…der Waghalsigkeit.
Eine Tafel warnte davor, den Abstieg bei Schnee oder Nässe zu wagen. Je jünger ich war, umso mehr Risiko war ich bereit einzugehen. Damlas konnte ich keine Hilfe herbeitelefonieren, nicht in dem Ausmaß von überall und jederzeit Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Für die Entscheidung, den Abstieg zu wagen oder nicht zu wagen, blieb der innere Dialog. Im Kopf zwei Welten, eine abenteuerlustige und eine risikobereite und das Gegenüber, die vernünftige und die besonnene. Was wäre, wenn ich am Steig ausrutschen würde und irgendwo in der Schlucht aufschlagen würde? Verletzt, unfähig den Weg fortzusetzen, eventuell im Bachbett gelandet, benommen, nass und unterkühlt. Nicht fähig nach Hilfe zu rufen, nach wem auch? Es würde abends werden, bis sich die Verwandtschaft Gedanken über meinen Verbleib machen würde. Morgens gab es nur eine vage Nachricht, welchen Weg ich für meine Tour wählen werde. Es könnte ein elendiger Tag werden, eine Nacht die vielleicht keinen Morgen mehr kennt. Diese Aussichten entsprachen nicht meinem Lebensgefühl, meiner Lust am Leben.
Bin ich beim Abstieg entlang des Gebirgsbaches ganz vorsichtig und es hat nirgendwo einen Felssturz gegeben, dann müssten meine Fähigkeiten ausreichen, um den bei nassen Verhältnissen gefährlichen Pfad zu bewältigen. Dazu der Gedanke, wie weit kann ich meine Vorsicht, meine Zurückhaltung überwinden? Meine Angst vor Extremen zu überwinden, dann hat die Herausforderung die Zurückhaltung besiegt. Ist alles gut gegangen, würde ich auf mein Wagnis, auf meinen Mut stolz sein. Der Berufsalltag war nicht gerade risikoreich, er war in vielen Abläufen während der Jahrzehnte eintönig. Warum nicht dem Lockruf der Waghalsigkeit, den etwas prickelnden Momenten folgen?