ROM:splitter I

Im Gailtal liegt der erste Schnee, so glaubt man wieder an weiße Weihnachten. Zurzeit hat man den Glauben an die Wirtschaft, an die Kaufkraft verloren, da kommt eine Romreise zur rechten Zeit. Die Vorsorgepläne brechen ein, die Fonds verlieren an Wert, jetzt steht der Zusammenhalt in der Pfarrgemeinde im Vordergrund, nicht die Zeremonien. Es gibt begabte Zeremonienmeister. Für die Pilgerreise nach Rom erwartet man sich schönes, warmes Wetter. Ist man mit einer Reisegruppe unterwegs, hofft man auf nette Leute. Es ist gut, sich auf das Reiseprogramm, Romreise mit Papstaudienz und Christbaumillumination, einzustimmen: „Montaigne, Tagebuch einer Reise durch Italien“.

Im Bus gibt es nach der Abfahrt eine Begrüßung, das erste Gebet und die ersten Informationen. In Rom leben Hunderte Leute davon, dass sie Touristen die Handtaschen, die Brieftaschen, die Handys und andere Wertgegenstände stehlen. Vorsicht vor den Taschendieben! Nehmen wir die Warnung vor den Taschendieben zu genau, dann verlieren Hunderte Menschen ihren Arbeitsplatz. Beim Busstop in der Nähe von Padua lernen wir die italienische Gepflogenheit, zuerst bei der Kassa zahlen dann zur Theke, kennen. Cappuccino und Mortadellasemmel, Euro 3.70. Vorbei an Feldern mit Kraut- und Salatköpfen fahren wir weiter in Richtung Bologna. Dort herrschen ein verwirrendes Straßennetz von Auffahrten, Abfahrten, Ober- und Unterflurtrassen, zwischen den Häuserschluchten und über die Häuser hinweg. Die Straße über den Apennin zeigt ihr wildes Gesicht, stark befahren, kurvenreich, tunnelreich und leichter Schneefall. Auf der Straße ist ein Unfall, es kommt zu einem Stau. Es wird dunkel und wir stehen noch immer im Stau. Man fängt an zu träumen: Es schneit intensiver, die Bratwürstel und die Getränke gehen aus, das Benzin geht zu Ende, es wird kalt im Bus. Wir sind am Apennin eingeschneit und niemand weiß davon. Wir sind froh, als wir im Pilgerhaus am Stadtrand von Rom ankommen, und unsere Zimmer beziehen.

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus in das Zentrum von Rom. Eine Frau im Pelzmantel führt zwei Hunde an der Leine, gekleidet in lila Mäntel, zum Morgenspaziergang. Die Lücken zwischen den langsam vorwärts fahrenden Autos benützen die Mofafahrer für eine Slalomfahrt. Am Petersplatz nehmen das Stimmengewirr, die Hektik und das Gedränge vor der Personenkontrolle zur Audienzhalle zu. Alles auf das Laufband, Handtasche, Brusttasche, Handy, Fotoapparat, Kleidungsstücke mit Reisverschluss und Prüfung durch den Metalldetektor. Der Papst in einem Sicherheitstrakt. Die Audienzhalle füllt sich mit zehntausend Menschen, auf der Bühne ist ein Stuhl leer. Wie kann man sich das Kommen des Papstes vorstellen? Zuerst hört man den Jubel, den Beifall der Leute, dann sieht man den Papst auf der Bühne, größer auf einer Videoleinwand. Ein Festakt für Rombesucher. Lesung aus dem Paulusbrief: „Hätte ich alle Schätze der Welt, aber die Liebe nicht, dann wäre ich nichts anderes als taubes Erz“.

Am dritten Besuchstag wird der Petersdom besichtigt. Nach einer Stunde Wartezeit bei strömenden Regen und umschwärmt von Regenschirmverkäufern, ist man bei der Sicherheitskontrolle angelangt. Der Petersdom überrascht innen mit seiner Größe, diese Größe beeindruckt. Wozu diese Größe, eine Machtdemonstration für wen? Ein Papstgrabmal reiht sich an das Andere, das Kirchenschiff nimmt kein Ende. Es wird unterbrochen von der Kuppel, ein Blick in den Himmel. Einmal kommt der Hauptaltar. Ein Prunkbau der Päpste, den Ort zum Beten muss man suchen. Im Dom sind mehrere Baustellen, Arbeiter, Gerüste und Kräne. Mit dem Hubstapler werden Stühle abtransportiert.

Steigen die Pilger aus ihren Komfortbussen aus, werden sie von bloßfüßigen Kindern und Frauen mit einem Baby am Arm, um eine Spende ersucht. Im Innenhof der Basilika St. Paul vor den Mauern probt der Chor aus dem Lesachtal unter Palmen, bei 12 Grad plus, Weihnachtslieder. Vor der Kirche steht zwischen den Pinien der Christbaum aus Kärnten, daheim gibt es fünfzig Zentimeter Neuschnee. Für die Besucher gibt es Villacher Bier mit dem Papstkonterfei.

