reise:gruppe II

Aus den Lautsprechern kommt eine neue Durchsage: „Vorsicht Bahnsteig eins, der Zug fährt ein und die ersten beiden Waggons des Railjets nach Salzburg sind für eine Reisegruppe reserviert. In diese Waggons nicht einsteigen“. Am Bahnsteig nähern sich von Osten, vorneweg ein Polizist und zwei Polizistinnen, eine Schlange von Menschen. Einige haben einen grauen Müllsack geschultert, andere eine Einkaufstasche eines Lebensmitteldiskonters in der Hand. Alle ohne nennenswertes Gebäck, im besten Fall einen Rucksack am Rücken. Eine Vielzahl von jungen Männern, dazwischen einige Frauen mit einem Kleinkind auf dem Arm. Bei den herbstlichen Frühtemperaturen, zumeist mehrere Kleidungsstücke übereinander getragen, Hauptsache warm. Die übrigen Reisenden werden aufgefordert am Trottoir etwas zurückzutreten. Ein bedrückendes Gefühl, ähnliches ist mir nur aus dem Fernsehen und den Zeitungen bekannt, Kolonnen von Menschen die aus Bürgerkriegsstaaten auf der Flucht sind. Die Augen blicken uns unverstanden an, wir blicken ratlos auf die Vorüberziehenden, die in die ersten beiden Waggons einsteigen. Die übrigen Reisenden gehen zu den Waggons, auch jene Asylanten, welche sich ein Bahnticket kaufen konnten. Für mich war es das erste Mal, dass ich konkret mit Flüchtlingen in einem größeren Ausmaß konfrontiert war. Manches an guten Ratschlägen relativiert sich, wenn man der Wirklichkeit gegenüber steht.

Ein Freund von mir war ehemals Kriegsreporter einer Wiener Tageszeitung. Er hat von vielen Fronten dieses Globus berichtet. Auf meine Frage, wie er den Anblick von getöteten Soldaten, Frauen und Kinder ertragen hat, hat er geantwortet: „Das Schlimmste für ihn waren die ersten toten Soldaten. Man gewöhnt sich in einem Krieg schnell an die Toten“. Dieser Gewöhnungseffekt dürfte auch bei der Flüchtlingskrise eintreten, mit der Variante, dass die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung in Misstrauen und Ablehnung umschlagen wird.

Während dieser Notizen schlängelt sich der Railjet die Hohen Tauern entlang, zu unseren Füßen liegt das Mölltal. Der Talboden ist ausgeleuchtet, die Wiesen, auf denen Kühe weiden, verschieden grün. Die Berggipfel vom ersten Schnee weiß eingefärbt. Im Zugabteil ist es wie immer. Die Menschen telefonieren, manche berichten bereits über die Ereignisse am Villacher Hauptbahnhof, andere tippen am Laptop. Beim Schaffner erkundigen sich einige nach der Verfügbarkeit vom WLAN oder schimpfen darüber, dass die Funkverbindung in den Tunnels ausfällt. Ein Kleinkind im Abteil schreit und will beschäftigt werden. Die Mama versucht es mit einem Bilderbuch und einer Banane zu beruhigen. Wie für solche Anlässe üblich, hat sie noch kein Wisch Handy. So beginnt meine Reise zu meinem Kuraufenthalt nach Salzburg. Wahrscheinlich wird uns im Kurheim die Flüchtlingskrise noch beim Mittag- und Abendessen verbal beschäftigen.

Normalität.

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