Zwillingen über die Grenze, der andere kehrt zur Großmutter zurück. Diese Kaltblütigkeit, wie die Zwillinge ihren Vater in den Tod schicken, war für viele unerträglich.

Der Umschreibung fiel zuallererst die Version zum Opfer, dass der Vater von einer Mine zerrissen wird. Viele haben es so gesehen, dass sie zu Dritt die Grenzwache überlistet haben und die andere Seite der Grenze erreichen konnten. Man hat ausgeschlossen, dass selbst diese verrohenden Kinder den eigenen Vater bewusst in den Tod schicken.

Meine Gruppe hat das Kapitel umgeschrieben, wo eine verarmte Mutter mit ihrer behinderten Tochter, nach der Vergewaltigung durch die Eroberer, die Zwillinge aufforderte das Haus anzuzünden.  Sie und ihre Tochter sollten darin verbrennen. Die Tochter ist bereits tot und die Zwillinge machen die Mutter darauf aufmerksam, dass Verbrennen ein schmerzhafter Tod ist. Sie wollen der Frau den Tod durch verbrennen ersparen und schneiden ihr hinterrücks die Kehle durch und zünden dann das Haus an.

Unsere Version war, dass die behinderte Tochter von den Soldaten auf einem LKW mitgenommen wird und als die Zwillinge im Haus nachschauen die Mutter bereits tot in einer Ecke liegt. Sie gehen raus und zünden das Haus aus.

Die Zwillinge beteuern in ihrem Tagebuch, Das große Heft, nur die Wahrheit zu schreiben, die reine Wahrheit.  Wir haben als Leser die Wahrheit, was möglich sein könnte, nicht vertragen. Im Alltag  brauchen wir, um die unfassbaren Dinge auf den Kriegsschauplätzen zu ertragen, eine  Beschönigung der Wahrheit. Wer behauptet von sich, ich bin die Wahrheit und das Leben?

Agota KRISTOFs Buch, Das große Heft, Piper Verlag, ist ein kleines kompaktes Buch von 9×15 cm.

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