BALKAN . GRILL

 „Balkan Grill“ seit 1950, steht auf einer Werbetafel. Der Balkan hat Tradition in der Salzburger Getreidegasse. Überall viele Menschen, Nonnen, Japanerinnen, Neger, Amerikaner. In der Mitte der Getreidegasse steht ein Mann mit einer Reklametafel für eine Pizzeria in der Sonne, wie am Pranger. Tausend Blicke richten sich beim Vorübergehen auf ihn, einen Aussätzigen. Während des Sitzen vor dem Mozartladen, gegenüber von Mozarts Geburtshaus, kann man die korpulenten Senioren beim BicMäc essen beobachten. In der einen Hand eine Tüte von McDonald, in der Anderen eine Tüte mit Ansichtskarten. In den Schaufenstern liegen Schnapsflaschen, Schirme, TShirt, Bleistifte, Blocks, alles verziert mit einem lächelnden Mozart und Mozartkugeln. Es gibt CDs mit Musik von Mozart, wer hört ihm zu. Der Platz vor dem Mozarthaus wird nie leer, immer wieder strömen Leute nach, der Mozartmenschenfluß, ein Drittel sind Japaner. Die Herbstsonne scheint, die Luft ist mild, es ist Touristenluft keine Altstadtluft. In Salzburg trägt Libro Mozartkugeln. Vor mir hängt ein Plakat von der Olympiabewerbung, ganz Österreich ist im Olympiafieber. Ein künstlich erzeugtes Fieber, wer wird es wieder löschen. In einem Buchladen kaufe ich Tractus Logicus von Ludwig Wittgenstein. Der Verkäufer entschuldigt sich, dass nur ein Buch lagernd ist, ohne Schaudern kassiert er. Die Nonnen lassen in Gottvertrauen ihre Rucksäcke offen, der letzte Schrei ist die Reisetasche für den Stadtbummel. Ein Taschenstand zwischen Pralinenshop, Nordsee, McDonalds und einem alten Gasthof. Alle Videokameras sind auf Mozarts Geburtshaus und die Frau mit dem Kinderwagen gerichtet. Fotoapparate sieht man selten. Mit der Landesfahne in der Hand scharrt eine Reiseleiterin ihre Schäfchen um sich. 
Vor dem Cafe Tomaselli und dem Cafe Fürst findet der Rupertimarkt statt. Im Cafe blättern die Damen in einer Illustrierten und verwöhnen ihren Hund. Mit Nostalgieberufen wie Hutmacher, Töpfer, Buchbinder und Schauhandwerker wie Schneider, Fleischer und Bierbrauer versucht man die Menschen anzuziehen. Inmitten der Menge viele Rollstuhlfahrer, ein Fest für die Augen, wenn die Füße nicht mehr tragen. Vor dem Salzburger Dom dreht sich das Karussell des Vergnügungsparks Gottes, daneben der Kinderspielplatz. Drei japanische Reisegruppen und noch mehr Leute. Der Vergnügungspark und die Bierzelte reichen bis zum Festungsfelsen. Hier steht ein Drehorgelspieler mit einem Affen auf der Schulter und daneben ein Marionettentheater, zwanzig Schilling Eintritt. Im Dom sind Geldsammler mit Büchsen unterwegs, alles wird zur Unterhaltung. Wo sind die Asketen und Mönche, die mit dem Rummel aufräumen. Alles steht unter der Schirmherrschaft vom heiligen Rupertus, vom Brezel  bis zum Bier. Auf einem Tisch steht ein Mann mit gegrätschten Beinen und zeigt allen die vorbeikommen den Vogel. 
Aus dem Tagebuch, 3.10.1997 
 

Kommentar(e)     

Gerhard (2.10.07 18:52)
Man fragt sich bei manchen Altstädten, ob sie noch eine weitere Funktion haben als Touristenhochburgen zu sein.
Wohnen in einer solchen Altstadt wirklich noch Menschen oder wohnen sie nur dort, weil sie am nächsten Morgen aufmachen müssen?
Das ist manchmal die Frage.
weichensteller / Website (4.10.07 00:31)
Bei Balkan stell ich mir wirklich was anderes vor als die Salzburger Altstadt: wenns wenigstens Graz wär, Italien jederzeit, und überhaupt alles nach dem Neusiedlersee.
Balkan ist übrigens eine Lebensweise. Die gibts natürlich auch in Österreich….
Windrider (5.10.07 11:08)
Aber natürlich gibt’s den Balkan auch in Salzburg. Das durfte ich unlängst selbst wieder feststellen, schließlich waren wir in Fuschl am Fuschlsee in Urlaub und von da ist es ja nur ein Katzensprung bis Salzburg. Aufgefallen ist mir allerdings auch die schiere Masse an Japanern und von fast jedem dritten Japaner wurden wir nach dem Mozarthaus gefragt. Daraus ließe sich folgendes schließen: a) die Japaner waren trotz Stadtplan überaus verwirrt und wegen der vielen anderen Japaner nicht in der Lage das Mozarthaus zu finden !?? b) wir sahen aus wie „Einheimische“??! Vielleicht weil wir keinen Fotoapparat dabei hatten ;-))…?
lieben Gruß Windrider

schlagloch /
Hallo Windrider!
Deine Eindrücke von Salzburg sind taufrisch. Wahrscheinlich stehen vor dem Mozarthaus solche Massen von Japanern, dass die hinteren Reihen das Mozarthaus nicht mehr sehen können. Da erkundigt man sich bei „Einheimischen“, sprich Bayern,
nach dem Weg.
Gruss schlagloch.

Ein Gedanke zu „BALKAN . GRILL

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