corona:schlosspark

Die Mittagspause während meiner Ausbildung zum Papier- und Buchhändler verbrachte ich zum Großteil im Schlosspark in Spittal/Drau. Sobald die Mittagstemperaturen für einen Aufenthalt im Freien erträglich waren, trudelten Lehrlinge aus den verschiedenen Geschäften und verschiedenen Branchen im Schlosspark ein. Der war vom Frühjahr bis in den Spätherbst unser Wohnzimmer. Jeder hatte seine Jause dabei und ich versorgte die Clique mit Zeitschriften, welche ich mir über die Mittagspause vom Buchladen mitnehmen durfte. Ganz verschämt die Quick und die Neue Revue, in beiden Zeitschriften berichtete Oswald Kolle, Ende der 60er Jahre über das Liebesleben von Frau und Mann. Die Jugendzeitschrift Bravo war auch beliebt, sie berichtete über Popstars und Dr. Sommer gewährte Hilfe bei Liebeskummer und Liebesproblemen. Meine Mittagslektüre war um eine Facette reicher, mich interessierte auch der gesellschaftliche und politische Umbruch in diesem Jahrzehnt. Zu meiner Auswahl zählte Der Spiegel, Twen, Konkret und Das Neue Forum.

Im Frühsommer führte eine Radtour von mir nach Spittal/Drau und in den Schlosspark. Die Dimension des Springbrunnens hat sich auch nach fünfzig Jahren nicht verändert und wird von einem bunten Blumenkranz eingerahmt. Es waren die ersten zaghaften Versuche der Bewohner nach der Coronasperre wieder ein Café zu besuchen, einen Cappuccino und eine Schlosstorte zu genießen. Ob sich heute noch immer Cliquen beim Schlossteich treffen? Verstohlene Blicke beim Lesen der Illustrierten vor den Erwachsenen wird es nicht mehr geben, das Schamgefühl liegt heute bei den älteren Parkbesucher. Jugendliche, welche Illustrierte durchblättern werden die Ausnahme sein. Wahrscheinlicher ist, dass jeder in einer Gruppe sein Smartphone in der Hand hat und sich durch die Mittagspause wischt und tippt.

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