Kommt man am Abend in das Pilgerhaus Fraterna Domus zurück, sehen wir von Weitem ein leuchtendes Kreuz und die Lichter der Vorstadtsiedlungen. In der Eingangshalle vom Pilgerhaus zeigt ein großes Ölbild den gekrümmten, zusammengekauerten Papst Paul II. In einer Ecke am Platz vor dem Hauptgebäude steht ein Stall, eine Krippe, mit lebensgroßen Figuren. Josef stützt sich auf einen Stock und schaut ungläubig auf das Kind in der Krippe, Maria zieht den Mantel vor der Brust zusammen, es ist ihr kalt. Ein Hirte hält ein Schaf in seinen Händen, ein zweites Schaf ist zu seinen Füßen. Auf dem Feld brennt ein Feuer. Vor der Krippe kniet ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln und lächelt das neugeborene Kind an. Eine Frau, mit einem Wasserkrug auf dem Kopf und einem Kind am Arm, geht vorbei. Vor dem Stall ist ein Ziehbrunnen. Dieses lächelnde Kind, unter einfachen Umständen geboren, hat mit seiner Botschaft die Welt verändert. Prunkbauten und Kunstschätze waren nicht notwendig.

Aus dem Tagebuch, November 2008.

ALLEN MEINEN LESERNINNEN, KOMMENTATORENINNEN und FreundenInnen ein friedvolles WEIHNACHTSFEST.

Charly & Undine. Eine Weihnachtsgeschichte.

9 Gedanken zu „ROM:splitter I

  1. Hallo Schlagloch,
    ein stimmungsvoller Bericht. Es ist spürbar: Deine Aufmerksamkeit hängt an vielen, kleinen Dingen und Du erlebst so maches ganz neu und rein, so als wäre es das erste Mal.
    Schön, wenn das möglich ist.
    2008 geht zu Ende, es war auch ein Jahr „des Schlaglochs“. Ich war ständiger Gast auf Deiner Bühne und es hat mir gefallen.
    Ein produktives 2009 wünsch ich Dir

    Gerhard

  2. Hallo Gerhard!

    Dir persönlich ein paar friedvolle Tage und einen zuversichtlichen Jahresanfang. Ich freue mich darüber, wenn es zu meinen Texten Kommentare gibt und über „Stammgäste“, wie Du, besonders. Alles Gute.

    Gruss schlagloch.

  3. Lieber Schlagloch,

    ich kann mich Gerhards Worten nur anschließen….

    Ich wünsche Dir geruhsame und friedvolle Weihnachtstage und viel Gesundheit und Glück für 2009.

    Herzliche Grüße
    Mo

  4. Hallo Mo,

    danke für die Besuche und Kommentare. Friedliche Weihnachten und einen guten Start in das neue Jahr.

    Gruss schlagloch.

  5. Hallo Grey Owl,

    danke für die Wünsche. Dir „magische“ Weihnachten und Jahreswechsel.

    Gruss schlagloch.

  6. Hallo Schlagloch 🙂
    Ein interessanter Bericht. Die Formulierung „Nehmen wir die Warnung vor den Taschendieben zu genau, dann verlieren Hunderte Menschen ihren Arbeitsplatz“ ist .. mmh .. gelinde gesagt etwas ungewöhnlich. Unter „Arbeitsplatz“ verstehe ich doch etwas anderes 🙂
    Für beklagenswert halte ich die „Vermarktung“ der Kirchen. Wenn beten in einem Dom kaum noch möglich ist, weil es an Ruhe und geeigneten Möglichkeiten fehlt, dann ist Kirche nicht mehr Kirche.
    Auch sie ist der Gier nach schnödem Mammon und der Macht erlegen, schon lange. Doch heutzutage sind die Menschen gebildeter und nicht mehr so schnell für dumm zu verkaufen. Kirche wird immer unglaubwürdiger und das zeigt sich meiner Meinung nach an den Kirchenaustritten.
    Der Glauben bleibt leider auf der Strecke.

    Gestern Morgen sagte ich zu Schwiegereltern im Beisein der Altenpflegerin: „Das Christuskind hat Geburtstag.“ Worauf mich die Pflegerin überrascht ansah und bemerkte:“Das habe ich schon lange nicht mehr gehört, das Weihnachten das Fest von Jesu Geburt ist. Es heißt immer nur der Weihnachtsmann kommt.“

    Dir friedliche, besinnliche Tage bis zum Jahreswechsel und für das neue Jahr nur gute Wünsche, allen voran Gesundheit und Zuversicht.
    Lieben Gruß von der
    Schlafmuetze Marion

  7. Hallo Schlafmütze!

    Danke für die guten Wünsche. „Das Christkind hat Geburtstag“. In Österreich wurde von der Kirche im Dezember eine Plakataktion durchgeführt. Auf den Plakaten stand: „Zu Weihnachten wurde Jesus Christus geboren“. Daran denken heute nur mehr wenige. Ein ruhiges Wochenende.

    Gruss schlagloch.

  8. Pingback: Felix Austria | Schlagloch

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